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Bibel VS. Koran: Warum es sich Konrad Adam zu leicht macht

Konrad Adam ist für die AfD so eine Art Urvater. Er hat die "Wahlalternative 2013" mitgegründet, aus der später die AfD hervorgegangen ist. Nachdem er nun seinem einstigen Ziehkind den Rücken gekehrt hat, konnte er in einem SPIEGEL-Artikel seine Sicht der Dinge darlegen, u.a. zu der Frage, ob der Islam seiner Meinung nach zu Deutschland gehört oder nicht.

 

(Für alle Interessierten, der Artikel ist hier zu finden. Ihr müsst allerdings ein SPIEGEL+-Abo haben, um ihn lesen zu können.)

 

Eine Passage ist mir dabei besonders aufgefallen:

 

SPIEGEL: Sie haben, wie die AfD bis heute, den Islam scharf attackiert.

Adam: Ja, weil ich den Koran gelesen habe, genauso wie das Neue Testament. Zwischen diesen beiden heilig genannten Schriften gibt es gewaltige Unterschiede.

 

Adam vergleicht hier den Koran und die Bibel miteinander und deutet (ohne es laut auszusprechen) an, das eine sei deutsch, das andere hingegen nicht. Obwohl das zunächst logisch klingt, da ja bei uns durchaus ein paar Gebäude mit Kreuzen auf dem Dach stehen und wir alljährlich Bräuche, Traditionen und Feste mit christlichem Ursprung oder Inhalt pflegen, ist diese Gegenüberstellung sowohl falsch als auch unvollständig. Und sie zeugt von einem eklatanten Unwissen über die Heilige Schrift der Christenheit.

 

Zunächst einmal: Wenn man die Bedeutung des Christentums für Deutschland erörtern möchte, stellt sich die Frage, welchen Zeitraum man dafür heranzieht. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) aus dem Jahr 2018 ordneten sich 64,2 % aller Befragten einer christlichen Konfession oder Strömung zu, während gleichzeitig der Teil der Atheisten und Agnostiker bei 26,9 % lag. Jeder Vierte lehnt also die Existenz eines Gottes - unabhängig davon, welchen - ab. Weitere 8,9 % gehörten dem Islam, Buddhismus, Judentum, Hinduismus oder einer sonstigen Religion an oder konnten es schlicht nicht benennen. Das macht also 35,8 %, die nicht zum Christentum gehören - und damit etwas mehr als jeder Dritte [Quelle: Eurobarometer-Umfrage bpb (2018)]. Ganz schön viele Menschen für ein Land, in dem Adam impliziert, es sei schwerpunktmäßig christlich orientiert.

 

Drehen wir das Rad der Zeit ein Stück zurück. Bis etwa 600 n. Chr. existierten auf dem Gebiet des damaligen Germanien - oder zumindest dem, was nach zahllosen Schlachten und Völkerwanderungen davon übrig war - keine christlichen Glaubensrichtungen. Diese kamen erst in den folgenden Jahrhunderten mit Wanderpredigern und Missionaren, die bis ins 11. Jahrhundert hinein ihre Religion verbreiteten und Klöster bauten. Der Nordosten Deutschlands wurde beispielsweise erst im 10. Jahrhundert missioniert [Quelle: Wikipedia]. Somit existiert das Christentum in Deutschland "nur" seit etwa 900 Jahren, was gemessen am Gesamtalter dessen, was man als Germanien bezeichnen kann, relativ wenig ist. Die erste Nennung des Begriffs "Germanen" findet sich in einem römischen Geschichtsbuch aus der Zeit von 90 v. Chr. [Quelle: Welt-Geschichte]. Nimmt man dieses Datum einfach mal als gedachten Anfangspunkt einer Zeitrechnung (was natürlich nur bedingt stimmt), so war Germanien über 1.200 Jahre nichtchristlich und damit bedeutend länger, als es bis heute christlich ist.

 

Ein weiterer Punkt, der bei dieser Betrachtung von Relevanz ist, ist folgender: Mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung vom 31. Juli 1919 wurde jedwede Staatskirche in Deutschland verboten. Dort hieß es in Artikel 137:

  • (1) Es besteht keine Staatskirche.
  • (2) Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet. [...]
  • (5) [...] Anderen Religionsgesellschaften sind auf ihren Antrag gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten.

[Quelle: Wikipedia]

 

Diese Regelung wurde unverändert in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland übernommen (Artikel 140) und hat bis heute Gültigkeit. Mit anderen Worten: Deutschland mag zwar ein Land sein, in dem christliche Religionen eine Rolle spielen, doch es ruht ausdrücklich auf dem Fundament und der Feststellung, dass es hier keine richtungsweisende oder maßgeblich bestimmende Religion gibt - und das schon seit über 100 Jahren! Alle Religionen werden als gleichgestellt und gleichwertig angesehen. Es gibt keine Unterteilung in "besser" und "schlechter", "wichtiger" und "unwichtiger", "relevanter" und "weniger relevant". Das ist auch gut so! Denn trotz der Tatsache, dass die Anhänger einer bestimmten Religion ihre Vorstellungen und Dogmen, Denkmuster und Gottesbilder oftmals als real und existent ansehen, ist es dennoch bis heute niemandem gelungen, einen stichfesten Beweis für die Richtigkeit dieser Annahmen zu liefern. Das gilt für alle Religionen gleichermaßen, völlig unabhängig davon, wie sie heißen, welches heilige Buch sie lesen und an welchen Gott sie glauben. Die Erhöhung einer einzelnen Religion oder Religionsgemeinschaft zur absoluten und maßgeblich bestimmenden Richtung wäre irrational. Man könnte das mit dem Versuch gleichsetzen, eine absolute und maßgeblich bestimmende Lieblingsfarbe für die gesamte deutsche Bevölkerung festzulegen. Oder ein Lieblingsgericht. Oder ein Lieblingsbuch. Aus diesem Umstand heraus kann daher nur die Konsequenz folgen, dass man jedem seinen persönlichen Weg zur Seligkeit offenlässt. Oder wie es Friedrich der Große im Jahr 1740 formuliert hat:

 

"Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden."

