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Aus Liebe zur Sprache: Wohin mein Weg mich führt



Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran

als eine Pause.

(Elisabeth Barrett Browning, engl. Dichterin)

 

Mit diesem - wie ich finde, wunderschönen - Zitat der englischen Dichterin Elisabeth Barrett Browning begrüße ich Euch herzlich zum 36. und vielleicht wichtigsten Beitrag im LitRebel-BLOG. Denn es geht um die Zukunft meiner schriftstellerischen Arbeit. Das Thema kommt Euch möglicherweise bekannt vor, denn in meiner Neujahrsansprache hatte ich bereits erzählt, wie schwer es ist, als Independentautor und Selfpublisher auf dem umkämpften und übersättigten Literaturmarkt zu bestehen. Wie hart es sein kann, neue Leserinnen und Leser zu gewinnen, wie hoch die Ausgaben und wie niedrig die Einnahmen ausfallen. Wer nicht das Glück hat, einen Bestseller zu landen, der kämpft sich mal besser, meist aber schlechter durch sein (Autoren-)Leben und frisst die sprichwörtlichen Krümel, die am Wegesrand übrig bleiben.

 

Oder ... hat es vielleicht doch nicht mit Glück zu tun?

 

Diese elementare Frage hat mich umgetrieben, seit ich mein erstes Buch veröffentlicht habe. Was ist das Geheimnis eines großen Bucherfolges? Wie kann man möglichst viele Menschen neugierig machen, begeistern, zu Stammleser*Innen werden lassen? Die Rechnung dahinter ist simpel: Je mehr Menschen einen als Autor kennen und die Bücher lesen wollen, umso höher fallen die Einnahmen aus.

 

Vor zwei Wochen bekam ich die seltene und sehr erfreuliche Chance, mich mit einem (echten) Bestsellerautor über genau dieses Thema zu unterhalten, und zwar sehr ausführlich, sehr ehrlich und sehr ungeschminkt. Um wen es sich dabei handelt, möchte ich nicht preisgeben, denn der Autor hat sich bewusst per privater Nachricht an mich gewandt, legt also Wert auf seine Privatsphäre, und das respektiere ich natürlich. Fakt ist aber auch: Er war der Erste, der nicht nur in vagen, nebulösen Phrasen gesprochen hat (wie: »Man muss dranbleiben und an sich glauben«), sondern der konkrete, handfeste, nachvollziehbare Handlungsstrategien und Vorgehensweisen benennen konnte. Kurz gesagt: Er hatte Ahnung. Und er war gewillt, dieses Wissen mit mir zu teilen - was ich sehr zu schätzen weiß.

 

Man kann die Dinge, die er mir erzählt hat, folgendermaßen zusammenfassen:

 

Um erfolgreich zu sein, benötigt man ein bestimmtes Mindset, also eine bestimmte Denkweise. Nämlich: Es muss bei allem, was man tut, nur um das Publikum gehen, nur um die Zielgruppe, nur um den Profit. Literarische oder persönliche Selbstverwirklichung spielt überhaupt keine Rolle, das Schreiben als Kunst spielt überhaupt keine Rolle, ebenso wenig irgendeine Passion oder Leidenschaft. Diesem Ziel muss alles untergeordnet sein. Ein Buch muss demnach so geschrieben, gestaltet und entworfen werden, dass es möglichst viele Menschen anspricht und für möglichst viele Menschen von Interesse ist. Thema, Genre, Schreibstil, Kapitellängen, Cover, Titel, Preisgestaltung, einfach alles, bis ins kleinste Molekül hinein, muss auf Massenkompatibilität getrimmt werden. Der besagte Autor erwähnte beispielsweise, dass er auch im Bereich Romance veröffentliche, unter geschlossenem Pseudonym, obwohl er persönlich mit diesem Genre überhaupt nichts anfangen kann und privat nie ein solches Buch lesen würde. Für ihn ist es einfach ein lukrativer Absatzmarkt - denn viele Menschen kaufen und lesen Romance-Geschichten.

 

An dieser Stelle musste ich schlucken.

