Stadt der Seelen

© Copyright 2021 Marco Born-Miljak


Was ist das hier?

Am 17. September 2021 habe ich der Schriftstellerei schweren Herzens für immer den Rücken gekehrt. Damit ist auch die Arbeit an meinem fünften Roman Stadt der Seelen eingestellt. 80 Seiten davon sind bereits geschrieben, und gerade für diejenigen, die mir in den vergangenen Jahren mit echter Leidenschaft und Treue und echtem Interesse gefolgt sind, möchte ich diesen Arbeitsstand nicht einfach im Nirwana verschwinden lassen. Ich veröffentliche ihn deshalb hier genau so wie er zum Zeitpunkt meiner Entscheidung vorlag - kostenlos und für jeden einsehbar. Vielleicht gefällt er dem einen oder anderen. Ich würde mich darüber freuen. Feedback ist immer willkommen. Ihr findet am Ende der Seite eine Kommentarfunktion, oder Ihr könnt mir über die Kontakt-Seite schreiben.

 

Beachtet aber bitte: Es handelt sich bei dem folgenden Text um einen Arbeitsstand. Er ist weder lektoriert noch finalisiert noch sonst irgendwas. Er wird definitiv ein paar Rechtschreibfehler enthalten, den Formulierungen fehlt hier und da der Feinschliff, und möglicherweise finden sich auch noch ein paar erzählerische Inkonsistenzen. Damit müsst Ihr leben. Ihr blickt bei jeder Zeile direkt ins Herz der Literaturmaschine, mitten in meinen Schaffensprozess als Autor.

 

Nichts desto trotz unterliegt alles was Ihr hier lest (oder downloadet) dem Urheberrecht! Eine Weitergabe, Veröffentlichung oder Verarbeitung - auch in Auszügen - ist ohne meine ausdrückliche schriftliche Genehmigung nicht gestattet. Kontaktiert mich im Zweifelsfall einfach.

 

Viel Spaß beim Lesen.

 


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Stadt der Seelen (unfertiges Manuskript)
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Klappentext

Doug Schumer, ein aufstrebender Rechtsanwalt, treu sorgender Ehemann und liebender Vater, wird jäh aus seinem Alltag gerissen, als er eines Morgens in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt wird, den er nur mit viel Glück überlebt. Zur Überraschung seiner Ärzte erholt er sich trotz seiner Verletzungen sehr schnell. Wenige Tage nach dem furchtbaren Ereignis kann er bereits aus dem Krankenhaus entlassen werden. Doch ab da beginnen ihn seltsame Albträume heimzusuchen. Sobald er seine Augen schließt und einschläft, findet er sich an düsteren, unwirklichen Orten wieder, die ihm fremd und vertraut zugleich vorkommen, mit Wesen darin, die ihn immerzu mit Rätseln und Aufgaben konfrontieren. Er ahnt, dass sie ihm etwas sagen wollen - doch was? Und es kommt noch schlimmer, denn Traumwelt und Realität beginnen zunehmend miteinander zu verschmelzen. Ist an jenem schicksalhaften Morgen möglicherweise mehr geschehen, als er erinnern kann?


Vorwort

Irgendwo zwischen dem Diesseits und dem Jenseits

liegt eine Welt, die uns mit allem verbindet, was wir sind,

und uns gleichzeitig von allem trennt. In dieser Welt

leben die Seelen jener, die wir kennen und lieben.

Und unsere eigene.


Kapitel 1

Vor den Toren der Stadt

Blendend helle Streifen ziehen an ihm vorbei, in wiederkehrenden Wellen, wie Sprossen einer sehr langen Leiter. Sie tauchen aus dem Nichts auf, gleiten nach unten durch sein Sichtfeld und verschwinden wieder in demselben unergründlichen Nichts. Er beobachtet sie. Stumm, regungslos, gleichgültig. Eine weit entfernte, unbedeutende Szene. Auch die Schatten, die sich von Zeit zu Zeit über ihn beugen – für ihn sind sie nicht mehr als verschwommene, konturlose Nebel, die aussehen, als hätte ein Regenschauer die Farben von der Leinwand eines Malers abgewaschen und dabei schmutzige Flecken hinterlassen –, nimmt er anteilslos zur Kenntnis. Sie durchbrechen den Marsch der hellen Streifen, ihre geometrische Ordnung, ihre sture Gleichförmigkeit. Die Schatten scheinen zu sprechen; in einer Sprache, die er nicht versteht, mit Worten, die für ihn keinen Sinn ergeben und viel zu weit weg sind. Was sie sagen und ob sie mit ihm reden oder nur mit sich selbst: Er weiß es nicht. Es spielt für ihn auch keine Rolle. Er lässt sich dahintreiben wie ein Floß auf dem Wasser, wogend, still, abwartend, geduldig, mit keinem klaren Ziel. Als habe nichts von alledem eine Bedeutung für ihn. Irgendwo hat diese Reise begonnen, davon ist er überzeugt, und irgendwo wird sie auch enden.

 

Er fühlt sich müde. Sehr müde sogar. Unsichtbare Gewichte ziehen unablässig an seinen Lidern, drängen sie, sich zu schließen, sein Körper fleht nach Ruhe, nach Stille, nach Erlösung, als sei er kilometerweit gelaufen. Doch er läuft überhaupt nicht – er liegt! Seine Arme und Beine: Sie ruhen. Seine Muskeln: Sie gehorchen ihm nicht. Er ist auf eine seltsame Weise gefangen und doch frei, gebunden von Fesseln, die nicht äußerlich sind, sondern nur in seinem Kopf existieren.

 

Die Müdigkeit beginnt zu siegen. Er kann sich nicht mehr gegen sie wehren, und er will es auch nicht. Sie streckt ihre Arme betörend nach ihm aus, sie singt ihm ein Lied, so sanft und zart, dass es ihn einhüllt wie eine wärmende Decke. Er gibt sich ihr hin. Voller Freude, ohne Bedauern, ohne Zögern, er heißt sie willkommen wie einen lange erwarteten Freund oder einen Gast, der endlich eingetroffen ist.

 

Nichts mehr denken, sagt er sich. Nichts mehr sehen. Nur noch schlafen.

 

Doch irgendjemand lässt ihn nicht.

 

»Hallo?«, schallt es in seinen Ohren. Sein Körper wackelt schwerfällig hin und her, er spürt eine Kraft, die an ihm reißt. Die Stimme ist blechern, verzerrt, mehr Echo als Wohlklang, als würde jemand aus unendlicher Entfernung zu ihm sprechen und durch viele hindernde Schichten hindurch. »Wachbleiben!«, befiehlt sie ihm. »Hören Sie?«

 

Er will nicht zuhören, er will gehen – wohin auch immer. Er will sich fallenlassen – wie tief auch immer. Er will freisein, in diese wunderbare, erlösende Ruhe eintauchen. Warum lässt man ihn nicht? Warum hindert man ihn daran? All das scheint ihm ungerecht zu sein. Und doch lösen die Worte etwas in ihm aus, einen merkwürdigen Instinkt, einen Impuls: Verloren geglaubte Energie strömt in seinen Körper zurück. Mehr noch: Es ist Trotzigkeit! Eine wiedererwachte, kämpferische, unnachgiebige Trotzigkeit. Gleich darauf spürt er Angst, dann Panik, dann Verzweiflung, in genau dieser Reihenfolge, und diese Gefühle wechseln sich so schnell ab, sie pflügen so unerbittlich durch seinen Verstand, dass die grellen Streifen und die verschwommenen Schatten mit einem Mal vor seinen Augen zu flackern und sich aufzulösen beginnen. Wie feinste Tropfen einer Gischt reißt es sie in alle Himmelsrichtungen auseinander, sie zerbersten, sie explodieren, um sich gleich darauf wieder zusammenzufinden und zu ihrer alten Form zurückzukehren.