 

[Quelle: Wikiquote - Rand-Verfügung des Königs zum Immediat-Bericht des Geistlichen Departements]

 

Wenn also Konrad Adam dem Islam die Zugehörigkeit zu Deutschland abspricht oder das Christentum zur richtungsweisenden und maßgeblichen Religion in Deutschland erhebt, dann verstößt er damit nicht nur gegen das Grundgesetz, sondern er maßt sich auch an, die Bedeutung des Christentums zu überhöhen, obwohl der christliche Gott kein bisschen weniger nebulös, ungreifbar und unbewiesen ist wie jeder andere auch.

 

An dieser Stelle könnte man nun - völlig zu Recht - einwenden, dass es Adam mit seinen Äußerungen gar nicht um die Frage geht, welche Religion von einem objektiven und messbaren Standpunkt aus die bessere ist, sondern von einem moralisch-ethischen. Er erwähnt ja, dass er den Koran und die Bibel gelesen und beide Schriften miteinander verglichen hat. Das mag sich zunächst wie ein logisches Argument anhören, doch Adam bedient sich hier eines kleinen, aber bedeutenden Tricks (ob nun absichtlich oder aus Unwissenheit sei mal dahingestellt). Er erwähnt ausdrücklich, dass er das Neue Testament gelesen und als Vergleichsgrundlage verwendet hat, er spricht hier nicht von der Bibel in ihrer Gesamtheit. Das macht einen eklatanten Unterschied aus! Denn die Bibel besteht aus dem Neuen und dem Alten Testament. Das Neue baut nicht nur maßgeblich auf dem Alten auf, es ergibt ohne das Alte überhaupt keinen Sinn. So wird dort beispielsweise der Sündenfall von Adam und Eva erwähnt, die "Ur-Sünde", die einen Jesus Christus als Heiland der Menschheit und Erlöser von allen Sünden überhaupt erst hat nötig werden lassen. Auch ist der Gott des Alten Testaments exakt derselbe wie der Gott des Neuen Testaments, es handelt sich nicht um zwei verschiedene Gottheiten. Nun kommt der entscheidende Knackpunkt: Liest man sich das Alte Testament in Ruhe durch, findet man zuhauf Stellen und Textpassagen, die vor Brutalität und Unmenschlichkeit nur so strotzen. Ein paar Beispiele:

 

"Und Mose wurde zornig über die Hauptleute des Heeres, [...] und sprach zu ihnen: Warum habt ihr alle Frauen leben lassen? [...] So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben."

(4. Mose 31, 14 - 15 & 17 - 18)

 

"Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und auch, wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will, so sollen ihn Vater und Mutter ergreifen und zu den Ältesten der Stadt führen und zu dem Tor des Ortes [...]. So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er sterbe, [...]"

(5. Mose 21, 18 - 21)

 

"Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!"

(Psalm 137, 9)

 

"Es sollen auch ihre Kinder vor ihren Augen zerschmettert, ihre Häuser geplündert und ihre Frauen geschändet werden."

(Jesaja 13, 16)

 

"Dazu wird der HERR, dein Gott, Angst und Schrecken unter sie senden, bis umgebracht sein wird, was übrig ist und sich verbirgt vor dir. Lass dir nicht grauen vor ihnen; denn der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, der große und schreckliche Gott."

(5. Mose 7, 20-21)

 

Wohlgemerkt: All das steht in der Bibel der Christenheit. Für jeden einsehbar, schon seit vielen Hunderten von Jahren. Zwar ist es korrekt, dass das Neue Testament deutlich gewaltfreier ist als das Alte, doch handelt es sich dabei eben nur um die "Hälfte" der Heiligen Schrift, und nicht um die vollständige. Ebenso gut könnte man alle verfänglichen oder gewalttätigen Passagen aus dem Koran streichen und den Rest mit der Bibel (in ihrer Gesamtheit) vergleichen. Die Christenheit würde dabei sehr schlecht abschneiden. Oder will jemand von Euch in einem Land leben, in dem die maßgeblich tragende Religion das Töten von Kindern und das Schänden von Frauen als göttlichen Willen proklamiert? Nein? Tja, genau das würden wir aber tun, wenn wir dem Denkmuster und der Logik von Adam folgen. Ein Perspektivwechsel tut manchmal sehr gut.

 

Für mich jedenfalls hat dieses Interview einmal mehr gezeigt, dass populistische Personen und Vereinigungen gerne und häufig mit Halbwahrheiten arbeiten und Dinge vergleichen, die in dieser Form nicht vergleichbar sind. Sie lassen unangenehme Details weg oder betonen angenehme, wodurch ein Zerrbild der Realität entsteht. Wie in diesem Fall: Natürlich ist es korrekt, dass es im Koran blutige Stellen gibt - aber in der Bibel eben auch.

 

Wenn man also schon die eine Sache mit der anderen vergleicht, dann sollte man es vollständig tun. Alles andere ist Manipulation und Propaganda.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



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