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Die Illusion des Leistungsprinzips (oder: Warum Erfolg viel stärker vom Glück abhängt, als uns lieb ist)

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Gestern habe ich einen Instagram-Post eines befreundeten Autors gelesen, in dem er meinte: Wenn man als Schriftsteller nicht erfolgreich ist, dann hat man drei Optionen. Erstens, sein eigenes Tun zu überdenken und zu optimieren, zweitens, aufgeben und nicht mehr weiterschreiben, oder drittens, sich noch mehr anstrengen und noch härter Arbeiten, um noch bessere Qualität abzuliefern.

 

Diese Ansicht sieht, hört und liest man häufig, in fast allen Bereichen des Lebens. Wer etwas erreichen will, so heißt es, der muss sich anstrengen. Schon Oma und Opa haben diese Regel gekannt, und dann muss sie ja stimmen.

 

Auch ich habe lange an dieses Prinzip geglaubt, denn es ergibt irgendwie einen Sinn: Wer nichts tut, der kann auch nichts erreichen, um also etwas zu erreichen, muss man etwas tun! Klingt logisch und nachvollziehbar.

 

Vor ein paar Tagen bin ich allerdings auf SPIEGEL Online über einen sehr interessanten Artikel gestolpert, der sich mit dem Leistungsprinzip im Berufsleben beschäftigt. Unter dem Titel »Leistung lohnt sich eben nicht« wird auf die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich eingegangen und weshalb »mehr Leistung« nicht automatisch zu »mehr Reichtum« führt. Daraus entsteht eine gesellschaftliche Schere, die immer größer wird und enormes Konfliktpotenzial in sich birgt.

 

(Wer den Artikel nachlesen möchte, hier ist er: SPIEGEL Online)

 

Die Frage ist also: Hat Erfolg wirklich etwas mit Leistung zu tun? Oder sind andere Faktoren wichtiger?

 

Viele Menschen - vor allem in der Literaturbranche - sehen die Welt ungefähr so:

 

Erfolg = ( Fleiß + Qualität ) x Ausdauer

 

In den vergangenen Monaten habe ich Unmengen von Artikeln und Texten erfolgreicher Autor*Innen gelesen, in denen sie beschrieben haben, was aus ihrer Sicht das »Rezept« für schriftstellerischen Erfolg ist. Und obwohl ihre Texte völlig unterschiedlich formuliert waren und teilweise völlig unterschiedliche Schwerpunkte hatten, fiel mir auf: Obwohl diese Menschen erfolgreich sind, lesen sich ihre »Anleitungen« erstaunlich vage und nebulös. Fast blutleer. Zum Beispiel so:

 

Wenn du erfolgreich sein willst, musst du Menschen erreichen. Also richte dir z.B. Konten in den sozialen Medien ein und liefere möglichst viel Inhalt.

 

Aha!

 

Ich habe all diese Tipps und Ratschläge befolgt. Ich habe all das ausprobiert, was dort geraten wurde. Am Ende bin ich zu einer aufschlussreichen Erkenntnis gekommen, nämlich: Die Kunst des Erfolges besteht nicht so sehr darin, Menschen zu erreichen (denn das ist einfacher, als man denkt), sondern vielmehr darin, es hinzubekommen, dass diese Menschen auch zugreifen und die Bücher kaufen, die man anbietet. DAS wiederum ist die eigentliche Hürde.

 

Und dazu findet sich in den besagten Texten und Anleitungen der erfolgreichen Autor*Innen überraschend wenig. Oder eher noch: gar nichts!

 

Ich behaupte mittlerweile, dass diese Leute selbst nicht so genau wissen, was sie eigentlich erfolgreich gemacht hat. Sie haben es irgendwie und irgendwann mit irgendwas geschafft, ihr Publikum und ihre Fans zu begeistern, und nun versuchen sie quasi im Rückblick daraus schlau zu werden. Das Ergebnis sind schwammige Anleitungen mit ebenso schwammigen Tipps.

