· 

Die 10 größten Irrtümer der Literaturwelt

Diese Folge als Audio-BLOG anhören:

- Folgt demnächst -

Eine Frau in ihren frühen Dreißigern läuft selbstbewusst durch einen abgedunkelten Raum. Im Hintergrund surrt ein Diaprojektor vor sich hin und erhellt mit seinem Lichtkegel einen schmalen Streifen ihres Weges. Kurz vor dem Ziel - einem klobigen und irgendwie deplatziert wirkenden Schreibtisch vor einem wandhohen Regal -, drückt sie eine Taste, worauf Jalousien, die sich außerhalb des Sichtbereiches der Zuschauer befinden, langsam nach oben gleiten. Die Frau setzt sich auf die Kante des Tisches.

 

»Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse«, hatte sie gerade eben postuliert, um gleich darauf hinzuzufügen, O.B.-Tampons seien für diesen speziellen Abschnitt im Leben von jungen Mädchen und Frauen ganz besonders gut geeignet, denn sie würden die Regel dort aufnehmen, wo sie passiere - im Inneren des Körpers.

 

Eine Handbewegung später war dieser Werbespot von 1993 zum Fernsehkult avanciert.

 

Denn die angebliche »Expertin« legte das kleine, weiße Flauscheding in die Mitte ihres Handtellers und umschloss es zur Verdeutlichung ihrer These mit den Fingern.

 

Der Comedian Michael Mittermeier stellte hierzu süffisant fest: »Ich habe noch nie eine Frau in der Hand bluten sehen.«

 

Wohl wahr!

 

Doch was hat das mit der Literaturwelt zu tun?

 

Ganz einfach: Auch hier existieren Glaubenssätze und Annahmen, Vorstellungen und Überzeugungen, die sich teilweise über Jahrzehnte hinweg in den Köpfen von lese- und schreibbegeisterten Menschen festgesetzt haben und ihr Tun und Handeln maßgeblich beeinflussen. Es sind Denkmuster, die eine idealisierte, beinahe schon perfekte oder zumindest stark zum Positiven hin stilisierte Literaturwelt abbilden, die mit der Realität in etwa so viel gemeinsam hat wie jene legendäre Tamponwerbung.

 

Das Problematische daran ist, dass dadurch Menschen, die sich für Schriftstellerei interessieren, von falschen Grundannahmen ausgehen. Sie laufen einem Ideal hinterher, welches unerreichbar bleibt, weil es eine reine Fiktion ist. Quasi eine literarische Fata Morgana: gefühlt greifbar nah, aber in Wirklichkeit nur ein substanzloses Trugbild.

 

Um zehn der größten Irrtümer der Literaturwelt soll es in diesem BLOG-Beitrag gehen. Ich habe sie aufgrund persönlicher Erfahrungen ausgewählt und nach der Bedeutung, die sie aus meiner Sicht für junge Schriftsteller*Innen haben. Denn wie auch Wissenschaftler bin ich der Überzeugung, dass man, um Ziele zu erreichen, von korrekten Grundannahmen ausgehen muss. Wer mit falschen Vorstellungen zu einer Reise aufbricht (ob nun metaphorisch oder tatsächlich), der wird sehr wahrscheinlich nicht dort ankommen, wo er oder sie hinwill.

 

Also dann, legen wir los.

 

Irrtum Nr. 1: Bestsellerbücher sind qualitativ besonders herausragende Werke.

 

Das ist falsch.

 

Wenn man sich das Gros der Bestsellerbücher aus dem Bereich Belletristik der letzten Jahre anschaut - also all jene Werke, die nicht nur von irgendwelchen Literaturkritikern hochgelobt oder mit irgendwelchen Kunstpreisen ausgezeichnet wurden, sondern die sich zu Tausenden und Abertausenden verkauft haben -, dann fällt auf, dass diese mit herausragender Literatur (im Sinne von besonders hochwertiger sprachlicher oder erzählerischer Qualität) oftmals herzlich wenig zu tun haben. Mein Dauer- und Lieblingsbeispiel ist hier natürlich mal wieder Sebastian Fitzek, der zwar konsequent jedes Jahr ein neues Buch veröffentlicht und damit Verkaufsrekorde bricht, doch sprachlich und erzählerisch bewegen sich seine Werke auf dem hölzernen Niveau eines Deutschaufsatzes der sechsten Klasse. Kreativität? Tiefsinn? Stimmigkeit der Erzählungen? Plausibilität der Handlungen? Sprachliches Talent? Alles Fehlanzeige! Die augenscheinliche Paradoxie daran ist: Alledem zum Trotz verkaufen sich seine Bücher ganz hervorragend.

