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Die dubiosen Deals mit Amazon-Rezensionen

Wahrscheinlich geht es Euch wie mir: Wenn ich etwas online kaufen möchte, klicke ich mich zu Amazon, suche das gewünschte Produkt und lese als erstes die Rezensionen. Vorzugsweise natürlich die negativen, denn ich will ja wissen, was mich schlimmstenfalls erwartet, und nicht, wie sehr jemandem einer abgegangen ist, nur weil er dieses oder jenes Produkt gekauft hat. Außerdem hört man oft genug davon, dass 5-Sterne-Rezensionen gekauft oder gefaked sein können oder zumindest fragwürdig erscheinen (siehe meinen Beitrag über das Buch von Dirk Rossmann). Also lieber auf Nummer sicher gehen. Wer sein Produkt künstlich pushen will, der schreibt 5-Sterne-Rezensionen und keine 1-Sterne-Rezensionen. Das klingt logisch, oder? Somit sind die 5-Sterne-Dinger anfällig für Betrug, die 1-Sterne-Dinger hingegen nicht.

 

Oder?

 

Einmal abgesehen davon, dass es für manche leider zur gängigen Praxis geworden ist, Konkurrenten durch absichtliche 1-Stern-Rezensionen zu schaden, birgt das Negativsystem von Amazon (und allen anderen Onlinehändlern) einen weiteren, signifikanten Nachteil mit sich. Diesen durfte ich vor Kurzem selbst miterleben.

 

Ich hatte mir bei einem Händler - den ich hier bewusst nicht nenne; auf die Gründe komme ich gleich zu sprechen - eine Packung FFP3-Masken bestellt. Deutsche Firma, deutsches Produkt, mit satten 60 € alles andere als billig, aber Sicherheit geht unserer Tage einfach vor. Die Rezensionen auf Amazon sahen gut aus. Keine 1- oder 2-Sterne-Bewertungen, und die gelisteten Kritikpunkte wirkten auf mich akzeptabel. Also ein kurzer Klick, die Masken waren bestellt und kamen auch wenige Tage später an. Soweit, so gut.

 

Leider ging schon der erste »Testlauf« gründlich in die Hose! Bei der ersten Maske riss beim Aufsetzen das Gummiband aus der Halterung, und über der Nase war - offenbar durch einen Fabrikationsfehler - ein Metallstück eingenäht worden, welches schmerzhaft auf den Nasenrücken drückte. Prädikat: Unbrauchbar! Die zweite Maske hielt einigermaßen gut, doch bei den Masken Nr. 3 und 4 riss teilweise die komplette Bandhalterung ab oder das Gummiband verdrehte sich und rutsche heraus. Zudem war der Tragekomfort insgesamt schlecht.

 

Die Dinger landeten im Müll und ich schrieb eine 1-Stern-Rezension auf Amazon. Dort bin ich übrigens nicht mit meinem Klarnamen unterwegs, sondern mit einem Synonym. Warum ich das so explizit betone, wird sich gleich noch erschließen.

 

Wenige Tage später schrieb mich der Händler an. Er berief sich auf meine Rezension, entschuldigte sich vielmals für die Unannehmlichkeiten und bot mir wahlweise die Erstattung des vollen Kaufpreises an oder einen Satz neuer Masken. Ich entschied mich für Ersteres. Denn ich hatte Zweifel daran, dass es mit einer neuen Charge irgendwie besser werden würde. Der Händler willigte ohne Wenn und Aber ein, und zwei Tage danach hatte ich nicht nur mein Geld zurück, sondern auch zwei geschenkte FFP2-Masken in meinen Händen. Toller Kundenservice! Ich konnte echt nicht klagen.

 

Schräg wurde es erst eine Woche danach. Denn mich erreichte eine Mail von einem privaten Googlemail-Account und von einer mir vollkommen unbekannten Person. Diese sprach mich mit vollem Klarnamen an und fragte mich, ob ich im Tausch für einen 30€-Amazon-Gutschein bereit wäre, meine negative Rezension zu den Masken zu löschen. Der Betreff der Mail war »Rückerstattung«. Besonders charmant daran war, dass der Text ganz offenkundig nicht von einer deutschsprachigen Person verfasst, sondern per Google-Übersetzer aus dem Polnischen oder Rumänischen übertragen worden war. So fanden sich bezaubernd sinnlose Formulierungen darin wie etwa:

 

»Wenn Sie diesen Kommentar löschen, werden wir eine süße Katze umarmen, also freuen wir uns auf Ihre Antwort und gute Nachrichten!«

 

Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen :-). Wahrscheinlich ist »eine süße Katze umarmen« irgendeine total gängige Redewendung in dem Land des jeweiligen Verfassers, nur im deutschen Sprachraum ergibt sie so GAR KEINEN Sinn - und ist daher unfreiwillig komisch.

