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Happy End: Der krönende Abschluss einer Geschichte

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Ich weiß nicht wie es euch geht, aber wenn ich momentan in die Welt hinausschaue und mir all die Kriege und Konflikte, die Streitereien und Auseinandersetzungen vergegenwärtige, dann fühle ich mich schlecht. Es ist beklemmend und traurig, wie überall und an allen Orten Menschen auf Menschen losgehen, sich gegenseitig hassen, verletzen und töten, sich grausamste Dinge antun, lügen und betrügen, dass sich die Balken biegen, und dennoch ungeschoren davonkommen. Keine »höhere Macht« greift ein, niemand gebietet diesem Treiben Einhalt, es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit.

 

Als ich noch jung war und die Neunzigerjahre gerade ihren Anfang genommen hatten, fühlte sich das anders an. Der Kalte Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR war zu Ende gegangen und der Eiserne Vorhang gefallen. Jubelnde Menschenmassen standen auf der Berliner Mauer und feierten ihre friedliche Revolution und den Sieg über die Diktatur. Ein Hauch von Aufbruch, Hoffnung und Erneuerung lag in der Luft. Unentwegt schallte »Wind of change« von den Scorpions aus den Radiolautsprechern, während eine elektrisierende Euphorie um sich griff. Wir fühlten uns damals, als seien wir am Beginn von etwas ganz Großem, als seien wir an einem Wendepunkt der Geschichte angekommen. Die Menschheit, so glaubten wir, würde sich jetzt in eine bessere, strahlendere, optimistischere Zukunft entwickeln, in der das friedliche Miteinander weitaus wichtiger war als das tumbe, säbelrasselnde Gegeneinander. Die Jahre und Jahrzehnte der Angst, es könne nicht nur zu einem dritten Weltkrieg, sondern sogar zu einem Atomkrieg kommen, diese Enge und Perspektivlosigkeit, diese ständige, nebulöse Bedrohung, die wie ein böser Geist über unseren Köpfen geschwebt hatte, war endlich vorbei - und auch schnell vergessen. Unser Blick war nach vorne gerichtet. Jetzt konnte es nur besser werden, dachten wir.

 

Natürlich war diese Sichtweise stark gefärbt und unrealistisch, schließlich lief auch in den Neunzigerjahren beileibe nicht alles glatt und gut und schön. Man denke nur an die Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, in denen hirnlose, tobende Massen über Flüchtlings- und Wohnheime herfielen und sie in Brand steckten, aus keinem anderen Grund als der Tatsache, dass sich dort Menschen mit ausländischen Wurzeln aufhielten. Die Polizei war überfordert, viele Schaulustige standen herum, behinderten die Einsatzkräfte und applaudierten zum Teil auch noch dem rasenden Mob. Diese Bilder haben mich damals tief verstört. Fassungslos saß ich vor dem Fernseher - daran erinnere ich mich noch sehr gut -, verfolgte das Geschehen und konnte nicht begreifen, wie gerade jetzt, gerade in dieser Phase der Erneuerung und Verbesserung so etwas Grausames, Sinnloses und Dummes geschehen konnte.

 

War das jugendliche Naivität gewesen? Kindliche Unerfahrenheit? Oder einfach nur das Bedürfnis nach Harmonie und Frieden? Sicherlich von jedem etwas. Aber noch etwas anderes spielte eine entscheidende Rolle - und genau darum geht es in diesem BLOG-Beitrag. Nämlich um die Sehnsucht und die Suche nach einem Happy End.