 

Ist das ein Widerspruch?

 

Nein, im Gegenteil, es ist die harte Realität. Denn Fitzek-Bücher verkaufen sich nicht etwa trotz, sondern gerade wegen ihres schlichten Aufbaus so gut, gerade wegen ihrer immer gleichen Handlungen und ihres sprachlichen Minimalniveaus. Sie sind das romangewordene Äquivalent zu Groschenheften, wie man sie im Supermarkt oder an der Tankstelle findet: einfach geschrieben und dadurch leicht zu lesen, ohne nennenswerten Anspruch oder Tiefgang, dafür aber mit sehr viel Emotionen. Quasi das literarische Fast Food für den schnellen Lesehunger zwischendurch.

 

Ein anderes Beispiel sind für mich die ebenso hochpopulären wie grottenschlechten Erotik-Romane von Don Both alias Bethy Zimmermann. Einmal abgesehen davon, dass es schon eine echte Leistung darstellt, mit nur ein paar Hundert Buchseiten die Emanzipations- und Gleichberechtigungsbewegung der letzten Jahre komplett ad absurdum zu führen - frei nach dem Motto: Frauen ist es egal, ob sie von sexistischen und narzisstischen Männern wie der letzte Dreck behandelt werden, Hauptsache, sie sind gut im Bett -, bewegen sich diese Schundwerke auch noch auf einem sprachlichen Level, den jedes Kleinkind überbieten kann. Trotzdem verkauft Frau Zimmermann Tausende Exemplare ihrer Bücher und ist damit beileibe nicht die Einzige in diesem Genre.

 

Auch hier zeigt sich: Das Prädikat »Bestseller« zeichnet mitnichten hohe Qualität oder besonderes literarisches Talent aus, sondern, wie es der Name schon andeutet, die Anzahl verkaufter Exemplare. Um mehr geht es hier nicht! Theoretisch würde auch ein Buch mit komplett leeren Seiten zu einem »Bestseller« werden, sofern es sich ausreichend viele Menschen kaufen. Klingt absurd und fühlt sich irgendwie falsch an, ist aber so.

 

Irrtum Nr. 2: Man muss als Autor*In möglichst alle Leser*Innen ansprechen.

 

Auch das ist falsch.

 

Menschen und Geschmäcker sind so unterschiedlich, dass es schlicht unmöglich ist, ein Buch zu schreiben, welches allen gefällt. Selbst bei Bestsellern gehen die Meinungen stark auseinander. Die einen finden ein Buch fantastisch, einzigartig, weltbewegend, andere wiederum rümpfen nur die Nase und können nichts damit anfangen.

 

Ein sehr schönes und plakatives Beispiel ist für mich mein zweiter Roman ›HINDEL - Der tapfere, kleine Verführungskünstler‹, den ich Anfang 2019 veröffentlicht habe und der eine satirisch schwarzhumorige Geschichte über Freundschaft und die Suche nach der großen Liebe ist. Während mir einerseits Leserinnen und Leser voller Freude berichtet haben, dass sie das Buch großartig finden, schon x-mal gelesen haben und es immer wieder zur Hand nehmen, wenn sie traurig oder deprimiert sind und etwas Aufmunterung suchen, so kenne ich auch solche, die damit überhaupt nichts anfangen können. Eine davon ist meine Frau! Als meine schärfste Kritikerin und fleißige Testleserin erhält sie meine Manuskripte stets als Erste. Und obwohl ihr von meinen Büchern bisher alle gefallen haben, fällt ›HINDEL‹ komplett aus dem Raster. Sie hat es bis heute nicht fertig gelesen. Gleichzeitig ist es dasjenige Buch, welches die größte Begeisterung ausgelöst hat und sogar eine kleine Fan-Community um sich scharen konnte.