 

Dann geschieht noch etwas. Die Dinge verändern sich. Der Fluss der hellen Streifen hört auf, er weicht zwei oder drei großen, noch helleren und dadurch noch sehr viel blendenderen Kreisen, die zwar in sein Blickfeld schweben, von dort aber nicht mehr verschwinden. Er spürt, wie er für einen kurzen Augenblick zu schweben beginnt, sein Körper schlingert und zittert wie eine vom Sturm gepeitschte Barkasse, die gegen Wellen ankämpft, bis er schließlich wieder irgendwo zum Liegen kommt. Die großen, hellen Kreise sind jetzt direkt über ihm.

 

»Hallo? Können Sie mich hören?«

 

Ein anderer Schatten mit einer anderen Stimme taucht über ihm auf – sie klingt tiefer, sachlicher, irgendwie älter, aber auch beruhigender. Jemand berührt sein Gesicht. Dann tut es plötzlich weh, höllisch weh, überall, ein unerträglicher Schmerz, der wie ein Berserker in seinem Körper wütet, von oben bis unten, vom Scheitel bis zur Sohle, erbarmungslos, bestialisch, die Sinne raubend. Er öffnet seinen Mund und will einen Laut von sich geben, ein gequältes Stöhnen, irgendwas, doch er kann es nicht. Etwas blockiert seine Stimme. Ein hilfloses, ersticktes Krächzen ist alles, was er hervorzubringen vermag, in der vagen Hoffnung, dadurch seine Pein zu lindern.

 

»Zehn Milliliter Tramadol intravenös«, hört er die tiefere Stimme sagen. »Und wir brauchen dringend Blutkonserven. Null negativ.« Dann fügt sie offenbar an ihn gewandt hinzu: »Hallo? Wissen Sie, wo Sie sind? Können Sie mir Ihren Namen sagen?«

 

Namen? Er hat einen Namen?

 

Stumm und erschöpft starrt er in die leuchtenden Kreise, er will auf diese Fragen nicht antworten. Er wüsste auch nicht, was er darauf antworten sollte.

 

Die Schatten um ihn herum kommen und gehen, sie beugen sich über ihn, sagen etwas, rufen etwas, irgendwo klappern Gegenstände, er hört hastige Schritte, eine Tür, die auf und zugeht und immer wieder schwerfällig ins Schloss fällt. Jemand presst etwas Kaltes auf seine Haut. Zweimal, dreimal, er zählt nicht mit. Dann ertönt ein kurzes, sich immerzu und unablässig wiederholendes Fiepen.

 

»Achtzig zu vierzig, Puls sechzig.«

 

»Verdammt, er blutet aus unzähligen Wunden.«

 

»Notfallset, sofort!«

 

»Puls wird unregelmäßiger, runter auf fünfzig.«

 

»Zwanzig Milliliter Epinephrin. Wo, zum Teufel, bleiben die Blutkonserven?«

 

»Sind gleich da.«

 

»Die Oberschenkelarterie ist verletzt.«

 

»Eine Klammer, schnell!«

 

Er hört die Stimmen. Er hört ihre Worte, hört, was sie sagen, doch es hat keine Bedeutung für ihn. Es interessiert ihn nicht. Die Schmerzen lassen nicht nach, sie zerren weiter an ihm, bohren sich wie messerscharfe Krallen in seinen Verstand und rauben ihm die Sinne.

 

Komm zu mir, sagt eine weitere Stimme. Sie ist sanft, liebevoll, unaufdringlich.

 

Wer spricht da? Diese Stimme klingt anders als die anderen, sie klingt vertraut und beruhigend. Sie hat es nicht eilig, sie stellt ihm keine Fragen.

 

Lass los, sagt sie.

 

Ja, das möchte er so gerne tun. Er ist müde, furchtbar müde und erschöpft. All die Lichter, die Geräusche und Dinge, die um ihn herum geschehen, sie prasseln auf ihn ein, halten ihn wach. Er jedoch möchte einfach nur schlafen, die Augen schließen, ausruhen. Nicht lange, nur für einen Augenblick des Luftholens, nur für einen winzigen Moment der Stille in dieser tosenden, unerbittlichen, verwirrenden Brandung aus Gefühlen und Eindrücken, Worten und Schmerzen.

 

Er schließt die Augen.

 

Wieder lässt man ihn nicht. Wieder spürt er, wie sein Körper bebt und wackelt, wie man ihn erneut dem sehnsüchtigen Schlummer entreißt.

 

»Schön hierbleiben!«, ruft eine Stimme. Sie spricht ihn direkt an, das spürt er. Dann fügt sie von ihm abgewandt hinzu: »Sein Kreislauf kollabiert!«

 

Lass einfach los.

 

Eine seltsame Leichtigkeit durchströmt ihn. Angst und Schmerz, Verwirrung und Zweifel bröckeln von ihm ab, sie zerfallen wie die Reste einer längst vergangenen Epoche und verschwinden im gleißenden Licht einer aufgehenden Sonne, die die Dunkelheit vertreibt und dem Morgen seine Anmut schenkt. Er will ein Teil davon sein. Er will fortgehen, weg von diesem Ort, hin zu diesem Licht, zur Wärme, zur Geborgenheit.

 

Das Fiepen im Hintergrund wird leiser. Die Geräusche, die Stimmen der Schatten, einfach alles wird leiser. Die großen Lichter über ihm erlöschen, sie verenden wie die Glut eines sterbenden Feuers, bis nichts mehr von ihnen übrig ist. Nur noch Dunkelheit.

 

Seine Augen schließen sich.


Kapitel 2

Das Erste, was Doug Schumer bewusst wahrnahm, war das monotone Ticken einer Uhr. Es erinnerte ihn an früher, an seine Kindheit. Seine Eltern besaßen so ein Ding, eine klobige, potthässliche Monstrosität in mattem Orange, mit falsch geschriebenen römischen Zahlen auf dem Ziffernblatt, die bis heute über der Küchentür hing und um die sich diverse Familienmythen rankten. Seine Mutter behauptete beispielsweise, sie habe die Uhr von einem Losbudenbesitzer auf einer Kirmes erhalten, vor vielen, vielen Jahren, als sie und ihr Mann sich zu ihrem ersten Rendezvous getroffen hatten. Dougs Vater hingegen widersprach dieser Geschichte, wann immer sie auf den Tisch kam. Vielmehr sei es so gewesen, belehrte er mit seiner ruhigen, pragmatischen Leidenschaftslosigkeit und zog dabei an seinem Zigarrenstumpen, dass das erste Rendezvous zwischen ihm und seiner Frau in einem Autokino stattgefunden hatte, in der Nähe des alten Güterbahnhofs, als es dort noch ein Kino gegeben hatte. Sie hätten sich damals den Film Spiel mir das Lied vom Tod angesehen. Die Uhr in der Küche sei ein Fundstück von einem Trödelmarkt, eine zufällige Entdeckung, die sie aus reiner Scherzhaftigkeit und einer Spaßlaune heraus gekauft und dann tatsächlich aufgehängt hatten, um das Ding nicht gleich in den Müll zu werfen. Sie hätten sich allerdings geschworen, sie nur solange dort hängen zu lassen, bis jemand gefunden war, der sie ihnen abnahm. Bis zum heutigen Tage hätten jedoch alle potenziellen Kandidaten abgelehnt.

 

Doug wunderte das überhaupt nicht – er würde sie nicht einmal geschenkt haben wollen. Für seine Eltern allerdings stellte sie ein skurriles Erinnerungsstück dar, ein Quell lustiger Geschichten und Anekdoten, das sie immer wieder dazu brachte, in ihre gemeinsame Vergangenheit einzutauchen und sich auf längst vergangene Tage zurückzubesinnen.

