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Der seltsame Herr Biron (oder: Es gibt keine Bestsellerformel)

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- Folgt demnächst -

Heute in der Mittagspause erschien in meiner Facebook-Timeline ein "gesponserter" Beitrag - was letztlich einfach nur bezahlte Werbung ist. Ein gewisser "Ricardo Biron" bot dort sein neues Buch feil, mit dem reißerischen Titel "Bestseller schreiben". Das Werk enthält - ich fasse es mal mit meinen eigenen Worten zusammen - angeblich todsichere Tipps von total erfolgreichen Leuten, wie man einen Bestseller schreibt und vermarktet.

 

Oha!

 

Man kann das Schreiben von Bestsellern LERNEN? So quasi als Geheimformel, die man immer wieder anwendet und damit immer wieder Erfolg hat?

 

Da zitiere ich den von mir sehr geschätzten Bestseller-Autor Andreas Eschbach ("Das Jesus-Video", "Eine Billion Dollar", ... etc.). Dieser antwortete auf die Mail eines Autors folgendermaßen [Quelle: AndreasEschbach.de]:

 

Autor: "Die nötigen finanziellen und marketingrelevanten Wege und Mittel zur erfolgreichen Platzierung des Titels in die Top Ten der deutschen Belletristik sind vorhanden."

 

Eschbach: "Auch hier befinden Sie sich, mit Verlaub, im Irrtum. Meiner professionellen Einschätzung nach jedenfalls. Derartige Mittel und Wege werden gesucht, seit es Bestsellerlisten gibt, und bislang hat sie niemand gefunden."

 

Das spiegelt auch meine eigene Erfahrung wider und auch die Erfahrung aller Autor*Innen, die ich kenne und jemals kennengelernt habe. Gäbe es solche "Geheimtipps", um ein Buch quasi sicher in den Top-Ten-Listen zu platzieren, dann würden Verlage wohl einiges an Geld rüberwachsen lassen, um sie in ihren Besitz zu bekommen.

 

Warum ist das so?

 

Weil Bestseller nicht von Autoren, Verlagen oder cleveren Beratern gemacht werden, sondern von Leser*Innen! Also von den Kunden. Und das ist eine riesengroße, heterogene, individuellen Trends folgende Masse, die man kaum überschauen und erst recht nicht in einer simplen "Formel" oder in irgendwelchen griffigen "Tipps" subsumieren kann.

 

Von daher halte ich nichts von solchen vermeintlichen Erfolgsversprechen!

 

Aber es kommt noch besser. Wäre es nämlich nur bei diesem "Sponsored Post" geblieben, dann hätte ich das mit einem Schulterzucken abgetan.

 

Ich habe mir allerdings den Spaß erlaubt, unter dem besagten Beitrag einen Kommentar zu hinterlassen. Dieser lautete - in Anspielung an den Text des Beitrags, der rhetorisch fragte, wie man mit einem Buch wohl erfolgreich sein könne:

 

"Ganz einfach: Indem man falsche Erwartungen weckt."

 

Ein bisschen kindisch, zugegeben, aber auch lustig. Und ich mag lustig.

 

Kurze Zeit später war der Kommentar gelöscht und ich als User gesperrt. Unter dem Beitrag leuchteten nur noch positive, fast euphorische Kommentare, die alle betonten, dass sie das Buch gekauft hätten und sich schon wahnsinnig darauf freuten.

 

Na ja, zumindest ... fast!

 

Denn unter dem Beitrag wurden zwar 12 Kommentare angezeigt (die Antworten des werten Herrn mitgerechnet), aber der Kommentarzähler darüber, der auch gelöschte oder gesperrte  berücksichtigt, zeigte 23 an. Ich war also offenkundig nicht der einzige, der virtuell hinauskomplimentiert worden war.

 

Großer Fehler!

 

Denn jetzt war meine Neugier geweckt. Wer war dieser Biron? Ich habe mir sowohl sein Buch als auch seine Webseite genauer angesehen.

 

Zunächst einmal: Er ist Coach. Und er bietet Seminare an. So weit, so normal. Natürlich geht es bei diesen Seminaren um die erfolgreiche Vermarktung von Büchern, und natürlich kosten diese Seminare Geld. Alles erst mal unspektakulär.

 

Interessant wurde es erst, als ich die Namen, die Herr Biron auf dem Cover seines Buches als "Experten" zum Thema Bestseller aufzählt, einmal genauer las. Da stand:

 

Frank Thielen, Dr. Patrizia Collard, Dr. Nikil Mukerji, ...