 

Denn einerseits hatte ich so etwas - oder zumindest etwas Ähnliches - schon geahnt, ich beobachte ja den Literaturmarkt seit Jahren sehr intensiv und genau, auch und gerade hier in meinem BLOG. Aber die schonungslose Ehrlichkeit und die Schlüssigkeit dessen, was mir dieser Autor erzählt hat, waren für mich niederschmetternd. Letztlich lief alles auf eine Kernbotschaft hinaus: Kreativität und literarische Außergewöhnlichkeit haben auf dem Buchmarkt nichts verloren! Es geht um Bares, um Geld, um Zaster, um Zahlen auf dem Konto, und jedes Mittel ist recht und billig, um dieses Ziel zu erreichen. Alles, was auch nur im Entferntesten einen Leser oder eine Leserin davon abhalten könnte, ein bestimmtes Buch zu kaufen, muss ausgemerzt werden, gnadenlos, ohne Kompromisse. Bücher müssen demnach zu massenkompatiblen, unverfänglichen, glatt polierten, kontrastlosen Produkten werden. Ähnlich wie Fast Food, das letztlich nur Essen ist, welches auf diejenigen Inhaltsstoffe reduziert wurde, die unser Lustzentrum im Gehirn am effektivsten ansprechen - nämlich Fett und Zucker.

 

Neu ist dieses Prinzip beileibe nicht. Die Musikindustrie arbeitet beispielsweise so, die Filmindustrie auch. Trotzdem war es für mich ein Schock, zu begreifen, dass auch meine geliebte Literaturwelt da keinen Unterschied macht. Irgendwie habe ich mich immer daran festgehalten, dass sie sich von dieser profanen, leidenschaftslosen, industrialisierten Fließbandproduktion abhebt, dass sie höhere Ziele verfolgt, Kunst noch um der Kunst willen produziert, und sei es auch nur in begrenztem Maße. Und jetzt erfahre ich auf einmal: Pustekuchen! Bei Büchern läuft der Hase nicht anders als bei allen anderen Kunsterzeugnissen auch.

 

Diese schmerzhafte Erkenntnis hat mich mehrere Tage lang beschäftigt. Diese Denkpause habe ich einfach gebraucht.

 

So viele Jahre habe ich nach einem Weg geforscht, um erfolgreicher zu werden, mit meinen Büchern richtiges Geld zu verdienen, eine gewisse Bekanntheit zu erlangen. Nun weiß ich, wie das geht. Aber ... will ich diesen Weg wirklich beschreiten?

 

Mir wurde auf einmal klar: NEIN! Auf gar keinen Fall! Niemals und unter keinen Umständen. Ich habe mit dem Schreiben begonnen, weil mich damit eine tiefe, innere, ehrliche Leidenschaft verbindet, eine Passion. Ich habe Spaß daran, zu experimentieren, in Fantasiewelten einzutauchen, mich bedingungslos meiner Liebe zur Sprache hinzugeben. Jede Geschichte, jedes Buch ist ein kleines Kunstwerk für mich, in unzähligen Stunden erschaffen, fleißige Handarbeit, die den seelenlosen Massenproduktionen gegenübersteht. Und zwar ganz bewusst. Wenn ich all das aufgebe, nur um ein paar Leser*Innen mehr, ein paar verkaufte Exemplare mehr, ein paar Euros mehr auf dem Konto zu haben, dann gebe ich genau das auf, was mich letztlich als Mensch und (vor allem) als Schriftsteller ausmacht. Würde ich solche Literatur schreiben, wie sie mir der Autor vorgeschlagen hat, wäre ich nur noch eine Maschine, ein Fließband, ein seelenloses Etwas.

 

Das mag sich für den einen oder anderen weltfremd anhören, aber letztlich geht es um die alles entscheidende Frage, was einen wirklich antreibt und motiviert. Und ich habe festgestellt: Kunst ist mir wichtiger als Kommerz. Der Spaß am Schreiben ist mir wichtiger als das prall gefüllte Konto oder die ausverkauften Hallen oder jubelnden Fans. Wenn der Preis des Ruhmes meine Seele ist - sprich: meine schriftstellerische Unbeschwertheit und Freude -, dann verzichte ich auf ihn. Ganz freiwillig und im Ernst. Sogar gerne. Denn das, was ich immer wieder so leidenschaftlich betont habe, ist: Ich LIEBE die Schriftstellerei! Sie ist ein fester Bestandteil meines Lebens, mehr noch, meiner Persönlichkeit. Den werde ich nicht einfach aufgeben, nur um von möglichst vielen Menschen gemocht und bezahlt zu werden.

