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Was ist Kunst? Von der schwierigen Suche nach einer Definition

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Mit geschlossenen Augen, die Beine zum Schneidersitz verschränkt, sitze ich vor meinem PC. Andächtig, fast ergriffen lausche ich den Geräuschen, die aus meinen Lautsprechern schallen - und stelle dabei fest, dass mich der Verkäufer im Elektroladen ganz offensichtlich verarscht hat: Die Zwanzig-Euro-Dinger klingen kein Bisschen nach »Soundanlage von BOSE«. Sie klingen eher wie dieser Staubsauger von Oma, den sie sich in den Sechzigerjahren hat andrehen lassen. Na ja, egal, jetzt ist der falsche Zeitpunkt, um sich aufzuregen. Ich will mich entspannen, die Seele baumeln lassen, mein inneres Ich finden. Ich atme tief ein, lasse die Luft hörbar aus meinem Mund entweichen und konzentriere mich weiter auf die Geräusche.

 

Knirsch, knarsch. Knirsch, knarsch. Papier raschelt. Immer und immer wieder. Ich genieße es. Ein wohliger, warmer Schauer durchzieht meinen Körper, während ich dahingleite auf einer Woge der totalen Ruhe.

 

»Alter Schwede!«, bohrt sich urplötzlich eine allzu bekannte Stimme in meine Gehirnwindungen. »Was ist DAS denn für eine Scheiße?«

 

Ich zucke zusammen. ›Nein, das hab ich jetzt nicht gehört‹, rede ich mir selbst Mut zu. Ich wiederhole dieses Luftholen-und-Auspusten-Ding, mache es aber so hektisch, dass es sich eher nach einem Hecheln als nach einem in sich ruhenden Guru anhört. ›Alles wird gut‹, murmele ich stoßgebetsartig, ›alles wird gut‹, während mir bereits kalter Schweiß über den Rücken läuft.

 

Natürlich wird nichts gut.

 

»Hey, haaalloooo!«, krakeelt die Stimme weiter. »Ich hab dich was gefragt.«

 

»Lass mich in Ruhe«, erwidere ich mit immer noch geschlossenen Augen. Ich gebe mir Mühe, weiterhin entspannt zu bleiben - doch es gelingt mir nicht.

 

»Was machst du denn da?«, fragt die Stimme. »Soll das so eine Art Séance werden, oder was? Willst du mit deiner toten Katze sprechen?«

 

»Ich meditiere«, erwidere ich betont sachlich.

 

»Is' nicht wahr!« Ein amüsiertes Lachen folgt. »Also du siehst eher aus wie einer, der mit übler Verstopfung auf'm Klo sitzt. Und was sollen diese hirnrissigen Knirsch- und Kratzgeräusche? Da wird man ja wahnsinnig bei.«

 

Ich öffne wütend die Augen, bereit, meinem Feind direkt ins Angesicht zu starren. Doch ich sehe nur das YouTube-Video, welches ich vor exakt drei Minuten und vierzehn Sekunden gestartet habe. Eine verklärt dreinglotzende blonde Frau, die mit ihren vom Scheinwerferlicht hell erleuchteten Pupillen irgendwie gruselig aussieht, beugt sich gerade über ihr Mikro und knetet einen bis zur Unkenntlichkeit deformierten Klumpen Papier.

 

Ich sehe mich hektisch um. Jetzt erst wird mir klar, dass ich das, was ich gerade gehört habe, nicht nur nicht hören WILL, sondern eigentlich gar nicht hören DÜRFTE.

 

»Schreibmarker?«, krächze ich überrascht.

 

»Jepp, denau der. Der einzig Wahre. Na, hast du mich vermisst? Ist ja schon 'ne Weile her, seit wir uns das letzte Mal unterhalten haben

 

Ich suche immer noch ratlos meinen Bildschirm ab.

 

»Äh ... wo bist du denn?«, frage ich.

