Sind Selfpublisher Autoren zweiter Klasse?

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Vorspann. Ein Buch liegt aufgeklappt auf einem Tisch. Plötzlich ein Windstoß, der an den Blättern zerrt, er schlägt sie in schneller Folge um und erzeugt dadurch ein markantes Rascheln. Dazu ertönt eine verheißungsvolle Stimme aus dem Off, die verkündet: »Der Literaturmarkt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2019. Dies sind die Abenteuer einer Gruppe enthusiastischer Menschen, die sich selbst Independentautoren oder Selfpublisher nennen. Endlose Stunden vor ihrem PC sitzend, dringen Selfpublisher in Bereiche vor, zu denen sie durch normale Verlage niemals Zugang gehabt hätten.« Ein fetziger Soundtrack setzt ein (ich persönlich fände »When is the future?« von »VNV Nation« ziemlich cool).

 

Die Anfänge des Selfpublishings - also der Selbstveröffentlichung von Büchern als Alternative zum klassischen Verlagswesen - können grob auf das Jahr 2010 datiert werden [Quelle: Wikipedia]. Der Trend ist also gar nicht so alt, wie er einem hin und wieder vorkommt oder wie es den Eindruck erweckt, wenn man die großen Buchmessen besucht und sich die Stände von Kindle Direct Publishing (KDP), Books on Demand (BoD) oder TolinoMedia anschaut. An genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen ihre Bücher über Selfpublishing-Plattformen veröffentlichen und wie viel Geld sie damit verdienen, kommt man nur schwer ran. Unterschiedliche Plattformen haben unterschiedliche Tantiemen-, Werbe- und Veröffentlichungsmodelle und sind unterschiedlich lange am Markt. Amazons KDP existiert beispielsweise seit 2007, TolinoMedia erst seit 2015. Dennoch bin ich auf ein paar sehr interessante Dokumente gestoßen, die etwas Licht ins Dunkel bringen können. In der von Matthias Matting ins Leben gerufenen Selfpublisherbibel (die ich jedem wärmstens empfehlen kann) finden sich zwei Beiträge aus den Jahren 2013 und 2015, in denen der in Deutschland erwirtschaftete Selfpublishing-Umsatz auf Grundlage verschiedenster Kennzahlen geschätzt wird. Dieser lag 2013 bei 4,4 Millionen Euro und 2015 bei 35 Millionen [Quelle: Selfpublisherbibel]. Das macht einen Anstieg um 795 % in nur zwei Jahren - ganz schön beeindruckend! Wenn wir ein lineares Wachstum über die darauf folgenden 4 Jahre bis heute annehmen, dann müssten wir mittlerweile bei knapp 100 Millionen angekommen sein. Ich persönlich glaube, dass die Wahrheit sogar noch positiver ausfällt, denn der Selfpublishermarkt ist mehrfach sprunghaft angewachsen, hat also plötzliche Beliebtheitsschübe gehabt, nicht zuletzt wegen Bestseller-Autor*Innen wie Nele Neuhaus (bekannt durch ihre Taunus-Krimis) oder E. L. James (»Fifty Shades of Grey«), die ihre Karriere als Selfpublisher gestartet haben [Quelle: Ullstein-Verlag].

 

Klingt doch alles sehr positiv, oder?

 

Spielen wir noch ein bisschen weiter mit Zahlen und Fakten herum. Der deutsche Buchhandel hat 2019 etwas über 9 Milliarden Euro erwirtschaftet, davon entfallen 31,5 % (also 2,8 Milliarden) auf den Bereich Belletristik - d.h. Romane, Thriller & Co. [Quelle: Statista]. Wenn wir dasselbe Verhältnis für den Selfpublisher-Buchmarkt annehmen und von einem Jahresumsatz von 150 Millionen Euro ausgehen, dann wären das 47 Millionen Euro Belletristikanteil. Gemessen am gesamten deutschen Verlagswesen wären das 1,6 %.

