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Freies Schreiben als Training für Autoren

Ein wolkenverhangener Sonntagnachmittag. Der Wind pfeift durch die Bäume und Hecken im Vorgarten, gelegentliche Regenschauer hämmern gegen die Fensterscheibe meines Arbeitszimmers. Ich sitze vor dem PC und betrachte den Text, den ich in den letzten drei Stunden geschrieben habe. Er gefällt mir ausgesprochen gut! Zeit für eine Pause. Zeit, um sich ein bisschen abzulenken.

»Sag mal ...?«, frage ich den Schreibmarker meiner Textverarbeitung. Seit unserem letzten Gespräch sind wir nämlich ganz dicke Kumpels geworden. Denke ich zumindest.

»Was denn?«, fragt er gelangweilt.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Wie ich ... heiße

»Ja. Wie heißt du? Du wirst doch einen Namen haben, oder?«

»Natürlich hab ich einen Namen«, erwidert der Schreibmarker verständnislos. »Jeder hat einen Namen.«

Eine Pause entsteht.

»Und?«, frage ich. »Wie ist deiner?«

»Meiner? Mein was?«

»Na, dein Name.«

»Warum willst du das wissen?«, fragt mich der Schreibmarker mit einer skeptischen, fast misstrauischen Stimme. Er klingt ein bisschen wie meine Eltern damals, als ich von ihnen wissen wollte, wann sie denn gedenken, ins Bett zu gehen, damit ich heimlich die Sendung mit den Bikinifrauen gucken konnte. Wohlig schöne Erinnerungen an Pamela Anderson steigen in mir auf.

»Na ja«, erwidere ich. »Wir sind ja mittlerweile Freunde ...«

»Seit wann das denn?«, unterbricht mich der Schreibmarker.

Doch ich rede einfach weiter: »Und seine Freunde sollte man schon mit Namen kennen, oder?«

»Aha.«

Wieder entsteht eine Pause.

»Und?«, frage ich zum zweiten Mal.

»Was denn?«

»Wie ist dein Name?«

»Warum willst du das wissen?«

»Das habe ich dir doch gerade erklärt«, rufe ich.

»Ja. Du hast gesagt, dass man von seinen Freunden den Namen kennen sollte.«

»Genau.«

»Deswegen geht mir deiner auch am Arsch vorbei.«

»Hä? Versteh' ich nicht.«

Der Schreibmarker atmet hörbar durch. »Ich versuch's dir mal so zu erklären: Wenn irgendwo auf der Welt ein Rhinozeros einen Haufen scheißt, dann wär's mir bedeutend wichtiger, den Namen dieses Rhinozerosses zu kennen.«

»Du lieber Himmel«, stöhne ich genervt auf und reibe mir die Augen. »Sag mir doch einfach deinen Namen.«

»Sag mir erst mal deinen!«

Ich gucke verständnislos. »Du weißt meinen Namen nicht?«

»Nö. Woher denn auch?«

»Du bist mein Schreibmarker! Ich schreibe meine ganzen Bücher mit dir!«

»Na und? Deswegen muss ich deinen Namen kennen, oder was?«

»Mein Name steht da fünftausendmal drin!«, rufe ich wütend.

»Denk an das Rhinozeros«, erwidert der Schreibmarker. »Und an deinen Blutdruck.«

»Okay, okay«, grummle ich. »Mein Name ist Marco.«

»Aha.«

»Marco Born-Miljak.«

»Soso.«

Wieder eine Pause.

»Also?«, frage ich, ohne hinzusehen. Ich fühle mich müde. »Was ist jetzt?«

»Was soll sein?«

»Sagst du mir jetzt deinen Namen?«

»Hm, na schön. Aber wehe, du lachst!«

»Warum sollte ich denn lachen?«

»Ich heiße ... Harald.«

Ich lache.

»Ach, leck mich doch!«, schreit der Schreibmarker.