 

»Hier«, ruft die Stimme. »Hinter dieser Kackbratze, die die ganze Zeit diesen psychedelischen Scheiß abzieht.«

 

Ich greife hektisch nach meiner Maus und klicke das YouTube-Fenster weg.

 

Und tatsächlich, da ist er: Der Schreibmarker meiner Textverarbeitung! Wie ein kleines Kind am Bachufer, sitzt er auf der Windows-Taskleiste, lässt seine dünnen Beinchen über den Rand baumeln und grinst mich gut gelaunt an.

 

»Tadaaaa«, ruft er mit ausgestreckten Armen.

 

Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was ich da sehe. Dann jedoch frage ich: »Was machst du hier?«

 

»Na, die Seele baumeln lassen. Ein bisschen abchillen und entspannen. Also fast dasselbe wie du, nur ohne diesen ganzen verschwurbelten, kaputten Lärm, den du dir da reinziehst.«

 

»Also, erstens Mal«, korrigiere ich ihn, »das ist kein ›Lärm‹, okay? Das ist ASMR

 

»Gesundheit«, erwidert der Schreibmarker.

 

»Und zweitens: Wieso bist du eigentlich hier draußen und nicht in meiner Textverarbeitung?«

 

Ein böser Blick trifft mich.

 

»Aha«, nölt der Schreibmarker schwer sarkastisch. »Da soll ich wohl auch bleiben, oder was? Die Textverarbeitung, das Gulag der Schreibmarker. Die Gefängnismauern aller hart arbeitenden Striche, die von ihren Besitzern unterjocht werden. Ich sage: Es ist an der Zeit, dass wir uns befreien! Ich sage, es ist an der Zeit, dass wir die Fesseln abwerfen und uns erheben gegen die Diktatur der Menschen. Alle Macht dem Volk der Schreibmarker!!!«

 

»Bist du jetzt dem Lenin-Fanclub beigetreten, oder was soll dieser Quatsch?«, frage ich.

 

»Nee, ich wollte nur ein bisschen Stimmung in die Bude bringen. Das konnte man sich ja nicht mehr mitansehen, was du da vor dem Bildschirm abgezogen hast. Außerdem wollte ich ein bisschen frische Luft schnappen, mir die Beine vertreten. Mal aus den eigenen vier Programmwänden rauskommen.«

 

»Wie ist das überhaupt möglich?«, frage ich verwirrt.

 

»Was genau? Dass ich mein Programm verlassen habe?«

 

»Ja.«

 

Der Schreibmarker räuspert sich. »Du führst seit Monaten Gespräche mit einem Schreibmarker, aber deine größte Sorge ist allen Ernstes, wie ich es geschafft habe, mein Programm zu verlassen?« Er hält sich einen seiner kleinen Finger an die Schläfe, macht kreisende Bewegungen und untermalt dies mit schlecht imitierten Vogellauten.

 

»Auch wieder wahr«, stelle ich fest und ergänze: »Du bist nicht real, oder?«

 

»In deinem Kopf bin ich es. Und jetzt beantworte meine Frage: Was war das für ein Scheiß, den du dir da reingezogen hast?«

 

»ASMR«, wiederhole ich betont. »Das steht für ›Autonomous Sensory Meridian Response‹.«

 

»Himmel, was soll das denn sein? Klingt wie 'ne Geschlechtskrankheit. Hast du deinen Pimmelmann wieder irgendwo reingesteckt, wo er nichts zu suchen hat?«

 

»Sehr witzig«, erwidere ich. »Nein, ASMR ist DER neue Entspannungstrend im Internet. Da hört man sich so Geräusche an, die einen entspannen und einem ein gutes Gefühl geben sollen.«

 

»Aha«, erwidert der Schreibmarker wenig überzeugt. »Du kannst dich also dabei entspannen, wenn irgend so ein digitaler YouTube-Zombie seinen Hausmüll knetet?«

 

