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Schräges der Literaturwelt. Heute: Dirk Rossmann

Wer es noch nicht durch TV, Radio oder Werbung erfahren hat: Dirk Rossmann, seines Zeichens Milliardär, Gründer und Inhaber der gleichnamigen Drogeriemarktkette, hat einen Thriller veröffentlicht. »Der neunte Arm des Oktopus« heißt er. Wenn man sich auf Amazon danach umschaut, bemerkt man etwas Interessantes: Die Differenz zwischen den einzelnen Meinungen variiert auffallend stark. Die positiven Bewertungen flippen beinahe aus vor Begeisterung, die negativen sind überrascht bis perplex, wie ein so schlechtes Buch überhaupt so viele positive Rezensionen bekommen konnte, und bescheinigen dem Autor ein signifikant mangelndes Talent.

 

Das allein wäre zwar skurril, aber noch nicht furchtbar ungewöhnlich. Das kommt auch bei Fitzek und anderen Autor*Innen vor.

 

Hellhörig wurde ich allerdings, als ein Rezensent schrieb, wenige Stunden nach der Veröffentlichung des Buches seien bereits die ersten 5-Sterne-Rezensionen bei Amazon eingetrudelt. Und ein User mit dem Namen »Ronald Hörstmann« hat sich ernsthaft die Mühe gemacht, unter JEDER Rezension, die dem Buch nicht mindestens 4 Sterne gibt, einen Kommentar zu hinterlassen und den Rezensenten anzugreifen.

 

(Wer das mal »live« sehen will, hier ist der Link dazu.)

 

Ich habe ja schon viel Seltsames auf Amazon erlebt, gesehen und gelesen - aber gerade letzterer Punkt ist außergewöhnlich. Aus diesem Grund habe ich, rein spaßeshalber, die Rezensionen durch ReviewMeta.com prüfen lassen. Wer meinen BLOG-Beitrag über Lug und Trug in der Literaturwelt gelesen hat, kennt diesen Service schon: Er überprüft Kerninformationen solcher Rezensionen, um Fälschungen oder gekaufte Bewertungen zu erkennen.

 

(Für alle Interessenten, hier ist der Link zu dem BLOG-Eintrag.)

 

Das Ergebnis war selbst für mich überraschend: ReviewMeta stuft 56 % aller Bewertungen des Buches als »potenziell unnatürlich« ein. Das ist der höchste Wert, der mir je untergekommen ist.

 

Fairerweise muss man dazusagen, dass ReviewMeta keine absolut gesicherten Aussagen macht, sondern lediglich Annahmen trifft. Diese basieren aber auf Erfahrungswerten. Von daher kann man, denke ich, guten Gewissens davon ausgehen, dass zumindest ein Teil der Rezensionen zurecht beanstandet wurde.

 

Jeder kann und darf sich über diese Ergebnisse seine eigene Meinung bilden. Für mich jedenfalls ist das (wieder einmal) ein schönes Beispiel dafür, wie nebulös und dubios der Literaturmarkt funktioniert.

 

Nachtrag 06.03.2021:

Der SPIEGEL berichtet heute in einem sehr ausführlichen und interessanten Artikel über dieses Thema: "Dirk Rossmann: Wie der Drogeriekönig zum Bestsellerautor wurde" (Achtung: Paywall). Dort wird bestätigt, dass sich Herr Rossmann seinen Weg in die Bestsellerlisten mit teils millionenschweren Werbeinvestitionen erkauft und - was ich sogar noch ungleich schlimmer finde - sein Buch nicht mal vollständig selbst geschrieben hat. Der SPIEGEL fasst das so zusammen: "Je länger man mit ihm spricht, desto mehr Ghostwriter fallen ihm ein". Eine echt tolle Leistung - nicht!


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



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