 

Könnte es also sein, dass das Leistungsprinzip in der Kunst ebenso erodiert und an Bedeutung verliert, wie es das in der Wirtschaft und im Berufsleben tut? Dass Erfolg in der Kunst mehr mit Glück und Zufall zu tun hat, als mit Qualität, Fleiß und Ausdauer?

 

Ich behaupte: ja! Und das ist nicht erst seit heute so, sondern das war schon immer so.

 

Berühmte Künstler aller Jahrhunderte haben in ihrem Schaffen vor allem davon profitiert, dass sie wohlhabende und einflussreiche Mäzene an ihrer Seite hatten, durch die sie unterstützt und gefördert wurden. Ein Mozart, ein Michelangelo, ein Johann Sebastian Bach wären heute, trotz ihres Talentes, wahrscheinlich niemandem mehr ein Begriff, wären sie nicht von Menschen unterstützt worden, die das nötige Geld und den nötigen Einfluss hatten, um sie berühmt zu machen. Denn Ruhm ist letztlich nicht das direkte Ergebnis von Talent, Leistung und Qualität, sondern vor allem von Bekanntheit. Je bekannter man ist, desto berühmter ist man. Ganz gleich, womit.

 

Mein Lieblingsbeispiel in diesem Zusammenhang ist die Schriftstellerin Helene Hegemann. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch an sie, denn Frau Hegemann hat 2010 für einen handfesten Skandal auf dem Literaturmarkt gesorgt. Ihr Debütroman »Axolotl Roadkill« wurde von der Presse und den Kritikern über den grünen Klee gelobt und die junge Schriftstellerin gar als neue »Sensation« und als »Wunderkind« bezeichnet. Dumm nur: Bei den Leser*Innen fiel das Buch gnadenlos durch, wie schimmelige Wurst. Die negativen Rezensionen auf Amazon stapelten sich. Und noch dümmer: Relativ schnell kam heraus, dass sich Frau Hegemann bei Teilen ihres ach so außergewöhnlichen Buches bei einem anderen Autor »bedient« und ganze Textpassagen fast wörtlich übernommen hat.

 

Nun stellt sich die (berechtigte) Frage: Wie konnte Frau Hegemann überhaupt in den Genuss solcher Ehrungen und Lobhudelungen seitens der Kritiker kommen, die ihr übrigens bis heute widerfahren? Ich kann jedem nur empfehlen, sich die Leseproben ihrer Bücher zu Gemüte zu führen. Die nahe liegendste Bezeichnung, die mir dazu einfällt, ist: wirre, zähe Buchstabensuppe, die mit einem guten Roman so viel gemeinsam hat wie Nordkorea mit Demokratie. Vielleicht liegt es also gar nicht an dem schriftstellerischen Talent dieser jungen Frau, dass sie so erfolgreich war (und bis heute ist), vielleicht liegt es daran, dass Frau Hegemann die Tochter von Carl-Georg Hegemann ist, seines Zeichens ehemaliger Professor für Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig und ehemaliger Chefdramaturg der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Oder anders gesagt: Frau Hegemann kennt jemanden, der einen kennt, der einen kennt ...

 

Natürlich weiß ich nicht, ob das stimmt. Der obige Absatz ist nur meine persönliche Meinung, eine Überlegung. Aber unter Berücksichtigung der Ereignisse rund um das besagte Buch und des Mäzen-Prinzips, welches in der Kunst nach wie vor Bedeutung hat, ist das keine allzu abwegige Annahme, wie ich finde.

 

Wie dem auch sei, worauf ich eigentlich hinauswill, ist Folgendes: Die »Erfolgsformel« von oben, in der das Vorankommen im Leben ausschließlich von den Faktoren Fleiß, Qualität und Ausdauer bestimmt wird, ist falsch. Oder eher noch: nicht vollständig. Ein maßgeblicher Faktor fehlt hier, und der macht die Sache so kompliziert und verzwickt. Die Rede ist vom Glück.