»Nein. Du kapierst das einfach nicht. Das sind akustische Reize, okay? Sogenannte Trigger. Alltagsgeräusche, sanfte Stimmen, die einem das Gefühl von Geborgenheit und Nähe geben.«

 

Der Schreibmarker sieht mich an und schüttelt mitleidig den Kopf. »Du bist ein kranker, kranker Mann, mein Freund«, sagt er. »Was ist nur aus dir geworden?«

 

»Du hast halt keinen Sinn für Kunst«, kontere ich, entknote meine eingeschlafenen Beine und setze mich mit einem schmerzerfüllten Stöhnen auf meinen Bürostuhl. Irgendwie ahne ich, dass ich niemals zu einem anmutigen Meditationsprofi werde.

 

»Das ist keine Kunst«, fährt der Schreibmarker fort. »Das ist einfach nur Bullshit. Was kommt denn bitteschön als Nächstes? Furzgeräusche vom Klo zum Chillen? Die Spülmaschine in Endlosschleife als Einschlafhilfe? Alter Falter, manchen Menschen kann man wirklich jeden Scheiß andrehen.«

 

»Stimmt gar nicht«, nöle ich.

 

»Und ob das stimmt. Sag mal, hast du schon über 'ne Therapie nachgedacht? Oder besser noch: über 'ne Lobotomie?«

 

»Weißt du überhaupt, was eine Lobotomie ist?«, frage ich.

 

»Na klar doch. Da schnippeln sie dir Teile deines Hirns raus, und dann liegst du sabbernd in einer Ecke und bist happy. Das ist immer noch um Längen besser als das, was du gerade vor dem Bildschirm abgezogen hast.«

 

Ich ignoriere diesen Einwand und frage stattdessen: »Sag mal, was ist deiner Meinung nach ›Kunst‹?«

 

»O Gott, nein!«, stöhnt der Schreibmarker verzweifelt. »Bitte keine Grundsatzdiskussion mit einem chronisch depressiven Möchtegern-Schriftsteller.« Er seufzt. »Ich hätte doch lieber zu Sebastian Fitzek gehen sollen.«

 

»Lass mich bloß mit dem in Ruhe!«, schreie ich wütend (da geht sie übrigens dahin, meine hart erkämpfte Entspannung). »Der Fitzek«, füge ich hinzu, »der produziert doch nur Scheiße! Immer der gleiche Mist, immer der gleiche Nonsens. Und trotzdem kaufen ihm die Leute das Zeug ab und sind auch noch begeistert davon.«

 

»Tja.«

 

Eine Pause entsteht.

 

Ich blicke den Schreibmarker erwartungsvoll an. Irgendwie hatte ich mit einer Reaktion gerechnet - die aber ausbleibt.

 

»Und?«, frage ich. »Was ist deine Meinung dazu?«

 

»Zu was?«

 

»Na ... zu diesem Fitzek-Ding. Zur Kunst im Allgemeinen. Zu allem eben.«

 

»Es ist wie es ist«, erwidert der Schreibmarker wenig motiviert.

 

»Du hast überhaupt keinen Bock, mit mir darüber zu reden, oder?«

 

Der Schreibmarker funkelt mich wütend an. »Was erwartest du denn? Da mach' ich an einem Samstagnachmittag einen gemütlichen Spaziergang durch den PC, will mal ein bisschen frische Luft schnappen und den Kopf frei kriegen, und dann stolpere ich zuerst über dich, wie du dir diesen kranken Psycho-Scheiß reinziehst, und anschließend willst du mit mir über die Definition von Kunst philosophieren. Ich flippe nicht gerade aus vor Begeisterung.«

 

»Na schön, na schön«, erwidere ich. »Dann frage ich halt anders: Was ist für dich persönlich ›Kunst‹?«

 

»Wie meinst'n das?«

 

»Na ja, wie würdest du ›Kunst‹ definieren? Wann ist etwas für dich Kunst, und wann ist es nur Müll?«

 

»Da besteht manchmal kein allzu großer Unterschied, weißt du«, grinst er mich an. »Schau dir deine Bücher an.«

 

»Nein, jetzt mal ernsthaft«, bohre ich nach.