 

Das wiederum klingt irgendwie ernüchternd.

 

Nur mickrige 1,6 %? Ist das nicht erschreckend wenig?

 

Die Antwort lautet: Ja und nein. Denn es kommt auf die Perspektive an, unter der man es betrachtet. Gemessen am gesamtdeutschen Buchhandel ist es definitiv wenig, deswegen ist Selfpublishing auch keine ernste Gefahr für den etablierten, verlagsgesteuerten Buchhandel. Aber der hatte auch jahrzehntelang Zeit, sich zu etablieren und zu festigen. Das Selfpublishing existiert gerade einmal 8 oder 9 Jahre. Die Tendenz deutet weiterhin in Richtung Wachstum, wir sind demnach noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angelangt, wenn es um Erfolge und Umsätze geht. Wenn wir erneut von einem linearen Wachstum ausgehen, dann läge das Selfpublishing im Jahre 2028 bereits bei 300 Millionen Euro Umsatz (und damit bei 94,5 Millionen Euro im Bereich Belletristik, also 3 %).

 

Hinzu kommt, dass sich der Selfpublishermarkt sehr stark verändert und weiterentwickelt hat. Waren solche Plattformen anfangs eher Spielplätze für Experimentierfreudige (mit teilweise zweifelhaften Ergebnissen), so haben sich Selfpublishingautor*innen zunehmend professionalisiert. Immer mehr selbstverlegte Bücher werden auf eine ähnlich gründliche Weise hergestellt wie Verlagsbücher: Korrektorat oder Lektorat sind ein Muss, aufwendig entworfene Cover nicht mehr wegzudenken, Marketing und Werbung erfolgsentscheidend. Die Branche wird erwachsen. Die Autor*innen haben dazugelernt und agieren immer häufiger wie kleine Verlagshäuser, mit allen Bürden, Pflichten und Aufgaben, die das mit sich bringt.

 

Man könnte also sagen: eine sehr beeindruckende Erfolgsgeschichte. Wer heutzutage als Selfpublisher unterwegs ist, braucht sich nicht zu schämen und steht seinen Kolleg*Innen aus dem Verlagswesen in kaum etwas nach. Eher im Gegenteil: Ein Verlagsautor muss - wenn man es stark vereinfacht - »nur« ein Manuskript schreiben, ein Selfpublisher muss dasselbe tun, zuzüglich aller Aufgaben, die sonst noch anfallen, bis sein Buch im Handel erscheint und dort gefunden, gekauft und gelesen wird.

 

Ist also alles in Butter? Sind alle glücklich und zufrieden?

 

Nein! Denn eine Sache, der ich regelmäßig begegne, ärgert mich maßlos und hat mich auch dazu bewogen, diesen BLOG-Eintrag zu schreiben. Wann immer ich von meiner Arbeit als Autor erzähle, wann immer ich berichte, dass ich Bücher geschrieben und veröffentlicht habe, laufen diese Konversationen in etwa gleich ab. Nämlich so:

 

Nette Person (staunend): »Du bist Schriftsteller? Echt jetzt?«

 

Ich: »Ja. Ich habe bisher drei Bücher veröffentlicht und auf der Leipziger und Frankfurter Buchmesse Lesungen gehalten. Außerdem führe ich einen Literatur-BLOG im Internet, habe einen Podcast- und einen Videokanal. Aktuell arbeite ich an meinem vierten Buch. Es wird voraussichtlich im Dezember erscheinen.«

 

Nette Person (begeistert): »Wow! Wahnsinn! Ich bin echt beeindruckt! Bei welchem Verlag bist du denn?«

 

Ich: »Bei keinem. Ich bin Selfpublisher, ich verlege meine Bücher selbst.«

 

Die nette Person stockt, sieht mich verwundert an und erwidert: »Wie meinst du das, du verlegst deine Bücher selbst? Du brauchst doch einen Verlag dazu.«

 

