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Nazi-Äpfel und Corona-Birnen?


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Unterhält man sich mit Impfskeptikern oder Impfverweigerern, so kommen in erschreckender Regelmäßigkeit Vergleiche zum Dritten Reich auf, und die betreffenden Personen sehen sich gar in der Nachfolge derer, die Opfer dieses barbarischen und menschenverachtenden Regimes geworden sind. Bei Demos werden dann abgewandelte Judensterne mit dem Schriftzug "Ungeimpft" getragen oder Schilder mit dem Schriftzug "Maske macht frei" hochgehalten, oder man vergleicht sich mit Widerstandskämpfern wie Sophie Scholl. Meist ist das eine Reaktion dieser Leute auf Gegenkritik, sobald ihre üblichen, abgedroschenen und hinlänglich widerlegten Argumente, Corona sei "nur eine Erfindung von Big Pharma", Impfungen seien "gefährlich" oder ihre Schutzwirkung "nicht vorhanden", infrage gestellt werden.

 

Trotz aller Gefühle, die diese Behauptungen (und Aktionen) auslösen, lohnt sich ein sachlicher Blick auf die Frage, ob man die aktuellen Coronaschutzmaßnahmen und die damit einhergehenden Beschränkungen für Ungeimpfte mit Repressalien des Dritten Reiches vergleichen kann. Sind Impfskeptiker bzw. Impfverweigerer tatsächlich die Opfer von Unterdrückung und Hass?

 

Vergleichen wir mal:

 

Im Naziregime wurden Millionen von Menschen aufgrund wahlloser, populistischer und völlig unfundierter Faktoren wie ihrer Ethnie, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres religiösen Glaubens selektiert, enteignet, vertrieben, eingesperrt, gefoltert und bestialisch umgebracht. In der Coronapandemie hingegen wird auf ein über Jahrzehnte hinweg entwickeltes, erprobtes, verfeinertes und wissenschaftlich wie medizinisch hinlänglich geprüftes Konzept zur Krankheitsbekämpfung zurückgegriffen, um das Leben und die Gesundheit Abertausender Menschen zu schützen und das Gesundheitssystem nicht in den Kollaps zu treiben. Der Beitrag, den jeder Einzelne dafür erbringen muss: Ein kleiner Piks in den Arm und ein, zwei Tage Abgeschlagenheit. Die Konsequenz wiederum für alle, die sich weigern, das zu tun (aus welchen Gründen auch immer): Sie werden notgedrungen von einigen Aktivitäten des öffentlichen Lebens ausgeschlossen, um besagte Menschenleben zu schützen und das Gesundheitssystem nicht in den Kollaps zu treiben.

 

Noch mal zur Erinnerung: Die Konsequenzen für Betroffene des Nazi-Regimes waren Enteignung, Vertreibung, Haft, Folter und Tod. Das galt auch für diejenigen, die sich gegen die Dogmen und Philosophien der Nazis gestellt haben. Die Konsequenzen für all jene, die die Coronaschutzmaßnahmen oder Impfungen infrage stellen, sind kritische Gegenargumente, denen sie sich stellen müssen, und temporär begrenzte Einschränkungen ihrer Freizeitgestaltungsmöglichkeiten.

 

Auf der einen Seite also Haft, Folter und Tod, auf der anderen kritische Argumente und Einschränkungen im Alltag.

 

Auf der einen Seite ein Terrorregime, welches Leben auslöscht, auf der anderen Seite ein Schutzsystem, welches Leben zu retten versucht.

 

Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl mussten aufgrund ihres Kampfes gegen das Nazi-Regime mit nicht weniger als ihrer Ermordung rechnen (wozu es ja letztlich auch kam), doch die Impfskeptiker und Impfverweigerer unserer Zeit müssen lediglich mit dem Umstand zurecht kommen, dass sie für ihre Einstellung nicht allerorten mit Applaus und Jubel überschüttet werden.

 

Somit ist der Nazi-Vergleich - so leidenschaftlich er in diesen Kreisen auch vorgetragen wird - nicht nur unpassend und widersinnig, er geht völlig an der Realität vorbei! Und er ist ein schallender Schlag ins Gesicht all jener, die unter echtem Terror und echter Verfolgung gelitten haben oder bis heute leiden müssen. Niemand wurde je wegen seiner Einstellung zu Impfungen oder zu den Coronaschutzmaßnahmen gefoltert oder getötet, niemand musste je in ein Zwangsarbeitslager und dort bei Kälte, Hunger und Krankheit ausharren, bis er entkräftet starb, nie wurde jemand enteignet oder aus seiner Heimat vertrieben.

 

Bis auf ein paar überschaubare Unannehmlichkeiten haben Impfskeptiker und Impfverweigerer hierzulande keinerlei Schwierigkeiten zu "durchleiden". Dennoch gerieren sich diese "Vorkämpfer für die freiheitlichen Grundrechte" und Verfechter des "kritischen Denkens" wie kleine Kinder, die man beim Ballspielen nicht mehr mitmachen lässt, und flüchten sich in eine absurd anmutende Opferrolle.

