· 

Der große Bluff - die Literaturwelt zwischen Lüge und (Halb-)Wahrheit

Diese Folge als Audio-BLOG anhören:

Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte: In kaum einem anderen Bereich wird so viel gelogen und betrogen, manipuliert und getrickst wie in der Literaturwelt - allerhöchstens noch bei Donald Trump und dem, was er als »kompetente« Politik zu verkaufen versucht. Die Literaturwelt besteht zu einem Großteil aus Illusionen und Halbwahrheiten, stellenweise sogar aus handfesten Lügen, die so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen. Schlimmer noch: In manchen Situationen sind sie uns sosehr in Mark und Bein übergegangen, haben unser Denken sosehr beeinflusst und vereinnahmt, dass wir sie sogar erwarten - und irritiert reagieren, wenn sie mal fehlen.

 

Werfen wir einen Blick auf ein paar Beispiele, um dies zu verdeutlichen. Die Schwindeleien und Tricksereien beginnen in der Welt der Druckerschwärze bereits im Kleinsten, nämlich auf den Rückseiten der jeweiligen Bücher. Ganz gleich, welche Bücherei man betritt und welche Klappentexte man sich dort durchliest, ganz gleich, um was für ein Genre es sich handelt und wer das Werk geschrieben hat, stets überschlagen sich Superlative und Lobeshymnen. Ein Buchrücken ohne mindestens ein Zitat - ganz gleich, von wem -, in dem die »atemberaubende Spannung« oder die »fesselnde Handlung« gelobt wird, in dem es heißt, das Buch sei ein »Meilenstein der Literatur« und von einem »herausragenden Autor« geschrieben, kann man sich kaum noch vorstellen. Dabei spielt es keinerlei Rolle, ob das Buch gerade erst die Druckerpressen des Verlags verlassen hat (und somit die Anzahl derer, die es überhaupt gelesen haben können, in einem überschaubar niedrigen Rahmen liegt) oder ob es von einem Weltstar verfasst wurde oder einem völligen Neuling, den noch niemand kennt. Jedes Buch auf den Ladentischen wirkt so, als sei es seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten im Umlauf und von Heerscharen von Kritikern und begeisterten Leser*Innen gefeiert worden.

 

Hier ein paar Kostproben, die ich rein nach dem Zufallsprinzip aus meinem (mittlerweile recht üppigen) Buchschrank geholt habe:

 

Cody Mcfadyen, »Der Menschenmacher«:

»Das Grauen hat viele Namen. Cody Mcfadyen kennt die meisten.«

(Kölner Stadt-Anzeiger)

 

Leigh Bardugo, »Das Lied der Krähen«:

»Faszinierend ... Bardugos Geschichte lässt die Leser im besten Sinn des Wortes mitfiebern. Dafür ist die Fantasy gemacht.«

(The New York Times)

 

Tammy Cohen, »Heute wirst du sterben«:

»Wenn es um nervenzerreißende Spannung geht, gibt es wenige, die das besser können als Tammy Cohen. Ihr bestes Buch bisher.«

(Red Magazine)

 

Greer Hendricks & Sarah Pekkanen, »The wife between us«:

»Ein Dreiecks-Thriller über eine Ehe, ihr Ende - und die Rache. Packend.«

(Brigitte)

 

Rachel Joyce, »Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry«:

Ein unvergesslicher Roman, der die ganze Welt erobert.

 