»Hey, ist nicht böse gemeint«, erwidere ich (immer noch prustend). »Aber was für Eltern nennen ihr Kind ernsthaft 'Harald'?«

»Na, meine, du Arschloch! Und welche Eltern nennen ihr Kind ernsthaft 'Marco'?«

»Was hast du für ein Problem mit 'Marco'?«

»Nichts, nichts. Ich find's total okay, wenn jemand wie ein italienischer Klempner heißt. Vielleicht könnest du dir noch 'nen Schnurrbart wachsen lassen und 'ne rote Latzhose anziehen.«

»Das war Mario, nicht Marco«, korrigiere ich ihn.

»Scheißegal!«, ruft der Schreibmarker. »Mario oder Marco, alles dasselbe Gesocks!«

»O Mann, ist ja gut, tut mir leid.«

»Arschlecken, tut mir leid! Jetzt tut's dir auf einmal leid, oder was? Du kannst mich mal!«

»Es tut mir WIRKLICH leid«, sage ich und hebe beschwichtigend die Hände.

Doch der Schreibmarker steigert sich immer weiter hinein. »Ich zeig' dir gleich, was dir leidtun wird«, ruft er. »Hier, schau mal!«

Wirre Zeichenfolgen erscheinen mitten in meinem Buchtext:

ZIbnTBIuzugbzfbgFRBRDV&$eb.

»He, lass das«, sage ich.

»Ich denk' nicht dran«, blökt der Schreibmarker.

Weitere wirre Zeichen erscheinen: Nt7iTB/bfg67R$rVUdegZEvdzDEvEDZv.

»Verdammt, hör auf mit dem Scheiß!«

»Das hättest du wohl gerne.«

UInz/(ZT&)67Tbr5%/IRBiuR%b8R%rv%rv5R5RUBVutDUBzDvtZVDtBDRZ.

»OKAY, OKAY«, schreie ich, während sich meine harte Arbeit der letzten Stunden gerade in Buchstabensuppe verwandelt. »IST JA GUT! Es tut mir WIRKLICH leid! Ganz im Ernst! Ich werde das NIE wieder tun!«

Die Zeichenflut hört abrupt auf.

»Na gut«, sagt der Schreibmarker.

»Fangen wir noch mal von vorne an: Ich bin also Marco und du bist Harald. Schön, dich kennenzulernen, Harald.«

»Bist du schwul?«

»Was?«, frage ich konsterniert.

»Du hast mich schon verstanden. Stehst du auf Bärte beim Knutschen?«

»Was soll die Frage? Nein!«

»Warum baggerst du mich dann an?«

»Ich tue ... bitte was

»Hey, ist schon okay, muss dir nicht peinlich sein. Du stehst also auf die Langen, Dünnen, so wie mich.«

Ich begreife.

»Du bist immer noch sauer wegen deines Namens«, sage ich.

»Bin ich nicht.«

»Doch, bist du.«

»Okay, stimmt.«

»Soll ich mich noch mal entschuldigen?«

»Warum nicht?«

»Es tut mir WIRKLICH, WIRKLICH, WIRKLICH, WIRKLICH leid!«

»Kannst du das auch im Stehen sagen? Wegen Respekt und so.«

Ich seufze. »Von mir aus. Es tut mir wirklich leid«, wiederhole ich, nachdem ich aufgestanden bin.

»Auch im Knien?«, fragt der Schreibmarker.

Ich kann nicht fassen, dass ich das wirklich tue, knie mich aber hin und sage: »Es tut mir leid.«

»Auch im Liegen?«, fragt der Schreibmarker amüsiert.

»Du kannst mich mal!«, rufe ich und setze mich wieder hin. Der Schreibmarker gibt ein verhaltenes Lachen von sich. »Sind wir jetzt mit dem Thema durch?«

»Klar doch.«

»Ich wollte dich eigentlich noch was anderes fragen«, sage ich.

»Echt jetzt?«, frotzelt der Schreibmarker. »Du wolltest nicht nur ein bisschen Small Talk über die Namenswahl unserer Eltern führen?«

»Lass. Den. Scheiß. Mit. Den. Namen«, presse ich hervor und bemühe mich mit Kräften, ruhig zu bleiben.