 

Nicht jede Mehrheitsmeinung ist automatisch schlecht, nur weil sie eine Mehrheitsmeinung ist. Ebenso ist auch nicht jede Minderheit gleich im Recht, nur weil sie eine Minderheit ist. Und nicht jede Gegenkritik ist automatisch eine "Verfolgung", "Unterdrückung", "Diktatur" oder "Obrigkeitshörigkeit", nur weil sie der kritisierten Person nicht passt. Jedem steht es frei, sich für oder gegen eine Impfung zu entscheiden. Aber jedem muss auch klar sein, was das für Konsequenzen hat: Für ihn selbst und für die Gesellschaft. Impfungen sind ein bewährtes, eingehend erforschtes Mittel, um vor schweren Krankheiten zu schützen, und Corona ist nachweislich eine schwere, gefährliche und hochansteckende Krankheit. Wer trotzdem auf sein Recht pocht, eine Impfung zu verweigern, gefährdet damit in erster Linie sich selbst, an zweiter Stelle aber auch sehr viele andere Menschen. Beispielsweise diejenigen, die sich nicht aus Bauchgefühlsgründen oder wegen irgendwelcher Hab-ich-auf-Telegram-gelesen-Vorbehalte nicht impfen lassen, sondern aus konkreten medizinischen Unmöglichkeiten. Oder diejenigen, die dringend eine Operation bräuchten, diese aber nicht bekommen, weil Krankenhäuser mit der Versorgung von Covid-Patienten heillos überlastet sind. Oder, oder, oder. Die Liste ist lang.

 

Letztlich läuft es auf eine Sache hinaus: Menschen, die eine Impfung gegen Corona rein aus Protest oder aufgrund schwammiger, halbgarer Vorbehalte verweigern, verhalten sich der Gesellschaft gegenüber unsozial. Sie pochen auf ihr Recht (was sie natürlich grundsätzlich dürfen), regen sich aber gleichzeitig darüber auf, dass sie für diese Einstellung keinen mehrheitlichen Applaus ernten.

 

Das, was Ihr da erlebt, liebe Impfskeptiker und Impfverweigerer, ist keine Diktatur. Und Ihr seid auch keine "Opfer". Es ist die ganz normale Reaktion der Bevölkerung auf egoistisches Verhalten. Sich deswegen mit Opfern des Dritten Reiches zu vergleichen, nur weil Ihr in den Kommentarspalten von Facebook gelegentlich abgewatscht werdet oder Euren Latte Macchiato nicht nach Lust und Laune an jeder Straßenecke trinken könnt, ist unter aller Sau und erbärmlich!

 

Von daher: Lasst Euch impfen! Lasst uns gemeinsam Corona bekämpfen und nicht einander. Nehmt Rücksicht aufeinander. Lasst uns als Gesellschaft zusammenhalten und diese Pandemie gemeinsam besiegen.

 

In diesem Zusammenhang möchte ich Euch auch diesen großartigen und sehr bewegenden Bericht des Schauspielers Christian Kahrmann ("Kölner Treff", WDR, Sendung vom 04.11.2021) ans Herz legen. Er erzählt dort von seiner Corona-Erkrankung und davon, wie er diese nur knapp überlebte. 17 Tage lang lag er beatmet im Koma. Sein Vater, der sich ebenfalls infiziert hatte, starb.

 

 

Und auch dieser Bericht von SPIEGEL.TV vom 07.09.2021 aus der Corona-Station im Klinikum Darmstadt ist sehenswert. Er bestätigt, was immer wieder betont wird: Die deutliche Mehrheit aller Patienten, die mit schweren Covid-Verläufen auf der Intensivstation landen, sind ungeimpft.

 

* * *

 

Nachtrag 24.11.2021:

 

Ein Begriff, der auch immer wieder von Impfgegnern und Impfverweigerern in Diskussionen verwendet wird, ist "Rassismus". All denjenigen, die sich für Impfungen aussprechen oder gar Argumente von Impfgegnern widerlegen, wird vorgeworfen, sie würden sich dadurch rassistisch verhalten. Das ist natürlich ebenso Unsinn (und deplatziert) wie die Naziregime-Analogien. Der Begriff Rassismus bezeichnet eine "Lehre oder Theorie, nach der Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen oder ethnisch-kulturellen Merkmalen anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen" [Quelle: Duden]. Im Falle von Impfgegnern und Impfverweigerern trifft das nicht zu. Sie sind keine "Rasse", sondern eine heterogene Gruppe von Menschen, die eine Entscheidung getroffen haben, die von anderen kritisiert wird. Eine Kommentatorin auf Facebook hat das, wie ich finde, sehr schön zusammengefasst. Sie schrieb dort: "Wenn es um Dinge geht, die man ändern kann oder könnte, ist es nicht Diskriminierung sondern unterschiedliche Rechte. Wenn ich keinen Führerschein habe, habe ich beim Autofahren weniger Rechte, wenn ich keine Maske trage, darf ich nicht in den Coop etc." [Quelle: Facebook].


Was denkt Ihr darüber? Sagt mir gerne Eure Meinung dazu. Seht Ihr es genauso wie ich oder anders? Ich freue mich auf Euer Feedback.



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