 

Die Vorstellung eines »Glücklichen Endes« (so die Übersetzung aus dem Englischen) ist so alt wie das Geschichtenerzählen. Ob nun Sagen und Fabeln der Frühzeit, Märchen und Kindergeschichten des Mittelalters oder moderne Filme und Theaterstücke unserer Tage, stets dominiert das Motiv eines harten Kampfes zwischen Gut und Böse, an dessen Ende selbstverständlich der Sieg des Guten steht. Der Held wird gefeiert, die Liebe obsiegt, die Ehrlichkeit triumphiert über die Lüge und Tränen verwandeln sich in Lachen. »Alles wird gut«, sagt man häufig im Alltag, wenn schwierige Dinge und Entscheidungen anstehen, und in Geschichten stimmt das auch oft. Denn als Geschichtenkonsumenten (gleich welcher Art) erwarten wir sogar solche Happy Ends. Man stelle sich beispielsweise vor, das berühmte Märchen vom Aschenputtel, die nach dem rauschenden Ball und dem verlorenen Schuh endlich von ihrem Prinzen wiedergefunden und aus den Händen der bösen Schwiegermutter befreit worden ist, nähme im letzten Kapitel doch kein so schönes und glückliches Ende. Wenn sich der Prinz plötzlich als Trunkenbold und Schläger herausstellt, als Tunichtgut, der jedem Rock hinterherläuft und Aschenputtel am Ende verarmt, geschwängert und gedemütigt sitzenlässt. Gemessen an den tatsächlichen Lebensbedingungen des Mittelalters, in dem Frauenrechte unbekannt waren und das Recht des Stärkeren dominierte, wäre ein solcher Ausgang weitaus realistischer gewesen. Aber eben auch viel deprimierender und enttäuschender für das Publikum. Nach all den Mühen und Kämpfen, nach all dem Hoffen und Bangen, ob die fiese Schwiegermutter ihre verdiente Strafe erhält und Aschenputtel, das gutherzige und ehrliche Mädchen, ihr Liebesglück findet, soll also die Geschichte in einem solchen Desaster enden? Das geht gar nicht! Es fühlt sich einfach falsch an.

 

Vor einigen Jahren habe ich einen Bericht über die Entstehungsgeschichte des Films »Pretty Woman« gelesen, der letztlich nichts anderes ist als eine moderne Adaption des Aschenputtel-Themas (oder ganz allgemein eines Märchens): Eine nach Liebe und Glück suchende Frau, die in einer schwierigen bis prekären Lage steckt, und ein erfolgreicher, gut aussehender, charmanter Mann in der Rolle des rettenden Prinzen. Es ist haargenau dieselbe Erzählung. Nur mit dem Unterschied, dass Julia Roberts nicht bei einer bösen Stiefmutter wohnt, sondern sich ihr Geld als Prostituierte verdient, und Richard Gere auch kein Adeliger ist, sondern ein wohlhabender Geschäftsmann. Der interessanteste Teil jenes Berichts war jedoch: In der ursprünglichen Fassung des Drehbuches war ein vollkommen anderes Ende vorgesehen gewesen. Nach dem Willen des Autors Jonathan Lawton hätte »Pretty Woman« nämlich zu einem harten, realistischen und sehr düsteren Drama werden sollen, an dessen Ende der reiche Geschäftsmann die Prostituierte aus seinem Wagen wirft und verlässt. Kein Glück, keine Liebe, keine Fanfarenchöre. Dann jedoch kauften die Disney-Studios das Drehbuch und verwandelten es (übrigens sehr zum Entsetzen von Lawton) in die bekannte, zuckersüße und luftig leichte Komödie mit Happy End.

 

»Pretty Woman« wurde zum meistgesehenen Film des Jahres 1990. Er spielte weltweit 463 Millionen Dollar ein, der bekannte Soundtrack von Roy Orbinson wurde mehrfach mit Gold und Platin ausgezeichnet, und der Film gilt bis heute als Klassiker unter den Liebesschnulzen [Quelle: Wikipedia]. Dabei hat er mit der Realität in etwa so viel gemeinsam wie die Gummibärenbande und trieft nur so vor Kitsch und Quatsch, dass man sich beim Ansehen so fühlt, als habe man zu viel Zuckerwatte gegessen.

 

Warum ist das so? Warum sehnen wir uns einerseits nach einem glücklichen Ende, nach Frieden, Fröhlichkeit, Harmonie und Liebe, nach dem formvollendeten Kitsch, doch andererseits bekriegen, verletzen und töten wir uns unentwegt und seit wir auf dem Angesicht der Erde wandeln? Ist das nicht schizophren?

