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Die Hitler-Erfahrung: Warum die USA auf eine Diktatur zusteuern

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In den Vereinigten Staaten stehen die Präsidentschaftswahlen an. Am 03. November 2020 ist es endlich soweit: Donald Trump und Joe Biden treten gegeneinander an. Wäre das eine ganz normale Wahl wie all die Jahre und Jahrzehnte davor, würde sich wohl kaum jemand außerhalb der US-Grenzen dafür interessieren - mich eingeschlossen.

 

Doch in unseren Tagen ist nichts mehr »normal«.

 

Vier Jahre lang hat Donald Trump vor allem eines bewiesen, nämlich dass er die schlimmsten Erwartungen und Befürchtungen seiner Kritiker nicht nur wahr gemacht, sondern sie um Längen übertroffen hat. Unter Trump ist nichts mehr so, wie es war. Fakten spielen keine Rolle mehr, Ehrlichkeit spielt keine Rolle mehr, Mitgefühl spielt keine Rolle mehr, es regiert nur noch der blanke Hass und Opportunismus. Der Schaden, der dadurch angerichtet wurde - vor allem natürlich in den USA, aber auch im Rest der Welt - ist gar nicht mehr zu bemessen. Wie ein wild gewordenes Trampeltier hat dieser Psychopath alles eingerissen, infrage gestellt, zerstört und unter einer Flut von Lügen begraben.

 

Anfangs dachte ich noch: »Lass' ihn mal machen. Spätestens, wenn das Land vor die Hunde geht und Donald sein wahres Gesicht zeigt, wenn all seine Lügen aufgedeckt und wirren Tweets auf die Welt losgelassen wurden, werden sich die Menschen von ihm abwenden. Trump 2020? Four more years? Keine Chance!«

 

Nun habe ich die Situation in den USA sehr genau mitverfolgt, und erkenne mit Schrecken, dass sich dort etwas zusammenbraut, was ich niemals für möglich gehalten hätte: Eine »Hitler-Erfahrung«!

 

Wir hatten eine solche Erfahrung - hier, in unserem Land! Am 30.01.1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, und damit begannen 12 der düstersten und grausamsten Jahre, die die Welt je gesehen hat.

 

Schon seit der Schulzeit hat mich die Frage umgetrieben, wie es dazu hatte kommen können. Unfassbar schien es mir, dass so viele Menschen so blind in ihr Verderben hatten laufen können.

 

Oder ... waren sie gar nicht blind gewesen?

 

Sieht man sich die Umstände in den Jahren vor und rund um 1933 genauer an, fallen einem ein paar Dinge ins Auge, die maßgeblich zum Aufstieg der Nazis beigetragen haben. Erstens: Hitler (und die Nazis) verstanden es meisterhaft, die Angst der Menschen anzusprechen, sie zusätzlich anzufachen und dadurch für sich nutzbar zu machen. Zweitens: Lügen war an der Tagesordnung und jedes Mittel war recht, um an die Macht zu kommen. Die Wahrheit hatte hier keinen Platz. Drittens: Rechtsstaatliche Prinzipien und Institutionen wurden abgeschafft oder ad absurdum geführt, um nach Gutdünken alles tun zu können, was man wollte - ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

 

Das alles ist nicht neu. Das alles ist hinlänglich bekannt. Was mir aber zusätzlich noch aufgefallen ist: Hitler profitierte vor allem davon, dass er von den Menschen maßlos unterschätzt wurde (z.B. von Hindenburg, der in ihm einen unbedeutenden, kleinen Gefreiten sah), und dass er es gleichzeitig meisterhaft verstand, Menschen für sich nutzbar zu machen. Seine Kritiker glaubten lange, von ihm würde kaum eine Gefahr ausgehen - und wenn, dann höchstens eine kleine. Sie glaubten, dass er schon bald wieder von der politischen Bühne verschwunden sein und sich als Reichskanzler nicht halten würde. Andere wiederum sahen ihre große Chance gekommen, um Karriere zu machen, Erfolg zu haben. Sie meinten in dem Mann mit dem auffälligen Schnurrbart, der so hölzern und unbeholfen wirkte, ein perfektes Sprungbrett für ihre Pläne gefunden zu haben. Heute würde man sagen: Sie waren Opportunisten! Beiden war gemeinsam, dass sie Hitler unterschätzten und dass sie der Überzeugung waren, er würde sich an die altbekannten Spielregeln des Politikapparates halten. Das stellte sich als Irrtum heraus.