Ich: »Nein, es gibt seit einigen Jahren die Möglichkeit, Bücher ohne Verlag zu veröffentlichen. Man nennt das Selfpublishing, also Eigenverlag. Das wächst zu einem immer größeren Markt heran und hat jetzt schon dreistellige Millionenumsätze in Deutschland. Eine ganze Handvoll Bestsellerautoren haben als Selfpublisher begonnen und auf diese Weise ihre Fans und Leser*Innen gefunden.«

 

Nette Person (nachdenklich): »Also keinen Verlag?«

 

Ich: »Nein, keinen Verlag.«

 

An dieser Stelle passiert es! Die nette Person sieht mich mit einem Blick an, der zu sagen scheint: »Aha, okay, das kann ja nichts Vernünftiges sein, wenn kein Verlag dahintersteht. Wahrscheinlich ist das so ein mittelprächtiger Möchtegern-Autor, der mal eben einen Text zusammengeklopft hat und sich jetzt für einen großen Schriftsteller hält.«

 

Noch immer sind die Vorbehalte gegenüber Autor*Innen, die im Eigenverlag veröffentlichen, enorm groß. Das spiegelt sich nicht nur in solchen Reaktionen wieder, sondern auch in vielen anderen Situationen des alltäglichen Schriftstellerlebens. Beispielsweise ist ein Großteil der Literaturwettbewerbe, die ausgerichtet werden, nur für Verlagsautoren reserviert. Ich frage mich: warum? Befürchtet man eine unbezähmbare Schwemme minderwertiger Manuskripte und einen dadurch verursachten Burn-out der Jurymitglieder? Dient der Verlag sozusagen als »Filter«, um nur »gute« Werke zu Gesicht zu bekommen? Ja, sehr wahrscheinlich ist das so. Aber es spiegelt auch ein gängiges Vorurteil wider, mit dem sich Selfpublisher von Anbeginn an auseinandersetzen müssen. Nämlich, dass in diesem Sektor nur minderwertige B-, C- oder D-Ware veröffentlicht wird, quasi der Ausschuss oder Bodensatz der Literatur, den kein professioneller Verlag haben will.

 

Diese Denkweise hat natürlich einen Grund und ist nicht vollständig von der Hand zu weisen. Eine der maßgeblichen Eigenschaften von Selfpublishing-Plattformen ist ja gerade, dass jeder nahezu alles hochladen und veröffentlichen kann, was er oder sie möchte. Das hat Vorteile, aber auch Risiken. In der Vergangenheit ist es immer wieder vorgekommen (und es geschieht natürlich auch heute noch), dass minderwertige oder gar schlechte Texte auf die Öffentlichkeit losgelassen werden. Wer so ein Buch kauft und zu lesen versucht, wird enttäuscht sein, das ist klar. Die großen Verlagshäuser haben einen handwerklichen Qualitätsstandard etabliert, den Leserinnen und Leser heutzutage erwarten - auch von selbstverlegten Werken. Wenn Selfpublisher Texte veröffentlichen, die vor Fehlern nur so strotzen und einfach mies gemacht sind, dann schlägt das auf die Laune der Menschen und prägt das negative Außenbild des Selfpublishings.

 

Absolut verständlich. Absolut nachvollziehbar.

 

Doch an dieser Stelle kommt das große »Aber«! Wir leben glücklicherweise in einer Zeit, in der Kunden, die auf der Suche nach neuen Büchern sind, auf eine Vielzahl von Werkzeugen zurückgreifen können, um sich vorab einen Eindruck von einem literarischen Werk zu verschaffen. Das beginnt bei Äußerlichkeiten wie dem Coverdesign und dem Klappentext, geht weiter über die Bewertungen anderer Leser*Innen und mündet in der nicht mehr wegzudenkenden und enorm wichtigen Leseprobe, die praktisch jeder Shop automatisch anbietet. Wer sich gegen Enttäuschungen absichern möchte, kann all das nutzen. Letztlich ist es also bei eigenverlegten Büchern nicht anders als bei Verlagsbüchern: Bevor man etwas kauft, sollte man einen Blick hineinwerfen, um zu beurteilen, ob es einem gefällt oder nicht. Man will ja nicht die sprichwörtliche Katze im Sack kaufen. Und ich behaupte, dass die meisten das auch tun - vielleicht sogar alle. Dennoch gibt es hier einen eklatanten Unterschied.

