· 

Möglicherweise ... ist das Mobbing



Inspiriert von diesem SPIEGEL-Online-Artikel [Paywall].

 

Möglicherweise ist die nachfolgende Geschichte tatsächlich passiert. Möglicherweise jemandem, den ich kenne. Und möglicherweise würde diese Person ihre Geschichte wie folgt erzählen:

 

Rückblickend habe ich mich oft gefragt, ob ich Anzeichen im Vorfeld übersehen hatte - Hinweise auf den herannahenden Sturm, der mein Leben kräftig durchgeschüttelt und nachhaltig verändert hat. Doch da war nichts. Gar nichts! Ich fuhr an jenem Tag zur Arbeit wie an jedem anderen Tag auch, ich saß an meinem Platz wie immer, arbeitete wie immer, führte dieselben Gespräche wie immer. Meine Welt war, wie sie war und wie sie schon immer gewesen ist.

 

Um zehn Uhr (pünktlich!) klingelte mein Telefon. Einer der Geschäftsführer war am Apparat und bat mich, zu ihm zu kommen, er müsse dringend mit mir sprechen. Ich war entsprechend irritiert. Ich hatte in all den Jahren, die ich in diesem Unternehmen gearbeitet hatte, nie mit den Leuten an der Spitze zu tun gehabt, höchstens indirekt, wenn man sich bei Firmenfeiern oder anderen unverfänglichen Massenereignissen über den Weg gelaufen war. Bevor ich nach oben in den ersten Stock ging, zu den Chefbüros, scherzte ich noch mit meinen Kolleg*Innen, man habe sich wohl dafür entschieden, mich zu kündigen. Alle lachten. Ich auch. In Wahrheit war ich aber nervös. Warum hatte man mich so unerwartet und geheimniskrämerisch zu sich gerufen? Warum gab es dafür keinen für mich ersichtlichen Anlass?

 

In dem betreffenden Büro erwartete mich die nächste Überraschung, denn nicht nur ein Geschäftsführer saß dort - sondern zwei! Die Szene glich einem schlechten, klischeetriefenden Film: Der Tisch zwischen dem Duo auf der einen Seite und mir auf der anderen war gut und gerne drei Meter lang, ich saß also alleine, wie ein ausgesetztes Findelkind auf meinem Stuhl und beobachtete zunehmend konsterniert die beiden Männer, die mich vom anderen Ende des Tisches argwöhnisch musterten. Und sie kamen ohne Umschweife zur Sache.

 

»Sagt Ihnen das AGG etwas?«, fragte Geschäftsführer Nr. 1. Ich bejahte. Natürlich kannte ich das AGG, also das Allgemeine Gleichstellungsgesetz, welches geschaffen wurde, um diskriminierendes und herabwürdigendes Verhalten zu unterbinden. Gleichzeitig war ich überrascht und wunderte mich, weshalb er mich das fragte.

 

Die Antwort darauf folgte prompt: »Können Sie sich vorstellen, dass Sie dagegen verstoßen haben?«, wollte Nr. 1 von mir wissen.

 

»Nein«, antwortete ich ehrlich. »Wieso? Was liegt denn an?«

 

Hier begann der bizarrste Teil. Nr. 1 sah mich durchdringend an und erwiderte: »Das möchten wir von Ihnen hören!«

 

Ich war perplex. Ratlos. Völlig überfordert. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Hatte ich etwas gesagt oder getan, was jemandem sauer aufgestoßen war? Hatte sich jemand über mich beschwert - und falls ja: Wer und weshalb? Hatte es irgendwelche Vorfälle unschöner Natur gegeben, die von mir ausgegangen waren? Mir fiel beim besten Willen nichts ein.

 

Daher antwortete ich: »Ich verstehe nicht ganz. Worüber wollen Sie etwas von mir hören?«

 

In diesem Moment brachen alle Dämme! Geschäftsführer Nr. 2 schaltete sich nun auch in das Thema mit ein, und über die nächsten anderthalb Stunden bombardierten mich die beiden abwechselnd mit Drohungen, ich würde mich »hart an der Kante« (von was auch immer) bewegen, ich sei nur noch »einen Schritt von einer fristlosen Kündigung« entfernt und solle »endlich gestehen«, denn die »halbe Firma« hätte sich schon »über mich beschwert«. Eine Attacke folgte auf die nächste, die Drohungen stapelten sich. Was jedoch kein einziges Mal zur Sprache kam, war, was mir eigentlich vorgeworfen wurde. Wann immer ich nachfragte und wissen wollte, was denn die Anschuldigungen gegen mich seien und wer sie geäußert habe, wichen die beiden Geschäftsführer aus, verloren sich in schwammig nebulösem Blabla und betonten immer wieder, dass ich derjenige sein müsste, der die Missetaten benennt. Der Satz, der am häufigsten fiel, war: »Überlegen Sie mal: Was könnte wohl vorgefallen sein?«

 

Ja. Was?

