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Wie der SPIEGEL eine Jungschriftstellerin in Grund und Boden mobbt



Dass es in der Literaturwelt nicht gerecht zugeht, ist wahrlich kein Geheimnis. Dass etablierte oder gar prominente Schriftsteller:innen von Medien und Konsumenten deutlich wohlwollender und Fehler verzeihender behandelt werden, ebenso nicht. Sebastian Fitzek beispielsweise (für mich der Archetypus der uninspirierten sprachlichen Bankrotterklärungen) veröffentlicht immer abstrusere, immer sinnlosere und unausgegorenere Romane, dennoch wird ihm Land auf, Land ab zugejubelt und seine Sprachvergewaltigungen werden wiederkehrend als "Meisterwerke" geadelt. Gleichzeitig wird bei jungen und unbekannten Autor:innen ganz besonders genau hingesehen - und ebenso leidenschaftlich draufgehauen. Da fehlt in einem 600-Seiten-Roman ein Komma? Oder ein Wort ist falsch geschrieben? Gleich mal einen Stern Abzug, mindestens! Da entstammt das Cover nicht einer hochprofessionellen Designerschmiede? Oder der Buchsatz weist Ungenauigkeiten auf? Sofort wird ein übler Verriss formuliert! Die frischen, kreativen Köpfe der Branche, so scheint es, müssen sich mit völlig anderem Maß messen lassen als die etablierten Platzhirsche. Wer hier nicht gottgleich perfekt auftritt, wer es wagt, auch mal Fehler zu machen oder einen Lernprozess zu durchlaufen, dem begegnet man wie einem Komplettversager. Da mag die Geschichte des Buches noch so gut, die Idee noch so kreativ, die Erzählweise noch so unkonventionell sein: Der Holzhammer der kollektiven Pedanterie saust unbarmherzig herab.

 

All das ist keine Neuigkeit. Davon können Independentautoren wie ich ein ganzes Album singen, das ist in der Literaturwelt leider gelebter Alltag. Doch was sich der SPIEGEL jetzt geleistet hat, verschlägt mir die Sprache - und dass, obwohl ich ihn eigentlich sehr gerne lese.

 

In einem aktuellen Artikel (Achtung: Paywall!) berichtet er über sogenannte Wunderkinder, also Menschen, die einen sehr hohen IQ besitzen und daher in der Schule, im Studium und im Berufsleben sehr schnell vorankommen. Ein solches Kind ist die heute 29-jährige Minu Tizabi. Mit 14 Jahren machte sie ihr Abitur, gleich danach begann sie ihr Medizinstudium, mit 22 Jahren war sie fertige Ärztin. Eine relativ typische Karriere eines Wunderkindes, bezogen auf die dafür benötigte Zeit. Doch Minu ist anders. Entgegen ihrer bisherigen Pläne arbeitet sie heute nicht in Vollzeit, sondern "nur" in Teilzeit an einem Krebsforschungszentrum in Heidelberg und träumt ansonsten davon, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden und eines Tages vom Schreiben leben zu können. Gerade hat sie ihren Debütroman "Revolution morgen 12 Uhr" veröffentlicht. Der SPIEGEL nimmt dies zum Anlass, die junge Frau zu interviewen - und bei dieser Gelegenheit nicht nur ihr Werk zu verreißen, sondern sie faktisch auch noch als Versagerin und unrealistische Träumerin darzustellen, die ihre schicksalsgegebenen Chancen nicht nutzt und nun vor den Trümmern ihres Lebens steht.

 

Da heißt es zum Beispiel über Minus erste Live-Lesung vor einem kleinen Publikum:

 

"Ihr Buch macht sie verletzlich, das zeigt sich auch auf der Bühne. Sie, die sich sonst nie verhaspelt, verliert auf einmal den Faden, schweift ab, wippt nervös mit den Füßen."

 

Oder auch:

 

"Als Wunderkind gefeiert – als Schriftstellerin ignoriert. [...] Die Rezensionen, die sich online finden lassen, sind eher verhalten. [...] Robin Schneevogt vom »Papierstau«-Podcast sagt, das Buch erinnere ihn stellenweise an eine Ansammlung von Kalendersprüchen. [...] Ein Rezensent auf der Bücherplattform »Lovelybooks« wirft Tizabi vor, ihr Schreibstil sei »gewollt philosophisch und prätentiös«."