 

Denn während sich Leser*Innen bei Verlagsbüchern, die ihnen nicht gefallen oder nicht ihren Erwartungen entsprechen, über den jeweiligen Autor aufregen, passiert es bei selbstverlegten Büchern überdurchschnittlich häufig, dass die Branche in ihrer Gesamtheit infrage gestellt wird. In solchen Bewertungen heißt es dann: »Das war ein selbstverlegtes Buch - das hätte mir eigentlich eine Warnung sein müssen!«, oder: »Man merkt, dass das Buch von einem Selfpublisher stammt.« Im Kontrast dazu erinnere ich mich an keine einzige Situation, in der ich mal gelesen hätte: »Das war ein Buch von [NAME EINES GROSSEN VERLAGES], das hätte mir eigentlich eine Warnung sein müssen!«. Man weiß und nimmt in Kauf, dass Bücher eines Verlages nun mal so oder so ausfallen können und nicht jedes Buch den Geschmack eines jeden Lesers trifft. In Bewertungen liest man dann Sätze wie: »Hat mir nicht wirklich gefallen, aber Geschmäcker sind halt unterschiedlich.« So etwas lese ich bei eigenverlegten Büchern so gut wie nie.

 

Ich sage es noch einmal: Natürlich gibt es im Selfpublishing schlechte Bücher - und damit meine ich handwerklich schlechte. Aber die kann man relativ leicht erkennen und herausfiltern. Und natürlich gibt es im Selfpublishing Bücher, die manchen Lesern gefallen und manchen wiederum nicht - das ist völlig normal und auch nicht anders als bei Verlagsbüchern. Dennoch werden diese zwei Welten völlig unterschiedlich bewertet. Ein Verlagsbuch, welches nicht gefällt, wird als solches abgelehnt, bei einem Selfpublisherbuch führt ein Nichtgefallen häufig zur Ablehnung der gesamten Branche.

 

Diese Grundeinstellung führt dazu, dass selbstverlegte Bücher deutlich weniger Chancen haben, die Gunst der Leserinnen und Leser zu gewinnen. Menschen, die auf der Suche nach Büchern sind, greifen überproportional häufiger zu Verlagsbüchern als zu selbstverlegten, da sie dem einen deutlich mehr vertrauen als dem anderen. Die Berührungsängste mit selbstverlegten Büchern und Selfpublisherautoren sind immer noch enorm hoch. Das führt dazu, dass Selfpublisher nahezu keine Chance haben, aus ihrem Nischendasein herauszukommen. Jüngstes Beispiel ist für mich der Lovelybooks-Leserpreis, der jedes Jahr von der gleichnamigen Plattform verliehen wird. Unzählige Selfpublisherautoren bewegen sich dort, richten Leserunden aus, kommunizieren mit Leserinnen und Lesern, bewerben ihre Bücher. Sie bilden einen bedeutenden Teil des Fundaments. Und trotzdem heißt es alle Jahre wieder: Alle machen mit, und am Ende gewinnen Fitzek, Tsokos, Neuhaus & Co. [Quellen: Lovelybooks - 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | ... usw.]. Auch dieses Jahr findet sich augenscheinlich kein einziger Selfpublisher unter den Nominierten für die Endrunde [Quelle: Lovelybooks]. Es ist ein Trauerspiel. Und es verdirbt einem die Lust daran, an solchen Wettbewerben teilzunehmen.