 

Ja, ist es! Und genau darin steckt das Dilemma unserer Existenz: Einerseits suchen wir nach Frieden - in der Welt, im Leben, in uns selbst -, andererseits sind wir evolutionär auf Kampf und Konkurrenz ausgerichtet. Darin unterscheiden wir uns nicht von anderen Lebewesen. Man bedenke: Die Zeitspanne, in der uns noch keine unbegrenzten Nahrungsvorräte, keine permanente medizinische Versorgung und keine rasend schnelle Fortbewegung mit Auto, Bahn und Flugzeug zur Verfügung standen, ist deutlich länger als jene, in der wir all dies haben. Sogar unsere Großeltern kennen noch Phasen der Entbehrung und des Mangels. Während der Corona-Krise konnten wir einen winzigen, fast mikroskopisch kleinen Eindruck davon gewinnen, wie das mal war, als es noch keine permanent prall gefüllten Regale und unbegrenzten Mengen an Lebensmitteln gab. Das allein hat zum Teil schon ausgereicht, um Menschen hierzulande verzweifeln zu lassen - eine völlig verrückte Situation! Und doch spiegelt sie genau das wider, was ich zuvor erwähnt habe: die Sehnsucht und Suche nach einem allumfassenden Glück. Und die Angst davor, es wieder zu verlieren.

 

Das Leben ist ein Kampf. Das war es schon immer und wird es wohl auch immer sein - auf die eine oder andere Weise. Gleichzeitig treibt uns der Wunsch an, diesen Kampf eines Tages zu gewinnen, die Fesseln der Traurigkeit, des Schmerzes, des Leids und der Hoffnungslosigkeit abzuschütteln und aufzugehen in einem immerwährenden Glück. Das beste Beispiel dafür sind Religionen. Ganz gleich welche Zeitepoche man betrachtet und wo sie geografisch angesiedelt sind, alle religiösen Strömungen haben gemeinsam, dass sie ihren Anhänger*Innen eine Form des »Paradieses« versprechen, also einen Zustand des unbedingten und nicht mehr enden wollenden Glücks. Manchmal ist es schon im Diesseits angesiedelt, oftmals aber erst im Jenseits, also nach dem Tod. Religionen folgen damit dem Credo, ihre jeweiligen Geschichten mit einem Happy End abzuschließen - ganz genauso wie es »Pretty Woman« tut. Wer würde schon einer religiösen Strömung folgen wollen, die einem als »Belohnung« für all die guten Taten und die Entbehrungen des Lebens kein Paradies verspricht, sondern ewiges Leid, Hoffnungslosigkeit und Elend? Sicherlich niemand. Von daher macht ein solches Happy End durchaus Sinn.

 

Hier schließt sich der Kreis zur Literatur. Menschen lesen Bücher aus demselben Grund, aus dem sie sich auch Filme ansehen, ins Theater gehen oder den Fernseher einschalten: Sie wollen ihren Alltag vergessen, die Seele baumeln lassen, sich davonträumen in ein besseres, schöneres, erfüllteres Leben. Bücher sind Tore zu einer Welt der Fantasie. Aus diesem Grund tun Autor*Innen gut daran, ihre Geschichten mit einem Happy End abzuschließen: Wer drei-, vier- oder fünfhundert Seiten (oder mehr) mit den Hauptfiguren eines Romans mitgefiebert, mitgelitten, mitgehofft und mitgezittert hat, der möchte am Ende auch mit einem Ende belohnt werden, welches ihn mit einem guten Gefühl zurücklässt und nicht mit Trauer, Enttäuschung und Leere.

