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Von Sauftouristen und Corona-Maßnahmen: Das Problem mit den Balearen

Diese Folge als Audio-BLOG anhören:

Eigentlich hatte ich für diese BLOG-Folge ein völlig anderes Thema vorbereitet - und dieses auch schon fertiggeschrieben. Doch aus gegebenem, aktuellem Anlass habe ich mich dazu entschieden, stattdessen eine andere Folge vorzuschieben.

 

Es geht um die Balearen. Oder noch genauer: um Mallorca. Erst vor einigen Wochen wurden die Grenzen nach dem Corona-Lockdown wieder geöffnet, Passagiermaschinen fliegen die Inseln wieder an, und erste Touristen haben sich rund um die legendäre Schinkenstraße und Bierstraße versammelt, um in bester Tradition ihren Sommerurlaub mit viel Alkohol und Musik zu zelebrieren. So weit, so normal. In diesem Punkt unterscheidet sich das Jahr 2020 nicht von all den Jahren zuvor. Und doch ist diesmal alles anders. Denn als in den letzten Tagen Bilder und Videos von dicht gedrängten Menschenmassen um die Welt gingen, die scheinbar auf alle Corona-Schutzmaßnahmen pfiffen und sich singend und tanzend in den Armen lagen, als habe es eine Pandemie nie gegeben, hörte man einen Aufschrei. Die spanische Regierung zeigte sich entsetzt, ließ umgehend die Lokale schließen und setzte eine allgemeine Maskenpflicht durch. Seitdem herrscht auf der Partyinsel Katerstimmung - und diesmal liegt es nicht am Hochprozentigen. Urlauber sind enttäuscht, weil sie ja gerade fürs Feiern und Trinken hierher gekommen sind, was sie jetzt nicht mehr können, und die Wirte müssen um ihre Existenz bangen. Denn ohne die Parties gibt es keine Einnahmen, und ohne Einnahmen gibt es für sie keine Zukunft. Die Lage ist prekär.

 

Einerseits ist diese Empörung nachvollziehbar. Wer nach Palma fliegt, will feiern, die sprichwörtliche »Sau rauslassen«. So war es all die Jahre über Tradition. Auch die Angst der Wirte ist natürlich voll und ganz nachvollziehbar: Sie haben Familien, die sie ernähren müssen, Rechnungen, die bezahlt werden wollen, und sie mussten gerade erst die qualvollen Wochen des Lockdowns überstehen, die ein riesiges finanzielles Loch in die jeweiligen Kassen und Geldbeutel gerissen haben. Umso größer war die Freude, als gerade jetzt, gerade in der so bedeutenden Hauptsaison, die Grenzen wieder geöffnet wurden und die Touristen zu strömen begannen.

 

Doch in der Causa »Mallorca« zeigt sich ein ganz allgemeines, strukturelles Problem.

 

Zum einen ist der Tourismus das Rückgrat der mallorquinischen bzw. balearischen Wirtschaft. 1960 kamen rund 360.000 Besucher dorthin, 2007 waren es fast 10 Millionen [Quelle: Wikipedia]. Diese Abhängigkeit vom Tourismus teilen sich die Balearen zwar mit vielen anderen Inseln und Regionen des Mittelmeers, doch was hier erschwerend - im Sinne von: das Problem erheblich verschlimmernd - hinzukommt, ist, dass es vor allem die Sauf-, Party- und Eventtouristen sind, die das große Geld mitbringen. Mallorca lebt von den schwerpunktmäßig deutschen wie britischen Menschenströmen, die sich mit Sangriaeimern und Bierflaschen bewaffnet einem mehrtägigen Alkoholexzess hingeben.