 

Die Uhr, die er nun hörte, tickte haargenau so. Es war ein schleppendes, unwilliges, beinahe bockiges Klappern, als müssten die Zeiger immer wieder von Neuem dazu genötigt werden, ihre Position zu wechseln und ihren Dienst zu verrichten. Er lauschte eine Zeit lang diesem vertrauten mechanischen Spiel, dann begann er mitzuzählen: Vier, fünf, sechs, sieben. Wo war er eigentlich? Neun, zehn, elf. Er lag irgendwo, war zugedeckt und hatte die Augen geschlossen – aber weshalb? Fünfzehn, sechzehn, siebzehn. Seine Erinnerungen an das Vorher, an all die Dinge, die sich vor dem Ticken der Uhr abgespielt hatten: Sie schienen ausgelöscht zu sein oder zumindest hinter einem blickdichten Vorhang verborgen. Sein Kopf arbeitete spürbar langsamer. Sein Mund fühlte sich unangenehm trocken und pelzig an, so als habe er seit Stunden nichts mehr zu sich genommen. Einunddreißig, zweiunddreißig. Er öffnete träge die Augen, blinzelte, sah sich um.

 

Er lag tatsächlich – in einem Bett! Eine weiße, leinenartige Decke mit gut gemeinten, aber stilistisch vollkommen unnötigen hellblauen Streifen an der Ober- und Unterseite war ihm bis zum Hals gezogen. Sie fühlte sich sehr angenehm an, weich und warm, als sei sie mit Daunen gefüllt. Als er den Kopf hob, um einen besseren Überblick zu bekommen, bemerkte er zwei Paravents, die rechts und links neben dem Bett als Sichtschutz aufgestellt worden waren. Sie reichten bis zum Fußende und von ihrer Höhe bis knapp unter die Decke des Raumes. Doug konnte hinter dieser künstlichen Barriere ein paar Neonröhren erkennen, die gelangweilt vor sich hin summten, und er meinte, irgendwo eine Bewegung wahrzunehmen. Von was oder wem konnte er jedoch nicht sagen. Jenseits des Fußendes sah er eine von pragmatisch nüchternen Kacheln kranzförmig eingefasste Arbeitsfläche mit einem Waschbecken, mehreren beschrifteten Schubladen und Fächern, irgendwelchen Spendern für Seife oder Desinfektionsmittel (oder was auch immer) und ein paar Messingschalen. Sie standen sauber angeordnet da wie Ausstellungsstücke in einem Schaufenster. Eine einsame Uhr, trotzig tickend ihr Tagewerk verrichtend, hing über alledem und schien selbstgefällig auf ihn herab zu starren.

 

Er kniff die Augen zusammen, wollte die Zeiger erkennen und die Zahlen, vor denen sie standen. Doch sein Kopf fühlte sich benommen an, schwerfällig, zeitverzögert, als hätten sich seine Gedanken in zähen, widerspenstigen Klebstoff verwandelt. Er meinte, den größeren Zeiger irgendwo auf der linken Seite im oberen Viertel des Kreises entdeckt zu haben und den kleineren ziemlich genau im spiegelverkehrten Gegenteil davon. Doch das Bild verschwamm immer wieder und konnte sich nicht so recht entscheiden, was es darstellen wollte. 

 

15:51?

 

War das die Uhrzeit, die er sah?

 

Er zog einen Arm unter der Bettdecke hervor – es war auffallend kühl in diesem Raum, denn es begann ihn sogleich zu frösteln – und rieb sich mit der freigewordenen Hand über das Gesicht. Seine Haut war glatt und weich und an den Wangen frisch rasiert, stellte er fest, dennoch kam sie ihm fremd vor, klamm, erschöpft, er konnte keine rechten Worte dafür finden. Irgendwas stimmte hier nicht, irgendwas war anders als sonst, wobei er nicht sagen konnte, wie er zu dieser Schlussfolgerung kam und was dieses Sonst von dem Jetzt unterschied. Es war reine Intuition.

 

Außerdem bemerkte er diesen süßlichen Geruch in der Luft. Nicht unangenehm zwar, kein abstoßender Gestank, aber so charakteristisch, prägnant und unnatürlich, dass er reflexartig die Nase rümpfte. Was er roch, gefiel ihm nicht. Es störte ihn. Es weckte Erinnerungen an einen Ort, den er durch den Nebel seiner Benommenheit nicht benennen konnte, von dem er aber wusste, dass er nicht dortsein wollte.

 

Mit einem Mal beschlich ihn ein seltsames Gefühl der Enge. Unsichtbare Gewichte senkten sich auf seinen Brustkorb, drückten ihm die Luft ab, nur um sich gleich darauf wieder zu erheben, als würden sie von einer Welle davongetragen werden. Das Spiel wiederholte sich, wieder und wieder, ein ums andere Mal. Der Druck verschmolz mit dem Ticken der Uhr, er schien auf grausame Weise ihrem Takt zu folgen. Doug krampfte seine Finger zu Fäusten zusammen, er kämpfte dagegen an, wurde panisch. Er hatte das Gefühl, zu ersticken, nicht genügend Sauerstoff in seine Lungen zu bekommen. Qualvolle Augenblicke lang wand er sich, suchte nach einer Ursache, nach einem Ausweg, einer Lösung, bis urplötzlich, wie aus heiterem Himmel, alles wieder normal war. Das Gefühl hatte sich schlagartig aufgelöst. Gierig sog er die Luft ein, zweimal, dreimal, viermal, er konnte spüren, wie sie in seinen Körper strömte, wie die Angst von ihm abfiel und er sich wieder beruhigte.

 

Was, zum Teufel, war das?

 

Seine Hände waren eiskalt und nass und zitterten wie Espenlaub.

 

Die Uhr jenseits des Bettes tickte weiter. Sie schien sogar lauter geworden zu sein, hatte er den Eindruck. Er starrte sie an wie ein Mysterium, wie einen im Dickicht lauernden Feind, und taxierte abermals ihre Zeiger. Sie hatten sich nicht bewegt! Sie ruhten immer noch an derselben Stelle wie zuvor, als habe die Zeit stillgestanden.

 

Er kniff die Augen zusammen.

 

Wie kann das sein? Das ist doch nicht ...!

 

Bevor er diesen Gedanken zu Ende denken konnte, legte sich plötzlich eine Hand auf seinen Oberarm und er schreckte aus einem düsteren, abyssischen Schlaf hoch.

 

Eine verschwommene Gestalt stand neben ihm. Sie sah ihn an, lächelte freundlich.

 

»Willkommen zurück«, sagte sie. »Wie fühlen Sie sich?«

 

Doug kämpfte gegen die bleierne Trägheit in seinem Kopf an. Es fiel ihm schwer, seine Augen für mehr als nur einen Moment offenzuhalten oder etwas zu erwidern. Nach einigen vergeblichen Anläufen gelang es ihm schließlich, ein paar Worte zu formulieren, und er nuschelte: »Wo bin ich?«

 

»Im Krankenhaus«, sprudelte es aus seinem Gegenüber heraus, mit einer auffallend fröhlichen Stimme, so als sei dies eine ganz wunderbare Nachricht, die sie stolz war zu überbringen.

 

Krankenhaus?

 

Was mache ich in einem Krankenhaus?

 

Er sah sich um. Er lag immer noch in diesem Bett mit der warmen, weichen, blau gestreiften Decke, die beiden Paravents hielten immer noch treu neben ihm Wache, und auf der gegenüberliegenden Wand hing immer noch diese Uhr und tickte vor sich hin.

 

16:47 Uhr.

 

Jetzt konnte er die Zeiger deutlich erkennen.

 

»Bleiben Sie ganz ruhig liegen«, sprach die Gestalt weiter, immer noch mit diesem irritierend gut gelaunten Duktus. »Sie fühlen sich durch die Narkosemittel benommen, aber das gibt sich in den nächsten Stunden wieder.«

 

»Nar... Nar... Narkosemittel?« Er sprach langsam und undeutlich, lallte beinahe, aber immerhin: Er sprach! Also fuhr er fort: »Was ist mit mir passiert? Warum bin ich hier?«

 

Die Schlieren, Farben und Formen, das wirre Gemisch aus verzerrten Bildern über ihm formte sich langsam zu einem Gesicht. Es gehörte zu einer sichtlich ergrauten, nichtsdestotrotz aber hübschen und sehr herzlich lächelnden Frau, die neben seinem Bett stand. Sie trug eine weiße Uniform, weiße Arbeitskleidung oder irgendwas in der Art, und über ihrer linken Brust baumelte ein kleines, rechteckiges Namensschild, dessen Aufschrift er nicht erkennen konnte. Ihre Augen waren von einem Kranz aus hauchfeinen Fältchen umgeben und in den Winkeln leicht gerötet, dennoch spürte Doug eine Wärme von ihnen ausgehen, echte Anteilnahme, die ihm guttat. Die Frau war, so schien es, kaum größer als seine Tochter – die reichte ihm gerade mal bis zur Nasenspitze –, und ihr zierlicher, schlanker Körper ließ sie deutlich jünger wirken, als sie tatsächlich war.

