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QAnon - eine Sinnlosigkeit sucht ihresgleichen

Jetzt, nachdem feststeht, dass Donald Trump die Wahlen verloren hat, möchte ich einen Blick auf eine der bizarrsten und schrägsten Auswüchse dessen werfen, was seine Präsidentschaft mit sich gebracht hat: die Verschwörungstheorie von »QAnon«.

 

Ich gebe zu: Bevor Trump Präsident wurde, hatte ich noch nie davon gehört, weder live noch digital. Mittlerweile wird diese Bewegung jedoch von den USA und Deutschland einhellig als »schwere aktuelle Gefahr für die parlamentarische Demokratie« angesehen (Quelle: Wikipedia), und man liest in den sozialen Medien immer wieder Referenzen, Verweise und Bezüge darauf.

 

Aber: Was genau glauben denn diese Millionen von Anhänger der QAnon-Bewegung?

 

Lasst Euch das mal auf der Zunge zergehen: Laut QAnon entführt eine einflussreiche und weltweit agierende satanistische Elite angeblich Kinder, hält diese gefangen, foltert und ermordet sie, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen (Quelle: ebenfalls Wikipedia). Zusätzlich zu dieser Grundphilosophie gibt es noch Dutzende Ergänzungen und Ausschmückungen, wie beispielsweise die Behauptung, Donald Trump sei angetreten, um diese satanistischen Aktivitäten zu bekämpfen (und nur zu diesem Zweck Präsident geworden), dass führende Mitglieder der demokratischen Partei einen Kinderhändlerring unterhalten würden, dass es ein Tunnelsystem gäbe, in dem die besagten Folter- und Missbrauchsgefängnisse sind, dass spezielle Armee-Einheiten dort kämpfen würden, um dem unmenschlichen Treiben ein Ende zu setzen, und so weiter, und so fort.

 

Ja, das glauben die wirklich!

 

Jeder mit nur einer einzigen gesunden Hirnzelle schüttelt bei so was fassungslos den Kopf.

 

Lasst uns trotzdem, einfach zum Spaß, ein Experiment wagen. Lasst uns für einen Augenblick annehmen, die QAnon-Behauptungen seien wahr und würden zutreffen. Wie genau müsste man sich das vorstellen? Was hätte das für Konsequenzen?

 

Zunächst einmal bräuchte diese angebliche politische Elite entsprechende Orte, an denen sie die entführten Kinder verstecken, foltern und töten kann - und zwar weltweit! Ganz gleich, ob es sich dabei um die erwähnten Tunnelsysteme handelt oder um überirdische Orte, diese müssten von irgendwem gebaut worden sein. Ich meine, die entstehen ja nicht per Zauberei aus dem Nichts oder fallen plötzlich vom Himmel. Man braucht Baufirmen, Architekten, Statiker, Handwerker, Bauarbeiter, entsprechendes Baumaterial, zudem noch eine Strom-, Heizungs- und Wasserversorgung, Proviant und noch vieles mehr. Da es sich bei diesen Anlagen um Gebäude handeln muss, die so gut versteckt und so gut bewacht sind, dass weder jemand Unerlaubtes von außen nach innen dringen oder von innen nach außen flüchten kann, benötigt man zusätzlich Schutz-, Sicherheits- und Überwachungstechnik sowie geschultes Wachpersonal.

 

Schon jetzt sind wir bei einer ziemlich großen Anzahl an Personen, die direkt oder indirekt mit diesem »Projekt« verbunden sein müssen. Aber es geht noch weiter! Denn Kinder entführen sich bekanntlich nicht selbst, das muss schon irgendjemand übernehmen - ebenso wie das besagte Foltern und Töten. Die Wahrscheinlichkeit, dass die »satanistische Elite« die Drecksarbeit selbst erledigt (in schwarze Roben gehüllt und nachts im Mondschein, oder wie auch immer man sich das vorstellen muss), ist doch eher gering. So was machen in der Regel Handlanger. Also haben wir es mit noch mehr Menschen zu tun, die in die Sache verwickelt sind.

 

Damit kommen wir zu der vermeintlichen Verjüngungsdroge, die dort hergestellt wird. Unabhängig davon, ob sie nun (in der Logik der QAnon-Anhänger) tatsächlich wirkt oder nur ein Placebo ist, muss irgendjemand diese mysteriöse Substanz aus dem Blut der toten Kinder gewinnen. Reines Blut kann man sich schlecht spritzen oder verabreichen, das würde durch die potenziell inkompatiblen Blutgruppen unweigerlich zum Tod führen. Außerdem spricht QAnon davon, dass diese Substanz »aus dem Blut der Kinder gewonnen wird« (!), und nicht etwa, dass es einfach nur das reine Blut der Kinder ist. Somit muss jemand auch diese Aufgabe übernehmen. Chemiker vielleicht? Biologen? Oder Wunderheiler? Wer weiß. Irgendjemand muss es jedenfalls tun. Und derjenige benötigt dafür ziemlich sicher irgendwelche Apparaturen oder »Werkzeuge«.

