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Von der Kunst, gut zu schreiben; Erfahrungen, Tipps und Tricks

Die Schriftstellerei als solche ist keine Magie und keine Inselbegabung. Sie ist ein Handwerk, welches man sowohl erlernen kann als auch mit viel Übung, Training und Geduld verfeinern muss.

 

An dieser Stelle könnte ich den BLOG-Eintrag eigentlich beenden, denn die Essenz dessen, was es zu dem Thema zu sagen gibt, fassen diese beiden Sätze sehr gut zusammen. Obwohl auf dem Beruf (oder eher: Der Passion) des Schriftstellers eine Art Glamour liegt und viele Menschen der Überzeugung sind, man müsse, um gut zu schreiben, vor allem gottgegebenes Talent besitzen, entspricht das nicht der Wahrheit. Zumindest nicht der ganzen. Natürlich muss man ein Fingerspitzengefühl dafür haben, um interessante Geschichten von uninteressanten unterscheiden zu können. Man muss über ausreichend Fantasie verfügen, um sich diesen oder jenen Handlungsstrang zu Ende zu denken und daraus ein literarisches Abenteuer zu formen. Doch damit ist es noch nicht getan. Denn selbst die beste Idee, die spannendste Handlung, der tollste Cliffhanger sind nichts wert, wenn man sie nicht in eine Form gegossen bekommt, die Leserinnen und Leser konsumieren können. Oder anders gesagt: Es geht um das Schreiben!

 

Ich vergleiche die Schriftstellerei gerne mit der Malerei. Eine Staffelei, Pinsel, Farben, Leinwand, Öle und Tücher, all das kann man im Laden um die Ecke kaufen. Es sind die Grundwerkzeuge, die man benötigt. Bei der Schriftstellerei wären das wahlweise der Computer oder – für Traditionalisten wie den Erfolgsautor George R. R. Martin (Game of Thrones) – die Schreibmaschine oder der Schreibblock mit Stift. Dann kommt es auf die Idee an. Ein Maler überlegt sich ein Motiv, ein Schriftsteller eine Handlung. Beide arbeiten eine Fantasie aus, die sich vor ihrem geistigen Auge bildet und die danach strebt, in die reale Welt übertragen zu werden.

 

Jetzt wird es interessant!

 

Wir haben die Werkzeuge und wir haben eine Idee. Ersteres war relativ leicht zu besorgen, Letzteres ist deutlich schwieriger. Manchen Menschen fällt eine gute Idee geradezu in den Schoß, sie sehen, hören oder erleben etwas, und schon ist ihre Fantasie beflügelt. Bei anderen wiederum kostet dieser Schritt eine erhebliche Kraftanstrengung. Und manche scheitern komplett daran. Wieso ist das so? Weil wir uns im Einflussbereich dessen befinden, was man als ›Talent‹ bezeichnet. Manchen Menschen liegt das Geschichtenerzählen im Blut, ebenso wie es manchen Menschen im Blut liegt, sich Musikstücke auszudenken. Noten aneinanderreihen kann theoretisch jeder. Beethovens Neunte hingegen oder Mozarts Zauberflöte sind zeitlose Meisterwerke, die bis heute erforscht und bewundert werden. Die Kunst dessen, solche epischen Stücke zu komponieren, liegt nicht darin, Noten und ihre Bedeutung zu kennen, sondern vielmehr darin, ein Gefühl dafür zu haben, wie man sie anordnen und mit ihnen spielen muss, um sie zu atemberaubender Musik werden zu lassen. Der Künstler hat eine Vision dessen, was er erschaffen will und wie er dorthin kommt. Diese Fähigkeit besitzen manche Menschen in Perfektion und andere wiederum gar nicht. Dazwischen gibt es etliche Schattierungen, Nuancen und Facetten. In der Musik ebenso wie in der Schriftstellerei.

 

Talent ist also nur eines der Bestandteile, die die Schriftstellerei ausmachen. Viele junge Autorinnen und Autoren scheitern nicht daran, sich gute Ideen auszudenken, sie scheitern vielmehr daran, diese Ideen auch umzusetzen. Auf dem Buchmarkt gibt es etliche Ratgeber zu dem Thema: Wie schreibe ich ein Buch? Ich weiß aber von kaum einem Ratgeber, der den Titel trägt: Wie finde ich eine interessante Geschichte?, oder: Wie bekommt man erzählerisches Talent? Die hohe Kunst und besondere Hürde des Schreibens liegt nicht darin, sich etwas auszudenken, sondern es zu Papier zu bringen, und zwar in einer Form, die Leserinnen und Leser begeistert.

