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Erfolg: Warum Durchhaltevermögen bei Weitem nicht ausreicht

Vor einer knappen Woche hat der Cartoonist Ralph Ruthe, den ich sowohl für seinen herrlichen Humor als auch für seine politische Einstellung sehr schätze, auf Facebook einen Post veröffentlicht, der Künstlern und Künstlerinnen Mut zusprechen soll.

 

(Wer das im Detail lesen möchte, es geht um diesen Post hier.)

 

Grob gesagt zeigt Ralph dort zwei Absageschreiben aus seiner künstlerischen Vergangenheit - einmal vom Carlsen-Verlag und einmal von einer Lizenzagentur namens Bulls Press -, und betont, dass Durchhaltevermögen und der Wille, seinen Träumen und Visionen zu folgen, das A und O auf dem Weg zum Erfolg sind. Bis es zu diesem kommt, können Jahre vergehen, postuliert er, manchmal sogar Jahrzehnte. Doch heute würde er auf eine mittlerweile zwanzigjährige Zusammenarbeit mit diesen beiden Institutionen zurückblicken, die ihn seinerzeit abgelehnt hatten.

 

Er sagt (Zitat):

»Dass ich heute Bücher veröffentliche, dass es Merchandise mit meinen Figuren gibt, dass Leute meine Videos anschauen und meine Charaktere lieben, ist nicht selbstverständlich. Das alles war ein Prozess, den ich durch das Dranbleiben an meinen Ideen und Visionen beeinflusst habe.«

 

Und an anderer Stelle (Zitat):

»Schreibt ihr grade an eurem Roman, eurem Drehbuch, komponiert ein Album oder wollt eine Grapic Novel zeichnen und habt Zweifel, weil ihr keine Forschritte seht, [...]? Bleibt dran!«

 

Dieser Beitrag hat mich ganz schön nachdenklich gemacht, muss ich zugeben. Nach dem ersten Lesen habe ich ihn mir abgespeichert, um ihn schnell wiederfinden zu können, und dann habe ich ziemlich viel darüber gegrübelt.

 

Reicht das wirklich zum Erfolg - Durchhaltevermögen? Das viel gepriesene »Dranbleiben«? Das »Verfolgen von Träumen«?

 

Sosehr ich, wie gesagt, Ralph Ruthe als Menschen und Künstler schätze, sosehr bin ich der Überzeugung, dass diese Zusammenfassung leider nicht stimmt, da sie viel zu kurz gegriffen ist. Und dass sie ein Dilemma enthüllt, welches sich wie ein roter Faden durch die Kunstwelt zieht. Aber eines nach dem anderen.

 

Zunächst einmal: In der Kunstwelt gibt es Tausende und Abertausende von Menschen, die alle an ihrem Erfolg und Traum arbeiten. Ganz objektiv betrachtet gelingt es aber am Ende nur den wenigsten, diesen Erfolg auch zu erreichen. Die Chance, auf einem derart übersättigten und umkämpften Markt wie der Kunstwelt Fuß zu fassen, ist unfassbar schwer, um so größer ist hingegen die Wahrscheinlichkeit, am Ende zu scheitern, ganz gleich, ob man Jahre oder Jahrzehnte daran arbeitet. In klischeehaften Westernfilmen krächzt der Pistolero seinen Konkurrenten gerne entgegen: »In dieser Stadt ist nicht genug Platz für uns beide«, und Ähnliches gilt auch für die Kunstwelt. Für derart viele Künstler (gleich welchen Genres) ist einfach nicht genug Platz auf der Bühne der Bekanntheit. Das ist einfache Mathematik, einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung, eine schmerzvolle Tatsache.