 

Das Ziel muss also nicht sein, für ALLE Menschen schreiben zu können (denn das ist unmöglich), sondern vielmehr, sich bewusst zu machen, wen man mit einem Buch erreichen möchte. In einem sehr guten Online-Autorenworkshop, den ich vor längerer Zeit gelesen habe, stand die Frage: »Wer ist eigentlich deine Zielgruppe?« Genau darum geht es. Nicht jedes Buch, nicht jedes Genre, nicht jede Handlung ist für jedermann gleichermaßen interessant und geeignet. Das gilt für Leser*Innen ebenso wie für Autor*Innen. Ich persönlich liebe beispielsweise Thriller, Krimis und humorvolle Themen, gleichzeitig mache ich um schnulzige Liebes- oder Erotikgeschichten einen riesengroßen Bogen. Als Folge dessen schreibe ich natürlich vorzugsweise Thriller, Krimis und humorvolle Geschichten. Meine Zielgruppe sind demnach all diejenigen, die diese Genres ebenso sehr mögen wie ich, und - was ungleich wichtiger ist - auch all diejenigen, die von gedruckter Massenware und sprachlichen Bankrotterklärungen à la Fitzek und Zimmermann die Nase voll haben. Denn ich lebe ja die Literaturrebellion, die sich genau das auf die Fahnen geschrieben hat. »Know your customers«, nennt man das im neudeutschen Sprech, also: »Kenne deine Kunden«. Das ist das Fundament und die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Marketing.

 

Irrtum Nr. 3: Verlage sind dazu da, um hochwertige Literatur zu fördern.

 

Ebenso falsch.

 

Diese Annahme zieht sich wie ein roter Faden durch die Literaturwelt und gleicht mittlerweile einem religiösen Mantra, doch die Realität sieht anders aus. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen. Es geht ihnen einzig und allein um Gewinnerwirtschaftung und Gewinnmaximierung, Qualität im Sinne von sprachlicher oder erzählerischer Außergewöhnlichkeit spielen überhaupt keine Rolle. Ein Verlag wird alles drucken, was sich seiner Meinung nach in möglichst kurzer Zeit in möglichst großen Stückzahlen verkaufen lässt. Hier schließt sich der Kreis zu Irrtum Nr. 1 und der Bedeutung des Prädikats »Bestseller«: Es geht um Verkäufe, nicht um Qualität. Würden die Kunden leeres Papier kaufen, würde ein Verlag genau das herstellen und anbieten. Würden die Kunden Bücher kaufen, in denen seitenlang nur das Wort »Blabla« steht, würden Verlage auch das drucken und verkaufen. Sinn und Sinnhaftigkeit werden dabei nicht hinterfragt. Genau das ist der Grund, weshalb Verlage sosehr an Bestsellerautoren festhalten und neuen Autoren kaum bis keine Chancen einräumen - denn warum auf ein »neues« Pferd setzen, wenn das alte so gut »trabt«? Genau das ist auch der Grund, weshalb teilweise abstrusester Blödsinn von vollkommen talentbefreiten Menschen abgedruckt wird, der mit Qualität nicht das Geringste zu tun hat. Und genau deshalb bieten die Bücher der Gegenwart so wenig Abwechslung und kreative Ideen an. Alles in einem Verlag ist einzig und allein auf den Fluss des Geldes ausgerichtet und darauf, mit möglichst geringem Risiko möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften. Kapitalismus pur.

 

Denken Sie einfach daran, falls Sie Autor*In sind und wieder einmal ein Absageschreiben von einem Verlag erhalten. Es liegt nicht zwingend daran, dass Sie kein Talent besitzen oder Ihr Buch schlecht ist, sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass Sie den Verlagsbossen »zu heiß« sind, im Sinne von: unbekannter Name, unbekannte*r Autor*In, also zu hohes Risiko und damit kein Verlagsvertrag. Ende der Geschichte.

 

Irrtum Nr. 4: Die Literaturwelt ist offen, ehrlich und tiefgründig - eine Spielwiese für Künstler und Freidenker.

 

Falsch.