 

Am Ende dieses über zwei Stunden dauernden Marathons war ich völlig fertig. Ich hatte nichts, rein gar nichts Konkretes erfahren, war aber angegangen worden wie ein Schwerverbrecher. Ich kannte keine Namen, keine Anschuldigungen, nichts. Ich wusste nur, dass die beiden offensichtlich sehr wütend auf mich waren, verstand aber nicht, weshalb. Und trotz meiner verzweifelten Nachfragen blieben sie so vage wie nur irgend möglich. Am Ende wusste ich nur: Angeblich hatte sich irgendjemand aus irgendeinem Grund irgendwann über irgendetwas beschwert. Wer? Wann? Worüber? Ich hatte keine Ahnung.

 

Als sich das Ganze totzulaufen begann und die beiden Geschäftsführer einsahen (oder eher: zähneknirschend akzeptieren mussten), dass ich mich nicht zu irgendeinem »Geständnis« welcherlei Art auch immer von ihnen drängen ließ, unterbrachen sie das Gespräch, um sich zu beratschlagen, und verkündeten mir anschließend, man sei dahingehend übereingekommen, mich für fünf Tage unbezahlt nach Hause zu schicken. Danach könne ich ganz normal meinen Dienst wieder antreten, die Sache hätte sich damit erledigt.

 

Ich war so perplex und verunsichert, dass ich einwilligte. Ich wollte nur noch raus. Weg von hier. Raus aus dieser Situation.

 

Mein direkter Vorgesetzter, dem ich blass und zitternd und mit brüchiger Stimme offenbarte, dass ich nach Hause fahren müsse, quittierte dies mit einem desinteressierten Nicken und ließ mich widerspruchslos ziehen. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass er in die Sache eingeweiht gewesen sein musste, denn zu keinem Zeitpunkt hat er mir eine Rückfrage gestellt oder wissen wollen, warum ich plötzlich für eine Woche nicht mehr zur Arbeit gekommen war.

 

Die fünf erzwungenen Tage nutzte ich, um mir das verstörende Gespräch noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen zu lassen und mir rechtlichen Rat zu suchen. Und dabei erfuhr ich Interessantes! Ein Fachanwalt für Arbeitsrecht, der mich sehr gut und leidenschaftlich beriet, erklärte mir:

  1. Die Art und Weise, wie dieses Gespräch geführt wurde, ist mit geltendem Gesetz nicht vereinbar. Wird jemand eines Fehlverhaltens beschuldigt, hat er das uneingeschränkte Recht zu erfahren, was ihm vorgeworfen wird.
  2. Eine fristlose Kündigung (wie von den Geschäftsführern angedroht) sei nur in sehr wenigen Fällen realistisch, denn die juristischen Hürden dafür seien aus gutem Grund sehr hoch. Eher noch sei eine Abmahnung denkbar und möglich, doch auch diese müsse man als Betroffener nicht akzeptieren und könne sich dagegen wehren.
  3. Ein Unternehmen kann einen festangestellten Mitarbeiter nicht zwangsweise in unbezahlten Urlaub schicken. Mehr noch: Sie kann ihn überhaupt nicht zwangsweise in Urlaub schicken, weder bezahlt, noch unbezahlt.
  4. Ein solches Gespräch darf man jederzeit abbrechen, um sich einen unparteiischen Unterstützer an seine Seite zu holen - und genau das sollte man auch in jedem Fall tun.

Der Anwalt schloss mit den Worten: »Das hat mit einem Gespräch nichts zu tun gehabt, das war Mobbing! Man hat Sie unter Druck gesetzt, um Sie zu einem Geständnis zu drängen, und daran hätte man sich dann aufgehängt und Sie zu einem Auflösungsvertrag genötigt.«

 

»Aber«, fragte ich zurück, »ein Geständnis zu was? Ich habe mir nichts zu schulden kommen lassen!«

 

»Völlig egal, zu was«, antwortete der Anwalt. »Zu irgendwas. Die hätten alles ausgeschlachtet, was sie in die Finger gekriegt hätten. Sie hätten denen gegenüber nur vage andeuten müssen, dass Sie vielleicht, möglicherweise mal was falsch gemacht haben könnten, und schon wären Sie denen in die Falle gegangen. Die hatten nichts gegen Sie in der Hand, rein gar nichts. Deswegen haben die sich auch nie zu irgendwelchen konkreten Vorwürfen geäußert.«

 

Das ergab Sinn.