Mein persönlicher Favorit ist zweifelsfrei das fünfte und letzte Buch. Denn die Lobeshymne auf Joyces Romanrücken verzichtet bewusst auf die obligatorischen Anführungszeichen und die Nennung einer Quelle, und zwar aus einem einfachen Grund: es gibt keine! Der Satz (»Ein unvergesslicher Roman ...«) klingt zwar so, als habe sich ein Literaturkritiker seine schiere Begeisterung von der Seele geschrieben, doch in Wirklichkeit stammt er vom Verlag selbst. Das Perfide daran ist, dass hier sowohl mit der Psyche der Leser*Innen, als auch mit dem Buchtitel gespielt wird, denn mit dem Zusatz »... der die ganze Welt erobert« wird eigentlich darauf referenziert, dass es in dem Buch um eine Pilgerreise geht, doch gleichzeitig führt es auch zu der (beabsichtigten) Interpretation, das Buch sei ein solcher Erfolg, dass man es bereits auf der ganzen Welt kennt. Wäre dem tatsächlich so, dann würde dort stehen: »Weltweiter Bestseller« (oder eine vergleichbare Formulierung). Tut es aber nicht. Das sagt viel aus. Es ist mit einer Situation vergleichbar, in der eine Person einen Preis gewinnt - sagen wir, den Literaturnobelpreis -, aber anstelle, dass er sich auf diesen beruft und ihn klar und deutlich nennt, merkt er in der Öffentlichkeit nur an: »Ich bin echt gut.« Wie wahrscheinlich ist das?

 

Auch die anderen Zitate und Lobesworte der anderen vier Bücher sind eine nähere Betrachtung wert. Abgesehen von Leigh Bardugo, der immerhin mit der New York Times - einem renommierten Presseerzeugnis - aufwarten kann, sind die Referenzen der anderen Autor*Innen eher mau. Da findet man so namhafte und beeindruckende Namen wie den »Kölner Stadt-Anzeiger« oder die »Brigitte«. Wow! Und das »Red Magazine« von Tammy Cohen klingt zwar bedeutend, wirbt aber auf seiner Internetseite mit den Attributen: »Beauty, Fashion, Recipes & Entertaining ideas«, also zu Deutsch: Schönheit, Klamotten, Rezepte und unterhaltsame Ideen. Es ist, vereinfacht ausgedrückt, ein Boulevardheftchen im Stil der bereits erwähnten »Brigitte«.

 

Ganz gleich, ob ein Buch nun tatsächlich ein Erfolg ist oder nicht, die Vorliebe der Verlage für pompöse Klappentexte hat einen einfachen Grund: Sie sind verkaufsfördernd. Wer zwei Bücher von jeweils unbekannten Autor*Innen zur Hand nimmt und sich für eines davon entscheiden muss, wird dasjenige wählen, welches ihm (oder ihr) als das »qualitativ bessere« erscheint. Um eine solche Bewertung vornehmen zu können, gibt es bei einem Buch aber nicht allzu viele Ansatzpunkte. Der erste und wichtigste »Eyecatcher« (also der erste Blickfang) ist das Cover. Das kann ich gar nicht genug betonen: Ein schönes, professionelles, ansprechendes und zur Handlung des Buches passendes Cover ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Kunden das Werk überhaupt wahrnehmen und einen Kauf in Erwägung ziehen. Doch dann? Was kommt dann? Den Inhalt kann eine kaufinteressierte Person nur schwerlich nachprüfen, dazu müsste es das Buch erst einmal lesen. In der Buchhandlung ist somit höchstens ein flüchtiges Durchblättern drin, um ein Gefühl für den Schreibstil zu bekommen. Also bleibt nur der Klappentext: quasi die kompakte Zusammenfassung des gesamten Inhalts in vier oder fünf Sätzen. Hier muss der Kunde endgültig gewonnen, fasziniert und überzeugt werden. Er (oder sie) muss am Ende dastehen, das Buch in seiner (oder ihrer) Hand betrachten und sich denken: »Hey, das klingt interessant, das kaufe ich mir.«

 

Hier kristallisiert sich heraus, in welchem Dilemma sowohl Verlage als auch Autoren stecken: Sie müssen den Klappentext eines Buches in derlei Weise gestalten, dass er binnen Sekunden einen Kaufimpuls auslöst. Es geht nicht um Faszination, es geht nicht um Ehrlichkeit oder die hohe Kunst der Literatur, es geht schlicht um Euros auf dem Kassentresen. Die Literaturwelt (das habe ich bereits in mehreren meiner BLOG-Einträge herausgearbeitet) ist keine Entfaltungswiese für Schreibbegeisterte und Buchliebhaber, sie ist ein knallhartes, allein auf Kapital ausgelegtes Business. Hier geht es um Milliarden! Und um einen Markt, der einerseits völlig übersättigt ist und andererseits zunehmend an Bedeutung in Form von Leserinnen und Lesern verliert. Die Konkurrenz ist nicht nur riesig, sie ist mörderisch! Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, dem empfehle ich, mit offenen und prüfenden Augen über eine der großen Buchmessen zu schlendern. Jede Ecke, jeder Winkel, jeder Stand platzt förmlich vor Büchern - und vor Menschen, die um ein kleines Stückchen der Aufmerksamkeit all jener buhlen, die in dicht gedrängten Trauben an ihnen vorüberziehen.