 

»Sie hatten einen Unfall«, berichtete sie ihm. »Einen schweren sogar. Aber keine Sorge, Sie sind hier in guten Händen. Ihre Operation ist hervorragend verlaufen, Sie können ganz beruhigt sein. Der Doktor wird in Kürze zu Ihnen kommen und mit Ihnen sprechen.«

 

Ein Unfall? Was für ein Unfall?

 

Doug versuchte, sich an etwas zu erinnern, was zu dem Gehörten passte, und tatsächlich: Ausgefranste Erinnerungsfetzen tauchten vor seinem geistigen Auge auf, flogen an ihm vorbei, kreisten um ihn herum, fügten sich für einen kaum wahrnehmbaren Moment zusammen und entfernten sich dann wieder. Da waren Eindrücke von lauten Geräuschen, von Lärm, irgendeinem ohrenbetäubenden Krach, dann von Schmerzen, unvorstellbaren Schmerzen und beißendem Geruch. Er sah ein Licht auf sich zukommen – nein, eigentlich sogar zwei –, dann ein Knall, ein heftiger Ruck, die Erinnerungen wurden diffus, verwirbelten sich zu einem chaotischen Strudel. Er sah undeutliche Konturen von etwas, das Menschen gewesen sein könnten, sie liefen auf ihn zu, jemand sprach mit ihm, dann folgte Sirenengeheul, flackerndes Licht hüllte alles um ihn herum in ein bizarres Spiel aus Farben und Mustern. Er konnte etwas erahnen, das sich nach Angst anfühlte, ein Moment völliger Hilflosigkeit und Verzweiflung. Und Schmerzen; mein Gott, so viele Schmerzen!

 

Ich hatte einen Unfall.

 

Er wollte diese Worte laut sagen, sie entsetzt herausschreien, doch seine Kraft schwand und er sank immer wieder in diese lähmende Erschöpfung zurück, die ihn verstummen ließ.

 

»Wie gesagt: Ruhen Sie sich noch etwas aus«, beruhigte ihn die ältere Frau und tätschelte ihm den Arm. »Der Arzt wird in Kürze bei Ihnen sein.« Dann wandte sie sich ab und verschwand hinter dem linken Paravent, worauf Doug bemerkte, dass die Bewegung, die er dort wahrgenommen hatte, offenbar von ihr stammte. Er hatte also nicht alles geträumt, was vor seinem schreckhaften Erwachen geschehen war, er hatte sich nicht alles davon eingebildet. Doch: War nun dieses Gefühl zu ersticken real gewesen oder nicht? Er zog langsam seine Hand unter der Bettdecke hervor – die Erinnerung daran, dies schon einmal getan zu haben, musste also seiner Fantasie entsprungen sein – und betrachtete seine fächerförmig gespreizten Finger. Sie fühlten sich warm an, warm und trocken, und sie sahen völlig normal aus. Das beruhigte ihn, es gab ihm etwas Halt zurück. Sein Blick wanderte nahtlos weiter zu der Uhr an der Wand. Ihre Zeiger waren vorgerückt, so wie man es hätte erwarten können. Die Zeit schien also wieder normal zu laufen.

 

Ein Unfall, wiederholte er innerlich, während er seinen Kopf erschöpft in das weiche Kissen zurücksinken ließ und an die Decke starrte. Ich hatte einen Unfall. Seine Frau kam ihm in den Sinn; ob sie es schon wusste? Hatte man sie angerufen, informiert, hergeholt? Wartete sie irgendwo auf ihn, auf den Ausgang der Operation, auf den Bericht des Arztes? Mein Gott, sie war bestimmt krank vor Sorge, und wer könnte ihr das verübeln? Doug spürte den bohrenden Drang, die ältere Dame herbeizurufen und sie darauf anzusprechen, oder sie zumindest darum zu bitten, ihm sein Smartphone zu reichen, damit er seiner Frau eine Nachricht schreiben konnte. Nur ein paar kurze Worte, nur ein schnelles: Bin wach, alles gut, melde mich. Doch seine Kräfte ließen es nicht zu. Der Sog der Schläfrigkeit riss ihn mit sich. Er versank in demselben tiefen Schlaf, aus den ihn die ältere Frau zuvor geweckt hatte, und das Nächste, was er mitbekam, war, wie jemand seinen Namen rief.

 

»Mister Schumer«, sagte die Stimme – tief, männlich, mit einem leicht vibrierenden Timbre, der von den Kachelwänden als Echo widerhallte.

 

Doug öffnete abermals seine Augen. Er sah einen Mann am Fußende seines Bettes stehen: Ein ebenfalls deutlich ergrauter, drahtiger Typ mit gestutztem Vollbart und einem v-förmigen Gesicht, welches von wuscheligen, widerspenstigen Haaren umrahmt war. Irgendwo zwischen den abstehenden Strähnen ruhte eine Brille, die er sich offenbar nach oben geschoben hatte, um sie nicht pausenlos auf der Nase tragen zu müssen, und auch er trug weiße Kleidung.

 

»Mister Schumer«, wiederholte er, »ich bin Ihr behandelnder Arzt. Wie fühlen Sie sich?«

 

Doug räusperte sich (das Kratzen in seiner Kehle war nervtötend) und versuchte abermals, die Benommenheit aus seinem Kopf zu vertreiben. Dann horchte er in sich hinein. Spürte er Schmerzen? Nein. Fühlte er sich, bis auf diese hartnäckige Kraftlosigkeit und Schwere, irgendwie unwohl? Ebenfalls nicht. Fehlte ihm etwas? Nein.

 

»Mir ... mir geht’s gut«, bemerkte er leise.

 

»Wunderbar. Ganz wunderbar. Das höre ich gerne. Die Operation ist auch problemlos verlaufen, Sie brauchen jetzt nur noch etwas Ruhe und Schlaf.«

 

»Was ...«, presste Doug hervor. Er musste schlucken, sein Hals fühlte sich wie Schmirgelpapier an. »Was ist passiert?«

 

»Sie hatten einen schweren Verkehrsunfall. Heute Morgen auf der Westchester, Richtung Downtown. Ein Lastwagen ist von der Spur abgekommen und in den Gegenverkehr geraten. Sie hatten unverschämtes Glück, dass Sie überlebt haben, das hätte sehr böse für Sie enden können.«

 

»Bin ... ich ... schwer verletzt?«

 

»Nichts, was wir nicht flicken könnten«, grinste ihn der Arzt an. Seine Worte sollten offenbar beruhigend wirken – und es funktionierte tatsächlich. Dougs Sorgen gönnten ihm eine kurze Verschnaufpause. »Okay«, fügte der Arzt hinzu. »Wir lassen Sie jetzt auf Ihr Zimmer bringen. Ich komme heute Abend noch einmal vorbei, um nach Ihnen zu sehen. Bis dahin: Schlafen Sie sich aus. Sie haben es sich verdient.«

 

Doug nahm dieses Angebot dankend an, er nickte ihm zur Antwort zu, und nur wenige Sekunden später tauchten bereits zwei weitere Männer auf – beide waren deutlich jünger als der Arzt, wahrscheinlich Pfleger –, die ihn beiläufig begrüßten und ihn mitsamt seinem Bett zur Tür des Raumes rollten. Erst jetzt konnte Doug erkennen, dass er sich im Aufwachbereich eines OP-Saals befand. Hinter dem rechten Paravent verbarg sich ein olivgrünes Gestell mit Liegefläche und einem darüber schwebenden wuchtigen Scheinwerfer, zahlreiche Monitore zur Überwachung von Lebensfunktionen standen am Kopfende, gleich daneben Tische für Instrumente, ein Beatmungsgerät, mehrere Drehhocker und Spender für Handschuhe und Verbandsmaterial. Doug war dieser Anblick nicht fremd. Er war als Jugendlicher schon einmal operiert worden, als er sich nach einem waghalsigen Sprung mit seinem Skateboard (und dem darauf folgenden Sturz) die linke Schulter gebrochen hatte. Dieser Operationssaal sah ganz genauso aus wie jener, den er in Erinnerung hatte.