 

Wenn ich mir nun die Absage vom Carlsen-Verlag ansehe, die Ralph gepostet hat, dann stelle ich fest: So eine Absage würde ich mir auch, und sei es nur ein einziges Mal in meinem Künstlerleben, wünschen! Der Verlag schrieb damals (Zitat):

 

»Vielen Dank für die Zusendungen, die uns sehr gut gefallen haben. Sie sind sehr professionell gemacht, sowohl vom Inhalt als auch von den Zeichnungen her. Der Haken, und leider gibt es einen, [...]. Da Ihr Material aber wirklich gut ist, möchte ich Ihnen empfehlen, es einmal Verlagen zuzusenden, die im Heftchenbereich tätig sind. Viel Erfolg dabei und herzliche Grüße [...]«

 

Hand aufs Herz: Wer von Euch, die Ihr auch im Kunstbereich arbeitet, hat schon mal so ein positives Absageschreiben als Antwort auf irgendeine Einsendung bekommen? In 95% aller Fälle erhält man überhaupt keine Reaktion, und in den restlichen 5% ist es ein standardisierter Absagebrief aus der Textbaustein-Retorte. Das war’s! Bei Wettbewerben & Co. sieht es nicht anders aus, eher noch schlimmer: Bleiernes Schweigen ist die Standardreaktion der Empfänger.

 

Der zweite Brief von Ralph hat mich hingegen richtig wütend gemacht. Denn er zeigt sehr schön, was damals wie heute in der Kunstwelt schiefläuft. Dort heißt es (Zitat):

 

»Leider sehen wir keine Möglichkeit, Ihr Material in unser Programm aufzunehmen. Wir sind der Meinung, dass eine breite Vermarktung dieses Materials kaum möglich ist.«

 

Aha, so, so. Schon interessant, dass dieselbe Agentur, die zuvor postuliert hat, dass das angebotene Material zur Vermarktung ungeeignet ist, seit nunmehr 20 Jahren eben dieses Material vermarktet. Was hier deutlich zutage tritt, ist die Grundhaltung vieler Verlage, Agenturen und Institutionen der Kunstwelt, die besagt: »Hey, lieber Künstler, bleib' uns bloß vom Leib, solange du unbekannt bist oder irgendwas machst, was auch nur ein Millimeter vom bekannten Massenware-Allerlei abweicht. Aber wenn du mal mit deiner Kunst Geld verdienen solltest, dann darfst du natürlich gerne zu uns kommen und uns ein großes Stück von deinem Kuchen abgeben. Dann stehen dir alle Türen bei uns offen.«

 

Mal ehrlich, was sind solche Institutionen wert, wenn sie (a) gute Trends und verheißungsvolle Ideen nicht mal erkennen, wenn sie direkt vor ihnen liegen, und (b) erst auf der Bildfläche erscheinen, wenn der Künstler sowieso schon den Großteil der Arbeit getan hat? Diesen Institutionen geht es nur, wirklich NUR ums Geld! Gleichzeitig krümmen sie keinen Finger, um irgendwas oder irgendwen zu fördern oder neue und frische Ideen aufzutun.

 

Mich jedenfalls haben diese beiden Briefe kein Bisschen ermutigt - sorry Ralph!

 

Trotzdem weiß ich seine Geste zu schätzen. Soweit ich das aus der Ferne und virtuell beurteilen kann, ist Ralph ein richtig netter Typ, der mit seinem Post die allerbesten Absichten hatte. Das rechne ich ihm an. Doch trotzdem zeigt sich hier einmal mehr das Dilemma, in dem all jene Kunstschaffenden stecken, die mit ihrer Kunst Erfolg haben: Sie wissen eigentlich gar nicht, wie es dazu gekommen ist. Es ist irgendwann und irgendwie einfach passiert. Ich bin mittlerweile der Überzeugung: Um in der Kunstwelt Erfolg zu haben, muss man durch glückliche Umstände zur rechten Zeit am rechten Ort sein und die richtigen Leute mit den richtigen Ideen ködern. Wem das gelingt, dem stehen die Türen offen, wer das hingegen nicht schafft, der bleibt auf der Strecke. Durchhaltevermögen hin oder her.

 

Denn: Life is a bitch!


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



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