 

Aus dieser Situation heraus entsteht das bereits erwähnte Dilemma: Welche Motivation hat ein Verlag oder ein Autor, auf dem Klappentext seines Buches ehrlich zu sein, die Wahrheit zu sagen? Antwort: keine! Vielmehr geht es darum, dass jedes noch so kleine und noch so unbedeutende Staubkorn, welches potenzielle Käufer verschrecken könnte, ausgemerzt werden muss. Das treibt mitunter die seltsamsten Blüten. So war sich der Lübbe-Verlag 2016 nicht zu doof dafür, auf Andreas Eschbachs Roman »Teufelsgold« das Attribut »Thriller« aufzudrucken - obwohl die Geschichte sicherlich vieles ist, aber definitiv kein Thriller. Ich persönlich halte das Buch für ausgezeichnet und es zählt (bis auf das lasche Ende) zu meinen literarischen Favoriten, aber die Erwähnung dieses vermeintlichen Genres ist schlicht eine Mogelpackung. Beinahe so, als würde man auf eine Dose mit veganer Suppe das Versprechen »mit extra viel Fleisch« aufdrucken. Der Grund, weshalb Lübbe das getan ist, ist relativ leicht zu durchschauen: Thriller gehören zu den beliebtesten Genres der Belletristik. »Teufelsgold« ist aber eher ein nachdenklicher und tiefsinniger Roman. Hier kommt wieder das Dilemma ins Spiel: Was soll vorne als Genre draufstehen? »Nachdenklicher und tiefsinniger Roman« etwa? Das wäre Kassengift. Also hebt man einfach die (zwar durchaus vorhandene aber nicht schwerpunktmäßig tragende) Spannung der Geschichte hervor, klebt »Thriller« auf das Cover - und fertig ist die Mogelpackung!

 

An dieser Stelle ist das Lügengeflecht leider noch nicht zu Ende. Ist ein Buch erst einmal auf dem Markt, dann heißt es: Werbung machen! Und zwar um jeden Preis. Da werden Buchblogger*Innen mit kostenlosen Rezensionsexemplaren versorgt, die sie lesen und anschließend bewerten sollen, man wendet sich an Zeitungen und Literaturkritiker, und es werden Anzeigen in den sozialen Medien geschaltet - die manchmal als solche erkennbar sind, manchmal aber auch nicht. Das Problem bei alledem ist nicht etwa, dass dies irgendwie verwerflich oder moralisch oder ethisch fragwürdig wäre, sondern, dass all diese Personen und Institutionen in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stecken und damit in einem ähnlichen Dilemma. Buchblogger*Innen finanzieren teilweise ihren Lebensunterhalt (oder zumindest ihren Buchkonsum) damit, dass sie von Verlagen und Autoren kostenlose Exemplare erhalten. Sticht nun einer von ihnen als besonders streng oder kritisch heraus und verreißt den Großteil der ihm zugesandten Bücher, so wirkt sich das nicht nur negativ auf die Verkaufszahlen aus, es wird perspektivisch dazu führen, dass er (oder sie) keine weiteren Bücher zur Ansicht erhält. Denn auch der Markt der Buchblogger*Innen ist hart umkämpft. Ein Verlag oder Autor wird sich aus nachvollziehbaren Gründen lieber für jemanden entscheiden, der seine Bücher gutaussehen lässt, als für jemanden, der dies nicht tut. Once again: Es geht um sehr viel Geld. Somit haben Buchblogger*Innen - auch wenn sie dies niemals öffentlich zugeben würden - gar kein Interesse daran, allzu streng mit einem Buch ins Gericht zu gehen. Sie bilden mit Verlagen und Autoren eine Symbiose. Und wie das Sprichwort so schön sagt: Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht. Gleiches gilt übrigens auch für Zeitungen, Literaturkritiker und sonstige Nutznießer.