 

Die nächste Frage, die sich stellt, ist: Wie kommt diese Elite - die offenbar aus unzähligen Politikern und Prominenten besteht - überhaupt zu diesen geheimen Anlagen, um ihrem verwerflichen Treiben nachzugehen? Am ehesten noch mit einem Flugzeug und/oder mit einem Auto. Das heißt aber auch: Irgendwo muss es Piloten, Stewardessen, Flughafenpersonal, Chauffeure geben, die sie dorthin bringen, und natürlich auch entsprechendes Schutzpersonal wie Bodyguards, die aufpassen, dass ihren Chefs auf dem Weg nichts zustößt. Gerade Letzteres ist ja nicht sooo abwägig, bedenkt man, dass ja angeblich irgendwelche Militäreinheiten in diesen Anlagen kämpfen, um die gefangenen Kinder zu befreien. Die Bedrohung für Leib und Leben der Mitglieder dieser »Elite« ist also durchaus vorhanden.

 

Apropos Militär: Wenn es diese Befreigungseinheiten tatsächlich geben sollte, dann müssen sie aus zahlreichen Soldaten bestehen und aus einem Kommandostab; also Generäle, Kommandeure oder so was in der Art. Und natürlich benötigen sie Aufklärungseinheiten, die vorab Informationen sammeln und sicherstellen, dass die Truppen nicht in eine Falle laufen. Außerdem brauchen sie entsprechendes Kriegsmaterial: Waffen, Munition, Proviant, Medikamente, schweres Kriegsgerät. Ohne all das einen Krieg zu führen, stelle ich mir schwierig vor. Also noch mehr Menschen, die in die Sache involviert sind. Zudem muss sichergestellt sein, dass die (nicht ganz unerheblichen) Truppenbewegungen und die (schwer zu versteckenden) Kampfhandlungen von niemandem bemerkt werden, am allerwenigsten von so lästigen Zeitgenossen wie Journalisten. Die muss man entweder bestechen oder - wenn man es auf brutal anlegt - »verschwinden lassen«.

 

Und wo wir schon mal dabei sind: Die Soldaten, die in diesem Krieg verwundet werden und sterben (das soll ja bei Kriegen durchaus vorkommen), haben sicherlich Familien, Freunde, Nachbarn. Wie reagieren die, wenn ihr geliebter Ehemann, Kumpel, Nachbar plötzlich ein Bein weniger hat oder sogar auf dem Friedhof landet? Die stellen doch bestimmt Fragen dazu, oder?

 

Tja, damit wird die Liste von direkt wie indirekt beteiligten Personen immer länger.

 

Nun kommt der größte Knackpunkt an der Sache, das größte Problem: Wie sorgt man dafür, dass jeder Einzelne in dieser wirklich sehr, sehr großen Masse von Menschen vorbehaltlos dichthält und nichts, wirklich rein gar nichts von dem, was er gesehen, gehört oder erlebt hat, weitererzählt? Menschen sind ja bekanntlich nicht besonders gut darin, Geheimnisse für sich zu behalten. Und in Zeiten von Whistleblower-Plattformen wie WikiLeaks ist es sehr einfach geworden, solche brisanten Details anonym und gefahrlos an die Öffentlichkeit durchsickern zu lassen.

 

Um es kurz zu machen: Diese ganze Aufzählung zeigt, wie absurd und unrealistisch es ist, von einer solchen »Verschwörung« auszugehen. Denn gäbe es sie tatsächlich, dann müsste es dafür unzählige Belege geben, die über kryptisch verschwurbelte Geheimbotschaften in irgendwelchen Internetforen und über verstreute YouTube-Videos hinausgeht. Aber ist dem so? Nein! In keiner auch nur annähernd seriösen Quelle findet sich auch nur ein annähernd seriöser und hieb- und stichfester Beweis dafür, dass auch nur ein Funke Wahrheit in dieser Theorie liegt.

 

Und trotzdem glauben Menschen an so was!

 

Um es mit einem Zitat des wunderbaren Schauspielers Bill Murray zu sagen: »Menschen essen auch Blutwurst, Menschen sind Vollidioten.«

 

Wie wahr, wie wahr.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.


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