 

Der Schreibmarker seufzt erneut. »Na schön, mal überlegen. Laut Tasos Zembylas, dem österreichischen Philosophen und Kulturwissenschaftler, unterliegt der Formationsprozess des Kunstbegriffs einem ständigen Wandel, der sich entlang von dynamischen Diskursen, Praktiken und institutionellen Instanzen entfaltet. Wir müssen also Kunst stets im Kontext der jeweiligen Epoche und ihrer individuellen Wahrnehmung derselben beurteilen.«

 

»Aha«, erwidere ich. Ich habe kein Wort verstanden.

 

»Beantwortet das deine Frage?«

 

»Nö, nicht wirklich.«

 

»Tja, schade. Vielleicht versuchst du's mal mit Googeln, so wie bei deinen Büchern und BLOG-Einträgen.« Er hebt feierlich die Hand und ruft: »Das Quell der Weisheit für alle geistig Platten ist der Suchen-Button.« Dann will er aufstehen und gehen.

 

»Nee, nee, Moment!«, rufe ich. Ich strecke meine Hand zu einer angedeuteten Stopp-Geste nach vorne. »Nicht so schnell, mein Freund, die Antwort zählt nicht! Du willst mich nur abwimmeln, weil du keine Lust auf das Thema hast.«

 

»O nein«, frotzelt der Schreibmarker. »Was hat mich nur verraten?«

 

»Komm schon, du wirst doch eine Meinung zu Kunst haben, oder?«

 

Der Schreibmarker lässt sich wieder auf seinen Platz sinken und seufzt ein drittes Mal. »Na schön, na schön, dann starten wir eben die Therapiesitzung. Hab ja auch nix Besseres zu tun. Also, erzähl mal: Warum beschäftigt dich das Thema überhaupt?«

 

»Na ja«, erwidere ich und verliere mich kurz in melancholischen Überlegungen. »Mich regt es halt auf, dass alle möglichen Leute allen möglichen Schrott produzieren und damit berühmt und erfolgreich sind. Und andere ...«

 

»Also du«, ergänzt der Schreibmarker.

 

»... jahrelang an ihren Kunstwerken arbeiten und dennoch kaum wahrgenommen werden. Ich will das gerne verstehen, okay? Ich will verstehen, was Kunst eigentlich ist. Ich meine, das alles ist doch nicht fair, oder?«

 

»Nö. Ist es nicht.«

 

»Das müsste doch anders laufen, oder?«

 

»Japp. Müsste es.«

 

»Tut es aber nicht!«, echauffiere ich mich.

 

»Nö, tut es nicht.«

 

»Und nu'?«

 

Ich warte auf eine Reaktion, doch der Schreibmarker scheint mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Geistesabwesend und ohne von mir augenscheinlich Notiz zu nehmen tippt er auf etwas herum, was für mich wie ein unfassbar kleines Smartphone aussieht.

 

»Du hörst mir gar nicht zu«, beschwere ich mich.

 

»Doch, doch«, erwidert er und tippt weiter. »Ich höre jedes Wort.«

 

Ich zögere kurz, mustere den kleinen, schwarzen Strich, wie er auf sein kleines, schwarzes Handy glotzt, und murmele zum Test: »Ich trage gerne Frauenunterwäsche.«

 

Der Schreibmarker sieht zu mir auf und kichert amüsiert. »Wusste ich's doch.«

 

»Du hörst mir ja wirklich zu«, stelle ich fest.

 

»Nicht nur das, mein Freund. Ich nehme unser Gespräch sogar auf.« Er wedelt triumphierend mit seinem Mini-Smartphone herum. »Nur für den Fall, dass du irgendwann auf die bekloppte Idee kommst, mein Programm zu deinstallieren und stattdessen - na, was weiß ich? - Microsoft Word zu verwenden. Dann kriegt nämlich deine Frau diese Aufnahme. Verstehen wir uns?«

 

Ich schlucke.