 

Die beiden Männer schoben ihn wortlos durch die Tür in einen angrenzenden Flur mit einem Wartebereich, dann passierten sie eine zweite Tür und befanden sich schließlich auf einer Patientenstation. Die Räder des Bettes glitten brummend über den Boden, vorbei an einem Schwesternzimmer zur Rechten, vorbei an einsam zurückgelassenen Infusionsständern, die man zu einem ungeordneten Spalier zusammengeschoben hatte, vorbei an Rollwagen, auf denen Katheterbeutel und Medikamente auf ihren Einsatz warteten. Doug sah sich, sosehr es seine Kräfte zuließen, um, wandte den Kopf mal zur einen, mal zur anderen Seite, musterte die Leute, die herumstanden, kamen oder gingen, betrachtete die Bilder, die man an den Wänden aufgehängt hatte, und das Treiben in den Patientenzimmern, wenn irgendwo eine Tür offenstand und er hineinschauen konnte. Der Fernseher in einem dieser Räume war derart lautgestellt, dass Doug die Stimme eines Nachrichtensprechers hören konnte, der gerade die Neuigkeiten des Tages verlas.

 

Ob ich auch darin vorkomme?, fragte er sich. Oder der Unfall?

 

Seine Frau kam ihm wieder in den Sinn. Er wollte sein Smartphone holen, sobald er auch nur annähernd dazu in der Lage war. Im Moment jedoch – da war er sich sicher – würde er sich nicht auf den Beinen halten können, geschweige denn irgendwo hinlaufen oder mit jemandem telefonieren. Vielleicht war es angebracht, den Rat des Doktors zu befolgen und sich etwas Ruhe zu gönnen. Das Krankenhaus hatte bestimmt schon bei ihm zu Hause angerufen. Das taten sie doch immer so, oder nicht? Gab es dafür nicht irgendwelche Routinen, die man befolgte, einen festgelegten Ablauf?

 

Die beiden Männer bogen zum Ende des Stationsflurs nach links ab, öffneten eine schwere Tür und rollten Doug in das dahinterliegende Zimmer, welches ihn sogleich mit einem nicht minder laut vor sich hin quakenden Fernseher und dem intensiven Aroma unterschiedlichster menschlicher Ausdünstungen empfing. Doug rümpfte abermals die Nase – doch zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass er quasi den Jackpot eines Krankenhauses ergattert hatte, den Platz am Fenster, und dass jenes, Gott sei’s gedankt, auch schon angekippt war, um etwas frische Luft in diese Tristesse zu lassen.

 

Nachdem sein Bett die finale Parkposition erreicht hatte, fragte ihn einer der beiden Männer (mehr beiläufig als interessiert): »Brauch’n se noch was?« Er wandte sich dabei zum Gehen und rechnete offenbar nicht damit, eine andere Antwort zu erhalten als diejenige, die ihm Doug schließlich gab.

 

»Nein, danke«, erwiderte jener.

 

Der Mann brummte zur Bestätigung. Er verließ mit seinem Kollegen das Zimmer, die Tür fiel mit einem dumpfen Schlag ins Schloss, und von diesem Moment an war Doug ein Teil dieser wunderlichen Welt mit ihren lärmenden Fernsehern, ihren beißenden Gerüchen und seinem schwerfälligen Hirn, das immer noch versuchte, die Informationen, Eindrücke und Gefühle der letzten Minuten zu verarbeiten.

 

Er warf einen verstohlenen, vorsichtigen Blick zu seinem Zimmernachbarn.

 

Der Mann – er musste irgendwo in seinen Fünfzigern sein – fläzte sich wie ein absurd karikierter Pascha auf seinem Bett. Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, mit einem Kissen als Nackenstütze, hatte seine Beine bis an die Grenze zur Obszönität gespreizt und blätterte in einer Zeitung, während sein wabbeliger, unförmiger, von Altersflecken und rötlichen Schwielen übersäter Schmerbauch unter seinem viel zu kurzen Hemd hervorquoll. Er trug eine Erwachsenenwindel, aus der sich ein dünner, durchsichtiger Schlauch bis in einen halb vollen Urinbeutel an der Bettseite schlängelte. Doug war sich spätestens ab diesem Anblick sicher, die Quelle des Miefs gefunden zu haben, der sich wie eine Käseglocke über den Raum stülpte.

 

»Verzeihen Sie«, sprach er den Mann an. Seine Stimme war immer noch heiser, brüchig, kraftlos, mehr ein Wispern als ein Sprechen. Nur mit viel Mühe kam er gegen den Werbespot an, der gerade, von fetziger Musik unterlegt, über die Mattscheibe flimmerte und irgendeine Automarke anpries, als sei sie das Heilmittel für alle Probleme der Menschheit.

 

Sein Nachbar reagierte nicht. Raschelnd und wie selbstverständlich blätterte er seine Zeitung um, schlug sie aus und las dann weiter.

»Verzeihen Sie bitte«, wiederholte Doug etwas lauter.

 

Nichts. Keine Reaktion.

 

»Ent-schul-di-gen Sie ...!« Doug legte alle Kraft, die er noch besaß, in diese zwei Worte, doch das sonderbare Wesen im anderen Bett reagierte einfach nicht auf ihn. Als würde er in dessen Welt der sauren Ausdünstungen, der brüllenden Fernsehgeräte und der knisternden Druckerschwärze überhaupt nicht existieren. Als sei er Teil eines Paralleluniversums ohne jeden Bezug zu ihm.

 

Doug atmete erschöpft durch.

 

Was soll’s?, dachte er sich. Ihm war ohnehin nicht nach Small Talk zumute. Er hätte den Mann gerne gefragt, ob er die Lautstärke des Fernsehers ein wenig reduzieren könnte, andererseits machte es ihm im Augenblick nicht ganz so viel aus, beschallt zu werden – den Narkosemitteln sei dank. Also schloss er die Augen, gab sich seinen Gedanken hin und trieb nur Augenblicke später auf einer Welle aus Geräuschen, Jingles und Stimmfetzen in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

* * *

 

Als Doug wieder erwachte, hatte sich einiges um ihn herum verändert. Das Tageslicht vor dem Fenster war einer rußgeschwärzten, sternlosen Nacht gewichen, der Fernseher war ausgeschaltet und die Zimmerlampe erloschen. Der Schein einer Straßenlaterne kämpfte sich tapfer durch die Dunkelheit und besprenkelte die Decke über Dougs Bett mit vereinzelten Klecksen, die kaum mehr waren als Andeutungen von Helligkeit. Sie reichten ihm aus, um die Konturen der Nachtkonsole neben sich zu erkennen, auf der der Lichtschalter für die Leselampe lag. Doug streckte sich vorsichtig danach aus (seltsamerweise verspürte er immer noch keine Schmerzen) und drückte den Einschaltknopf. In den Weiten des abgedunkelten Zimmers entstand eine kleine Oase der Klarheit.