 

Diese Situation ist - man muss es leider so sagen - selbst verschuldet. Die Wandlung der Balearen weg von einem herkömmlichen Urlaubsort und hin zu einem Epizentrum der Feierwütigen wurde von der dortigen Regierung bewusst gefördert und vorangetrieben. Mit erheblichen Problemen, die sich nicht erst seit Corona zeigen. Die massive Expansion des Fremdenverkehrs hat zu ebenso massiven Umweltproblemen geführt und beispielsweise die natürliche Wasserarmut massiv verschlimmert. Das Ökosystem gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht und die Landschaft wird durch immer dichtere Bebauung zerstört. Doch erst Corona hat diesem fragwürdigen System einen symbolischen Todesstoß versetzt. Von stark angetrunkenen Menschen in hormongesteuerter Feierlaune ernsthaft zu erwarten, sie könnten sich »besonnen« verhalten, die Abstandsregeln beachten sowie eine Maske tragen, ist schlicht absurd und weltfremd. Mallorca lebt vom Exzess, von der Grenzenlosigkeit, von dem allzu oft beschworenen Motto: »Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr.« Strikte Verhaltens-, Umgangs- und Abstandsregeln passen sosehr dazu wie Donald Trump zu einer Universität.

 

Aber noch ein anderes Phänomen hat diese Entwicklung befeuert, nämlich die zunehmende Ich-Zentriertheit und Selbstverliebtheit der Gesellschaft. Sätze wie »Mir doch egal, was andere über mich denken« sind zum Leitmotto unserer Zeit geworden. Jeder beansprucht zu jeder Zeit jedes Recht, welches er zu haben glaubt. Tugenden wie Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, ein Wir-Gefühl schwinden immer mehr dahin und machen der ungebremsten Selbstentfaltung Platz. Die Welt wird nicht mehr als ein Ort verstanden, an dem viele Menschen zusammenleben und an dem ein halbwegs austariertes Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen vorhanden sein muss, sondern vielmehr als persönliche Spielwiese, auf der alle anderen zurückweichen müssen, wenn jemand seine persönlichen Wünsche und Gelüste ausleben möchte. Anarchie als Gesellschaftsform.

 

Und ein dritter Faktor spielt aus meiner Sicht eine Rolle: nämlich der Wandel in der Party- und Feierkultur. Kaum ein Event heutzutage, sei es nun ein Oktoberfest, eine Kirmes, eine Strandparty, ein Stadtfest, ein Karnevalsumzug oder ein Weihnachtsmarkt, sind etwas anderes als reine Alibi-Veranstaltungen, bei denen es vordergründig um irgendein Ereignis geht, tatsächlich aber um das massenhafte Konsumieren von Speisen und - vor allem natürlich - Alkohol. Eine Feier, bei der nicht mindestens ein Drittel aller Teilnehmer torkelnd oder sogar schwer angetrunken durch die Gegend geistert, ist in den Augen vieler Menschen keine richtige Feier mehr. Es muss gebechert werden, was das Zeug hält, so als könne man (um diesen alten Spruch zu bedienen) ohne Alkohol keinen Spaß haben. In vielen dieser Versuche, sich künstlich eine gute Laune anzutrinken, sehe ich eine tiefe Unsicherheit, Einsamkeit und Abstumpfung. Echte Freude, echter Spaß, eine ausgelassene, respektvolle, jedem zum Wohl gereichende Stimmung scheint für immer weniger Menschen möglich zu sein. Um die angestauten Gefühle des Alltags, die in ihrem Inneren schlummern, entweder zu betäuben oder hervorzulocken, muss zwingend die Hemmschwelle des Gehirns ausgeschaltet werden. Anders ist es nicht mehr möglich.

 

Dabei können Partys und Events so viel mehr sein. Sie bieten uns die Möglichkeit, uns gegenseitig kennenzulernen, miteinander auszutauschen, unseren Horizont zu erweitern und Freundschaften zu schließen. Letztlich ist es genau das, was eine Feier so wertvoll macht: Die Zeit, die man mit anderen verbringt. Seien es nun enge Freunde, neue Bekannte oder völlig Fremde. Vielleicht macht es Sinn, bei der nächsten Feier einfach mal eine Flasche Hochprozentiges weniger auf den Tisch zu stellen und dafür ein paar interessante Gespräche mehr zu führen. Das eine sorgt vornehmlich für Kopfschmerzen und peinliche Handyvideos, das andere wiederum für potenziell lebenslange Freundschaften und eine echte innere Bereicherung.

 

Vielleicht brauchen wir ja genau das, um eine bessere Gesellschaft zu werden: echte Zwischenmenschlichkeit.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


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