 

Hier kommt nun die gute Nachricht: All das kann man erlernen. Nein, mehr noch: Mann muss es sogar erlernen!

 

»Aber«, beginnt der Fernsehmoderator und sieht mich herausfordernd an, »wollen Sie damit behaupten, dass ein Schriftsteller kaum mehr ist als ein Handwerker? So wie ein Maurer oder Schreiner?«

 

»So könnte man es ausdrücken«, erwidere ich.

 

»Das ist eine spannende These. Ich bin mir sicher, dass das nicht alle in unserer Runde so sehen.« Er blickt zu dem älteren Mann zu seiner Rechten, der zahlreiche Preise gewonnen und Bestseller veröffentlicht hat. Er sitzt selbstgefällig in seinem Sessel und zwirbelt an seinem Ziegenbärtchen herum. »Herr Dr. Kaminke, ich vermute, Sie stimmen dem nicht zu. Ist das korrekt?«

 

»Selbstverständlich nicht! Die Literatur ist kein Handwerk, sie ist Magie! Sie ist etwas zutiefst Spirituelles und Transzendentes und geht bis weit über unseren Verstand hinaus.« Er bedenkt mich mit einem arroganten Grinsen. »Das kann mein werter Kollege natürlich nicht wissen, denn dazu müsste er etwas von Bedeutung geschrieben haben. Was leider nicht der Fall ist.«

 

»Sie meinen also, dass das Schreiben kein Handwerk ist?«, frage ich ihn.

 

»Korrekt.«

 

»Und was wäre, wenn ich Ihnen das Gegenteil beweisen kann?«

 

Der Ziegenbartträger lacht höhnisch auf. »Oh, bitte, tun Sie das! Ich bin gespannt auf Ihre Erklärung.«

 

»Nun gut«, sage ich. »Dann verrate ich Ihnen das Geheimnis richtig guten Schreibens.«

 

Genau das tue ich. Und nur Minuten später hängen alle gebannt an meinen Lippen.

 

(Kapitel Ende)

 

Dieses Ereignis hat nie stattgefunden. Ich habe es frei erfunden. Dennoch, behaupte ich, hat jeder, der es liest, eine Vorstellung davon, was zwischen den drei Personen geschieht und wie sie aussehen. Und das obwohl der Text nur rudimentäre Informationen über das konkrete Setting und die daran Beteiligten enthält. Genau genommen steht nur Folgendes drin:

  • Jemand erzählt etwas aus der Ich-Perspektive.
  • Dieser Jemand wird von einem Fernsehmoderator befragt.
  • Ein älterer Mann mit Doktortitel, der Preise gewonnen und Bestseller geschrieben hat, ist ebenfalls anwesend. Er trägt ein Ziegenbärtchen.

Wie kann es sein, dass derart wenige Informationen eine so große Wirkung auf Leserinnen und Leser haben?

 

Das Geheimnis liegt in der Art und Weise, wie wir geschriebene Texte verarbeiten. Im Gegensatz zu audiovisuellen Medien (im Volksmund auch ›Filme‹ genannt ;-) bieten Texte sehr viel mehr Interpretationsspielraum, der von unserer Fantasie gefüllt wird. Diese bedient sich unserer persönlichen Erfahrungen. Obwohl in dem Dialog an keiner Stelle erwähnt wird, wie der Moderator aussieht, haben trotzdem alle eine Vorstellung davon – nämlich eine sehr individuelle. Für die Einen sieht er vielleicht aus wie Günther Jauch, für Andere eher wie Markus Lanz. Oder wie der Talkmaster Jay Leno. Obwohl zu ihm keinerlei Informationen existieren, formt unsere Fantasie aus den Worten automatisch ein Bild, indem es eigene Erfahrungen als Füllmaterial verwendet.

 

Nächste Frage: Wo halten sich die Personen auf? In einem Fernsehstudio? Ja, möglicherweise. Aber wie sieht dieses aus? Ist es ein traditionelles, konservatives, wie man es aus den Siebzigerjahren kennt, mit kettenrauchenden Gästen vor graubrauner Kulisse? Oder doch eher ein poppiges, modernes, mit jedem erdenklichen Schnickschnack ausgerüstetes und Live-Publikum im Hintergrund? Die Antwort ist: Das entscheidet jeder für sich selbst! Die Einen sehen das Eine, die Anderen das Andere.

 

Diese Erzählweise ist keine Zauberei. Sie hat auch nichts mit Talent zu tun. Sie ist vielmehr eine erlernte Fähigkeit, Geschichten auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu formulieren, um damit eine ganz bestimme Wirkung zu erzeugen. Diese Erzählweise basiert nicht auf gottgegebener Begabung, sondern auf Erfahrungswerten und Regeln.