 

Doch für mich blieb die alles entscheidende Frage: Warum hatten sie das überhaupt getan?

 

Ich rutschte in einen folgenschweren Teufelskreis hinein. Ich zermarterte mir in den kommenden Wochen und Monaten regelrecht den Kopf darüber, ob ich möglicherweise doch etwas angestellt hatte und es nicht mehr erinnerte. War da vielleicht etwas gewesen, das ich ausgeblendet, übersehen, nicht wahrgenommen hatte? Das war furchtbar für mich, denn mir fiel beim besten Willen nichts ein. Noch schlimmer war die Tatsache, dass ich jedes Mal regelrecht paranoid wurde, wenn ich nach diesem Vorfall einen Fuß in die Firma setzte. Die Leichtigkeit und der Spaß, die mich bis dato begleitet hatten, waren komplett verschwunden, zerstört, ausgelöscht. Ich lief den ganzen Tag wie auf Eierschalen. Ich achtete auf jedes Wort, jede Gestik, jede Reaktion, sah hinter jedem mürrischen Blick (oder was ich dafür hielt) eine versteckte Botschaft und fragte mich, wer mein Freund war und wer »Feind«. Wer hatte es auf mich abgesehen? Und warum? Wen konnte ich um Rat fragen? Wer meinte es ehrlich mit mir - und wer nicht?

 

Ironischerweise war es dann tatsächlich ein Kollege, der etwas Licht ins Dunkel brachte. Er arbeitete als Teamleiter, war somit selbst eine Führungskraft und hatte dadurch Zugang zu Informationen, die mir als Normalsterblichem verwehrt blieben. Eines Tages kam er auf mich zu und bat mich um ein Vieraugengespräch. Als ich bei ihm saß, erklärte er mir betont vorsichtig, dass unser Arbeitgeber gerne mal solche verhörähnlichen Situationen provozierte, um unliebsame, weil beispielsweise zu teuer gewordene Mitarbeiter loszuwerden.

 

Er sagte wortwörtlich: »zu teuer«.

 

Ich war baff. War das tatsächlich der Grund für das ganze Chaos gewesen? Hatte sich das Unternehmen einfach nur von mir trennen wollen, ohne eventuelle Abfindungen zahlen zu müssen? Und wieso hatten sie dazu ausgerechnet das AGG bemüht?

 

Um es kurz zu fassen: Eine endgültige Antwort habe ich nie bekommen. Nach einem weiteren halben Jahr habe ich das Unternehmen verlassen; freiwillig und aus eigener Initiative heraus, was rückblickend betrachtet eine sehr gute Entscheidung war. Die Geschäftsführung hat das Thema nie wieder angesprochen. Doch diese Erfahrung hat mich geprägt, und zwar bis heute. Ich bin vorsichtiger, prüfender, misstrauischer geworden. Ich sichere mich in jede Richtung ab, vermeide Situationen, die man gegen mich verwenden könnte, halte innerlich Abstand zu Menschen. Das ist einerseits eine wichtige und hilfreiche Eigenschaft im Berufsleben, doch andererseits auch eine sehr traurige. Denn es sagt viel über Menschen im Allgemeinen und Unternehmen im Speziellen aus, wenn sie zu solchen Mitteln greifen, um das Arbeitsrecht in ihrem Sinne zu beugen.

 

Mobbing lässt einen nicht kalt. Solange man nicht davon betroffen ist, belächelt man es bisweilen und vertritt die Meinung, man müsse sich halt zur Wehr setzen. Doch die Dinge können sich schneller gegen einen wenden, als einem lieb ist. Und wenn man erst einmal in diese Knochenmühle gerät, wenn man erst einmal auf der Anklagebank sitzt, beleidigt, beschimpft, bedrängt, genötigt wird, wenn Vorwürfe und Unterstellungen wie dicke Regentropfen auf einen niederprasseln, dann merkt man: Auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten. Und man steckt es nicht einfach weg. Es verfolgt einen. Manchmal jahrelang. Manchmal für immer.

 

Wer Mobbing erlebt hat, wird zu einem anderen Menschen. Ob er das will oder nicht.

 

Möglicherweise hat sich der geschilderte Sachverhalt bis heute nicht aufgeklärt. Möglicherweise macht sich die betroffene Person bis heute Gedanken darüber, was damals passiert ist.

 

Wie gesagt: Möglicherweise.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



Kommentare

Kommentar schreiben

Kommentare: 0