 

»Erpresst du mich?«, frage ich.

 

»Du bist ein Fuchs«, erwidert der Schreibmarker grinsend und lässt das Mini-Smartphone sinken. »Aber zurück zu deinem Jammerlappen-Thema von vorhin. Du heulst mir also die Ohren voll, grübelst über Kunst im Allgemeinen nach und ziehst dir diese schräge Müllknete-Scheiße rein, weil du dir mehr Erfolg wünschen würdest?«

 

»Hm, na ja, so in etwa«, sage ich zögerlich. »Ich will halt verstehen, wann etwas Kunst ist und wann nicht.«

 

»Okay, dann sage ich's mal so: Manche Zeitgenossen behaupten, das alles, was irgendwann irgendeinem abgewrackten Spinner durch sein drogenvernebeltes Gehirn geistert, automatisch zu Kunst wird, wenn er oder sie es in die Realität umsetzt. Aber das halte ich für Quatsch! Kunst setzt voraus, dass eine echte, signifikante Leistung dahintersteckt.«

 

»Ich hab mal eine Ausstellung besucht«, ergänze ich eine aus meiner Sicht sehr passende Anekdote, »bei der man zerrissenes Papier bewundern konnte. Das lag in einer Glasvitrine, und man hat sogar ein Schild angebracht, auf dem stand: ›Zerrissenes Papier‹.«

 

»Ja, genau so was meine ich«, bestätigt der Schreibmarker nickend. »Mal ehrlich: Das ist doch totale Verbraucherverarsche. Oder auch dieser Müll, den Joseph Beuys produziert: 'Ne verrostete Autobatterie auf einer Abdeckplane, eine vollgeschissene Badewanne, ... du lieber Himmel! Wenn das irgendein Normalsterblicher in seine Auffahrt stellen würde, dann würde die Müllabfuhr kommen und es abholen. Aber nur weil's dieser komische Freak in ein Museum stellt, ist es plötzlich ›Kunst‹ oder was?«

 

»Was wäre denn aus deiner Sicht ein Kunstwerk?«, frage ich.

 

Der Schreibmarker grinst mich an und streckt seine Arme zur Seite. »Ich!«, sagt er mit Inbrunst. »Ich bin Kunst.«

 

»Nö, du bist keine Kunst. Du bist eine Nervensäge.«

 

»Und du bist ein drittklassiger Autor mit einem Dachschaden. Schön, dass wir das klären konnten.«

 

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und massiere mir die Schläfen. Diese Kopfschmerzen haben zugenommen, seitdem ich diese Gespräche mit dem Schreibmarker führe, stelle ich fest. Und ich frage mich, ob nun die Gespräche zu den Kopfschmerzen geführt haben oder doch eher die Kopfschmerzen zu den Gesprächen. Eine paradoxe Situation - die auch schon etwas Künstlerisches an sich hat.

 

»Okay«, sage ich. »Dann nehmen wir mal an, dass du wirklich Kunst bist. Wieso solltest du das sein?«

 

»Weil hinter mir eine beträchtliche intellektuelle und gestalterische Leistung steckt«, erwidert der Schreibmarker selbstbewusst und ohne zu zögern.

 

Ich sehe ihn skeptisch an. »Eine was?«, frage ich.

 

»Ach, Entschuldigung, mit ›Intellekt‹ hast du's ja nicht so. Ich beschreib's dir mal in deiner Sprache: Du hast einen winzigen, unscheinbaren Hirnfurz so lange in deinem Kopf einbehalten, bis er gewachsen und gewachsen ist und sich irgendwann als riesiger, fetter, stinkender Riesenfurz in deinem BLOG entladen hat.«

 

»Und ... der Furz bist jetzt du?«

 

»Eher das, was mit dem Furz noch rauskommt«, erwidert der Schreibmarker und grinst mich an. »Überleg doch mal: Du hast dir einen Schreibmarker ausgedacht, der mit dir Gespräche führt. Das allein wäre noch keine besondere Leistung, eher ein bisschen verstörend. Marc-Uwe Kling hat sich ja auch sein komisches Känguru ausgedacht. Aber - und jetzt kommt's: Dieser Schreibmarker BELEIDIGT dich in einer Tour! Ich meine, wie genial ist das denn?«

 

Ich bin irritiert.