»Okay, na gut. Was wolltest du mich denn fragen?«

»Hast du einen guten Tipp, wie man seine Schreibfähigkeiten trainieren kann?«

»Du meinst, außer durchs Schreiben?«

»Ja.«

»Hm, lass es mich mal so sagen: Wenn da ein Typ wäre, der besser Schwimmen können will, was würdest du dem raten?«

Ich überlege. »Dass er mehr schwimmen soll«, antworte ich.

»Freut mich, dir geholfen zu haben. War super. Sollten wir unbedingt mal wiederholen.«

»Moment!«, protestiere ich. »Das war's schon?«

»Was willst du denn noch von mir hören?«, quäkt der Schreibmarker genervt. »Das ist nun mal der Trick bei der Sache. Wenn du besser beim Schreiben werden willst, musst du es trainieren.«

»Ja, aber ...« Ich überlege erneut. »Beim Schwimmen kannst du kurze Trainingseinheiten machen. Weißt du, was ich meine? Du kannst ins Schwimmbad fahren und dort ein paar Bahnen ziehen. Beim Schreiben geht das nicht.«

»Ach ja? Und wieso nicht?«

»Schreiben erfordert Vorbereitung und Planung. Man muss sich eine Geschichte überlegen, man muss recherchieren, die Figuren ausarbeiten, den roten Faden suchen ...«

»Was sagt eine Frau, sie sich während ihrer Tage zwischen die Beine greift?«, unterbricht mich der Schreibmarker.

»Hä?«, erwidere ich verwirrt.

»'Ich suche den roten Faden'«, antwortet der Schreibmarker und lacht sich schlapp.

»Du bist eklig«, brumme ich angewidert.

»Eklig, aber witzig«, ruft der Schreibmarker gut gelaunt.

»Nein, nur eklig. Aber egal. Hast du also einen Tipp für mich, wie ich das Schreiben trainieren kann?«

»Na klar: Vergiss diese Planungsscheiße und schreib einfach drauflos. Was auch immer dir gerade durch den Kopf geht.«

»Und ... wenn mir gerade nichts durch den Kopf geht?«, frage ich ratlos.

»Das ist bei dir Normalzustand. Da würde ich mir ü-ber-haupt keine Sorgen machen, wenn ich du wär.«

»Sehr witzig.«

»Siehst du? Ich habe es doch gesagt: Ich bin witzig.«

»Ja. So witzig wie 'ne Darmspülung mit Tabascosoße.«

»Igitt! Das ist ja eklig.«

»Jetzt weißt du, wie's mir mit dir geht. Aber egal, kommen wir - schon wieder! - auf's Thema zurück. Was genau meinst du mit: Vergiss den Planungsscheiß?«

»Setz' dich an den PC und schreib einfach wild drauflos. Ohne ein Konzept, ohne eine Planung, ohne Vorbereitung. Lass dich treiben und schau mal, wo du rauskommst.«

Ich bin immer noch ratlos. »Und was soll das bringen?«, frage ich.

»Ganz einfach: Die Kunst des Schreibens liegt nicht in irgendeiner Planung oder Vorbereitung, sondern darin, Texten ein Leben einzuhauchen. Ihnen eine Seele zu geben. Wenn du das mit Bullshit schaffst, mit irgendeinem sinnlosen Scheiß, der dir gerade durch den kranken Schädel geistert, dann schaffst du es auch mit einem Roman. Kapierst du jetzt?«

Tatsächlich tue ich das - sehr zu meiner Überraschung.

»Du meinst also«, frage ich betont sachlich, »dass ich mich mit assoziativem Schreiben gemäß Ortwin Beisbart beschäftigen sollte? Oder doch eher mit dem Schreiben als reflexive Praxis gemäß Gerd Bräuer?«

»Ich meine«, antwortet der Schreibmarker ebenso betont, »dass man Menschen wie dir den Zugang zu Wikipedia sperren sollte.«

»Okay«, gebe ich schmunzelnd zu. »Erwischt.«

»Hast du jetzt kapiert, was ich meine?«

»Ja, habe ich. Aber es ist verdammt schwer, einem sinnlosen, aus dem Ärmel geschüttelten Text eine 'Seele' einzuhauchen, wie du es nennst.«

»Nö. Wieso? Auch nicht schwerer als bei jedem anderen Text. Ich meine: Ein Text ist ein Text, oder? Und eine Geschichte ist eine Geschichte. Du musst dich einfach von dem Gedanken lösen, damit den Pulitzerpreis gewinnen zu wollen.«

»Das will ich doch gar nicht«, widerspreche ich.