 

In unserem Gespräch schrieb mir der Autor (und ich erlaube mir, diese drei kurzen Stellen zu zitieren):

 

»Wenn ich höre, wie manche ihre Bücher 'Babys' nennen, bekomme ich zu viel. [...] Erfolgreiche Bücher sind vielleicht (literarisch) schlecht geschrieben, aber sie fesseln. [...] Das meine ich damit, wenn man sich als Autor selbst im Wege steht.«

 

Mit alledem hat er recht. Darüber gibt es überhaupt keinen Zweifel. Und dennoch: Das ist nicht die Art von Literatur, die ich leben und schreiben will!

 

Ich entscheide mich freiwillig dafür, auf all das Geld zu verzichten. Lieber ein gutes Buch und wenig Geld, als ein schlechtes Buch und viel Geld. Ich weiß, dass nicht wenige darüber den Kopf schütteln werden - vermutlich auch der besagte Autor -, aber mit dieser Tatsache kann ich sehr gut leben.

 

Was heißt das nun für all diejenigen, die mir jetzt schon folgen, die meine Bücher mögen, kaufen und lesen (und zwar genauso wie sie sind)? Was heißt das für mich als Schriftsteller und für die Marke "LitRebel"?

 

Ganz einfach: Es wird weitergehen! Und zwar konsequent. Ich habe endlich meinen Weg gefunden, ich habe endlich begriffen, was für mich wirklich wichtig ist. Ich werde weitere Bücher schreiben und veröffentlichen, und, ja, ich werde sie auch weiterhin verkaufen. Aber die Einnahmen werden für mich nicht mehr das zentrale Element sein, ich werde meine Motivation nicht mehr davon abhängig machen. Sollte sich eines meiner Bücher gut verkaufen: Schön. Sollte es sich hingegen schlecht verkaufen: Auch schön. Denn letztlich treibt mich der Spaß am Schreiben an, nicht die Zahlen auf meinem Konto. Ich bin ohnehin in der vorteilhaften Lage, dass ich nicht vom Schreiben leben muss, also meine finanzielle Existenz nicht von Erfolg oder Misserfolg auf dem Literaturmarkt abhängt. Das begreife ich mittlerweile als Privileg, als Freiheit. Denn es ermöglicht mir, die Sorte von Büchern zu schreiben, an denen ich Spaß habe: Kreative, intelligente, verspielte, vielschichtige Geschichten, die sich bewusst vom Einerlei des Massenmarktes abheben.

 

Die gute Nachricht für meine Leser*Innen lautet also: Ich bin wieder da! Und ich werde nicht mehr weggehen.

 

Die möglicherweise schlechte Nachricht ist: Auch wenn ich mich von den Verkaufszahlen meiner Bücher fortan nicht mehr steuern und manipulieren lasse, spielt Geld trotzdem eine Rolle und wird es wohl auch immer tun. Viele Dinge kosten viel Geld in der Literaturwelt, da komme ich leider nicht drum herum. Alleine ein gutes, professionelles Buchcover geht in den hohen dreistelligen Bereich, und darauf lege ich durchaus wert. In Konsequenz heißt das: Ich werde alle Dinge streichen (oder gestrichen lassen), die mir keinen Spaß machen und/oder schlicht zu teuer oder zu unergiebig sind. Die großen Buchmessen zum Beispiel. Sie machen mir zwar Spaß, sind aber auch mit sehr vielen Kosten verbunden und mit einem enormen Stresspegel. Sollte mich irgendwann, irgendwer dazu einladen und mir den Großteil meiner Kosten auslegen, dann bin ich gerne wieder mit dabei, aber jetzt erst mal nicht mehr. Dasselbe Schicksal wird wohl auch andere Dinge ereilen. Doch welche das sein werden, wird sich erst nach und nach zeigen.

 

In diesem Sinne, ich freue mich auf den weiteren gemeinsamen Weg mit Euch.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



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