 

Wie dem auch sei: Ich lehnte das Angebot ab und fragte den Verfasser, woher er denn meine private Mailadresse und meinen Klarnamen kennen würde und woher er wusste, dass die besagte Rezension von mir stammte. Erst hieß es, er sei ein »Amazon-Händler«. Als ich wissen wollte, welcher genau, hieß es plötzlich, er sei »nur eine Kundendienstabteilung von Amazon«. Und schließlich lautete die Aussage:

 

»Wir sind die After-Sales-Abteilung von Amazon-Händlern, die von mehreren Distributoren auf der Amazon-Plattform gemeinsam genutzt wird. Unsere Verantwortung ist es, die Produktnutzung und das Kundenfeedback zu überprüfen«.

 

Aha. Das erklärt es natürlich ...! Dummerweise blieb mir dieser selbsternannte After-Sales-Kundenbetreuer die Information schuldig, für welchen Händler er diesen »Support« leistete. Also fragte ich ihn ganz direkt, ob er mit der Herstellerfirma der Masken kooperierte. Er verneinte, blieb aber so vage wie nur irgend möglich.

 

Also machte ich mir den Spaß und schrieb den Händler an, bei dem ich die Masken bestellt hatte und der so nett gewesen war, mir mein Geld zu erstatten. Ich fragte ihn ganz direkt und unverblümt, ob er mir vielleicht, freundlicherweise erklären könnte, wie meine privaten Daten inklusive aller Bestelldetails ohne meine Erlaubnis an eine im Ausland ansässige Person weitergeleitet werden konnten und weshalb mir diese Person noch einen »Deal« anbot, der höchst fragwürdig ist. Ich wies ihn darauf hin, dass das nicht nur einen Verstoß gegen die DSGVO darstellt (Höchststrafe: 20 Millionen Euro!), sondern auch gegen Amazons Richtlinien, was zu einer lebenslangen Sperrung des Marketplace-Zugangs führen kann. Wenn es um solche Dinge geht, versteht Amazon nämlich überhaupt keinen Spaß. Ich übrigens auch nicht.

 

Nur wenige Stunden später hatte ich eine Antwort im Postfach. Der Händler fragte mich, ob ich ihm die betreffenden Mails weiterleiten könnte, denn er sei vollkommen ratlos und auch etwas überrumpelt, denn er könne sich das nicht erklären. Natürlich tat ich das - ich bin ja ein netter Zeitgenosse.

 

Was dann geschah, war krimireif! Ein paar Tage danach entschuldigte sich der Händler in einer seeeeehr langen Mail gefühlte eintausend Mal bei mir und gab zu, ich sei offenbar von einem Dienstleister angeschrieben worden, mit dem er vor Kurzem eine Zusammenarbeit eingegangen war. Dieser hätte eigentlich nur die Aufgabe gehabt, sich an unzufriedene Kunden zu wenden und ihnen - wie bei mir geschehen - eine Rückzahlung des Kaufpreises oder Ersatzmasken anzubieten, nicht aber, um die Löschung von Rezensionen zu bitten. Der Händler bot mir an, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben und sicherte mir zu, dass alle meine Daten 100%ig gelöscht würden. Von dem Dienstleister habe man sich mit sofortiger Wirkung getrennt, sagte er noch, und er überlege, weitere rechtliche Schritte zu ergreifen.

 

Ob auch nur ein Körnchen Wahrheit in diesen Aussagen steckt, kann ich natürlich nicht beurteilen. Es kann gut sein, dass der Händler wusste, mit welchen Methoden der besagte Dienstleister arbeitet, es kann sogar sein, dass er ihn genau aus diesem Grund beauftragt hat. Mir jedenfalls war der Sachverhalt ziemlich egal, mich interessierte nur, dass meine Daten so schnell wie möglich von allen Beteiligten gelöscht würden. (Aus diesem Grund nenne ich auch den Namen des Händlers nicht.) Ich habe kein Problem damit, SPAM zu erhalten, das ist ja schon zum Normalzustand geworden, aber ich habe ein verdammt großes Problem damit, wenn derartig viele private Daten an irgendwelche dubiosen Zweit-, Dritt-, Viertfirmen weitergegeben werden, damit mich diese anschließend ihrerseits mit SPAM belästigen können. Ebenso habe ich ein Problem damit, wenn so schamlos, offen und direkt mit der Manipulation von Amazon-Rezensionen geworben wird. Geld oder Sachleistungen für eine gute Bewertung oder für die Löschung einer schlechten ist Betrug - Punkt! Und zwar Betrug an uns Käufern! Und es ist ein Tritt ins Gesicht aller ehrlichen Händler, die sich nach bestem Wissen und Gewissen um einen zufriedenen Kundenstamm bemühen.

 

Deswegen meine Bitte an Euch: Sollten Euch solche Praktiken begegnen, dann meldet sie! Amazon hat ein sehr, sehr offenes Ohr für so was, und die Strafen für unehrliche Händler sind drakonisch. Seid aber gleichzeitig auch so fair und informiert den Händler, bevor ihr ihn anschwärzt, denn es kann gut sein, dass er von diesen Praktiken wirklich nichts wusste. Beides ist möglich.

 

Und natürlich auch: Lasst die Finger von Fake-Bewertungen oder Angeboten dieser Art! Damit ist niemandem geholfen. Denkt immer daran, dass auch Ihr Käufer seid und für Euer sauer verdientes Geld Qualität erhalten wollt.

 

In diesem Sinne: fröhliches Rezensieren.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



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