 

Ein paar solcher Regeln, die ich mir im Laufe der Jahre angeeignet habe, sind im Folgenden zusammengefasst. Sie erheben weder den Anspruch auf bedingungslose Vollständigkeit, noch auf dogmatische Gültigkeit, sie sind lediglich Erfahrungswerte. Das heißt: Die Regeln vermitteln nicht, wie man in 100% aller Fälle das perfekte Buch schreibt, sie helfen aber, diesem Ziel näherzukommen.

 

Also, fangen wir an.

 

Regel Nr. 1: Weniger ist mehr. Und sehr viel weniger ist sehr viel mehr.

 

Am Anfang ihrer Schreibkarriere machen Neulinge gerne den Fehler, in ihren Beschreibungen viel zu weitschweifig zu sein. Von der Überzeugung getrieben, dass ein gutes Buch möglichst dick und detailgenau sein muss, schreiben sie sich in kilometerlangen Texten um Kopf und Kragen. Jeder Ort, jede Person, jeder Gegenstand wird verbal seziert und beschrieben.

 

Ein Beispiel aus meiner eigenen Laufbahn. In meinem Debütroman ›GROSSE BRÜDER‹ schrieb ich an einer Stelle:

 

Plötzlich fand sich Markus in einem knapp 40 Quadratmeter großen Raum wieder, in dessen Mitte man einen schlichten alten Holztisch mit zwei Stühlen gestellt hatte. Die Wände schienen – ganz im Unterschied zu dem Gang, den sie gekommen waren – aus jüngerer Zeit zu stammen und aus Beton gefertigt zu sein. Ansonsten gab es dort nichts weiter: keine Lampen, keine Möbel, keine Gegenstände irgendwelcher Art, nichts. Der Ort sah aus wie ein modernes, düsteres Gemälde, welches durch seine Schwärze und die nüchterne Leere erschreckend kalt und furchteinflößend wirkte. An der gegenüberliegenden Wand, ganz zur Linken, konnte Markus noch eine weitere Tür erkennen, diese war jedoch geschlossen, und er konnte nicht sehen, was hinter ihr lag.

 

Ziemlich viel Text für ziemlich wenig Handlung, nicht wahr? Damals hielt ich das für unabdingbar. Ich hatte die Befürchtung, meine Leserinnen und Leser könnten von mir enttäuscht sein, wenn ich nicht so detailgenau wie möglich schreibe.

 

Die Wahrheit sieht anders aus. In diesen fünf Sätzen wird nur ein sehr düsterer, sehr kahler Raum beschrieben, aber ich benötige dafür einhundertdreizehn Wörter. Einhundertdreizehn! Für einen Raum! Und das ist noch nicht mal die umfangreichste Passage des Buches. An manchen Stellen habe ich ganze Seiten vollgeschrieben, um einen einzigen Ort oder eine Gefühlsregung festzuhalten.

 

Irgendwann habe ich festgestellt: Weniger ist mehr! Und sehr viel weniger ist sehr viel mehr! Ein Text sollte auf das absolute Minimum an Wörtern reduziert werden, welches nötig ist, um eine Geschichte zu erzählen. Die fünf Sätze meines Debütromans könnte man zum Beispiel so umschreiben:

 

Markus fand sich in einem düsteren, kahlen Raum wieder, in dem es – außer einem schlichten, alten Holztisch mit zwei Stühlen – nichts weiter gab. Alles an diesem Ort wirkte kalt und furchteinflößend.

 

Aus den einhundertdreizehn Wörtern sind einunddreißig geworden, ohne dabei die Botschaft zu verändern. 70% weniger! Und der Text liest sich deutlich besser und flüssiger, wenn man es mit der Ursprungsversion vergleicht!

 

Das fiktive Fernsehinterview folgt diesem Prinzip bereits: Es erzählt nur, was unbedingt erzählt werden muss, kein einziges Wort zuviel. Der Grund, weshalb das so gut funktioniert und die Lesbarkeit so positiv beeinflusst, basiert auf zwei weiteren Regeln, nämlich ...

 

Regel Nr. 2: Was kann eine Person wissen – und was nicht?

 

Diesen hervorragenden Tipp habe ich von Andreas Eschbach erhalten, wofür ich mich herzlich bei ihm bedanken möchte. Es geht um die Frage, was eine Person, von der man gerade erzählt, überhaupt wissen kann, und was nicht.