Der Schreibmarker wirft mir einen vielsagenden Blick zu.

»Na schön«, gebe ich auch hier wieder zu. »Ein bisschen vielleicht.«

»Lass deiner Fantasie freien Lauf«, ergänzt der Schreibmarker. »Versuch mal, den sinnlosesten Scheiß, der dir einfällt, zu einer halbwegs interessanten Geschichte zu machen. Wenn du DAS hinkriegst, dann bist du echt gut.«

»Weißt du was? Das probier' ich gleich mal aus!«

»Tu, was du nicht lassen kannst.«

Voller Elan und Enthusiasmus rolle ich mit meinem Bürostuhl an den Schreibtisch heran, drücke die Finger durch, bis die Gelenke knacken, murmele ein: »So! Dann woll'n wir mal«, und ...


... weiß nicht weiter!

»Was ist los?«, fragt der Schreibmarker.

»Ich überlege«, antworte ich.

»Lass es sein.«

»Was? Das Überlegen?«

»Ja.«

»Wie soll ich denn was schreiben, wenn ich nicht überlege, was ich schreiben soll?«

»Du lieber Herrgott! Du kannst doch auch pinkeln, ohne zu überlegen, WIE du pinkeln sollst, oder? Mach's auf dieselbe Weise! Und lass dich überraschen, was am Ende herauskommt.«

»Ich brauche aber irgendeinen Anstoß. Irgendeine Initialzündung. Eine Idee.«

Der Schreibmarker grinst und zwinkert mir zu. »Schreib doch was über uns«, sagt er.

»Das hatten wir schon mal«, antworte ich kühl.

»Ja, ich weiß. Und es hat gut funktioniert. Oder nicht?«

»Und was, bitteschön, soll ich diesmal über uns schreiben?«

»Was weiß ich! Keine Ahnung. Vielleicht über das, was wir gerade besprochen haben? Ich hätte auch schon einen tollen Titel dafür: 'Reflexiver Bullshit mit assoziativem Dünnschiss, damit der nörgelnde Möchtegern-Autor endlich mal was zu Papier bringt und mir nicht weiter auf den Sack geht'. Na? Gefällt er dir?«

»Nein.«

»Egal. Schreib es trotzdem.«

»Ich nehm' aber einen anderen Titel dafür«, sage ich trotzig.

»Tu, was du nicht lassen kannst«, wiederholt der Schreibmarker. »Tu, was du nicht lassen kannst.«


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


Kommentare

Kommentare: 2
  • #2

    Marco (Montag, 07 Oktober 2019 15:08)

    Hi, liebe Uschi. Vielen Dank für Dein Feedback :-). Ich muss mal schauen, ob - und wenn ja, wie - ich das einstellen kann. Ich muss dir Recht geben: Das helle Grau ist etwas suboptimal. Leider ist der Kommentarbereich ein fertiger Baustein, den ich einfach so verwende. Liebe Grüße, Marco.

  • #1

    Uschi Kruse (Montag, 07 Oktober 2019 14:00)

    Ich grinse immer noch. Eben, wenn du also irgendeinen Nonsense schreibst und der Leser kann nicht aufhören zu grinsen, ist das doch schon mal gut. Ich frage mich wieder, wo du die Zeit dafür her nimmst. Aber es entspannt dich bestimmt zwischen deinen Krimis oder Ulkgeschichten. Hoffe ich doch. War ein schöner Dialog.
    Marco, ich bin ja nicht mehr so jung und meine Augen auch nicht mehr so gut. Kannst du das so einstellen, dass die Schrift, also, was ich hier gerade schreibe, nicht so hell ist? Vielleicht kann ich ja auch was einstellen, weiß aber nicht, wie. Ich weiß, das mit der Begrenzung der Silben klappt nicht, aber vielleicht die Farbveränderung oder Stärke, wie immer man das nennt. :( Oh, ich sehe gerade, im muss keinen Roboter suchen. Wie schön.