 

Er wandte sich zu seinem Zimmernachbarn. Der Mann lag von ihm abgewandt auf der Seite, hatte die Bettdecke nur lose über sich geworfen und schnarchte so innig und aller Welt entrückt, dass es fast schon etwas Beruhigendes und Intimes an sich hatte. Es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, dass er, gemessen an den Schönheitsidealen des Alltags, eher kafkaesk daherkam, wie ein Faszinosum im Zoo, wie ein Sonderling unter all den sauber gekämmten, sauber gekleideten und auf ihr Aussehen bedachten Menschen um ihn herum. Er präsentierte seinen massigen, fehlerbehafteten, dem Verfall unerbittlich entgegenstrebenden Körper mit einer solchen Selbstverständlichkeit, mit so viel Gleichgültigkeit, als ginge ihn das überhaupt nichts an, als beträfe es jemand vollkommen anderen. Irgendwie bewunderte Doug diese Einstellung – auch wenn es ihn immer noch vor dem Urinbeutel und der Windel und überhaupt vor allem ekelte, was im Kosmos dieses Mannes eine Rolle spielte. Dieses Bett, dieser Mensch, diese seltsame, schwer verdauliche Momentaufnahme des Lebens hatte in Dougs Augen letztlich auch etwas Klares und Reines an sich. Denn: Ob wir wollen oder nicht, irgendwann kommt für uns alle der Tag, an dem sich Schönheit in Hässlichkeit, Freude in Traurigkeit und Wachstum in Verfall verwandelt. Vielleicht hatte dieser Mensch einfach nur lange genug gelebt, um diese elementare Wahrheit verinnerlicht zu haben, vielleicht beruhte seine Unbeschwertheit auf dieser grundlegenden Erkenntnis.

 

In diesem Moment fiel Doug etwas ein: Wie war es eigentlich um seinen eigenen Körper bestellt? Die Berichte über den Unfall hatte er vorhin, durch den Nebel der Betäubung hindurch, einfach hingenommen. Doch nun, da sich seine Gedanken langsam wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen schienen, seine Sinne langsam wieder ihre Arbeit aufnahmen, wurde er sich auch seiner Lage immer bewusster. Er hatte einen Unfall gehabt. Einen Unfall! Er war verletzt worden, war operiert worden, lag im Krankenhaus mit Gott weiß was für Wunden, Brüchen, Beeinträchtigungen. Was hatte dieser Arzt gleich noch mal zu ihm gesagt? Sie hatten unverschämtes Glück. Das waren seine Worte gewesen. Doug starrte bestürzt auf seine Bettdecke und fragte sich, welche Geheimnisse sich darunter verbargen. Was für ein Anblick erwartete ihn, nun, da er wusste, was ihm zugestoßen war? Würde er seinen Körper überhaupt noch wiedererkennen? Hatte er irgendwelche Fähigkeiten eingebüßt, die ihm das Leben leichter oder vielleicht sogar lebenswert gemacht hatten? Würde er verkraften können, was er sah, oder wäre es ein so großer Schock für ihn, dass er den Halt verlieren würde?

 

Obwohl er auf diese Fragen keine Antworten wusste, verspürte er den Wunsch, aus dem Bett aufzustehen und ins Bad zu gehen, denn mochte sein Mund noch so trocken sein und seine Kehle noch so verschlissen und rau, ein allzu menschliches Bedürfnis zog ihn drängend dorthin. In vorauseilender Erleichterung nahm er dies als ein Zeichen dafür, dass ihm ein ähnlich abstoßendes Schicksal wie dem schlafenden Pascha mit seinem Urinbeutel erspart geblieben war. Dieser Teil seines Körpers schien also noch zu funktionieren.

 

Ein guter Anfang, dachte er sich.

 

Er schlug die Decke beiseite und stellte wenig überrascht fest, dass er eines dieser Krankenhaus-Kittelchen anhatte, die am Rücken offen waren, und auch, dass er bis auf eine provisorische Unterhose mit einer bindenähnlichen Einlage keine weitere Kleidung mehr trug. Unter dem dünnen, gemusterten Stoff konnte er seine Haut erahnen. Blass und undeutlich schimmerte sie hindurch. Trotz des wenigen Lichts, das von der Leselampe ausging, konnte er an zahlreichen Stellen purpurrote Flecken sehen, deren Ränder sich wie die Ausläufer einer Seenlandschaft unter dem Stoff abzeichneten und dadurch einen scharfen Kontrast bildeten. Es waren viele. Sehr viele sogar. Erschreckend viele. Aber Flecken waren letztlich nur Prellungen, und Prellungen waren keine Wunden, und alles war besser als Wunden, sagte er sich, alles war besser als Wunden. Also hob er seine Beine aus dem Bett, ließ sie langsam, fast zögerlich zu Boden sinken, prüfte seinen Stand auf der linken Seite, prüfte ihn auf der rechten, forschte nach Schmerzen oder Unsicherheiten, fand aber beides nicht und beschloss daher, den Versuch zu wagen und aufzustehen.

 

Es klappte!

 

Das Leben hatte ihn offiziell wieder. Oder zumindest der kalte Linoleumboden unter seinen nackten Füßen.

 

Immerhin!

 

Der Weg bis zur Toilette brauchte seine Zeit. Er setzte jeden Schritt so behutsam vor den vorherigen, als müsse er sich an eine gut bewachte Festung heranpirschen. Im Vorbeigehen ließ er seinen Blick zu dem schnarchenden Pascha schweifen. Das Licht der Leselampe hatte den Mann quasi entzweigeschnitten: Sein massiger Rücken war notdürftig beleuchtet, und Doug konnte sehen, wie sich seine Brust beim Atmen hob und senkte, doch seine Vorderseite blieb in der Dunkelheit verborgen. Er sah aus wie ein merkwürdiges Schattenspiel, wie ein bis zur Absurdität verzerrtes chinesisches Yin-und-Yang-Symbol. Woran er wohl litt und warum er hier im Krankenhaus lag? Sicher würde er es in den kommenden Tagen von ihm erfahren. Im Moment jedoch waren ihm andere Dinge wichtiger. Doug wandte sich ab und schlurfte weiter bis zur Badtür, die sich direkt neben dem Zimmereingang befand. Vorsichtig befühlte er den Knauf, drehte ihn, öffnete, tastete nach dem Lichtschalter und drückte ihn, tauchte anschließend ein in ein sehr viel helleres, sehr viel wärmeres Licht, schloss die Tür hinter sich und verriegelte sie. Mit dem Schnappen des Schlosses schien es ihm so, als habe er ein kleines Stück seiner Privatsphäre wiedergewonnen, ein kleines Bisschen seines Ichs, seiner Freiheit, seiner Unabhängigkeit. Das Schnarchen des Paschas drang zwar immer noch bis zu ihm durch, doch wurde es von dem Holz der Tür sosehr gedämpft, dass er es nur noch als schwaches Brummen und Röcheln wahrnahm.

 

Nun war die Stunde der Wahrheit gekommen!

 

Er drehte sich zu dem Spiegel über dem Waschbecken, zögerte einen Moment, beruhigte sich, hob dann den Blick und sah hinein.

 

Das Gesicht, welches aus dem schlierigen Glas zurück starrte, war seinem eigenen verblüffend ähnlich – eine Tatsache, die ihn erleichtert aufatmen ließ. Seinen Haaren war immer noch anzusehen, wie viel Zeit er heute Morgen darauf verwendet hatte, sie zu stylen und dadurch bei seinen Mandanten und Vorgesetzten einen professionellen Eindruck zu hinterlassen, doch mittlerweile hatten sie sich in größtenteils widerspenstige Büschel verwandelt, die in alle Himmelsrichtungen abstanden. Seine Haut wirkte glanzlos und eingefallen, beinahe ledrig, wie die Haut eines alten Mannes. Dabei hatte er erst ein Drittel seines statistischen Lebens hinter sich und damit noch viele Jahre vor sich; Jahre der Arbeit, Jahre der Freude, Jahre des Umbruchs, Jahre der Hoffnungen und Herausforderungen. Ihm war ein Geschenk zuteilgeworden, heute Morgen auf dieser Straße, in diesem schicksalhaften Augenblick, als die Dinge geschehen waren, an die er sich nur noch bruchstückhaft und in Fetzen erinnern konnte. Und so wie es aussah, hatte er sie besser überstanden als angenommen. Denn mochte seine Frisur noch so wild und ungepflegt sein, mochte sein Gesicht noch so ausgelaugt und kraftlos wirken, wichtig war nur, dass er lebte. Nur das zählte. Nur das hatte eine Bedeutung.