 

Diesem Thema habe ich mich bereits in einem früheren BLOG-Beitrag sehr ausführlich gewidmet, nämlich in »Der große Bluff - die Literaturwelt zwischen Lüge und (Halb-)Wahrheit«. Um es kurz zusammenzufassen: Unter Leser*Innen als auch unter Autor*Innen existiert die feste Überzeugung, die Literaturwelt sei ein Ort der künstlerischen Entfaltung, an dem so lobenswerte Tugenden wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, freies Denken und gegenseitiger Respekt vorherrschen würden. Dem ist aber nicht so. Berücksichtigt man, was unter Irrtum Nr. 3 steht - also dass Verlage einzig und allein auf Gewinn ausgerichtet sind -, wird auch schnell klar, woran dieses glückselige, bonbonbunte Utopia scheitert. Nämlich an der Tatsache, dass es in der Literaturwelt mitnichten um die Verbreitung von Tugenden geht, sondern um Erfolg und Geld. Wie im Krieg und in der Liebe, so ist auch im Kapitalismus (fast) alles erlaubt. Weder Verlage noch Autor*Innen haben einen strategischen Vorteil davon, 100% ehrlich zu sein. Aus diesem Grund wird jede noch so kleine Leistung, jedes Buch, jeder Text, jede Veröffentlichung, jede Lesung derart überschwänglich und superlativ angepriesen, als handele es sich dabei um die großartigste Sache seit der Mondlandung. Das ist letztlich nichts anderes als Werbung bzw. die Art und Weise, wie Werbung funktioniert. Doch mit Ehrlichkeit hat das natürlich nichts zu tun. Der Literaturmarkt ist letztlich ein Markt wie jeder andere auch: Es geht um Waren, die hergestellt werden, um Kunden, die diese Waren kaufen sollen, und um Werbung, um die Waren anzupreisen.

 

Irrtum Nr. 5: Der Inhalt eines Buches ist wichtiger als sein Äußeres.

 

Falsch.

 

Denn, Hand aufs Herz: Welches Produkt wird im Supermarkt eher gekauft? Das langweilige, farblose, unscheinbare in der hintersten Ecke, oder das schillernde, pompöse, knallbunt gestaltete direkt auf Augenhöhe? Es ist kein Geheimnis, dass Unternehmen Abermillionen von Euro in die Gestaltung eines Produktes investieren, um es möglichst interessant, verlockend und auffällig wirken zu lassen und es dadurch so zu präsentieren, dass die Kunden zugreifen.

 

In einer Thesis der VWA Göttingen zum Thema »Verpackungsdesign unter neuropsychologischen Gesichtspunkten« vom April 2014 heißt es in der Einleitung:

 

Dank der modernen Hirnforschung ist heute klar, dass ein Großteil der Kaufentscheidungen im menschlichen Gehirn unbewusst, aber emotional ablaufen. Aufgrund dieser Erkenntnisse versucht das Neuromarketing die Produkte mit versteckten Codes und Emotionen zu laden, um sich dadurch im Konsumentengehirn fest zu verankern. Bei der Umsetzung dieser Ziele spielt die Verpackung eine entscheidende Rolle. Denn die erste Kontaktaufnahme mit einem Produkt erfolgt immer über die Verpackung. Hierbei kann sich der Hersteller durch kreative oder auffällige Gestaltung der Produktverpackung im Kopf des Konsumenten festsetzen und dadurch vielleicht sogar zu einem späteren Zeitpunkt noch mal einen Kaufanreiz auslösen. [Quelle: VWA Göttingen]

 

Da ja, wie zuvor ausgeführt, Bücher letztlich auch nur Produkte sind, die in riesiger Menge vorliegen und daher auf eine Art und Weise beworben werden müssen, die die Aufmerksamkeit potenzieller Kund*Innen erregt, gilt dasselbe auch für diesen Bereich. Das Äußere, also die »Verpackung« eines Buches, spielt eine tragende Rolle. Darunter fällt sowohl der Einband - also das Cover - als auch der Titel und der Klappentext. Das allein garantiert natürlich noch keinen Erfolg, denn ein schlechtes Produkt in einem schönen Gewand wird sich zwar ein paarmal verkaufen, doch spätestens wenn die negativen Rezensionen eintrudeln, ist damit Schluss. Ebenso muss auch ein gutes Produkt in einem guten Gewand nicht zwingend ein Erfolg werden, wenn es einfach nicht den Geschmack und die Vorstellungen der Kund*Innen trifft. Das »Verpackungsdesign« ist also ein zweischneidiges Schwert. Ohne ein solches wird ein Produkt nicht gekauft, aber mit einem solchen geht man die Gefahr ein, Erwartungshaltungen zu wecken, die nicht erfüllt werden.