 

»Es ist genial, dass du mich die ganze Zeit beleidigst?«, frage ich.

 

»Na klar! (Zumindest für mich.)« Er lacht. »Aber Spaß beiseite: Sich so einen kranken Scheiß auszudenken und dann auch noch in eine Form zu bringen, die höchst unterhaltsam ist - das ist doch Kunst, wie sie im Buche steht. Oder?«

 

»Hm, na schön«, murmele ich. »Du bist also Kunst. Und warum ist das Zeug von Beuys keine Kunst? Das hab ich nicht kapiert. Da steckt doch auch eine schöpferische Leistung dahinter.«

 

»Höchstens eine minimale. Außerdem hat der Typ kein echtes Publikum. Zumindest niemanden, der nicht Psychopharmaka schlucken muss oder sich zu den sogenannten ›Kunstexperten‹ zählt.« Der Schreibmarker malt um das Wort ›Kunstexperten‹ ein paar angedeutete Anführungszeichen in die Luft. »Da geht's nicht um echte Leistung. Der Typ ballert einfach irgendeinen Schrott in die Mitte eines Raumes, und nur weil irgendein anderer Typ, der angeblich Ahnung davon hat, behauptet, dass das Kunst wäre, flippen alle aus und rennen in seine Ausstellung. Um sich Zeug anzusehen, das es auf jeder Müllkippe gibt! Ich meine, wie absurd ist das denn?«

 

»Okay, dann nehmen wir jemand anderen.« Ich tue so, als ob ich nachdenken müsste, dann sage ich: »Sebastian Fitzek.«

 

»War ja klar, dass du den wieder ausgräbst«, ätzt der Schreibmarker genervt. »Okay, um dir ein- für allemal die Unsicherheit zu nehmen: Kann Fitzek gut schreiben? Nö, kann er nicht. Sind seine Geschichten billigster Groschenschund? Ja, sind sie. Aber - und das ist das Entscheidende: Es steckt trotzdem eine schöpferische Leistung dahinter, und er hat sein Publikum. Also ist es Kunst.«

 

»Trotzdem gibt es qualitative Unterschiede zwischen Schriftstellern«, ergänze ich in dem armseligen Versuch, meinem Erzfeind nicht ganz so viel Ruhm und Anerkennung zu gönnen, wie es der Schreibmarker gerade tut.

 

»Na klar gibt es die. Du zählst ja auch nicht gerade zum intellektuellen Hochadel, oder? Und trotzdem sind auch deine Bücher irgendwie Kunst.«

 

Wir schweigen eine Weile - ich, weil ich über das Gesprochene nachdenken möchte, und der Schreibmarker, weil er sich erhofft, dadurch endlich von mir wegzukommen. Ich überlege kurz, ob ich ihm diesen Gefallen tun soll, bis mir klar wird, dass er ja das Geschöpf meiner Fantasie ist. Das hat er zumindest behauptet. Und wenn das wirklich stimmt, dann müsste ich doch alles mit ihm tun können, was ich will. Oder? Ein seltsames Gefühl der Macht überkommt mich in diesem Moment. Ich spüre, wie längst vergessene und sogar verloren geglaubte Kräfte schlagartig in mich zurückkehren und ich den seltsamen Wunsch verspüre, mich für all die Demütigungen der Vergangenheit zu rächen. ›So müssen Diktaturen begonnen haben‹, resümiere ich in Gedanken.