 

Nehmen wir Markus aus meinem Debütroman: Er betritt also diesen düsteren, kahlen Raum und stellt dabei fest, dass die Wände jüngeren Alters sind und aus Beton gefertigt wurden. Die entscheidende Frage ist: Woher weiß er das? Ist er ein Experte für Baustoffkunde? Nein, er ist Informatikstudent, genau so steht es im Buch. Nirgendwo wird erwähnt, dass er einen Bezug zum Bauwesen hat oder das Alter von Gestein schätzen kann. Die Beschreibung ist also unsinnig. Sie ist eine Inkonsistenz (»Er kann das gar nicht wissen«), die dazu führt, dass die Geschichte unglaubwürdig wird.

 

Solche Inkonsistenzen müssen um jeden Preis vermieden werden, denn sie bewirken, dass Leserinnen und Leser in ihrem Lesefluss stocken und nicht mehr ihre Fantasie benutzen, sondern ihren Verstand. Das klingt zunächst nicht schlimm. Doch mit Büchern ist es so ähnlich wie mit Filmen: Wir wollen uns darin vergessen und verlieren. Bücher ermöglichen es uns, für ein paar Stunden der Realität zu entfliehen, in eine fiktive Welt einzutauchen. Sie sind Werkzeuge der Fantasie. Sobald eine Inkonsistenz auftaucht, schaltet sich unser Verstand ein und sagt uns mit einem Räuspern: »Pardon, Chef, aber das ergibt doch gar keinen Sinn!« Und schon ist die Illusion dahin. Hand auf's Herz: Jeder von uns hat schon solche Bücher in Händen gehalten und zu lesen versucht. Hat das Spaß gemacht? Wohl eher nicht.

 

Regel Nr. 3: Welche Informationen sind für die Handlung relevant?

 

Bleiben wir bei dem Beispiel mit dem kahlen Raum. Ist es für die Handlung von Relevanz, dass die Wände aus Beton, Ziegelsteinen oder sonst was gefertigt sind? Oder anders gefragt: Ist es entscheidend für die Erzählung? Diese Frage zu beantworten ist häufig nicht leicht. Würde ich mein vergangenes Ich danach fragen, würde es mir wahrscheinlich antworten:

 

»Natürlich ist das relevant! Der Raum ist ein fieser, dunkler Keller mit kalten Betonwänden. Das müssen die Leserinnen und Leser wissen. Sonst können Sie gar nicht in die Stimmung eintauchen!«

 

Gegenfrage: Muss ich denn erwähnen, dass es Betonwände sind, um in die Stimmung einzutauchen? Und was für eine Stimmung ist das überhaupt?

 

Mein altes Ich würde antworten:

 

»Na ja, Horror und Grusel eben. Markus ist ganz alleine da unten, er hat panische Angst, ist mit Waffengewalt bedroht worden. Und nun bringt man ihn an diesen furchtbaren Ort.«

 

Die Passage soll also Angst transportieren. So weit, so gut. Doch muss dafür erwähnt werden, dass die Wände aus Beton sind? Hätte Markus weniger Angst, wenn sie aus Ziegelsteinen wären? Wohl eher nicht. Ist der Werkstoff damit für die Handlung relevant? Nein! Wäre die Stimmung immer noch dieselbe, wenn man die Information einfach weglässt? Ja! Also weg damit.

 

Regel Nr. 4: Gib Leser*Innen genügend Raum für ihre eigene Fantasie.

 

Diese Regel baut unmittelbar auf den vorherigen drei auf und vereint sie. Auch diesen Tipp habe ich von dem von mir sehr geschätzten Andreas Eschbach erhalten. Für das Fernsehinterview war es nicht nötig, das Aussehen des Moderators, des Erzählers oder des Studios zu beschreiben. Erstens ist das für die Handlung nicht relevant (Regel 3), zweitens kann der Erzähler manche Dinge schlicht nicht wissen, beispielsweise von welchem Hersteller die Studiokameras sind oder der Anzug des erfolgreichen Schriftstellers (Regel 2). Aus diesem Grund habe ich es weggelassen und den Text auf ein Minimum reduziert (Regel 1).

 

Nun kommt die große Magie: Leserinnen und Leser vervollständigen diese informatischen ›Lücken‹ ganz von alleine! Sie entwickeln eigene Vorstellungen davon, wer welches Aussehen hat. Man muss es ihnen nicht vorkauen, ganz im Gegenteil. Ein Schriftsteller soll nur die entscheidenden Impulse geben, die gedankliche und emotionale Richtung der Geschichte steuern, es ist nicht nötig, ein Drehbuch zu verfassen, in dem jede Farbe, jeder Geruch, jeder Gegenstand und jedes Detail einer Szene beschrieben wird. Lasst Euren Leser*Innen genügend Raum für ihre Fantasie! Dadurch stellt sich jede*r nämlich genau das vor, was er oder sie unter einem bestimmten Stichwort versteht. Der Bösewicht in der Geschichte wird plötzlich zu einem individuellen Bösewicht, der Held zu einem individuellen Helden. Jeder erfindet die Geschichte neu. Er erschafft sie für sich selbst und wird damit ein Teil davon.