 

Die Lösung dieses Dilemmas liegt in der Kombination aus der »Kenne deinen Kunden«-Philosophie und dem Verpackungsdesign. Beim Schreiben einer Geschichte muss von vornherein klar sein, für wen sie geeignet ist, wer also ein Buch mit einer solchen Handlung mögen wird, und die »Verpackung« wiederum richtet sich auf diese Zielgruppe aus.

 

Der Inhalt eines Buches ist also nicht wichtiger als sein Äußeres, ebenso wenig wie das Äußere eines Buches wichtiger ist als sein Inhalt. Vielmehr spielen beide Aspekte eine elementare Rolle und müssen in einem gesunden Verhältnis zueinanderstehen.

 

Irrtum Nr. 6: Die Gesellschaft sieht Bücher als Kunst- und Kulturgut an.

 

Falsch.

 

Diese Überzeugung hat, so meine Annahme, aus frühester Zeit bis in unsere Gegenwart überdauert, denn damals waren Bücher tatsächlich etwas sehr Kostbares, Einzigartiges und Außergewöhnliches. Das lag vor allem daran, dass der Buchdruck erst im Jahre 1450 erfunden wurde und in jedem einzelnen Werk eine unvorstellbare Menge harter Arbeit steckte, die teuer war und daher nur einem ausgewählten Kreis von Menschen zur Verfügung stand. Dementsprechend wurden die papiergewordenen Erzeugnisse mit Bewunderung und Ehrfurcht wahrgenommen.

 

Heute ist das nicht mehr so - allen positiven Überzeugungen zum Trotz. Denn Bücher sind keine Kunst- oder Wertgegenstände mehr, sie haben sich zu einem reinen Konsum- und Alltagsprodukt entwickelt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen sind Bücher heute deutlich leichter und schneller herzustellen als früher (Gutenberg sei Dank), zum anderen sind sie für fast jeden in beliebiger Menge zu einem moderaten Preis zu haben. Ein Buch ist nichts Außergewöhnliches mehr. Hinzu kommt: Jedes Jahr erscheinen alleine in Deutschland fast 90.000 neue Titel, Tendenz steigend, und technische Entwicklungen wie Tablets, Smartphones und E-Book-Reader, aber auch Konzepte wie das E-Book-Abo-Modell »KindleUnlimited« von Amazon, haben die Lesegewohnheiten der Menschen revolutioniert. Lesen genießt keinen Sonderstatus unter den Freizeitbeschäftigungen mehr. Es ist eher ein Puzzleteil in einem sehr großen Bild vieler unterschiedlicher Dinge, die man tun kann, um sich zu entspannen und die Seele baumeln zu lassen.

 

Genau hier kollidieren die Vorstellungen vieler Autor*Innen und der lesenden Gemeinde. Denn während die Öffentlichkeit Bücher zunehmend als etwas Normales und Unspektakuläres wahrnimmt, benötigt es immer noch einen großen künstlerischen Aufwand, um sie herzustellen. Wer seinen Job als Autor*In gewissenhaft machen und echten Mehrwert schaffen möchte, der sitzt monatelang, teilweise sogar über Jahre hinweg an einem Werk und betrachtet es somit von einer völlig anderen Perspektive. In einem gewissenhaft geschriebenen Buch stecken Liebe, Leidenschaft, Hingabe, Talent, Kreativität, und vor allem: sehr viel Zeit.

 

Eine Patentlösung gibt es hier leider nicht. Denn diejenigen, die Bücher kaufen (und lesen), sind nun mal diejenigen, die mit ihrem Kaufverhalten den Wert solcher Werke festlegen. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich als Autor*In von der Überzeugung zu trennen, die Gesellschaft müsse ein Buch auf dieselbe Weise bewerten wie sie selbst es tun - also quasi aus der Sicht der Künstler*Innen. Das wird nicht geschehen. Ebenso wenig, wie Menschen ein Auto aus der Sicht eines Autobauers betrachten oder ein Smartphone aus der Sicht eines Technikexperten, werden sie Bücher nicht aus der Sicht der Autor*Innen betrachten. Es ist wichtig, sich das zu vergegenwärtigen. Sonst nagen irgendwann Selbstzweifel und Verdruss an einem, bis man schließlich resigniert das Handtuch wirft und aufgibt.