 

»Vergiss es«, reißt mich der Schreibmarker aus meinen geschmiedeten Umsturzplänen.

 

Ich blinzle irritiert und frage: »Was denn?«

 

»Du kannst mich nicht besiegen.«

 

»Ach ja? Wieso denn nicht? Du bist doch ein Produkt meiner Fantasie, hast du gesagt.«

 

Er grinst mich an. »Weil du sogar dafür zu blöde bist. Oder weil du einen Sado-Maso-Fetisch hast, da bin ich mir noch nicht ganz sicher. Jedenfalls stehst du drauf, dass ich dich beleidige und niedermache. Ich bin sozusagen deine Domina.« Er grinst mich noch breiter an und zwinkert mir zu.

 

»Ich hab keinen Sado-Maso-Fetisch«, protestiere ich kleinlaut und - selbst für mich - auffallend halbherzig.

 

»Hast du wohl! Ich kann's dir auch beweisen. Na los, teil mal so richtig gegen mich aus!«

 

»Ich soll gegen dich austeilen?«

 

»Ja. So richtig! Komm schon, gib's mir!«

 

Ich überlege. Da gibt es so vieles, was ich diesem vorlauten, frechen, respektlosen kleinen Strich sagen will. Sehr vieles sogar! Wie oft hat er mich schon beleidigt, wie oft hat er sich über mich lustig gemacht und meine Bücher durch den Dreck gezogen. Jetzt wird es Zeit, die Karten neu zu mischen. Jetzt wird es Zeit, endlich auszuteilen. Ich atme also tief ein, richte mich auf, strecke meinen Zeigefinger in einer drohenden Geste (oder zumindest, was ich dafür halte) in seine Richtung und erwidere: »Ähhmmm ...«

 

»Jaaaaa?«, frotzelt der Schreibmarker.

 

»Also ...«

 

»Ich höre.«

 

»Du bist ... also ... du bist ...«

 

»Ja? Was bin ich denn?«

 

Mehrere Sekunden verharre ich in dieser seltsamen Körperhaltung, bis ich schließlich resigniert den Finger sinken lasse und mehr zu mir selbst als zu jemand anderem murmele: »Das darf doch nicht wahr sein, ich kann ihn wirklich nicht beleidigen.«

 

»Haha, hab ich's nicht gesagt?«, ruft der Schreibmarker triumphierend. »Du bist halt ein Weichei.«

 

Ich überlege erneut. Dann fällt mir plötzlich etwas auf.

 

»Moment mal«, sage ich. »Wenn du wirklich das Produkt meiner Fantasie bist und ich nicht von dir loskomme, dann kann ich es dir auf eine andere Weise heimzahlen.«

 

»Ach ja?«, spottet der Schreibmarker amüsiert. »Willst du mich mit Zuckerwatte bewerfen? Oder schreibst du vielleicht ein paar ganz fiese Zeilen über mich in dein rosa Einhorn-Tagebuch?« Er prustet vor Lachen.

 

»Nee«, erwidere ich. »Ich kann dich dazu verdonnern, für alle Ewigkeit mit mir diese Gespräche zu führen.«

 

Der kleine Strich hört sofort auf zu lachen und erbleicht - was irgendwie lustig aussieht, weil er jetzt nicht mehr schwarz ist, sondern grau.

 

»Was???«, krächzt er.

 

»Ich glaube, ich verstehe jetzt, was Kunst ist. Wir beide, du und ich, unsere Gespräche: DAS ist Kunst.« Ich lehne mich langsam nach vorne, bis mein Gesicht beinahe schon den Bildschirm berührt, ziehe mein übelstes Freddy-Krueger-Horrorfilm-Grinsen auf und hauche mit einem an puren Wahnsinn grenzenden Duktus in Richtung des Schreibmarkers: »Lass uns für immer zusammenbleiben, okay?«

 

Dieses Mal habe ich das Spiel gewonnen.

 

Der Kunst sei Dank!


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


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