 

Der wahre Wert des Selfpublishings liegt in der Unabhängigkeit, die man als Autor hat, in der erzählerischen Freiheit. Während sich Verlage stur und unverrückbar von Konventionen und »Altbewährtem« leiten lassen, um ihre Gewinne nicht zu gefährden, hat ein Selfpublisher alle Freiheiten, um seine Geschichte so zu gestalten, wie er es für richtig hält. Der klassische Buchmarkt versinkt in den immer gleichen, inhaltlich vollkommen austauschbaren Geschichten und Erzählmustern. Die Mutlosigkeit, mal etwas Neues oder Frisches auszuprobieren, ist fast mit Händen zu greifen. So kommt es denn auch, dass literarische Perlen und Meilensteine der Literaturgeschichte wie »Harry Potter« von allen großen Verlagen abgelehnt wurden, weil niemand daran glauben wollte, dass sich so etwas verkaufen könnte. Tja, weit gefehlt!

 

Dieser BLOG-Eintrag ist ein Plädoyer. Er soll dazu ermutigen, sich auf diese wunderbare, interessante, vielfältige, bunte und frische Welt einzulassen, sie einfach mal zu entdecken, ihr eine faire Chance zu geben. Natürlich wird es dabei auch zu Erfahrungen kommen, die nicht so schön sind, natürlich wird man dabei auch Bücher entdecken, die einem aus inhaltlichen oder qualitativen Gründen nicht gefallen. Das ist völlig normal. Das Selfpublishing ist quasi das literarische Pendant zu einer Künstlerkommune: Viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Begabungen kommen unter einem Dach zusammen und leben ihre Kunst aus. Das führt zu einem bunten Mix an Stilen und Werken. Genau darin besteht die einzigartige Magie dieses Bereiches! In einer Welt voller Konventionen und Richtlinien ist das Selfpublishing eine Bastion künstlerischer Freiheiten und gelebter Kreativität.

 

Und das, meine Freunde, ist eine großartige Sache!


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


Kommentare

Kommentare: 3
  • #3

    Uschi Kruse (Donnerstag, 05 Dezember 2019 09:50)