 

Erfolg in der Kunst ist aus meiner Sicht vergleichbar mit dem Lottospielen. Wer nicht spielt, der hat auch keine Chance auf den Gewinn, so viel ist klar. Doch nicht jeder, der spielt, qualifiziert sich automatisch dafür, eines Tages den großen Gewinn abzuräumen, er erhöht lediglich seine Chancen darauf. Es gibt Menschen, die ihr Leben lang Lotto spielen und bis auf Kleckerbeträge nie etwas gewinnen. Natürlich kann man viel Zeit und Energie in das Thema investieren und beispielsweise die statistisch am häufigsten gezogenen Lottozahlen ermitteln oder die häufigsten Zahlenkombinationen. Doch auch das ist kein Garant für den Erfolg. Letztlich bleibt alles eine Frage des Glücks.

 

In der Kunst ist es ähnlich, nur dass dieses »Glück« einen etwas greifbareren Namen hat. Er lautet entweder »Publikum« oder »Mäzene«. Entweder, man schafft es (wiederum per Glück und Zufall), genau zur richtigen Zeit genau das richtige Buch herauszubringen und genau die richtigen Menschen dafür zu begeistern, oder aber, man hat einen Mäzen im Hintergrund, der für dieses Publikum sorgt, indem er das Buch ins Scheinwerferlicht rückt und vorab bejubeln lässt. Daraus entsteht dann wiederum das Publikum. Straßenmusikanten beispielsweise können sich (ganz im Ernst!) Menschen »mieten«, die bei ihren Auftritten fleißig mitklatschen und jubeln, was wiederum andere Menschen anlockt. Ähnlich funktioniert das Mäzen-Prinzip in der Kunst.

 

Das mag sich deprimierend anhören, aber Hand aufs Herz, liebe Autorenkolleg*Innen: Wer von Euch kann sagen, dass er oder sie es alleine durch Fleiß, Qualität und Ausdauer zum Erfolg gebracht hat? Und im Unterschied dazu: Wer von Euch kann sagen, dass er TROTZ Fleiß, Qualität und Ausdauer immer noch keinen echten Erfolg hat und auf der Stelle tritt? Na, merkt Ihr was?

 

Auf dem Literaturmarkt tummeln sich Unmengen an Autor*Innen, die tumbe, fantasielose Massenware produzieren. Selbst eingefleischten Fitzek-Fans ist mittlerweile aufgefallen, dass der »Thriller-König von Deutschland« auf Gedeih und Verderb jedes Jahr ein neues Buch raushaut, welches vor logischen Fehlern und mittelmäßiger Sprache nur so strotzt, dafür aber mit umso mehr Gewalt aufwartet. Lest Euch mal die Amazon-Rezensionen zu seinem neuesten Werk »Das Geschenk« durch, vorzugsweise die 1-Stern-Dinger. Wirklich sehr unterhaltsam. Warum also bleibt Fitzek nach wie vor auf dem Thron? Warum rücken nur so wenige wirklich gute Schriftsteller*Innen nach, um diese »Lücke« zu füllen und echte Qualität zu liefern? Ganz einfach: Weil Fitzek eine Lobby hat. Er ist eine Marke geworden. Und dementsprechend haben viele Menschen ein Interesse daran, dass er auf dem Markt bleibt.

 

Erfolg in der Kunst ist also keine logische und definitive Konsequenz harter Arbeit, sie ist vor allem ein Zufallsprodukt, basierend auf strategischen Entscheidungen anderer. Schafft man es, die richtigen »Strippen« zu ziehen, die richtigen Leute kennenzulernen, dann ist der Weg frei. Schafft man es hingegen nicht, dann gibt es auch keinen Erfolg. Mit Fleiß oder Qualität hat das nichts zu tun.

 

Abermals Hand aufs Herz: Die meisten von uns haben das schon geahnt, oder?


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


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