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Literatur und Politik - von der Macht des geschriebenen Wortes

Schwere Stiefel donnern auf den Boden, ein beängstigendes Stakkato hallt durch die Luft. Braun gekleidete Gestalten tragen Fahnen und Fackeln vor sich her, marschieren prozessionsartig um einen brennenden Reisighaufen, während sich immer wieder Zuschauer aus der umherstehenden Menschenmasse lösen und etwas in die Flammen werfen. Das Publikum johlt. Eine Kapelle spielt aufputschende Marschmusik. Es ist eine Szene aus einem bösen Traum.

Dies ist die früheste Erinnerung, die ich an den Geschichtsunterricht der Schule habe. Das Thema war die  deutsche Geschichte von 1933 bis 1945, und der Film, den wir uns angesehen haben, handelte von den Bücherverbrennungen der Nazis. Schon damals empfand ich diesen Akt der Zerstörung, dieses wutschnaubende Vernichten von Büchern und Schriften, als etwas zutiefst Verstörendes und Sinnloses. Als einen Akt der Barbarei. "Warum", fragte ich mich, "wollen Menschen Bücher verbrennen? Was haben ihnen diese bedruckten Blätter getan?"

Je älter ich wurde, um so häufiger fiel mir auf, wie wichtig das gedruckte Wort in Gesellschaft und Politik zu sein schien - und wie sehr es Diktatoren und repressive Regime fürchteten. Eine Wahrheit, die auf Papier steht, scheint doppelt so mächtig zu sein wie eine, die mündlich übertragen wird. Ein befreundeter Anwalt sagte mal zu mir: "Nur wer schreibt, der bleibt." Damit hat er wohl recht. Doch warum ist das so? Was macht das geschriebene Wort so mächtig und bedeutsam - und für manche Gruppen so gefährlich?

Ich glaube, es hat mit der Eindeutigkeit und Unveränderlichkeit dieses Mediums zu tun. Jeder kennt das Spiel "Stille Post". Eine Person A flüstert einer Person B eine Botschaft zu. Diese wiederum flüstert es einer Person C zu, die es dann einer Person D zuflüstert, und so weiter. Am Ende stellt man fest, dass die Botschaft, die bei der letzten Person in der Kette angekommen ist, teilweise stark von der ursprünglichen abweicht. Der Grund hierfür ist die subjektive Wahrnehmung akustischer Informationen und die daraus resultierende verfälschte Wiedergabe. Jeder dichtet ein klein Wenig hinzu oder lässt die aus seiner Sicht unwichtigen Details weg. Jede Abwandlung verändert aber den Inhalt einer Nachricht und die Art und Weise, wie sie wahrgenommen wird.

Ein Beispiel, welches ich auf einer sehr lustigen Seite über falsche Interpunktionen gelesen habe, ist: Ob nun jemand "Tötet ihn nicht, freilassen!" oder "Tötet ihn, nicht freilassen!" sagt, wird einen ganz erheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden eines Delinquenten haben [Quelle: redigieren.org]. Bei einem geschriebenen Text ist die Aussage klar, je nachdem, an welcher Stelle das Komma steht. Doch beim gesprochenen Wort? Ließe man diesen Satz durch die Stille Post von einer Person an die nächste weiterleiten, käme am Ende eine mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verfälschte Aussage heraus. Es reicht schon, dass nur ein Einziger die Botschaft falsch versteht, und schon nimmt das Unglück seinen Lauf. Aus "Tötet ihn nicht, freilassen!" wird dann vielleicht "Weg mit ihm, er ist schuldig!" oder "Tötet ihn sofort!". Menschen dichten unentwegt Dinge um und formulieren sie so, wie sie es für richtig halten. Eben ihrem Empfinden und Verständnis entsprechend. Dadurch kann eine Aussage eine grundlegend andere Bedeutung erhalten. Ein anderes Beispiel wäre: Ob jemand beim Liebesspiel "Nicht, aufhören!" oder "Nicht aufhören!" sagt, hat im strafrechtlichen Sinne eine ganz erhebliche Relevanz.

Wie sieht es mit anderen Medien aus? Wie klar und eindeutig sind Fotos, Videos und Tonbandaufnahmen? Wie zuverlässig sind sie im Bezug auf ihren Inhalt und auf die Botschaft, die sie transportieren?