 

Doch wie sieht das »perfekte« Happy End eigentlich aus? Wie kann man einen Abschluss schreiben, der so toll, so einzigartig, so befriedigend ist, dass er die Leser*Innen begeistert und dazu motiviert, auch die nächsten Bücher desselben Autors zu kaufen (denn darum geht es ja letztlich)? Hier wird es herausfordernd. Denn: Wie ein Happy End auf einen Menschen wirkt, hängt stark von eben diesem Menschen ab und welche Erwartungen er an eine Geschichte hat. Hinzu kommt: Im Gegensatz zu der Geschichte im Allgemeinen, die sich über viele Seiten entfalten und die Leser*Innen in ihren Bann ziehen kann, hat das Ende nur einen sehr begrenzten Spielraum, den es nutzen kann. Damit steht es vor derselben Herausforderung wie der Start eines Buches mit seinen ersten Seiten und Kapiteln: Der Beginn einer Geschichte muss Leser*Innen sosehr begeistern, dass sie sie weiterlesen, das Ende hingegen muss sie sosehr begeistern, dass sie sie in Erinnerung behalten. Das ist selbst für erfahrene Autor*Innen eine Herausforderung - und nur wenige beherrschen diese hohe Kunst in Perfektion.

 

Ein Beispiel. In seinem Roman »Teufelsgold« (den ich bereits im letzten BLOG-Beitrag erwähnt habe) erzählt Andreas Eschbach die Geschichte von Hendrik Busske, einem Mann, der ein durchschnittliches und sehr unspektakuläres Leben führt. Tief in seinem Inneren sehnt er sich nach mehr: Mehr Erfolg, mehr Reichtum, mehr Anerkennung. Er will zur High Society gehören, bewundert werden, in der oberen Liga mitspielen. Über ein antikes Buch erfährt er schließlich von einem Alchemisten namens Mengeder, dem es angeblich gelungen sein soll, unedles Metall in Gold umzuwandeln, und zwar in beliebiger Menge. Diese Vorstellung lässt Hendriks kühnste Fantasien erblühen. Sollte dies wirklich stimmen und er an das Geheimnis des »Steins der Weisen« kommen, so würde er in der Lage sein, all das in die Realität umzusetzen, was er sich schon immer erhofft hatte. Doch mit seiner Suche ist er nicht alleine. Und eine geheimnisvolle Organisation tut alles in ihrer Macht Stehende, um den Stein der Weisen vor der Welt zu verbergen.

 

Das klingt nicht nur spannend, das ist es auch. Sehr sogar. »Teufelsgold« zählt zu meinen Lieblingsromanen, da er eine kluge und tiefsinnige Geschichte mit einer tollen Handlung vermischt und zudem eine großartige Botschaft transportiert: die unendliche und unersättliche Gier des Menschen nach Mehr - meist nach den falschen Dingen. Soweit, so gut. Andreas Eschbach hat sich hier sowohl literarisch als auch erzählerisch selbst übertroffen. Nur bei eine Sache hat er leider versagt, und zwar komplett: bei dem Ende der Geschichte! Nachdem man mit Hendrik Busske mitgefiebert hat, nachdem man als Leser*In voll und ganz in dieser brillanten Geschichte aufgegangen ist, sich darin verloren und voller Erwartung die Auflösung herbeigesehnt hat, präsentiert Eschbach ein ebenso lustloses wie fantasiebefreites, hektisch heruntergetipptes Finale, welches so wirkt, als seien dem Autor auf den letzten Metern sowohl die Ideen als auch die Motivation ausgegangen. Ich habe mich bei kaum einem anderen Buch sosehr über ein Ende geärgert wie bei »Teufelsgold«.

 

Ein weiteres Beispiel ist das Buch »Der 26. Stock« des spanischen Schriftstellers Enrique Cortés. In diesem geht es um ein mysteriöses Bürogebäude, in welchem immer mal wieder Mitarbeiter verschwinden, tragischen Unfällen zum Opfer fallen oder in den namensgebenden 26. Stock - quasi in die Führungsebene - befördert werden, worauf auch sie nicht mehr in Erscheinung treten. Einmal abgesehen davon, dass der Roman als solcher schon haarsträubend schlecht geschrieben ist, ist er auch ein gutes Beispiel dafür, wie man den Abschluss einer Geschichte tunlichst NICHT gestalten sollte. Neben wirren und unzusammenhängenden, völlig konfusen und unglaubwürdigen Ereignissen, die einen regelrecht erschlagen, zieht sich das »Finale« über quälend lange vier Kapitel hin. Erschwerend kommt hinzu: Cortés wollte wohl einen handfesten Mystery-Thriller schreiben, pendelt aber schon während der Geschichte wild und hemmungslos zwischen allen möglichen Genres hin und her und präsentiert am Ende eine ebenso bizarre wie krude Mischung aus Horror und Fantasy. Jede Zeile dieses Abschlusses wirkt wie gewollt und nicht gekonnt, wie ein missglücktes Experiment (was es letztlich auch ist).