 

Hä? Wer?

 

Okay, zugegeben, Frank Thielen kenne ich sogar, das ist der Typ, der bei der VOX-Sendung "Höhle der Löwen" nach neuen Geschäftsideen sucht. Aber der ist hauptsächlich IT-Experte und Geschäftsmann. Und die anderen? Die musste ich googeln, um überhaupt eine Vorstellung davon zu bekommen, wer sie waren. Dr. Patrizia Collard hält, ich zitiere: "Achtsamkeitsseminare". Und Dr. Nikil Mukerji ist, ich zitiere erneut: "Autor, Philosoph und Skeptiker".

 

Und? Wie viele Bestseller von Thielen, Collard und Mukerji habt Ihr so im Schrank stehen?

 

Wahrscheinlich so viele wie ich.

 

Wenn man schon behauptet, einen Weg zum garantierten Bestseller zu haben, warum schmückt man sich nicht lieber mit Namen wie Sebastian Fitzek, Andreas Eschbach oder Nele Neuhaus? Warum befragt man (fast) nur Personen, von denen - behaupte ich kaltschnäuzig - ein Großteil aller bücherlesenden Menschen in Deutschland noch nie was gehört hat?

 

Ich lasse das mal als rhetorische Frage stehen.

 

Ein zweiter amüsanter Punkt, auf den ich bei meiner Hobby-Recherche gestoßen bin, ist der Bereich "Presseartikel" auf der Webseite des betreffenden Herrn. Dort steht unter vier anklickbaren Fotos jeweils der Text:

 

Ricardo Biron in Forbes

Ricardo Biron in Focus

Ricardo Biron im Handelsblatt

Ricardo Biron im GewinnerMagazin

 

Oha!!!

 

Der Mann wurde also vom prominenten Forbes-Magazin, vom FOCUS und dem Handelsblatt interviewt?

 

Nun ja, nicht so ganz.

 

Wenn man nämlich die Fotos anklickt, sieht man, dass es sich dabei nicht um Interviews oder gar um Berichterstattungen handelt, sondern lediglich um bezahlte Werbung!

 

Oder anders gesagt: Herr Biron (oder wer auch immer) hat den Magazinen Geld dafür bezahlt, um eine Anzeige schalten zu dürfen. Die Dinger sehen zwar wie redaktioneller Inhalt aus, sind es aber nicht. Teilweise nimmt das grotesk lustige Züge an, wenn es beispielsweise im Handelsblatt in der Überschrift heißt: "Die Kunden von Ricardo D. Biron lieben ihn, weil sie endlich den Durchbruch mit ihrem Buch geschafft haben", und als Autor des Artikels wird dann, nur eine Zeile darunter, "Ricardo Biron" genannt. Da konnte ich mir ein Schmunzeln nicht mehr verkneifen: Ricardo Biron berichtet also über Ricardo Biron - wohlgemerkt in der dritten Person!

 

Der einzige "Presseartikel" - wenn man ihn denn als solchen bezeichnen will - der offenbar keine reine Anzeige ist, findet sich hinter dem allerletzten Link, im "GewinnerMagazin".

 

Äh ... was, zum Teufel, ist denn das GewinnerMagazin?

 

Jupp, genau das habe ich mich auch gefragt. Also ab zum Impressum der Seite. Dort ist vermerkt:

 

DCF Deutscher Coaching Fachverlag GmbH

Rizzastr. 41

56068 Koblenz

 

Aha. Das ist also ein Verlag für Coaches. Und Herr Biron ist ein Coach. Was für ein Zufall! Wer DCF noch etwas weiter googelt, bekommt folgende interessante Selbstauskunft des Unternehmens [Quelle: DCFVerlag]:

 

"Wir setzen Coaches, Berater, Trainer und Experten in Szene und verleihen ihnen Expertenstatus – in Print oder digital."

 

Unter dieser Prämisse ist es nicht mehr ganz so überraschend (oder spektakulär), dass das GewinnerMagazin, welches vom besagten DCF-Verlag herausgebracht wird, der wiederum Coaches "in Szene setzt", einen Artikel über Herrn Biron bringt, der seinerseits Coach ist. Finde zumindest ich. Aber was weiß ich schon? ;-)

 

Leute, ganz im Ernst: Spart Euch solche Angebote! Eine "Bestsellerformel" gibt es nicht und wird es nie geben. (Herr Biron kann mich natürlich gerne vom Gegenteil überzeugen.)


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


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