Tonbandaufnahmen leiden aus meiner Sicht an einem ähnlichen Problem wie Stille-Post-Nachrichten: Sie können zwar beliebig oft abgespielt werden und ihr Inhalt ist faktisch gleichbleibend, doch die subjektive Wahrnehmung ihres Inhaltes hängt vom zuhörenden Individuum ab. Kleinste Nuancen in der Tonalität des Sprechers und das Fehlen klarer, erkennbarer Satztrennzeichen lassen viel Spielraum für Interpretationen. Was der Eine als harmlose Bemerkung wahrnimmt, kann einen Anderen in Alarmbereitschaft versetzen. Man stelle sich Kinder auf einem Spielplatz vor, die lauthals um Hilfe schreien. Liegt eine echte Gefahrensituation vor? Oder ist das nur eine spielerische Affekthandlung? Im Zweifelsfall schaue ich lieber zweimal hin, um sicherzugehen, dass das Kind in keiner (echten) Gefahr schwebt. Warum ist das so? Weil mir in der rein akustischen Übermittlung wichtige Informationen fehlen, die ich für eine objektive Beurteilung bräuchte.

Fotos und Videoaufnahmen beheben einige dieser Probleme, schaffen aber auch neue. Auf Facebook ist es beispielsweise zu einer  ermüdenden wie erschreckenden Regelmäßigkeit geworden, dass Fotos und Videos für Hass und Hetze eingesetzt werden. So wurde dort ein Beitrag mehrere tausend Male geteilt, der das Bürgerkriegsland Syrien als angeblich wunderschöne, friedliche Strand- und Sonnenoase zeigte. Überschrieben war das Ganze mit einem Kommentar, der suggerierte, die hiesige Berichterstattung über kriegsähnliche Zustände sei gelogen [Quelle: correctiv.org]. Das Perfide daran ist zweierlei. Erstens: Das Video zeigt tatsächlich eine Stadt in Syrien, nämlich die Hafenstadt Latakia, es ist aber aus dem Kontext gerissen und dient dem Assad-Regime als Propaganda. Zweitens: Der hinzugefügte Text übernimmt die Interpretation der Bilder und suggeriert, ganz Syrien sei eigentlich ein friedliches und schönes Land, in dem es keine Probleme gäbe. Obwohl das bei näherem Hinsehen dem gesunden Menschenverstand widerspricht (warum sollten syrische Menschen nach Europa fliehen, wenn es bei ihnen so schön ist?), haben sowohl bewegte als auch unbewegte Bilder die Eigenschaft, relativ ungefiltert unser Unterbewusstsein zu erreichen. Wir müssen nicht darüber nachdenken, wir müssen sie nicht verstehen, um unsere Schlüsse daraus zu ziehen. Sie lösen ganz von alleine und unreflektiert eine Wirkung bei uns aus.

Genau hierin liegt für mich der entscheidende Unterschied zum geschriebenen Wort. Wer etwas liest, der muss darüber nachdenken. Er muss es verarbeiten - die Wörter, ihren Kontext, die Satzzeichen, einfach alles. Er beschäftigt sich damit, er setzt sich damit auseinander. Der Inhalt des geschriebenen Wortes ergibt sich erst nach einer (ziemlich beträchtlichen) kognitiven Leistung. Und der Inhalt kann nicht uminterpretiert werden. Wie im obigen Beispiel gezeigt: Ob jemand "Nicht, aufhören!" oder "Nicht aufhören!" meint, ergibt sich beim geschriebenen Wort sehr eindeutig und klar.

Ich glaube, genau das ist der Grund, weshalb sich repressive Systeme so sehr vor dem geschriebenen Wort fürchten: Sie erfordern, dass Menschen über sie nachdenken, und sie können nicht mit neuem, subjektivem Sinn gefüllt werden. Sie sind eindeutig in ihren Aussagen.

 

Menschen, die nachdenken, und Botschaften, die eindeutig sind: Schlimmer kann es für Diktatoren kaum kommen ;-).

Aus diesem Grund haben wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller eine ganz besondere Verantwortung - aber auch eine ganz besondere Gabe. Wir sind Handwerker dieser hohen Kunst! Wir erschaffen Bleibendes und Ewiges. Ganz gleich, ob wir unsere Texte verkaufen oder frei zur Verfügung stellen: Was einmal niedergeschrieben wurde, ist in den sprichwörtlichen Stein gemeißelt.

Ist das nicht eine großartige Tatsache?


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


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