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Fishing for Followers: Die verzweifelte Suche nach Anerkennung im Netz

In gewisser Weise ist mein Leben paradox. Ich bin einerseits diplomierter Informatiker und IT-Spezialist, ich entwerfe seit Jahrzehnten Software. Mit Computern kenne ich mich also aus. Andererseits bin ich in jene Zeitepoche hineingeboren worden, in der Drehscheibentelefone und Röhrenfernseher den Stand der modernen Technik dargestellt haben (immerhin hatten wir Fernbedienungen). Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Eltern den ersten Heimcomputer gekauft haben - damals war ich 9 Jahre alt. Staunend haben wir diesen "Zauberkasten" bewundert und verehrt. Ich erinnere mich auch noch daran, wie nach und nach eine neue Erfindung namens "Internet" aufgekommen ist, mit der wir nicht viel anzufangen wussten. Daten mit anderen Menschen austauschen? Okay, ganz nett, aber ... zu welchem Zweck? E-Mails statt echter Post? Wozu das denn? Ich erinnere mich ebenfalls daran, wie die Zeit vor Google ausgesehen hat, auch wenn das heutzutage kaum noch jemand für möglich hält. Ein Leben VOR Google? Geht das überhaupt? Gab es Google nicht schon seit dem Urknall? (Antwort: nein, Google existiert erst seit 1997.)

In dieser relativ technikfreien Kindheit und Jugend gab es einen einfachen Maßstab, um festzustellen, ob man beliebt war oder nicht: Man zählte die Freunde, die man hatte, oder die Partys, zu denen man eingeladen wurde. Die coolen Kids waren überall dabei, immer gerne gesehen, willkommene Gäste bei jeder Veranstaltung. Die uncoolen Kids hockten zuhause und beschäftigten sich zum Beispiel mit Heimcomputern oder dem Schreiben von Kurzgeschichten ;-).

Wenn ich mir die Gegenwart anschaue, dann ist das streng genommen immer noch so: Menschen haben Freunde, und je mehr sie davon haben, um so beliebter und populärer sind sie. Dennoch hat sich in den letzten Jahren etwas eklatant verändert, nämlich die Definition, was ein solcher "Freund" ist. Früher war es eine Person, die Interesse an einer anderen Person hatte und dementsprechend Zeit mit ihr verbringen wollte - im realen Leben, mit realen Gesprächen, in realem Kontakt zueinander. Heute ist das anders. Ein "Freund" ist häufig schon jemand, der einem auf Facebook oder Instagram folgt, und zwar unabhängig davon, ob man diesem Menschen jemals begegnet ist oder jemals begegnen wird. Populär und prominent ist derjenige, der eine möglichst hohe Anzahl an "Followern" - wie es im Neudeutschen heißt - hinter sich scharen kann.

Dieser Umstand nimmt teilweise groteske Blüten und Auswüchse an. Stars und Sternchen - und vor allem solche, die es gerne werden möchten - fischen gezielt nach Followern, um ihren Zähler künstlich in die Höhe zu treiben und damit den Eindruck von Popularität und Beliebtheit zu erwecken. Streng nach dem Motto: Je mehr, desto besser, selbst wenn sich diese Follower gar nicht für einen interessieren.

Vor ein paar Monaten erhielt ich den überraschenden Hinweis, dass eine sehr bekannte deutsche Schauspielerin begonnen hatte, mir auf Instagram zu folgen. Einen Namen will (und werde) ich hier nicht nennen, denn darauf kommt es nicht an, aber sie gehört nicht zur C- oder D-Prominenz, die man im Dschungelcamp antrifft, sondern zu jenen Stars, die ihren Titel zu recht tragen. Dementsprechend geschmeichelt fühlte ich mich. Hatte diese Frau tatsächlich meine Bücher entdeckt und gelesen? Haben sie ihr gefallen? Ich freute mich riesig darüber und schrieb ihr eine PN (im Instagram-Sprech steht das für "private Nachricht"), in der ich mich für ihre Nachfolge bedankte, zudem folgte ich ihr ab diesem Zeitpunkt ebenfalls. Der persönliche Kontakt zu meinen Leserinnen und Lesern ist mir wichtig.