 

Ich habe mir mal die Mühe gemacht und die Rezensionen sowohl auf Amazon, Thalia als auch auf Lovelybooks angesehen. Hier die Statistik:

  • Auf Amazon hat das Buch - Stand heute - 6 Bewertungen, davon 4 x 5 Sterne, 1 x 4 Sterne und 1 x 2 Sterne.
  • Auf Thalia hat das Buch 3 Bewertungen, davon 2 x 4 Sterne und 1 x 3 Sterne.
  • Auf Lovelybooks hat das Buch 4 Bewertungen, davon 1 x 4 Sterne, 1 x 3 Sterne und 2 x 2 Sterne.

Vielleicht bin ich ja zu naiv oder zu blind, um die hier angedeuteten "verhaltenen" Reaktionen zu erkennen, aber ein Buch, welches erst eine so kleine Handvoll Bewertungen bekommen hat, dort aber im Durchschnitt bei stabilen 4 Sternen liegt, fällt für mich kaum in diese Kategorie. Der ganze Artikel wirkt eher auf mich, als habe sich die Autorin Verena Töpper größtmögliche Mühe gegeben, das Mädchen so effizient wie möglich in den literarischen Boden zu stampfen und sooft wie möglich zu unterstreichen, wie unbeholfen und laienhaft ihr Roman angeblich daherkommt.

 

Als wäre das nicht schon traurig (und armselig) genug für ein Medium wie den SPIEGEL, bleibt es nicht etwa dabei, sondern es wird auch noch munter auf allen möglichen Klischees herumgeritten, indem beispielsweise die komplette Beziehung zwischen Minu und ihrem Vater anhand der Widmung am Anfang ihres Debütromans infrage gestellt wird:

 

"Tizabi hat ihr Buch geschrieben »für meine Oma & für Nickel und Öhrchen & für alle, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben«. Ihr Vater kommt in der Widmung nicht vor. Nickel und Öhrchen sind ihre Kaninchen. [...] Zur ersten Lesung ihres ersten Romans ist er nicht gekommen. Er hätte nur rund 70 Kilometer fahren müssen."

 

Das Bild des vereinsamten, tollpatschigen und sozialinkompetenten Nerd-Kindes, welches unter der Fuchtel von ruhmsüchtigen Eltern steht, wird hierbei auch nicht ausgespart, sondern fleißig befeuert. Etwa mit folgender Passage:

 

"Als Kind hatte sie kein Haustier. Als Kind las sie Lexika. [...] 2007 sagte der Direktor ihres Gymnasiums der »taz«, er habe »ein bisschen Angst« um Minu, weil er manchmal das Gefühl habe, dass sich ihr Vater in ihr verwirklichen wolle. [...] Als sie aufs Gymnasium kam, habe sie »nicht einmal einen Ball fangen oder einen Purzelbaum schlagen können«. Das Mädchen habe so gut wie kein Körpergefühl gehabt. »Auch musisch: keine Chance.«"

 

Anschließend folgen noch mehr Prügel für ihren Roman ...

 

"Der ursprünglich von ihr gewählte Titel des Buches lautete »HDR«: High Dynamic Range. So heißt eine Bildtechnologie, bei der mehrere, unterschiedlich belichtete Bilder so übereinandergelegt werden, dass sie ein perfekt ausgeleuchtetes Bild ergeben. [...] Genauso ein hyperrealistisches Kunstwerk habe sie mit ihrem Roman schaffen wollen, verriet Tizabi dem Moderator beim Vorgespräch zur Lesung. Aber darauf solle er sie auf der Bühne vielleicht lieber nicht ansprechen. Im Internet sei ihr Roman nämlich schon als Low Dynamic Range verspottet worden."