 

Doch Vorsicht: Hinter alledem muss stets die Frage stehen, ob etwas für die logische Konsistenz einer Geschichte unabdingbar ist oder nicht! Wäre die Tatsache, dass die Wände in dem kahlen Raum aus Beton gefertigt sind, wichtig für die Handlung (beispielsweise weil Markus daran erkennt, dass er an diesem Ort schon einmal gewesen ist), dann sollte man es tunlichst vermeiden, solche Details wegzulassen. Die Unterlassung von unabdingbar wichtigen Informationen ist nämlich auch eine Inkonsistenz. Und, wir erinnern uns: Die sind nicht gut ;-).

 

Regel Nr. 5: Emotionen, Emotionen und nochmals Emotionen.

 

Bei der vorherigen Regel habe ich geschrieben, dass sich ein Schriftsteller darauf fokussieren soll, die entscheidenden Impulse für eine Geschichte zu geben, auf keinen Fall mehr. Doch was genau bedeutet das? Was könnten solche Impulse sein?

 

Die Antwort ist ebenso erstaunlich wie simpel. Sie lautet: Emotionen!

 

Unterhaltungsliteratur – also jene Bücher, die zur Belletristik zählen – sind nicht darauf ausgelegt, möglichst viele sachliche Informationen zu transportieren und wissenschaftlich akkurat zu sein. Sie sollen, wie ihre Bezeichnung sagt, unterhalten. Und das geht immer mit Gefühlen einher.

 

Schaut Euch eine Handvoll Eurer Lieblingsbücher an. Worum geht es darin? Ich rate mal drauflos: Liebe, Hass, Angst, Hoffnung, Glück – irgendwas aus dieser Menge. Und in Filmen? In Theaterstücken? Überall dasselbe! Die besten und eindrücklichsten Beispiele bekommt man, wenn man sich alte Tragödien und Epen anschaut. Die ›Odyssee‹ von Homer platzt förmlich vor Emotionen. Dantes ›Inferno‹ ist eine wilde Achterbahnfahrt an Gefühlen. Shakespeares ›Romeo und Julia‹: Emotionen pur!

 

Der innerste Kern einer jeden Unterhaltung liegt also darin, Menschen auf eine Gefühlsreise mitzunehmen. Je stärker, bedeutender, tiefgründiger und lebenswichtiger solche Gefühle sind, desto mehr wird die Unterhaltung nachwirken und in der Erinnerung der Menschen verankert bleiben.

 

Die wichtigsten (und häufigsten) Gefühle in der Kunst sind aus meiner Sicht:

  • Liebe
  • Sexuelle Lust
  • Angst
  • Glück & Freude
  • Wut & Hass
  • (Seelischer) Schmerz

Gleicht diese Liste mal gegen einen beliebigen Unterhaltungsroman ab, sagen wir ›Fifty Shades of Grey‹. Oder ›Illuminati‹ von Dan Brown. Oder einen Thriller von Fitzek. Ihr werdet feststellen: In all diesen Büchern ist das Kernthema der Geschichte mindestens eine starke Emotion, häufig sogar mehrere. Der Rest – also die Personen, Orte und Dialoge – sind die Trägerwelle, die die Gefühle zu ihren Empfängern transportiert.

 

Regel Nr. 6: Der Gute und der Böse.

 

Evolutionär betrachtet sind wir Menschen auf zwei Dinge programmiert, nämlich Überleben und Fortpflanzung. Beides ist eine stetige Herausforderung – oder war es zumindest, bevor wir angefangen haben, in Überflussgesellschaften zu leben. Aus diesem Grundprinzip heraus ist unsere Faszination für den klassischen Gut-gegen-Böse-Kampf entstanden. Wir lieben es, wenn die guten Jungs gegen die bösen kämpfen und am Ende natürlich die guten gewinnen. Wir lieben es, wenn die holde Maid ihren Prinzen findet und sich nicht für den arroganten, verlogenen Schnösel entscheidet. Wir finden es klasse, wenn der brutale Mörder im Gefängnis sitzt und der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Eine interessante und unterhaltsame Geschichte hat also immer etwas mit Kampf zu tun.