Ein paar Tage später, nachdem sich die erste Euphorie gelegt hatte, kam mir die Sache doch etwas seltsam vor. Ich kann rückblickend nicht sagen, woran es gelegen hat, es war einfach nur ein Bauchgefühl. Ich bin von Natur aus sehr skeptisch und vorsichtig. Und mein Eindruck sollte mich nicht täuschen: Bei einem Blick in meine Follower-Liste war die betreffende Schauspielerin wieder verschwunden. Sie hatte micht "ent-follow-t".

Ich überlegte. Hatte sie sich damals nur verklickt und wollte mir gar nicht folgen? Hatte sie das Interesse verloren - nach nur wenigen Tagen? Oder gab es einen vollkommen anderen Grund dafür?

Ich blieb an der Sache dran und tauschte mich mit ein paar Schriftstellerkollegen aus, die ich auf Instagram kennengelernt hatte. Und siehe da: Sie haben mit der betreffenden Schauspielerin exakt dieselbe Erfahrung gemacht!

Ist das nicht verrückt? Eine prominente Person durchsucht Instagram auf der Suche nach jungen Künstlerinnen und Künstlern, die am Anfang ihrer Karriere stehen, und folgt ihnen. Nicht etwa, um sie damit zu unterstützen oder ihre Arbeit anzuerkennen, sondern nur, um den eigenen Follower-Zähler in die Höhe zu treiben. Ist das nicht paradox? Und irgendwie auch traurig?

Mittlerweile bin ich über ettliche dieser "Follower-Fischer" gestolpert. Ich kriege regelmäßig PNs von Frauen, in denen nur "Hallo" oder "Hi" steht und die mit leicht bekleideten Fotos einher gehen. Leute folgen mir, nur um ihre Nachfolge zwei Tage später wieder zu anulieren. Meine Beiträge werden kommentiert oder E-Mails verschickt, in denen der Eindruck von Interesse an meiner Arbeit vermittelt werden soll, faktisch geht es aber nur darum, mich als Follower zu gewinnen. Sätze wie: "Schau doch mal bei mir vorbei" oder: "Gib mir mal ein Like" sind fast schon an der Tagesordnung.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ich kenne niemanden dieser Leute! Und sie kennen mich auch nicht. Wir haben nichts gemeinsam, interessieren uns nicht für die Arbeit des jeweils anderen, dennoch soll ich als Follower gewonnen werden. Dass diese Zahl - unter den genannten Gesichtspunkten - all ihre Bedeutung verliert, spielt offenbar keine Rolle.

Was aber sind "Fans" wert, die gar keine sind? Was sind "Follower" wert, die sich gar nicht für die Arbeit eines Künstlers interessieren? Ebenso könnte ich mir ein Freundschaftsbuch selber schreiben (wer kennt diese Dinger noch?) oder mich mit mir selber zum Plaudern und Biertrinken in einer Kneipe verabreden. Weder hat man einen persönlichen Nutzen davon, noch bringt es einen in der Karriere voran.

Andererseits macht es deutlich, wie wichtig ECHTE Fans sind. Ich liebe den Kontakt zu meinen Leserinnen und Lesern. Ich freue mich über jede*n, der/die mir irgendwo folgt, mir eine Nachricht schickt, ein Like hinterlässt, meine Beiträge teilt. Ich habe keinen Bedarf nach künstlich aufgehübschten Follower-Zahlen, und ich folge auch niemandem, an dem ich nicht wirklich interessiert bin. In diesem Punkt bin ich ganz und gar ein Kind der späten Siebziger- bzw. frühen Achtzigerjahre, quasi ein Zwischenmenschlichkeits-Purist.