 

Irrtum Nr. 7: Wer fest an sich und seine Träume glaubt, wird als Schriftsteller*In erfolgreich sein.

 

Falsch.

 

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie oft und in wie vielen Dingen des Lebens eine vermeintliche Glaubensfestigkeit als Grundlage des Erfolgs gepredigt wird. Man möchte im Beruf vorankommen? Dann muss man daran »glauben«. Man will den/die Partner*In fürs Leben finden? Nur fest daran glauben! Man sehnt sich nach Erfolg als Künstler*In? Dann ist der Glaube gefragt!

 

Das Gefährliche daran ist: In dieser Überzeugung steckt ein wahrer Kern, den es tatsächlich zu befolgen gilt. Er nennt sich: Motivation und Durchhaltevermögen. Ähnlich wie bei sportlichen Aktivitäten, bei denen man immer mal wieder gegen Erschöpfung und den sprichwörtlichen »inneren Schweinehund« ankämpfen muss, ist auch in der Literaturwelt die große Herausforderung, trotz aller Widrigkeiten und Hindernisse am Ball zu bleiben und weiterzukämpfen. Allerdings ist das, im Gegensatz zum klassischen, spirituell orientierten Glauben, keine passive, sondern eine sehr aktive Angelegenheit. Es geht darum, sein Vorgehen stetig zu überdenken und zu analysieren, neue Wege auszuprobieren, den Mut zu haben, Risiken einzugehen, in Bewegung zu bleiben. DAS ist der Glaube, um den es hier geht und der einen letztlich ans Ziel bringt.

 

Es ist wichtig, das eine vom anderen unterscheiden zu können. Denn viel zu oft hängen Kunstschaffende der Überzeugung an, der Erfolg ihrer Werke würde sich durch pure, reine Willenskraft einstellen. Ich kann nicht mehr aufzählen, wie oft ich schon Sätze gelesen habe wie: »Ich glaube GANZ FEST an mein Buch!!!« Das ist natürlich löblich und begrüßenswert. Allerdings zeigt es auch sehr anschaulich, an welchem Problem sich die jeweiligen Autor*Innen in Wirklichkeit abarbeiten. Vordergründig mögen sie meinen, die Qualität ihres Werkes anzupreisen, doch was sich in ihrem Inneren abspielt, sind beißende Selbstzweifel. Fragen wie »Bin ich vielleicht doch nicht gut genug?« oder »Kann ich vielleicht gar nicht schreiben?« lassen ihnen keine Ruhe, wenn sich der ersehnte Erfolg nicht einstellt und die ersehnten Begeisterungsstürme auf sich warten lassen. Dabei muss ausbleibender Erfolg - wie schon dargestellt - beileibe kein Indiz für fehlendes Talent sein. Fitzek, Zimmermann & Co. haben auch kein Talent und sind trotzdem sehr erfolgreich. Gleichermaßen gibt es Unmengen an hochtalentierten Menschen, die erst spät oder manchmal auch nie erfolgreich werden. Letztlich steht und fällt alles mit dem eigenen Durchhaltevermögen und mit dem Willen, aktiv, zielgerichtet und vor allem auch kreativ an der Umsetzung seines Projektes zu arbeiten.

 

Oder - wie es einer meiner Mathematiklehrer so schön ausgedrückt hat: »Wenn Sie glauben wollen, dann gehen Sie bitte in die Kirche. Bei mir kommt es auf Leistung an.«

 

Wie wahr, wie wahr.

 

Irrtum Nr. 8: Offen zu zeigen, dass man mit seinen Büchern Geld verdienen will, ist anstößig und verwerflich.

 

Falsch.

 

Warum sollte es das sein?