 

... um dann immer mal wieder einen hochgradig heuchlerischen menschlichen Zwischenton einzustreuen und so zu tun, als läge es dem SPIEGEL in Wirklichkeit daran, eine Lanze für außergewöhnliche Menschen wie Minu zu brechen und die Leserschaft daran zu erinnern, man möge doch bitte nicht nur das Wunderkind sehen, sondern den ganz normalen Menschen dahinter. So fabuliert die Autorin schon zu Beginn ihres Artikels munter vor sich hin:

 

"Es ist die Geschichte einer jungen Frau, der alle Türen offen standen, die aber trotzdem den Weg zum Glück noch nicht gefunden hat. Einer jungen Frau, an die so hohe Erwartungen gestellt wurden, dass sie sich selbst enttäuschend findet."

 

Am Ende wird trotzdem noch einmal das ultimative Fallbeil herabgelassen, um ihr literarisches wie charakterliches Schicksal zu besiegeln:

 

"In Deutschland musste sie nur zwei E-Mails verschicken, um von einer renommierten Literaturagentin unter Vertrag genommen zu werden, die dann für sie einen renommierten Verlag fand. Dieser wirbt nun damit, ein Buch von Deutschlands jüngster Abiturientin und jüngster Ärztin im Programm zu haben. Hätte sie auch ohne diesen mitgelieferten Werbeslogan einen Buchvertrag bekommen?"

 

Um es umgangssprachlich zu sagen: Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich hierauf gerne kotzen würde! Liest man sich die Lebensläufe von erfolgreichen und prominenten Schriftsteller:innen durch, so kann man auch dort allenthalben irgendwelche Vitamin-B-Verdachtsmomente entdecken, wenn man es unbedingt darauf anlegt. Der bereits erwähnte Wort-Bulldozer Sebastian Fitzek arbeitete beispielsweise vor seiner Schriftstellerkarriere in der Programmdirektion des Berliner Radiosenders 104.6 RTL [Quelle: Wikipedia] und hat dadurch sicherlich die eine oder andere Person kennengelernt, die ihm auf seinem literarischen Weg geholfen haben könnte. Diese Tatsache stört lustigerweise niemanden. Aber wenn eine 29-jährige Jungschriftstellerin bei ihrer ersten Live-Lesung nervös ist (ich bin dabei fast gestorben vor Aufregung), wenn sie in der Schule unsportlich und unmusikalisch war (das trifft wahrscheinlich auf gut ein Drittel aller Bundesbürger:innen zu), wenn sie im Vorwort ihres Buches nicht ihre gesamte Verwandtschaft bis in den achten Zweig des Stammbaums hinein auflistet, wenn sie relativ schnell eine Literaturagentin findet und diese Agentin auch noch - Gott bewahre! - ein paar erwähnenswerte Details aus dem Leben ihres Zöglings als Werbung und Kaufanreiz einstreut, dann scheint das für den SPIEGEL das Ende der Toleranz zu markieren und einen Affront, den es mit voller Härte zu bestrafen gilt.

 

Lieber SPIEGEL, liebe Frau Verena Töpper, die Gehässigkeit, die einem aus beinahe jedem Satz dieses grottig schlechten Artikels entgegenspringt, ist geradezu mit Händen greifbar. Mit journalistischer Arbeit hat das nichts zu tun! Vielleicht hatten Sie einfach keine Lust auf das Interview mit Frau Tizabi. Vielleicht hat Sie Ihr Chef trotzdem dazu gezwungen und Sie haben sich anschließend Ihren ganzen diesbezüglichen Frust von der Seele geschrieben. Was auch immer Ihre Motivation dahinter gewesen sein mag: Ich finde es erbärmlich, dass Sie dieser jungen Autorin nicht mal den Hauch einer echten Chance eingeräumt, sondern sie quasi vor versammeltem SPIEGEL-Lesepublikum in Grund und Boden geschrieben haben. Falls Sie ernsthaft glauben, dass die von Ihnen zitierten Buchpassagen aus Frau Tizabis Debütroman erwähnenswert schlecht sind, dann empfehle ich Ihnen, sich mal in einen Roman von Fitzek, Strobel oder Neuhaus hinein zu schmökern. Da finden Sie nicht nur einzelne Passagen, die preisverdächtig schlecht sind, sondern gleich mehrere Hundert Seiten davon. Über die können Sie dann herzhaft herziehen und sie verreißen.


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



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