 

Wirft man nun einen Blick in die USA der Gegenwart, dann wird klar, warum ich mir so große Sorgen mache: Genau dasselbe Szenario spielt sich momentan dort ab! Trump wurde anfangs maßlos unterschätzt, man hielt ihn für einen dümmlichen, unbeholfenen Sprücheklopfer, und nicht wenige meinten, es würde mit ihm als Präsident »schon nicht so schlimm werden«. Sie meinten auch, dass sich ein Donald Trump an die Spielregeln der Politik halten würde. Und andere wiederum sahen ihre große Chance gekommen, um Karriere zu machen, aufzusteigen, Erfolg zu haben.

 

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die republikanische Partei in einem riesigen Dilemma steckt. Sie haben Trump 2016 zum Sieg verholfen. Sie haben lange Zeit geglaubt, es würde mit ihm schon nicht so schlimm werden und haben sich schützend hinter ihn gestellt, streng nach dem Motto: Jeder republikanische Präsident, und sei er noch so schlecht, ist immer noch besser als ein demokratischer. Bei all diesem Politik-Trubel geht vor allem um Macht, Einfluss, Erfolg, Aufstieg und Geld. Dann jedoch kamen Trumps Hetztiraden und »Säuberungsaktionen«. Er bewies eindrücklich: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Und wer gegen mich ist, den vernichte ich, politisch wie privat. Seine Lügen wurden unerträglicher, seine Twitter-Tiraden immer extremer und wirrer, seine Gedankengänge und Äußerungen menschenverachtender und rassistischer. Er kündigte wertvolle Bündnisse auf, stieß langjährigen, verlässlichen Partnern der USA reihenweise vor den Kopf, pfiff auf jedes Protokoll, jede Etikette, jeden Anstand, provozierte beinahe einen Atomkrieg mit Nordkorea herauf und hinterließ ein tief gespaltenes Land voller Hass und Hetze. Er nahm sich, was er wollte - koste es, was es wolle. Und die Republikaner sahen dabei zu.

 

Denn nun gab es kein Zurück mehr für sie!

 

Trump bedrohte jeden, der ihm nicht folgte. Und je extremer er in seinem Verhalten wurde, desto schwieriger wurde es für die Partei, ihm glaubhaft Einhalt zu gebieten - denn sie hatten ihn ja immer wieder gestützt, verteidigt, sich hinter ihn gestellt. Trump war es meisterhaft gelungen, die Naivität, den Egoismus, die Blindheit und die Karrieresucht der ihn umgebenden Menschen auszunutzen und sie in eine Lage zu bringen, in der sie letztlich nur noch eine Wahl hatten: nämlich ihm notgedrungen weiter zu folgen, also in den sauren Apfel zu beißen und mitzumachen. Oder eben die Macht zu verlieren, die Karriere einzubüßen.

 

Am schlimmsten jedoch war, wie ich finde, was sich seit Mitte des letzten Jahres abgespielt hat. Trump wurde vorgeworfen, er habe sich auf fragwürdige Allianzen mit Russland eingelassen, und jeder glaubte schon: »Okay, that’s it! Der ist erledigt.« Doch weit gefehlt. Trump log und betrog noch mehr und kam frei. Dann wurde ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn eingeleitet, wieder dachten alle: »Jetzt ist er aber endgültig weg vom Fenster.« Doch seine Republikaner waren ihm schon sosehr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, dass sie ihn zwangsläufig freisprechen mussten. Wieder kam er ungeschoren davon. Dann folgte das vielleicht dramatischste Szenario: Die Corona-Krise! Die Infektions- und Todeszahlen in den USA schossen in die Höhe, Millionen von Amerikanern verloren ihren Job, während Trump die Krise erst leugnete und dann kleinredete. Und als es schon viel zu spät war, fabulierte er wirre Theorien zusammen, von Desinfektionsmitteln, die man sich spritzen müsste, oder Lichttherapien, die möglicherweise helfen könnten.