    Um mich an Jürgens Worten anzulehnen...hier haben bis jetzt zwei Profis kommentiert. Ich kann dir nur meine laienhaften Gedanken dazu sagen. Die sind allerdings so lang und vielfältig, dass dein Programm beim Senden wieder nur die Hälfte überträgt. Ich versuche, mich kurz zu fassen. Ich hatte dir ja mal irgendwann geschrieben, dass ich in meiner Schulzeit Jugend-Abenteuerromane las (Enid Blyton) und dann erst wieder, als ich vor 4 Jahren in den Ruhestand ging. Ich habe also noch keine große Erfahrung. Waren es die ersten Jahre Biographien von Prominenten, die mich interessierten, meldete mich meine Tochter Anfang 2019 bei lovely books und vorablesen an. Ich habe etwa 70 Bücher in dieser Zeit geschafft und es war alles dabei. Wie ich auch schon mal sagte, hatte ich nie auf Covers geachtet, mir nie den Klappentext durchgelesen, höchstens die Leseproben, falls es welche gab. Es stimmt, dabei konnte ich tatsächlich erkennen, ob mich das Buch interessieren könnte. Inzwischen lese ich Klappentexte und von vielen bin ich dann so begeistert, dass ich mich bewerbe und dann doch enttäuscht bin vom Inhalt.
    Ich hatte natürlich in meiner Naivität nie darauf geachtet, ob das Buch von einem Verlag veröffentlicht wurde oder nicht. Ich muss zugeben, das hatte mich auch nie interessiert. Erst, als ich mich bei einer Autorin beklagte, dass ich jetzt schon das dritte Buch von ihr gelesen habe und alles gleich abläuft (sie verlieben sich, sie trennen sich, sie kriegen sich) und man von Anfang an weiß, wie die Geschichte ausgeht, schrieb sie mir, dass die Verlage das so wollen. Sie hatte es häufig anders probiert, aber die sind alle abgelehnt worden. Der Verlag schreibt, er wisse, was die Leser wollen und deswegen werden nur entsprechende Manuskripte angenommen. Das hat mich total geärgert. Und deswegen finde ich es einfach nur gut, dass es Möglichkeiten gibt, zu schreiben, was man möchte. Und ich habe schon einige tolle Bücher von Selbstverlegern gelesen, aber auch diesen Schund der früheren 3-Groschen-Romane (ich hatte nur einen als Teenager gelesen und dann nicht wieder). Gestern war ich, es ist wirklich so, mit meinem Sohn das erste Mal seit bestimmt 10 Jahren in einer Buchhandlung in Braunschweig. Ich wurde auch nur aufmerksam, weil Bücher ausgestellt waren, die ich kannte (aber eher daher, dass ich sie nicht "gewonnen" hatte). Ich ging rein und war total fasziniert. Mein Sohn war genervt, er wollte weiter. Aber ich bin wie ein kleines Kind mit großen Augen durch die Räume getigert und habe mir die Bücher angeschaut. Wie gerade gesagt, fiel mir auf, dass ich die Bücher vom Ansehen her kannte (aber nicht ausgelost wurde) und ganz wenige Bücher, die ich schon gelesen hatte. Ich vermute also, dass auch Buchhandlungen nur Bücher von Verlagen ausstellen. Das finde ich sehr schade. Ich habe natürlich auch nach deinen Büchern gesucht. Vielleicht gab es sie ja irgendwo weiter hinten, aber dann wollten meine Beine nicht mehr. Trotzdem war das ein schönes Erlebnis gestern. So ähnlich war es ja auch auf der Buchmesse. Viele sagten, es wäre zu voll, immer dasselbe....aber ich war einfach nur begeistert.
    Ich kann keinem Buch sofort ansehen, ob ich es gut finde oder nicht. Das weiß ich nicht mal, wenn ich es gelesen habe. Und wenn wieder so ein Liebesroman nach dem gängigen Muster dabei war und ich am liebsten eine böse Rezension schreiben möchte, aber die der anderen lese, die nur 5 Sterne vergeben haben, denke ich, dass ich nicht die maulende Außenseiterin sein möchte und bewerte es mit 4 Sternen, und schreibe nur...jetzt fällt mir das Wort nicht ein...jedenfalls versuche ich, meine negative Meinung etwas zu verschönern. Ich mag die Autoren nicht verletzen, ich habe es nur einmal mit 2 Sternen getan, als ich den Eindruck hatte, das Buch war aus Internetartikeln zusammengeschrieben. Nichts eigenes. Und sie wurde Bestsellerin genannt. Unerfahrene Leser wie ich sind dann manchmal unsicher.
    Ich mache mir auch manchmal Gedanken darüber, wer eigentlich liest. Sind es Arbeitslose, Hausfrauen, die lange Weile haben, Kranke, Alte? Die meisten Berufstätigen haben doch keine Zeit dazu oder nur wenig. Und junge Leute bevorzugen doch das Internet. Ist der Leserkreis dadurch nicht eingeschränkt? Mir fällt gerade ein, dass ich ja gestern bei einer Kontrolluntersuchung beim Arzt war und er sagte, dass ich mich jeden Tag draußen 30 Minuten bewegen solle (wenn der meinen Garten hätte...). Ich sagte ihm, dass mir das Laufen nun mal schwerfalle. Seine Antwort: dann ist das ebenso. Also wie bei dem Leserkreis...wenn die meisten keine Zeit zum Lesen haben, dann ist das ebenso.