 

Er hob das Kittelchen so weit an, dass er es sich wie einen Umgang über die Schulter werfen konnte, dann begutachtete er seinen Körper. Die bereits erahnten Prellungen und Flecken waren tatsächlich da, und sie sahen schlimm aus. Heftige, feurige Male von der Größe eines Handtellers, auf seiner Brust, auf seinem Bauch, an seinen Beinen, beinahe überall, wo einst rosafarbene, gesunde Haut geglänzt hatte. Hätte er es nicht besser gewusst, er hätte ebenso gut annehmen können, in eine derbe Prügelei verwickelt worden zu sein. Dieser Anblick war schwer zu fassen. Unwirklich und fremdartig. Und irgendwie auch verstörend.

 

Was ihn jedoch am meisten beschäftigte, war, weshalb er trotz dieser massiven Läsionen keine Schmerzen empfand. Immer noch nicht. Nirgendwo! Selbst als er mit den Fingern die Blutergüsse vorsichtig befühlte, sie massierte und drückte, passierte: nichts! Das Fleisch unter der verfärbten Haut war nicht etwa taub, er konnte sehr wohl etwas spüren, nur war dieses Etwas eben kein Schmerz. Es fühlte sich vollkommen normal an, so als sei nie etwas geschehen.

 

Und noch ein weiteres Detail gab ihm Rätsel auf: Entgegen seinen Erwartungen konnte er nur ein einzelnes Pflaster an sich entdecken. Ein perfektes Rechteck mit abgerundeten Kanten, etwa so groß wie ein Bierdeckel. Es klebte auf der Innenseite seines linken Oberschenkels. Doug ließ seine Fingerkuppen darüber gleiten und meinte eine Unebenheit zu ertasten. Sie kam ihm vor wie ein zu kurz geratener Regenwurm: Eine dünne, rundliche Erhebung, die sich knapp zwei Zentimeter unter dem blickdichten Material dahin schlängelte. War das die Reliquie, die ihm die heutige Operation hinterlassen hatte? War das schon alles? Doug hatte nach den dramatischen Schilderungen des Arztes und den Beteuerungen, wie viel Glück er doch gehabt hatte, angenommen, sehr viel schwerer verletzt worden zu sein. Aber das? Die Flecken sahen scheußlich aus, keine Frage, und es würde seine Zeit brauchen, bis alles wieder verheilt und wie früher war. Doch ein paar – wenn auch heftige – Prellungen und eine einzige, gut versteckte, relativ kleine Operationsnarbe? Damit konnte er leben! Doug spürte, wie die Anspannung der letzten Stunden mit einem Mal von ihm abperlte und einer tiefen Erleichterung wich, die nur jemand empfinden konnte, der das Schlimmste befürchtet und dann doch glimpflich davongekommen war.

 

Er klappte den Toilettendeckel hoch, setzte sich, atmete tief ein und ließ die Luft langsam durch seinen Mund entweichen. Er hatte Glück gehabt. Unverschämtes Glück.

 

Nachdem er sich erleichtert hatte – ebenfalls ohne Schmerzen, ohne Probleme –, verließ er das Bad und schlich sich zu dem Schrank, der etwa mittig im Zimmer an der gegenüberliegenden Wand zwischen den beiden Betten stand, öffnete das Fach, welches seines zu sein schien, und durchwühlte es solange, bis er sein Smartphone entdeckt hatte. Es war immer noch eingeschaltet und zeigte die Uhrzeit an.

 

23:47 Uhr.

 

Das war spät, stellte Doug fest, sogar sehr spät, allerdings nicht zu spät, um seine Frau anzurufen und mit ihr zu sprechen. Da er nun wusste, wie es um ihn bestellt war, konnte er sie beruhigen, alles okay Schatz, mir geht’s gut, er wollte ihre Stimme hören, wollte ihr erzählen, wie froh er war und wie wohl er sich fühlte, wollte ihr sagen, dass er sie liebte, dass alles wieder gut werden und er bald nach Hause kommen würde. Er wollte das für sie tun, für sich selbst, für seine Tochter, einfach für alle Menschen, die ihm lieb und teuer waren. Und er brauchte jemanden, der ihm zuhörte, mit dem er sich austauschen konnte. Das Leben war heute Morgen aus den Fugen geraten. Und wenn es nach ihm ging, dann sollte es so schnell wie möglich wieder zu seiner Ruhe zurückkehren, zu seiner Leichtigkeit, seiner Unbeschwertheit. Dieser Anruf war der erste Schritt auf diesem Weg, dachte er sich, und vielleicht war es sogar der wichtigste.

 

Also begab er sich zur Zimmertür – einmal mehr vorbei an dem schnarchenden Pascha, der keinerlei Notiz von ihm zu nehmen schien oder von dem Licht der Leselampe oder von überhaupt etwas jenseits seiner Träume – und trat in den Stationsflur hinaus. Eine feierliche Ruhe hatte sich über diesen Ort gesenkt. Die Stimmen und Geräusche des Tages waren verstummt. Die Besucher waren gegangen, niemand hetzte oder sprach oder machte irgendeinen Lärm, keine Betten wurden von hier nach dort gerollt, alle Türen waren geschlossen und die Lichter gedimmt. Nur das Schwesternzimmer war immer noch hell erleuchtet und jemand schien dort am Computer zu sitzen und etwas einzugeben. Doug konnte das stakkatohafte Klappern der Tasten hören.

 

Zu seiner Linken entdeckte er einen Raum, der ihm gar nicht aufgefallen war, als man ihn aus dem Operationssaal hierher gebracht hatte. Er verbarg sich hinter einer Tür aus schwerem, mattem Glas direkt am Kopfende des Flurs, und dahinter standen, wie er nach dem Eintreten feststellte, mehrere altbackene Holzstühle mit grauslich beigen, an den Sitzflächen bereits stark verschlissenen Polstern, die aussahen, als habe man sie aus einer lange vergangenen Epoche mitgenommen und hierhergebracht. Passenderweise roch es auch noch muffig und abgestanden, wie in einem Antiquariat, was dieser Raum zweifelsohne auch war.

 

Doug setzte sich und wählte die Nummer seiner Frau. Es klingelte. Nur mit dem Kittelchen bekleidet und ohne echte Unterwäsche konnte er die Kälte spüren, die sich an ihn heranpirschte und sich seiner zu bemächtigen begann, doch er konzentrierte sich lieber auf die Vorfreude, die mit jedem Klingeln weiter in ihm wuchs. Er sehnte sich sosehr nach diesem Teil seines Lebens, dass ihm der Umstand, von seiner Familie getrennt zu sein, kurioserweise genau die Schmerzen bereitete, die er körperlich nicht hatte. Eine verrückte Situation, schloss er für sich, als es plötzlich in der Leitung knackte und sich eine ebenso vertraute wie geliebte wie der Müdigkeit anheimgefallene Stimme am anderen Ende meldete.

 

»Hallo ...?«, fragte sie.

 

»Eleanor, ich bin’s, Doug«, erwiderte er feierlich.

 

»Doug? O mein Gott, Doug?«

 

»Ja, ich bin’s wirklich.« Ein Lächeln schlich sich in seine Mundwinkel.

 

»Mein Gott, Doug, ich bin ja so froh, deine Stimme zu hören! Als wir von deinem Unfall erfahren haben, sind wir sofort zum Krankenhaus gekommen, man sagte uns dort, dass du operiert werden musst, und anschließend nur, dass es dir gut geht und dass du alles gut überstanden hast, dich aber noch ausruhen müsstest, und dass wir deshalb nach Hause fahren sollten. Ich wollte erst nicht, aber der Arzt meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, er würde sich bei uns melden, sobald du wieder ansprechbar bist.«

 

Ihre Worte sprudelten geradezu aus ihr heraus, sie überwältigten ihn, sie umschlossen ihn und zogen ihn mit sich. Es war wunderschön.