Followerzahlen und Likes sollten nicht zu einem stumpfsinnigen "So tun, als ob ..." werden, sie sind kein Make-up für das eigene Ego. Richtig eingesetzt können sie aber ein ganz wunderbares Mittel sein, um mit Menschen in Kontakt zu treten (und zu bleiben), ihr Leben und ihre Arbeit zu begleiten, sie zu unterstützen, sie zu fördern, oder einfach Kontakte und Freundschaften zu pflegen. Ganz gleich, was wir im Internet tun, wir sollten niemals vergessen, dass es sich nur um einen kleinen Teil einer viel größeren, realen Welt handelt, in der echte Menschen leben. Alles, was sich nicht auf diese übertragen lässt oder keine Verbindung zu ihr hat - so wie künstliche Follower-Zahlen -, ist nichts wert. Es hat keinerlei Bedeutung. Und damit ist es auch nicht mehr als ein großer Selbstbetrug.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


Kommentare

Kommentare: 2
  • #2

    Marco (Sonntag, 21 Juli 2019 13:23)

    Hallo liebe Uschi. Nur ganz kurz: Natürlich habe ich die Schauspielerin entfreundet - so wie jede*r Andere auch, dem/der das passiert ist. Von daher war der Versuch, Follower auf diese Art zu gewinnen, total sinnlos. Fairerweise muss man dazusagen, dass Prominente ihre Social-Media-Konten häufig von "Helfern" pflegen lassen und es nicht selber tun. Dennoch würde ich, wenn ich der Prominente wäre, diesen Helfern auf die Finger hauen, denn solche Aktionen schaden dem Ansehen und Ruf ganz gewaltig.

  • #1

    Uschi Kruse (Samstag, 20 Juli 2019 23:22)

    Hallo Marco,
    ich habe mir den Beitrag zweimal durchgelesen, nicht, weil ich ihn nicht verstanden habe, sondern weil er mir so gefällt. Das ist ähnlich wie bei HINDEL, das Gesicht ist die ganze Zeit zum Grinsen verzogen. Du weißt natürlich, dass ich mal wieder nicht so sehr viel dazu sagen kann (mangels Kenntnis). Ich hatte gleichmal geguckt, ob ich dir bei Facebook folgen kann, finde aber nichts zum Anklicken. Bei lovely book habe ich auch einen Follower, mich selbst. Wie ich das hingekriegt habe, weiß ich nicht. War nicht beabsichtigt.
    Ich hoffe, du hast die Schauspielerin auch wieder entfreundet, oder? Das ist wirklich ein starkes Stück.
    Ja, dein Beitrag regt mal wieder zum Nachdenken an. Bei Facebook habe ich auch einige Freunde, mit denen ich aber auch befreundet bin oder es sind Kollegen, mit denen ich befreundet war, aber missen möchte ich sie nicht.
    Mich würde auch mal interessieren, was andere darüber denken. Seit ich im Ruhestand bin, komme ich kaum noch mit jungen Leuten zusammen. Als meine Kinder jung waren, waren sie von jeglicher neuer Technik begeistert. Jetzt, mit 33 bzw. 38 Jahren, ziehen sie sich stark zurück. Ich will damit sagen, dass ich kaum oder gar keine anderen Meinungen kenne. Ich finde das unmöglich, was diese Starlets tun, aber sie denken bestimmt, wie du ja auch schon sagst, dass sie selber interessanter werden, je mehr Followers oder Freunde sie haben. Ich finde es trotzdem frech und unangebracht.
    Weißt du, ich lese in meiner Tageszeitung sehr gerne Kolumnen, die meisten sind witzig, manche zum Nachdenken, andere auch lehrreich. Würde dir das nicht Spaß machen, bei eurer Zeitung auch Kolumnen zu schreiben? Du hast eine so vollkommene und witzige Art zu schreiben und würdest bestimmt die Leser begeistern. Unsere Kolumnisten sind auch meistens Autoren.
    Ich bin schon wieder müde, es geht auf Mitternacht zu. Ich kann mich leider auch nicht so gut ausdrücken wie du. Auf jeden Fall finde ich es gut, dass jeder mit jedem Kontakt haben kann, wenn beide es wollen. Aber man sollte ab und zu seine Freundschaftslisten durchgehen, um zu sehen, ob man noch an den "Freunden" interessiert ist. Ich hoffe, du kannst irgendwie meinen müden Worten folgen. Weiterhin gutes Gelingen.