  • #2

    Roland W. Schulze, Bremen (Freitag, 29 November 2019 17:09)

    Ich habe jetzt mein 4. Buch in diesem Jahr veröffentlicht. Das erste habe ich über AMAZON-self- publishing laufen lassen. Nichts ist passiert und auch keine Werbung und kein Verkauf. Bei AMAZON anzurufen geht in Deutschland nicht, die betreuen hier nur die Buchkäufer und nicht die Autoren. Meine eMails in die Staatten haben keine Antworten ergeben und der Amruf in den USA wurde irgendwann in die Wüste vermittelt.
    Also habe ich zum BoD-Verlag (Books on Demand) in Norderstedt bei HH gewechselt und bin höchst zufrieden: alle Fragen und auch Wünsche wurden fachlich und freundlich beantwortet - so soll und muss es auch sein.
    Daher muss die Frage heißen: Was kann man als self-publisher machen und worauf sollte man achten, damit man ernst genommen wird und Hilfe, dann wenn man sie braucht, auch bekommt. Klar bin ich als Hochschullehrer und Kommukationswissenschaftler in einer besonders guten Position: ich beherrsche alle Editoren-Software und kann als Grafiker auch mit Photoshop und anderen Programme meine Cover selbst gestalten.
    Aber wir sind nicht per se "Autoren der zweiten Klasse"!
    Grüße aus Bremen von Prof. Roland W. Schulze

  • #1

    Mariion Krämer (aka Weinand) (Montag, 25 November 2019 20:49)

    Auch wieder gut geschrieben. Und auch wieder alles völlig wahr. Auch mir schlägt immer wieder die "Selbstverlagsohrfeige" ins Gesicht. Die "akademische" Literaturwelt, also die Menschen, die mal ein Studium abgleistet haben, das offiziell zur beruflichen, professionellen Buchkritik legitimiert, haben ein unglaublich negativ-emotionales Verhältnis 1. zum e-Book und 2. zum Selbstverlag. Die Bücher und Autoren werden schon vorab heruntergeredet, ohne das man auch nur einen einzigen Blick ins Buch geworfen hätte. Und die mir völlig unverständliche Papierbuchromantik.... Ich bin 2002 wohl die erste e-Book-Reader-Käuferin Deutschlands gewesen, als ich um 08.01 bei Bol.de den ab 8 Uhr angebotenen e-Reader aus Kanada kaufte. Nur war praktisch ein Jahrzehnt lang nur illegal gescanntes Lesematerial oder in e-Form ausgewärmte Karl-May oder Perry-Rhodans offziell erhältlich. Zum Glück mussten die "alten Verlagsknacker" einsehen, dass die Zeiten sich geändert hatten. Ich hoffe, dass diese Bewusstseinerleuchtung auch noch für die Selbstverlagsbücher eintreten wird. Wenn ich so nachdenke, was an unglaublich öder, langweiliger und inhaltlich immer wiederkehrender Belletristik veröffentlicht wird, Biographien von 25-jährigen Möchtegernpromis aus der TV- und Influencer-Szene... Und doch... wie man an den "Feucht- und Schoßgebeten" einer B-Prominenten erkennen kann: Wenn ein Verlag Scheisse veröffentlicht, ist das kein Beinbruch. (Ich hatte mich damals nur dazu durchgerungen, diese Feuchtgebiete zu lesen, weil ich es gratis bekam und als e-Book und es im Krankenhaus lesen durfte. Ich war nachher froh, dass ich keinen einzigen Cent für diesen Blödsinn ausgegeben hatte!) Aber dieser Unsinn war ein Bestseller. Es kann halt in Wirklichkeit nicht blöd genug sein, fürs voyeuristische Durchschnittspublikum. Nur vom Selfpublisher verlangt man in der klassischen Literaturszene sofort das Optimum an allen Fronten. Ich hab übrigens mein erstes Self-Buch 2008 veröffentlicht und soviel ich weiss, ist Bod seit bald 20 Jahren für die Self-Szene einer der ersten Verlage gewesen. Ich werde meine Rheinland-Saga hoffentlich noch fertig schreiben können. Ich bin ja schon fast 63 und insgesamt 4 Teile sind noch in Planung. Ich pfeiffe mittlerweile auf den finanziellen Erfolg. Wäre schön, aber ich bin nicht darauf angewiesen. Anerkennung wäre mir wichtiger. Nur Mut - all ihr freien Denker- und Schreiberinnen! Macht weiter und bietet unserer Monopol-Verlagsszene die Stirn!