 

Eine weitere Stufe in der Vermarktungskette sind die Onlineshops mit ihren Bewertungssystemen - allen voran natürlich Amazon und seine berühmt berüchtigten fünf Sterne. Je nachdem, welche Quellen man nimmt und wo man sich informiert, heißt es, dass zwischen 50% und sogar 75% aller Kunden beim Amazon-Shoppen auf die Produktbewertungen anderer Kunden vertrauen und darauf ihre Kaufentscheidung aufbauen [Quelle: Grin]. Dabei sind diese kleinen Helferlein beileibe nicht zuverlässig. Einmal abgesehen davon, dass sie rein subjektive und sehr individuelle Meinungen darstellen, die je nach Geschmack, Erwartungshaltung und persönlicher Vorliebe stark variieren können, ist es auch kein Geheimnis, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil davon gefälscht ist. So hat die Bewertungsprüfseite ReviewMeta.com in einem wirklich sehr lesenswerten Artikel von 2019 dargestellt, dass Amazon in dem besagten Jahr mit Millionen (!) von gefälschten Bewertungen geflutet wurde [Quelle: ReviewMeta]. Und Wissenschaftler der Stiftung Warentest sind zu dem Ergebnis gekommen, dass von 1.322 Elektronikprodukten, die zwischen 2014 und 2017 von ihnen getestet wurden, lediglich ein Drittel die beste Amazon-Bewertung hatten [Quelle: N-TV]. Das mag zunächst verstörend klingen und wie eine übermäßige Paranoia, doch googelt man Stichworte wie »amazon rezension kaufen« (oder im englischsprachigen Raum: »buy amazon reviews«), so erhält man unzählige Angebote von Anbietern, die einem versprechen, binnen kürzester Zeit das jeweilige Wunschprodukt mit strahlend schönen Fünf-Sterne-alles-ist-super-Bewertungen zu versehen - natürlich gegen einen kleinen Obulus.

 

(Nur damit wir uns richtig verstehen: Diese vermeintlichen Services sind nicht nur moralisch wie ethisch fragwürdig, sie sind auch illegal, da sie eine Täuschung der Kunden darstellen und überdies gegen Amazons Richtlinien verstoßen. Ich rate jedem dringlichst davon ab, sich auf so etwas einzulassen!)

 

Nichtsdestotrotz boomt dieser Markt - und zwar massiv. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht auf Instagram, Facebook, YouTube oder Soundclound angeschrieben werde, mit der Frage, ob ich an »100% ehrlichen Bewertungen, Likes oder Followern zu einem günstigen Preis« interessiert sei (diese Formulierung muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!). Außerdem: Sobald man anfängt, mit einem kritischen, aufmerksamen Blick auf solche Dinge zu achten, springen einem zunehmend Ungereimtheiten ins Auge. Ich habe mir mal den Spaß gemacht und die sehr gute Anleitung eines anonymen Autors auf businessinsider.com genommen, in der er Tipps gibt, wie man Fake-Bewertungen auf Amazon erkennen kann, und habe diese gegen ein Buch meiner Wahl abgeglichen [Quelle: Businessinsider]. Ich betone ausdrücklich, dass dies NICHT zwingend bedeutet, dass hier Lug und Trug vorliegt, es sind lediglich subjektive Auffälligkeiten, die MÖGLICHERWEISE für eine Täuschung sprechen. Außerdem bin ich hier nicht wissenschaftlich rangegangen, die Ergebnisse sind somit nicht repräsentativ. Höchstens informativ ;-).

 

Nun denn, das Buch meiner Wahl war »Der Trakt« von Arno Strobel. Worum es in diesem (meiner Meinung nach grottig schlechten) Buch geht, spielt keine Rolle. Vielmehr geht es um die Frage, ob sich in den Amazon-Rezensionen eventuelle Auffälligkeiten finden lassen.