 

Okay, aber was heißt das in der Konsequenz? Wie sieht denn nun das »perfekte« Ende aus?

 

Obwohl ich mir beileibe nicht anmaße, das Rezept dafür zu kennen, so habe ich mir doch im Laufe der Jahre ein paar Tricks und Techniken angeeignet - im Wesentlichen durch die Beobachtung anderer Autoren -, wie man diesem Ideal möglichst nahe kommen kann. Es sind vier einfache Regeln.

 

Regel Nr. 1: Erfülle die Erwartungen deiner Leser*Innen.

 

Jedes Buch weckt mit seinem Cover, seinem Klappentext und natürlich auch mit seiner Erzählung eine bestimmte Erwartungshaltung. Geht es in der Geschichte um ein Pärchen auf der Suche nach der ewigen Liebe? Präsentiert sich das Buch in bonbonbunten Pastellfarben, mit einem fröhlichen Cover und einem schmachtenden Titel? Erzählt es die Geschichte, wie er und sie alle Hindernisse überwinden, um sich irgendwann in den Armen zu liegen und gemeinsam in den Sonnenuntergang zu reiten? Dann erfülle diese Erwartungen! Das Pärchen sollte tunlichst nicht sterben, weder bei einem Verkehrsunfall, noch durch die Hand eines Serienkillers oder eines Monsters, und sich auch nicht trennen, gegenseitig betrügen oder ausnutzen. Ebenso sollte ein düsteres, bedrohliches, unheilvolles Buch keine rosarote Liebesgeschichte erzählen. Gebt also den Leser*Innen, was sie erwarten: ewige Liebe, atemlose Spannung, der Sieg des Guten über das Böse. Auftreten und Inhalt eines Buches - bis hin zum Ende - müssen stimmig sein. Ein unpassendes Ende wirkt wie ein lautes, disharmonisches Instrument in einem Orchester: Es stört!

 

Regel Nr. 2: Ein letzter, abschließender emotionaler »Knall«.

 

Eine gute Geschichte lebt davon, dass sie die Leser*Innen auf eine Gefühlsreise mitnimmt. Ganz gleich, ob es sich um einen Krimi, einen Thriller, eine Liebes- oder Horrorgeschichte handelt, ganz egal, ob die Handlung in der Gegenwart, der Zukunft oder der Vergangenheit spielt, völlig unabhängig davon, ob die Hauptfiguren sympathische Alltagsleute sind, grausame Rächer oder übermenschliche Helden, sie alle faszinieren vor allem durch den Kampf, den sie ausfechten und damit durch die Gefühle, die sie bei den Leser*Innen erzeugen. Das große Finale macht da keinen Unterschied. Ganz im Gegenteil: Es ist derjenige Punkt einer Erzählung, an dem ein letztes, richtig großes, fulminantes Gefühlsfeuerwerk abgebrannt werden sollte. Das Ziel ist erreicht, der Berg erklommen, die Helden haben gesiegt und das Böse hat verloren. Das muss doch gefeiert werden, oder? Stellt Euch nur mal vor, was beispielsweise die erste Mondlandung von Apollo 11 wert gewesen wäre, hätten nur ein paar gelangweilte Reporter die drei Astronauten in Empfang genommen. Unvorstellbar! Oder ein Jahreswechsel ohne Sekt, Knallerei und Partytrubel? Wie langweilig wäre das denn? Im Jubel der Massen, in dem großen Finale eines Ereignisses liegt letztlich ein Statement, nämlich: »Was Ihr hier erlebt, das ist einfach großartig! Es ist außergewöhnlich!« Wenn also ein Buch mit einem drögen, farb- und fantasielosen Ende abschließt, dann kann das keine Begeisterung auslösen. Schenkt also den letzten Seiten Eures Buches mindestens so viel Aufmerksamkeit und Liebe wie den vorherigen - wenn nicht sogar mehr.