 

Vor längerer Zeit habe ich einen Artikel darüber gelesen, wie Hollywoodfilme aufgebaut sind, besonders jene, die kommerziell erfolgreich waren. Dort hieß es, dass diese Filme stets denselben Ablauf hätten, nämlich:

 

Ein meist einsamer Held muss sich einer großen Gefahr stellen. Er wird urplötzlich damit konfrontiert und muss über sich selbst hinauswachsen, um die Menschen, die er liebt (vorzugsweise Frau und/oder Kind), vor einem Bösewicht zu retten. Kurz vor Schluss gibt es den ultimativen Showdown: Der gute Held trifft auf den bösen Fiesling. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Zunächst scheint es so, als würde das Böse obsiegen. Der Held wird schwer getroffen, fällt zu Boden, blutet, ist verzweifelt, der Kampf scheint verloren. Doch dann rafft er sich auf, mobilisiert seine letzten Kräfte und kann den Bösen doch noch besiegen. Es folgt das unvermeidbare (und sehr befriedigende) Happy End.

 

Ich fand diese Beschreibung toll, denn sie kann problemlos auf Bücher übertragen werden. Der ewige Kampf von Gut gegen Böse, Liebe gegen Hass, Wahrheit gegen Lüge und Freude gegen Trauer ist eine direkte Konsequenz aus Regel Nr. 5: Gegensätzliche Gefühle werden in einer Geschichte durch gegensätzliche Personen repräsentiert, und am Ende ›siegt‹ diejenige Seite, die den Leser*Innen ein Wohlbefinden schenkt. Man möchte sich am Ende eines Buches gut fühlen. Und währenddessen einen wilden Ritt erleben, bei dem man mit seinen Helden mitfiebern kann.

 

Vergesst in Euren Geschichten also weder die Bad Boys, noch die netten Jungs, denn Ihr braucht sie beide ;-).

 

Regel Nr. 7: Das spannende Kapitelende.

(Oder: »Verdammt, wie geht's jetzt weiter?«)

 

Ihr wollt sicherlich erfahren, wie man das ultimative Kapitelende schreibt, richtig? Ich spreche von einem Ende, welches so großartig und fesselnd ist, dass niemand, der Euer Buch in die Hand genommen hat, es jemals wieder weglegen kann. Okay, ich verrate es Euch! Das Geheimnis wird Euch umhauen. Ihr werdet Euren Augen nicht trauen. Ihr erfahrt es ...

 

... im nächsten Kapitel.

 

Das war's auch schon ;-). Es mag zwar abgedroschen klingen, aber es gibt kaum eine bessere Methode, um seine Leserinnen und Leser an ein Buch zu fesseln, als Kapitel mit einer Spannungsspitze zu beenden. Wir Menschen sind von Natur aus neugierig. Wir können nicht akzeptieren, dass wir etwas nicht wissen, was wir gerne wissen wollen. Überlebt der Held den tiefen Fall in die Schlucht? Wird die Frau von dem fiesen Mörder gemeuchelt, der gerade in ihr Schlafzimmer eingebrochen ist? Welches Geheimnis lauert hinter der Tür, die der Mann gerade geöffnet hat, und warum lässt es sein Blut in den Adern gefrieren? Was hat da im Gebüsch geraschelt: ein harmloser Wind oder ein gefährliches Monster? Es gibt so viele Möglichkeiten, atemlose Spannung aufzubauen, und jede davon kitzelt die Neugier der Leser*Innen.

 

»Nur noch ein Kapitel, nur noch dieses eine Rätsel, dann gehe ich ins Bett.«

 

Zu spät, die Falle hat zugeschnappt!

 

Falls Ihr Mal einen Autor lesen wollt, der diese Kunst beinahe in Perfektion beherrscht, dann empfehle ich Euch die Bücher von Patrick Dunne. Man muss allerdings hart im Nehmen sein, seine Schilderungen sind teilweise sehr blutig und grausam.

 

Regel Nr. 8: Das Finale mit Knall.

 