 

Dieser Denkansatz basiert ebenfalls auf der Vorstellung einer idealisierten, heilen und alleine auf die Förderung der Kunst ausgerichteten Literaturwelt. In einer solchen hat der schnöde Mammon, also das ordinäre Geld, keinen Platz. Und falls doch, dann höchstens einen nebensächlichen und unbedeutenden.

 

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Verdientes Geld bedeutet, dass Menschen das Buch eines Autors gekauft haben und voraussichtlich auch lesen werden. Sie messen ihm einen Wert bei. Das ist schon mal ein gutes Zeichen! Und je mehr Menschen das tun, desto größer ist natürlich auch der Erfolg eines solchen Buches. Es steht jedem frei, seine (oder ihre) Werke kostenlos zur Verfügung zu stellen und auf Geld gänzlich zu verzichten, entsprechende Plattformen und Angebote gibt es im Internet zuhauf. Doch jede*r, der/die ein Buch als E-Book oder Printausgabe veröffentlicht und damit ein Preisschild aufstellt, möchte damit Geld verdienen. Das ist der Sinn und Zweck dahinter und kein Bisschen verwerflich.

 

In diesem Punkt haben die Amerikaner uns Europäern - auch wenn ich das sehr ungern sage - etwas Entscheidendes voraus. Während es bei uns, gerade in Deutschland, als anrüchig und fragwürdig gilt, mit einem besonderen Talent oder einer besonderen Fähigkeit Geld verdienen zu wollen, ist es in den Vereinigten Staaten nicht nur normal, sondern wird sogar als Pflicht angesehen. Wer dort etwas Außergewöhnliches kann, besitzt oder weiß, der ist quasi in der gottgegebenen Bringschuld, diese Begabung auch zu Geld zu machen. Zumindest von dieser Einstellung sollten wir uns eine Scheibe abschneiden. Denn es gibt keinen rationalen Grund, weshalb künstlerisch interessierte und begabte Menschen für ihre Werke kein Geld verlangen sollten.

 

Lösen wir uns also von dieser überholten, moralinsauren Vorstellung. Wir können und dürfen mit unseren Werken Geld verdienen. Und wir können und dürfen das auch offen aussprechen.

 

Der Gründer der Selfpublisherbibel, Matthias Matting, hat in einem seiner sehr lesenswerten Artikel dargelegt, weshalb es wichtig ist, dass sich Autor*Innen nicht scheuen, immer und überall und bei jeder Gelegenheit ihre Bücher mitsamt einer Preisangabe, einem Kaufen-Button und/oder einem Link zu einem Online-Shop zu präsentieren. Denn aus welcher anderen Motivation als der Gewinnung neuer Kunden werden Bücher überhaupt präsentiert und beworben? Und wenn tatsächlich jemand »anbeißt«, wenn also tatsächlich jemand an einem Werk interessiert ist, möchte er es so schnell wie möglich erwerben. Wir leben in sehr schnellen und hektischen Zeiten. Man sollte also die Anzahl der Schritte, die ein Kunde gehen muss, um einen solchen Kauf durchzuführen, so niedrig wie möglich halten. Oder wie man umgangssprachlich sagt: »Mach es dem Kunden so einfach wie möglich.«

 

In diesem Sinne: Zeigt zu jeder Zeit, worum es Euch geht, nämlich um den Verkauf Eurer Bücher. Daran ist nichts Anrüchiges.

 

Irrtum Nr. 9: Schriftsteller*Innen sind reiche Popstars - oder können es zumindest werden.

 

Falsch.

 

Einmal abgesehen von Ausnahmeerscheinungen wie Joanne K. Rowling, die Schöpferin der Harry-Potter-Romane, spielen 99,999% aller Schriftsteller*Innen auf der großen Bühne der Weltprominenz kaum bis keine Rolle. Auf Buchmessen und bei Lesungen sind sie gerne gesehene Gäste, und manch ein*e Autor*In hat sogar eine stabile Fan-Community, die ihm/ihr folgt und sich fleißig die neuen Bücher kauft. Doch gemessen am Erfolg von Schauspielern, Sportlern oder Unternehmern sind sie trotzdem nur kleine Lichter im nahezu unendlichen Universum.