 

Erschienen ist das Buch im Mai 2010. Wenn ich mir ausschließlich die 5-Sterne-Rezensionen des Taschenbuchs anschaue und diese zeitlich sortiere, dann überschlagen sich bereits in diesem Zeitraum, ein oder zwei Tage nach Erscheinen, die hocheuphorischen Bewertungen. »Gäsehautgarantie!« ist da zu lesen und »Der Hammer!«. Die Rezensionen platzen förmlich vor Superlativen, die einem das Gefühl vermitteln, die Leser*Innen seien so unfassbar aus dem Häuschen gewesen, dass es sie kaum noch auf den Stühlen gehalten hat. Ein nächster Punkt ist, dass sich die Bewertungen trotz aller Euphorie irgendwie gekünstelt und blutleer lesen - so als habe sich jemand Mühe gegeben, sie möglichst »persönlich« und »echt« wirken zu lassen. Drittens: Je weiter man sich von der Vergangenheit entfernt, in der vor allem weitschweifige Rezensionen dominieren, und in die Gegenwart kommt, umso mehr häufen sich die kurzen und knappen Bewertungen, in der teilweise nur zwei bis drei Sätze stehen. Aber natürlich geizen auch diese nicht mit explodierenden Superlativen. Glaubt man den Autor*Innen dieser Rezensionen, so ist »Der Trakt« das beste Buch seit dem Anbeginn der Menschheit und Arno Strobel der talentierteste Autor, den die Welt jemals erblickt hat. Lustigerweise ist das eine Behauptung, die man bei jedem, wirklich JEDEM Autor - sei er nun männlichen oder weiblichen Geschlechts - findet, der bei einem Verlag unter Vertrag steht. Fitzek? Ein Genie! Strobel? Der Beste der Besten! Irgendein beliebiger Name, den noch kein Schwein je gehört hat? Ein noch nie da gewesenes Ausnahmetalent! Glaubt man diesen Bewertungen, dann laufen bei uns in Deutschland ganze Heerscharen von Literatur- und Sprachgöttern herum ... die allerdings so denkwürdige Sätze produzieren wie:

 

»[...] hatte [...] das Gefühl, den Sauerstoff nicht schnell genug in den Brustraum pumpen zu können [...] und konzentrierte sich ganz auf den stampfenden Rhythmus ihrer Beine.«

(Aus: Arno Strobel, »Der Trakt«; woher auch sonst).

 

Eine weitere Sache, die ich sehr interessant fand - wenngleich auch sie nicht 100% repräsentativ und mit viel Vorsicht zu genießen ist -, war, die Rezensionen von Arno Strobels Buch durch die erwähnte ReviewMeta-Seite prüfen zu lassen. Das Ergebnis: 23% der Rezensionen wurden als »potenziell unnatürlich« deklariert. Wie gesagt: Das KANN etwas bedeuten, MUSS es aber nicht. Dennoch ist eine Quote von einem Viertel ziemlich viel, wie ich finde.

 

Gehen wir noch einen Schritt weiter und schauen uns auch diejenigen an, die auf dem Literaturmarkt nicht im Dauerscheinwerferlicht stehen: die Nachwuchs-, Jung- und Independentautoren. Oder anders gesagt: Einfach alle, die Bücher schreiben und genauso berühmt und erfolgreich sein wollen wie Fitzek, Strobel & Co. Auch hier wird geschwindelt und geflunkert, was das Zeug hält, vor allem in den sozialen Medien. Jede Kleinigkeit wird als überragender Erfolg verkauft, jede Minileistung als welterschütterndes Ereignis. Das Prahlerische und Superlativsprühende der großen Verlage ist dem literarischen Nachwuchs vollkommen ins Blut übergegangen. Bisher habe ich für mich vier Personengruppen oder Verhaltenstypen identifiziert.

 

Erstens: der Bonvivant.