 

Regel Nr. 3: Alle losen Enden werden zusammengeführt.

 

Moment mal, einen Augenblick: War da nicht noch etwas mit diesem jungen, gut aussehenden Gärtner, der angeblich eine Affäre mit der Hausherrin hatte? Und was ist aus dem blutigen Messer geworden, welches so auffällig in der Küche herumgelegen hat? Dazu findet sich kein einziges Wort mehr. Und dieser Nachbar, der so seltsam um die Häuser herumgeschlichen ist: Was ist aus dem geworden?

 

Geschichten leben davon, dass sie Handlungsfäden spinnen: Feine, anfangs noch voneinander getrennte Teile der Erzählung, die zusammengewoben das große Ganze ergeben. Manche sind für den Ausgang einer Geschichte mehr relevant, andere wiederum weniger. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Im Finale spielen sie eine Rolle, und keiner darf vergessen oder ignoriert werden. Bleiben solche Fäden »lose«, bilden also keine für die Leser*Innen erkennbare Verbindung zum Ausgang einer Geschichte, so irritiert das und hinterlässt ein komisches und unbefriedigendes Gefühl. Im Gegensatz zum tatsächlichen Leben, in dem jede Sekunde Unmengen an Dingen gleichzeitig geschehen, von denen manche für bestimmte Entwicklungen relevant sind und andere wiederum nicht, fokussiert sich ein Buch allein auf das Wesentliche (oder sollte das zumindest tun). Jede Einzelheit, die in den Kapiteln beschrieben wird, jede Begegnung, jedes Wort, jede Handlung ist ein Baustein in dem großen Mosaik, ein Detail in dem großen literarischen Gemälde. Dinge, die nicht zu diesem Gemälde beitragen, haben in einem Roman nichts verloren. Tauchen sie dennoch auf, in Form dieser losen Fäden, bleibt bei den Leser*Innen die Frage zurück, weshalb sie der Autor überhaupt hinzugefügt hat, obwohl sie doch offenkundig keine Rolle spielen. Das literarische Werk wirkt unausgegoren, unüberlegt, im schlimmsten Fall sogar dilletantisch.

 

Auch hierzu ein Beispiel. Der irische Bestsellerautor Patrick Dunne, der eigentlich für grundsolide und sehr spannende Thriller bekannt ist (und daher auch zu meinen Lieblingsautoren zählt) hat sich in seinem vorletzten Werk »Totenbild« ein paar wirklich üble Schnitzer erlaubt: Er hat etliche Handlungsfäden eröffnet, die am Ende überhaupt keinen Sinn ergeben und rein gar nichts mit der Geschichte zu tun haben. So verstrickt sich beispielsweise einer der Protagonisten, der Moderator Dave Miller, in einen mehrmals angedeuteten Pädophilieskandal, doch dieser Teil der Handlung verläuft irgendwann im Nichts und wird nicht weiter erwähnt. Keine Aufklärung, keine Auflösung, keine Verbindung zur Geschichte. So etwas frustriert ungemein und hinterlässt Ratlosigkeit. Daher lautet die Regel: Der Fokus muss stets auf der Handlung bleiben, und alle - ja, wirklich ALLE! - eröffneten Fäden müssen am Ende ins Finale münden und zur Auflösung beitragen. Tun sie dies nicht, so müssen sie entfernt werden.

 

Regel Nr. 4: Nicht zu viel & nicht zu wenig.

