· 

Die Kluft zwischen Arm und Reich: Wer trägt eigentlich die Verantwortung?

Wir leben in einer Gesellschaft mit vielen Problemen, die uns Sorgen bereiten. Um nur ein paar Themen zu nennen: Sicherheit, Gesundheit, Altersarmut. Obwohl wir das viertreichste Land der Welt sind (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen), wäre es naiv zu behaupten, bei uns liefe alles super und wir hätten alles im Griff.

 

Genau auf diesen Zug springen populistische Organisationen gerne auf - und das weltweit. Sie präsentieren entsprechende Schuldige: Ausländer, Flüchtlinge, »Sozialschmarotzer«, die etablierten Parteien, und so weiter. Das funktioniert teilweise erschreckend gut. Selbst gemäßigte Personen aus meinem näheren oder weiteren Umfeld halten gerne mal die BILD-Zeitung oder ein ähnliches Pamphlet hoch und echauffieren sich über eine vermeintliche Ungerechtigkeit, weil »die Ausländer« (als pauschaler Überbegriff) fünf Euro mehr im Monat bekommen oder ihnen der Staat irgendeine Wohnung stellt. »Warum wird das nicht lieber in die Rentenkasse oder in Kindergärten und Schulen investiert?«, lautet eine häufige Frage.

 

Ja, korrekt, das könnte man tun. Und ja, unser Schul- und Rentensystem ist in Teilen marode und müsste dringend überarbeitet werden, denn der demografische Wandel lässt sich nicht aufhalten, sondern schreitet weiter voran. Nach dem Krieg gab es mehr Junge als Alte, das System hat getragen, mittlerweile kippt es aber um, der Anteil der Alten nimmt immer weiter zu. Auch bei Schule und Bildung ist viel Luft nach oben: Schulgebäude müssen renoviert werden, die technische Ausstattung ist vielerorts nicht mehr zeitgemäß. Und was Kindergärten angeht: Es ist kein Geheimnis, dass immer noch zu wenige Krippenplätze vorhanden sind, und selbst wenn es sie gäbe, bräuchte es dafür jede Menge frischer Erzieher*Innen, die vernünftig bezahlt werden. Dito bei Altenpfleger*Innen.

 

Darüber zu diskutieren - auch zu streiten - ist völlig okay! Es ist sogar wichtig.

 

Was mich an diesen Diskussionen allerdings immer wieder stört, ist die Tatsache, dass sich Menschen zwar liebend gerne über vermeintlich Schuldige im Kleinen aufregen - wenn es mal um ein paar Euro hier oder irgendeine überschaubare Sache dort geht -, aber bei den ganz großen Themen herrscht überraschendes Schweigen.

 

Was ich damit meine?

 

Zum Beispiel so etwas: Die Banken- und Finanzkrise von 2007/2008 kostete den deutschen Steuerzahler etwa 70 Milliarden Euro. Weltweit wurde ein Schaden von schätzungsweise 4 Billionen US-Dollar verursacht - das entspricht den kompletten Steuereinnahmen der Bundesrepublik Deutschland von fünf (!) Jahren. Hauptverantwortliche: Banken & Finanzspekulanten.

 

Oder so etwas: Als das Opel-Werk in Bochum 2014 seine Tore schloss, verloren über 3.000 Menschen ihre Arbeitsstelle. Als die Drogeriekette SCHLECKER pleite ging, verloren 25.000 Menschen den Job. Und Thyssen-Krupp baute in der Stahlbranche gut und gerne 3.000 Stellen ab. Das sind, alleine auf diese drei Firmen gerechnet, 31.000 Arbeitsplätze. Also 31.000 Menschenleben, 31.000 Schicksale. Manche von ihnen fanden neue Anstellungen, manche aber nicht und wurden dadurch zum Sozialfall. Hauptverantwortliche: die jeweiligen Unternehmen.

 

Oder auch so etwas: Manager, die aus Unternehmen ausscheiden (selbst wenn sie den Unternehmen nachweislich geschadet haben), werden nicht etwa gekündigt, sie erhalten stattdessen großzügige Abfindungen in Millionenhöhe und setzen sich meist nur kurz danach hinter den nächsten Schreibtisch, mit gleicher oder noch besserer Bezahlung. Beste Beispiele: Deutsche Bank und Deutsche Bahn.

 

Ist das gerecht?

 

Der finanzielle und gesellschaftliche Schaden, der durch diese Art des Wirtschaftens angerichtet wird, ist unfassbar groß. Menschen werden zu einer austauschbaren Ware, soziale Verantwortung spielt keine Rolle mehr, die Profite des Einzelnen (sowohl von Personen als auch von Unternehmen) sind das entscheidende Element, und die »Rechnung« müssen die Bürger*Innen und das Sozialsystem bezahlen.

 

Und nun die Kernfrage: Wer regt sich darüber auf?

 

Nach der Banken- und Finanzkrise gab es mal eine kurze Phase, in der die Occupy-Wall-Street-Bewegung von sich reden machte, weil sie entsprechende Demonstrationen organisierte. Auch hierzulande wurde kritisch über das Banken- und Investmentsystem nachgedacht.

 

Aber sonst? Und seitdem? Hört man davon noch etwas?

 

Die Banken und Investmentfirmen machen fast genauso weiter wie bisher (siehe z.B. den Cum-Ex-Skandal), Unternehmen arbeiten weiter rein profitorientiert und immer wieder ohne Rücksicht auf die Gesellschaft. Während sich also Menschen über 2,50 € hier oder 100 € dort aufregen und darin die Kernursache allen Übels sehen, regt sich kaum jemand (bzw. fast niemand) über die Milliarden und Abermilliarden auf, die tagtäglich als Folge von Raubtierkapitalismus, wirtschaftlicher Gier und Missmanagement verschleudert werden. Oder über die Abertausenden von Arbeitsplätzen, die vernichtet werden, um Aktionäre zufriedenzustellen oder Fehler des Managements auszubügeln.

 

Vielleicht wäre es wert, darüber mal nachzudenken.

 

Und nur so am Rande: Nein, ich bin kein Kommunist - ebenso wenig wie ich Faschist bin. Ich bin auch kein Linker - ebenso wenig wie ich ein Rechter bin. Ich hege nicht den Traum von einem »Bauern- und Arbeiterstaat« oder von »absoluter Gerechtigkeit«, ich will nicht das »böse Kapital vernichten« oder dergleichen Unsinn. Denn das Kapital ist nicht das Problem. Wir brauchen Kapital, wir brauchen Geld, wir brauchen auch Banken, Großindustrien und Manager. All das ist nicht die Quelle des Problems. Was wir aber brauchen, sind Menschen mit Verantwortungsbewusstsein an den Spitzen dieser Firmen, Unternehmen und Banken! Und wir brauchen entsprechende Strafen für all diejenigen, die die Regeln brechen und zum Schaden der Allgemeinheit in die eigene Tasche wirtschaften. Und wir brauchen Politiker, die den Mut haben (und die Möglichkeiten), solche Strafen einzuführen und durchzusetzen.

 

Diese Rahmenbedingungen zu schaffen haben wir alle in der Hand! Jeder Einzelne von uns. Denn die Macht in einem demokratischen Staat - auch wenn es manchmal nicht so scheint - geht von uns aus. Tragen wir also gemeinsam Verantwortung und arbeiten wir auch gemeinsam an der Schaffung von Verantwortung, wo sie noch fehlt. Damit leisten wir einen echten Beitrag für unsere Gesellschaft und für die Zukunft unserer Kinder.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



Kommentare

Kommentare: 0