Damit kommen wir zu der, aus meiner Sicht, Königsdisziplin der Schriftstellerei. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie wenige Autorinnen und Autoren die Kunst eines guten Finales beherrschen und wie wenige sich mit dem Ende eines Buches Mühe geben. Dabei sind die letzten Seiten mindestens genau so wichtig wie alle Kapitel davor – wenn nicht sogar wichtiger. Ich habe Bücher gelesen, die unglaublich fesselnd und spannend waren und mir Fieberschweiß auf die Stirn getrieben haben. Doch dann folgte ein ebenso fantasieloses wie unlogisches und oberflächliches Finale, das die Begeisterung mit einem Schlag dahingerafft hat. Ein schlechtes Ende ist wie ein Geschenkpaket unter dem Weihnachtsbaum, welches zwar schön eingepackt, aber dummerweise leer ist. Oder man findet die klischeehaften Socken von Oma darin. Leserinnen und Leser werden enttäuscht sein. Sie haben sich gemeinsam mit der Hauptfigur durch alle Hochs und Tiefs gekämpft, haben gehofft, gefiebert, gelacht und geweint. Und nun wollen sie sehen, wie das Feuerwerk losgeht, das Gute gewinnt, die Liebe siegt, die Pauken und Trompeten spielen. Gebt Euren Leserinnen und Lesern solche Momente! Macht das Finale Eures Buches zu einem rauschenden Fest der Sinne, nicht zu einem öden Bingoabend im Altersheim.

 

Wovon ich aber tunlichst abraten möchte (weil ich es für eine Unsitte halte), ist, ein Buch mit einem offenen Ende zu schreiben. Zum Glück gibt es das nicht allzu häufig, es kommt aber dennoch vor, besonders bei Buchreihen, bei denen sich die Erzählung auf mehrere Folgen verteilt. Ein offenes Ende führt nicht dazu, dass Leserinnen und Leser in verzückte Ekstase verfallen, sondern vielmehr dazu, dass sie sich fragen: »Wie bitte? Das war's jetzt? Ich habe soundsoviel hundert Seiten gelesen, um dann immer noch nicht zu wissen, wie die Geschichte ausgeht?« Tut das bitte nicht! Es wird nur zu Frust führen, nicht zu Lesespaß oder Vorfreude auf den nächsten Band.

 

»Aber«, könnte man einwenden, »die Harry-Potter-Romane enden doch auch offen. Erst im siebten Band wird Voldemort besiegt.«

 

Ja, das ist richtig. Aber jeder Band ist für sich gesehen eine Teilgeschichte, die am Ende abgeschlossen ist. Wie bei einer Perlenkette, bei der sich einzelne Perlen an einer Schnur aneinanderreihen, bis sie das fertige Schmuckstück ergeben. Das Voldemort-Thema ist das verbindende Element zwischen ihnen. Erst wenn alle Teilgeschichten durchlebt und durchkämpft wurden, löst sich das letzte, große Geheimnis auf.

 

Als Fazit.

 

»Gut und schön«, sagt der Moderator und nickt. »Sie haben uns also Ihre Regeln erklärt. Das kann ich so stehenlassen. Aber was macht denn nun ein Buch zu einem guten Buch? Gibt es dafür irgendeine Formel, irgendein Geheimnis? Schreibe ich automatisch einen Bestseller, wenn ich Ihre Regeln anwende?«

 

»Nein«, erwidere ich. »Weil das Eine nicht zwangsläufig zum Anderen führt. Meine Regeln beschäftigen sich damit, wie man gut schreibt, nicht aber, wie man ein gutes Buch schreibt.«

 

Der Moderator sieht mich verwirrt an. »Ist das nicht dasselbe?«, fragt er.

 

Nein, ist es nicht. Diesen Unterschied zu verstehen ist elementar. Eine ›Bestseller-Geheimformel‹, deren Anwendung ein Buch automatisch zu einem international erfolgreichen Hit werden lässt, gibt es nicht. Selbst renommierte Autorinnen und Autoren müssen sich bei jedem neuen Buch anstrengen und können nicht vorhersehen, wie es sich verkaufen wird. Für einen Verlag ist jedes neue Buch daher ein Risiko. Vielleicht wird es ein Erfolg, vielleicht aber auch ein totaler Flop. Absehen kann das niemand.

 

Genau aus diesem Grund behelfen sich Verlage und erfolgreiche Autor*Innen damit, immer dasselbe zu schreiben und zu drucken. Blättert man die Bücher der zehn erfolgreichsten Belletristik-Autor*Innen durch, fällt auf, dass sie häufig nur Variationen ein und derselben Geschichte präsentieren. Dan Brown lässt seinen Symbolologen Robert Langdon Kirchenverschwörungen aufdecken, John Grisham schickt Anwälte, Richter und Geschworene in den Ring. Immer dieselben Geschichten, immer dieselben Abläufe, nur eben neu verpackt. Diese Vorgehensweise hat ihren Grund. Verlage und Autor*Innen erhoffen sich dadurch etwas mehr Sicherheit. Denn: Was sich einmal gut verkauft hat, verkauft sich vielleicht auch in der x-ten Wiederholung gut, so der Plan.

 

Aber was ist nun der Unterschied zwischen ›gutem Schreiben‹ und einem ›guten Buch‹? Ist das nicht letztlich dasselbe?