 

Etwas weiter oben hatte ich es bereits erwähnt: In »Der 26. Stock« von Enrique Cortés mündet die Geschichte in ein grausam langatmiges, zähes und über mehrere Kapitel gestrecktes Finale. Eine Seite folgt auf die nächste, und obwohl man sich als Leser*In relativ schnell zu denken beginnt: »Jetzt ist es doch langsam mal gut«, erzählt der Autor immer weiter und weiter. Der Abschluss dieses Buches ist kein Feuerwerk, er ist ein literarischer Marathon. So gesehen ist Cortés also eine Art spiegelverkehrtes Abbild von Andreas Eschbach, der »Teufelsgold« viel zu hektisch, knapp und oberflächlich beendet hat. Auch das ist eine Todsünde.

 

Fairerweise muss man allerdings sagen: Eine Orientierungshilfe zu geben, wie lang (oder kurz) ein Finale eines Buches optimalerweise sein sollte, um seine Wirkung zu entfalten, ist sehr schwer. Ich habe mir dennoch eine Regel erarbeitet, die ich den »Werbeblock-Trick« nenne. Stellt Euch vor, Euer Buch wäre ein Film im Fernsehen. Abgesehen von den öffentlich-rechtlichen Sendern (also ARD und ZDF) ist es dort normal, dass die Handlung immer mal wieder von Werbeblöcken unterbrochen wird. Diese kleinen Tribute an die Konsumgesellschaft sind zwar störend, werden aber hingenommen, solange sie das Schauvergnügen des Films nicht allzu sehr beeinträchtigen. Nun stellt Euch vor, dass Ihr vor einem solchen Film sitzt, es kommt zu dem großen Finale, Gut trifft auf Böse, die Schlacht beginnt, die Fetzen fliegen, das Feuerwerk nähert sich seinem Höhepunkt ... und dann kommt ein Werbeblock! Danach geht es genauso weiter: Wieder Kabumm und Kapäng, wieder hallen die Fanfaren und dröhnen die Trommeln, wieder steigert sich die Spannung ins Unendliche ... um abermals von einem Werbeblock unterbrochen zu werden! Und nun stellt noch Euch abschließend vor, dass sich dieses bizarre Spiel vier-, fünf- oder sechsmal wiederholt. Da kommt kein Spaß auf, nicht wahr? Genauso ist es mit der Handlung eines Romans: Sobald der Punkt erreicht ist, an dem alles aufgeklärt wird, an dem sich die einzelnen Fäden zusammenfinden, sollten nicht mehr allzu viele »Werbeblöcke« (in Form von Kapiteln) kommen, und die Handlung sollte auch nicht ins Unendliche ausufern. Ich persönlich habe es mir angewöhnt, meine Bücher mit maximal zwei Kapiteln zu beenden: Eines, in dem das Finale mit all einen Höhepunkten stattfindet, und schließlich noch ein zweites, um nach der atemlosen Hast und den Abenteuern etwas Ruhe einkehren und den wilden literarischen »Ritt« mit ein paar beruhigenden Worten ausklingen zu lassen.

 

Letztlich ist es also eine Frage des Fingerspitzengefühls: Habe ich alles erzählt, was notwendig ist, oder bin ich zu knapp in meinen Schilderungen? Schweife ich zu sehr ab, oder bringe ich die Dinge gut auf den Punkt? Wenn Ihr Zweifel daran haben solltet, ob Euch ein Ende gelungen ist oder nicht, so besorgt Euch einfach Testleser*Innen - optimalerweise solche, die nicht zu Eurem persönlichen Bekannten- oder Verwandtenkreis gehören -, und lasst sie Euch entsprechendes Feedback geben. Dadurch bekommt Ihr einen sehr guten Eindruck davon, wie Euer Finale wirkt.

 

Der Cowboy steigt auf sein Pferd. Mit einem coolen Zwinkern schaut er noch ein letztes Mal zu Euch herüber, zieht seinen Hut zurecht und lässt die Leine schnalzen. Das prachtvolle Tier setzt sich in Bewegung. Mit kraftvollen, majestätischen Schritten trabt es dem Sonnenuntergang entgegen und lässt seinen Besitzer all die schmerzvollen Erinnerungen der letzten Wochen nach und nach vergessen. Sein neues Leben in Carlson City konnte endlich beginnen!

 

(Ende)


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


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