 

Wieder dachten die Menschen: »Das ist sein politischer Tod!«

 

Und prinzipiell ist es das auch. Denn die Umfragewerte - man mag ihnen vertrauen oder nicht - sagen für November einen sehr eindeutigen Sieg seines Kontrahenten Biden voraus. Damit wäre das Kapitel Trump theoretisch abgeschlossen.

 

Diese Aussage basiert aber auf der Annahme, dass sich Trump an die Spielregeln der Politik halten wird. Genau hier ist aus meiner Sicht der Knackpunkt - und hier schließt sich auch der Kreis zu Hitler im Jahre 1933: Trump hat eindrücklich bewiesen, dass er sich an ÜBERHAUPT keine Regeln hält, und die beiden Prozesse, die ihm gemacht wurden, haben ihn darin bestärkt, dass ihm dadurch keinerlei Konsequenzen drohen.

 

Bereits jetzt hat Trump mehrmals behauptet, im Falle eines Wahlsieges der Demokraten könne nur »Betrug« vorliegen - implizit sagt er damit: »Ich erkenne ein solches Ergebnis nicht an!« Und was noch erschreckender ist: Selbst wenn er gewinnen und weitere vier Jahre im Amt sein sollte (Gott bewahre!), ist das Kapitel damit beileibe noch nicht zu Ende. Warum sollte ein Donald Trump danach seinen Platz räumen? Warum sollte er sein Amt abgeben - ganz gleich an wen? Welches Interesse hätte er daran? Antwort: gar keines! Denn für ihn sind die politischen Spielregeln irrelevant. Für ihn sind Regeln per se irrelevant. Ich habe ein Interview gelesen, in dem Trump behauptet hat, er müsse noch »mindestens 12 Jahre Präsident« sein. Mit anderen Worten: Warum sollte ein notorischer Lügner und Betrüger, der es geschafft hat, unberührbar und unverwundbar gegenüber allen juristischen Attacken zu werden, nach 8 Jahren im Amt die Präsidentschaft abgeben? Wer oder was sollte ihn daran hindern, einfach zu behaupten, eine Notlage stünde an und die Regelung, dass ein Präsident nur 8 Jahre im Amt sein dürfe, sei völlig überholt und gelte für ihn nicht mehr?

 

Merkt Ihr, wohin das führt?

 

Trump ist völlig außer Kontrolle geraten! Und Amerika befindet sich an der Grenze zu dem, was ich anfangs als »Hitler-Erfahrung« bezeichnet habe: Der Umwandlung der Vereinigten Staaten in eine Diktatur, wie es die Welt nicht für möglich gehalten hätte, mit Trump als Alleinherrscher, der unbegrenzt lange und frei von allen Folgen alles tun kann, was er möchte.

 

Am 03. November hat das amerikanische Volk die Möglichkeit, seine Stimme abzugeben. Das alleine ist schon wichtig und ich möchte jeden - aus der Ferne heraus - inständig bitten, diese Möglichkeit wahr- und ernstzunehmen und eine weise Entscheidung zu treffen. Aber noch viel entscheidender ist, was in den darauffolgenden Tagen und Wochen geschehen wird! Und hier sind die Politiker - vor allem und gerade der republikanischen Partei - gefragt! Wie werden sie mit einem Donald Trump umgehen, der sein Amt nicht räumen will, sei es nun als Folge einer Niederlage gegen Biden oder als Konsequenz seines Amtszeit-Endes? Werden sie ihn erneut gewähren lassen, um ihre eigenen Fälle nicht wegschwimmen zu lassen, um ihre eigenen Erfolge nicht zu gefährden? Dann ... ja dann werden die USA als Demokratie tatsächlich aufhören zu existieren, und sowohl den Amerikanern als auch der ganzen Welt blühen sehr düstere Jahre. Mit ungewissem Ausgang.

 

Ich hoffe inständig, dass es nicht dazu kommt. Ich hoffe inständig, dass die Ära Trump am 03. November 2020 endet. Sollte es aber anders kommen, dann bleibt uns tatsächlich nur der in Amerika geflügelte Ausdruck: »May God help us all.« Möge Gott uns gnädig sein!


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


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