 

Andreas Eschbach hat es mal sehr schön formuliert. Er meinte: Wer reich werden will, soll ein Unternehmen gründen. Dort wird das große Geld erwirtschaftet. Die Literatur ist allzu häufig nur eine brotlose Kunst oder zumindest eine, die einen gerade eben so über Wasser hält. Auch das muss jedem bewusst sein, der Bücher schreibt: Das große Geld, den großen Ruhm, die kreischenden Massen und Unterwäsche schleudernden Groupies gibt es woanders.

 

Aber mal ehrlich, wer will das schon haben? ;-)

 

Irrtum Nr. 10: Wer einmal einen Bestseller gelandet hat, der hat es geschafft.

 

Leider falsch. Zumindest unter einem gewissen Blickwinkel betrachtet.

 

Denn die Frage, die sich stellt, ist, welches Ziel man eigentlich erreichen möchte. Wenn es darum geht, ein einziges Mal im Rampenlicht zu stehen, ein einziges Mal den großen Wurf zu landen, das Knallerbuch zu veröffentlichen, dann stimmt diese These sogar. In diesem Fall hat man »es« tatsächlich geschafft. Doch in der Regel verstehen Autor*Innen etwas völlig anderes darunter. Sie sind der Überzeugung, dass sie nur ein einziges Mal die schwierige Hürde des Bekanntwerdens überwinden müssen, um dann in der komfortablen Lage zu sein, dass sich sowohl ihre gegenwärtigen als auch alle zukünftigen Bücher wie von selbst verkaufen. In Gedanken sind sie bei einem bequemen, ausgelassenen Autorenleben, bei dem sie, mit einem Glas Rotwein in der Hand, vor dem PC sitzen und literarisch lustwandelnd das nächste Buch tippen, welches sich selbstverständlich aus dem Stand heraus hervorragend verkauft. Fortuna, die Göttin des Glücks und des Schicksals, hat sie einmal liebkost, und seitdem verwandelt sich jede geschriebene Seite in pures Gold.

 

Dem ist leider nicht so.

 

In Wahrheit ist Erfolg etwas sehr fragiles, er ist nicht von Dauer. Er muss jedes Mal von Neuem erarbeitet werden. Natürlich ist es etwas leichter und einfacher, sein Publikum zu finden, wenn man sich bereits einen Namen gemacht hat, doch die Begeisterung der Menschen für einen bestimmten Künstler kann ganz schnell wieder vergehen, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Genau aus diesem Grund scheuen fast alle Bestsellerautoren den Themen-, Genre- oder Erzählstilwechsel wie der Teufel das Weihwasser, ebenso wie auch zu viel Experimentierfreude. Denn sie wollen verhindern, dass ihre Leser*Innen das Interesse verlieren und abspringen. Genau das führt schließlich zu der verdrossenen, ideenlosen, immergleichen Literaturmassenware und den Fließbandromanen, die man zu Hunderten in den Buchhandlungen finden kann.

 

Letztlich ist es eine Frage der persönlichen Abwägung und des Interesses. Was wiegt für einen ganz persönlich schwerer und ist wichtiger: der Erfolg (im Sinne von: mach' es wie Fitzek und schreibe einfach immer dasselbe auf immer dieselbe Weise), oder aber die künstlerische Verspieltheit, die Experimentierfreude, die Lust und der Spaß am geschriebenen Wort? Ich für meinen Teil habe mich für einen Mittelweg entschieden. Für die goldene Mitte. Ich habe meinen ganz eigenen Erzählstil gefunden, den ich aber für völlig unterschiedliche Geschichten verwende. Das birgt natürlich ein Risiko in sich, und mir ist sehr wohl bewusst, dass meine Bücher nicht alle auf dieselbe Weise von denselben Menschen gemocht werden. Doch dieses Risiko bin ich bereit, einzugehen. Mehr noch, für mich ist das die Definition eines guten Buches. Ich will nicht, dass die Erwartungen meiner Leser*Innen exakt erfüllt werden, sondern vielmehr, dass ich sie mit kreativen, spannenden und frischen Ideen immer wieder aufs Neue überrasche. Das ist für mich die wahre Kunst, und das macht für mich den Reiz des Schreibens aus.

 

Sei ein verdammt guter Geschichtenerzähler.

 

Ein wirklich tolles Motto, wie ich finde.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


Kommentare: 0