 

Dieser Typus von Schriftsteller präsentiert sich am Liebsten mit qualmender Zigarre und schimmerndem Whiskyglas vor einer antiken Schreibmaschine oder einem stylishen Macbook. Überall, wo er (oder sie) geht und steht, versucht er die Botschaft zu vermitteln: »Hey, Leute, seht mal her, ich bin Hemmingways Nachfahre.«

 

Zweitens: der Jeden-und-alles-Knuddler.

 

Dieser Menschenschlag wiederum postet Unmengen von Herzchen und Blümchen und Bildern von Sonnenaufgängen in den sozialen Medien, hat jeden, wirklich jeden lieb, bedankt sich sogar für jeden Like mit einer Flutwelle an Begeisterung und digitaler Liebe, und flippt förmlich aus, sobald jemand zu erkennen gibt, dass er das jeweilige Buch gekauft und/oder gelesen hat.

 

Drittens: der Penetrante.

 

Last but not least gibt es den Schriftsteller, der nicht müde wird, bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine vermeintlichen Erfolge hervorzutun und wie ein Marathonläufer hinter dem »Ruhm« herzulaufen. Wann immer es einen Schreibwettbewerb gibt: Er ist mit dabei. Wann immer ein Verlag ein Speeddating veranstaltet: Er sitzt auf einem der Stühle und buhlt um die Gunst der Herren mit den Autorenverträgen. Wo auch immer sich ein Amt, eine Position, eine Stelle anbietet, die irgendwas, und sei es auch nur ganz entfernt, mit der Schriftstellerei zu tun hat: Er macht es. Und natürlich gibt es tagtäglich Updates zu seiner Arbeit in den sozialen Medien.

 

Viertens: der ganze Rest.

 

Die große, graue, unbekannte Masse.

 

All diese Menschen haben ein paar Dinge gemeinsam. Sie sind alle nicht erfolgreich, sondern suchen den Erfolg (die Verkaufszahlen und -ränge ihrer Bücher sprechen da eine deutliche Sprache). Zweitens: Sie gaukeln der Welt ein Image vor, ein vermeintliches Charisma, welches so nicht existiert. Und damit tragen sie ihren Teil zu der Scheinwelt bei, die wir als »Literaturwelt« kennen.

 

Die vielleicht traurigste Erkenntnis ist aber, dass die Literaturwelt ohne ihre Lügen, ihren Schwindel und ihre Illusionen gar nicht mehr existieren könnte - und das liegt nicht nur an der fragwürdigen Moral mancher Verlags-Zeitgenossen, sondern eben auch am Kauf- und Konsumverhalten vieler heutiger Kunden. Solange reißerische Klappentexte und pompös klingende Sticker wie »Bestseller« oder »Erfolgsroman« dazu führen, dass Menschen zugreifen, während sie alle anderen Bücher unbeachtet im Regal liegenlassen, solange ein berühmter Name zu reflexartigen Käufen führt, ganz gleich wie mies die Qualität des Geschriebenen tatsächlich ist (siehe Fitzek), solange werden wir in einer Literaturwelt der Trivialitäten und der Heuchelei leben und uns weiterhin gegenseitig anlügen: Autoren ihre Fans, Verlage ihre Kunden, Blogger ihre Follower, ... und so weiter.

 

Wäre es nicht schön, diese Kette zu durchbrechen?

 

Wir haben das in der Hand - jeder Einzelne von uns. Wir müssen es einfach tun.

 

Wenn ihr Kunden und Leser seid: Schaut nicht nur auf die schillernden Bestseller und Hochglanz-Superlativen, gebt den unabhängigen Autoren eine Chance. Kauft, lest und rezensiert ihre Bücher, Ihr fördert dadurch den Nachwuchs und werdet zudem Geschichten entdecken, die Euch kein Verlag der Welt bieten kann. Und falls Ihr der schreibenden Zunft angehört: Lasst Euch nicht in dieses Spiel aus Schein, Schall und Rauch ziehen, überzeugt eure Fans stattdessen mit Qualität, mit frischen und kreativen Ideen, mit echtem Mehrwert. So findet eines zum anderen und alle gewinnen.

 

Quasi ein Happy End.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


Kommentare: 0