 

Nein. Die Definition des ›guten Buches‹ ist eine rein subjektive und individuelle Beurteilung eines literarischen Werkes durch Leserinnen und Leser. Wenn mir ein Buch gefällt, weil ich es gelesen habe und es mich unterhalten hat, dann ist es für mich ein gutes Buch. Das sagt aber noch nichts darüber aus, ob es auch anderen gefällt, und noch viel weniger darüber, ob es gut geschrieben ist. Ein Buch kann miserabel geschrieben sein und dennoch gefallen. Oder sogar komplett leer sein! Ich habe vor vielen Jahren ein Buch in einer Buchhandlung entdeckt, welches den Titel trug: ›Was Männer über Frauen wissen‹. Es bestand aus zwanzig oder dreißig leeren Seiten. Ich fand das großartig und sehr witzig. Ist es dadurch ein ›gutes Buch‹? Ja, für mich definitiv! Ist es denn ein ›gut geschriebenes‹ Buch? Nein, denn es enthält keine einzige Zeile Text.

 

Muss man also gar nicht gut schreiben können, um ein gutes Buch zu produzieren?

 

In der Theorie nein, aber in der Praxis erhöhen sich für ein Buch, welches gut geschrieben ist, die Chancen signifikant, zu einem ›guten Buch‹ zu werden. Die Regeln zum guten Schreiben sind das Handwerkszeug, welches Schriftsteller*Innen anwenden, um interessante Geschichten zu erzählen und Leser*Innen zu begeistern. Man könnte es vielleicht so vergleichen: Man braucht nicht zwingend gutes Werkzeug, um einen guten Stuhl herzustellen, aber die Chancen dafür erhöhen sich mit gutem Werkzeug deutlich. Das trifft auch auf die Schriftstellerei zu.

 

Dieser Text sollte Euch einen kleinen Einblick in meine bisherigen Erfahrungen geben. Er ist, wie gesagt, bei Weitem nicht vollständig und sollte auch nicht als allein gültiges Dogma angesehen werden. Mir hat es auf meinem Weg sehr geholfen, von anderen Autor*Innen zu lernen, und dieses Wissen möchte ich gerne weitergeben.

 

Mal sehen, vielleicht folgt irgendwann ein zweiter Teil.

 

»In diesem Sinne verabschieden wir uns von Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, und bedanken uns herzlich für Ihr Interesse. Bis zum nächsten Mal bei ›Literatur kontrovers‹, dem Literaturtalk im Fernsehen.«

 

Der Abspann läuft über den Bildschirm.

 

(Ende)

 


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


Kommentare

Kommentare: 2
  • #2

    Marco (Montag, 05 August 2019 11:34)

    @Uschi: Na klar, alles gut :-)

  • #1

    Uschi Kruse (Sonntag, 04 August 2019 19:14)

    Hi, auch wenn ich am liebsten zu jedem Absatz etwas schreiben möchte, kann ich es nicht, weil ich Stunden bräuchte. Ich könnte auch schreiben, dass ich dir in fast allem zustimme. Aber das ist kein Austausch.
    Eines, mit der Beschreibung, hat mich an meine Schulzeit erinnert. Hausaufgabe: Schaut aus eurem Fenster und beschreibt, was ihr seht. Ich: eine Frau, die einen Eimer bei sich hat, in dem sich warmes Wasser befindet und mit dem sie die Treppen putzt. Lehrer: Woher weißt du, dass da warmes Wasser drin war?
    Ich bin noch nicht so sehr lange bei lovely books, habe aber schon einige unterschiedliche Romane gelesen, von sehr gut bis schlecht (meiner Meinung nach). Was ich tatsächlich nicht so mag, wenn ich am Anfang die Personen kennen lerne und nach ein paar Seiten genau weiß, wie die Geschichte zu Ende geht. Letztens hatte ich ein offenes Ende, dachte auch erst, was? Das war's? Aber irgendwie war ich auch froh, dass es nicht so endete wie alle anderen. Zuletzt las ich einen Krimi, die Morde wurden aufgeklärt, das sich ganz leicht anbahnende Näherkommen der Polizeiermittler blieb absolut offen. Das fand ich gut. Wie im wirklichen Leben. Aber ich sah dann, dass es noch weitere Teile davon gibt. Also werden sie doch ein Paar.

    Also die typischen Liebesromane mag ich nicht so sehr, mal zwischendurch, ja, aber mal etwas, wo man mitdenken muss, ist nicht verkehrt.

    Marco, das ist jetzt 1% von dem , was ich schreiben wollte. Ich sortiere meine Gedanken und fahre später fort, okay?