 

»Ja«, antwortete er. »Ich habe bis jetzt geschlafen.«

 

»Wie geht es dir? Wie fühlst du dich?«

 

»Erstaunlicherweise sehr gut. Überraschend gut sogar. Ich habe ein paar heftige Prellungen und offenbar eine Narbe am Schenkel, aber ansonsten« – er sah noch einmal prüfend an sich herab, musterte seine Arme, seine nackten Beine, einfach alles, was er trotz des Kittelchens sehen konnte – »bin ich glimpflich davongekommen, denke ich.«

 

»Das ist schön«, sagte sie und atmete erleichtert auf. »Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.«

 

»Ja, ich weiß, mein Schatz. Ich wollte dich schon früher anrufen, aber die Narkosemittel haben mir keine Chance dazu gegeben.«

 

»Das spielt keine Rolle. Hauptsache, du wirst wieder gesund. Was hat denn dein Arzt gesagt?«

 

»Der wollte eigentlich auf eine Visite vorbeikommen, aber ich fürchte, die habe ich verschlafen.« Er lachte. Seine Frau lachte mit ihm. Sie fühlten sich beide so viel besser.

 

»Wo bist du jetzt?«, fragte sie.

 

»In einem Aufenthaltsraum – oder so was in der Art. Weißt du, der Vorteil von Narkosemitteln ist, dass man davon tief und fest schläft, aber der Nachteil ist, dass man irgendwann eben doch aufwacht und dann nicht mehr einschlafen kann. Außerdem schnarcht mein Zimmernachbar wie ein Walross.«

 

Wieder mussten sie beide lachen.

 

»Du Armer«, gluckste seine Frau. Sie wusste, wie sehr er laute Geräusche beim Schlafen verabscheute, und er wusste, dass ihr Mitgefühl ehrlich und aufrichtig war. Sie war so ein wunderbarer Mensch, ein Geschenk des Himmels in seinem Leben. Und an keinem Tag war er glücklicher sie zu kennen als genau in diesem Moment, in diesem muffigen Zimmer, auf diesem muffigen Stuhl, während er ihre Stimme aus seinem Smartphone klingen hörte. Es fühlte sich für ihn an, als sei sie bei ihm, genau hier, genau jetzt, als würde sie nichts voneinander trennen, weder Raum noch Zeit noch sonst irgendetwas in diesem seltsamen Universum.

 

»Ich komme dich morgen früh besuchen«, eröffnete sie ihm mit hörbarer Vorfreude. »Mein Chef hat mir den Vormittag freigegeben, ich werde also spätestens um neun Uhr bei dir sein.«

 

»Das wäre schön«, erwiderte er wohlig lächelnd. »Könntest du mir ein paar Sachen zum Anziehen mitbringen? Diese Krankenhaussachen sind weder besonders bequem, noch besonders elegant, und ich will unbedingt den Preis für den bestaussehendsten Patienten gewinnen.«

 

Lachen. So viel Lachen. Es tat gut, es zu hören, es tat gut, es zu spüren. Es war ein Zeichen des Lebens.

 

»Natürlich«, versicherte sie ihm. »Den blauen oder den schwarzen Blazer, Sir?«

 

»Den blauen natürlich. Ich will nicht als Snob verschrien werden. Aber jetzt mal im Ernst: Kannst du mir etwas Unterwäsche und die bequemen Sachen mitbringen, die ich immer vor dem Fernseher trage? Ich weiß nicht, wie lange die mich hierbehalten werden, da möchte ich es wenigstens ein bisschen gemütlich haben. Und warm.« Er betrachtete seine Beine, auf denen sich, von der Kälte getrieben, die Haare aufstellten.

 

»Frierst du?«, wollte sie wissen.

 

»Ja, ein bisschen schon. Ist aber nicht schlimm. Nach heute Morgen ist gar nichts mehr schlimm.«

 

Sie zögerte. Dann fragte sie: »Woran erinnerst du dich?«

 

»Nur an Bruchstücke, um ehrlich zu sein. Verschwommene Bilder, schattenhafte Eindrücke, kurze Momente des Bewusstseins. Es fühlt sich an wie aus einem Traum zu erwachen, den man kurz danach wieder vergessen hat. Ich sehe Lichter auf mich zukommen, höre Lärm, und ...« Er suchte nach den rechten Worten. »Es fällt mir schwer, es zu beschreiben. Wie ein Traum eben. Ein beängstigender, fremdartiger, verstörender Traum.«

 

»Ist schon okay. Du kannst es mir morgen erzählen. Oder ein andermal. Wann immer dir danach ist.«

 

»Wie geht es Lindsay?«, wechselte er dankbar das Thema. »Wie hat sie es verkraftet?«

 

»So wie immer – so wie unsere Tochter nun mal ist: Es beschäftigt sie, aber sie versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Sie hat deine Stärke geerbt, weißt du.«

 

»Und dein gutes Herz«, ergänzte Doug lächelnd.

 

Beide ließen das Gesagte einen andächtigen Moment lang auf sich wirken, genossen es, versanken in dieser tiefen, gemeinsamen Verbundenheit, für die es keine Worte benötigte, um sie auszudrücken.

 

»Ich vermisse euch«, sagte er schließlich.

 

»Wir dich auch. Sehr sogar.«

 

»Morgen um neun Uhr, hast du gesagt?«

 

»Ja, allerspätestens. Je nachdem, wie der Verkehr ist.«

 

»Ich freue mich darauf.«

 

»Ich mich auch.«

 

»Gib Lindsay einen Kuss von mir, okay? Und sag ihr, dass ich sie liebhabe und dass es mir gutgeht.«

 

»Das mache ich, mein Schatz. Wirst du jetzt noch ein bisschen schlafen?«

 

Doug zuckte mit den Schultern – wohlwissend, dass ihn seine Frau nicht sehen konnte. »Vielleicht«, erwiderte er lakonisch. »Mal sehen. Im Augenblick bin ich putzmunter und muss mir ... ich muss ... über ein paar Dinge nachdenken, verstehst du?«

 

»Natürlich.«

 

»Hat die Kanzlei schon von meinem Unfall erfahren?«

 

»Ja, keine Sorge, ich habe sie angerufen. Sie lassen dir ihre besten Wünsche ausrichten und dass du schnell wieder gesund werden sollst. Liam meinte übrigens, er will dir ein Blumenbouquet und bunte Luftballons schicken lassen.« Sie lachte; Doug ebenso.

 

Liam Anderson war sein engster Kollege in der Anwaltskanzlei Campbell & Young, für die er arbeitete, und irgendwie auch sein Freund – sofern man bei Anwälten überhaupt von so etwas wie Freundschaft sprechen konnte. Eher noch war ihre Beziehung kameradschaftlich, ähnlich Soldaten, die in demselben Gefecht gegen dieselben Stellungen desselben Feindes ankämpften und dadurch zu einem stummen Bund der gegenseitigen Unterstützung gefunden hatten. Liam war auch schon bei ihnen zu Hause gewesen und sie beide bei Liam und seiner Frau Betty. Man hatte gegrillt, Bier getrunken und über konfuse Gesetze von konfusen Richtern in ebenso konfusen Prozessen gealbert. Doch Doug war sich trotzdem sicher, dass sie keine Freunde im eigentlichen Sinne waren, zumindest nicht in derlei Weise, wie normale Menschen Freundschaft definieren würden. Sie beide verband eine Art fatalistischer Humor, ein sarkastischer Blick auf die Irrungen und Wirrungen des Rechtssystems, welches ihnen manchmal wie ein Teufelspakt vorkam. Einerseits ernährte es sie, brachte ihnen Klienten, Geld, wirtschaftliche Sicherheit, andererseits hielt es ihnen täglich vor Augen, wie streitlustig, verbissen und lieblos die Menschheit sein konnte. Licht und Schatten: Diese beiden Extreme waren in dem Job bisweilen sehr nah beieinander.

 

»Ich lasse dich jetzt weiterschlafen«, bemerkte Doug; eine Pause war entstanden und er hatte seine Frau mehrmals am anderen Ende gähnen hören, trotz ihrer Freude über den Anruf. »Ich wollte dir ohnehin nur sagen, dass es mir gut geht und dass du dir keine Sorgen zu machen brauchst. Und natürlich deine wunderschöne Stimme hören.«

 

»Das ist lieb von dir«, erwiderte sie dankbar. »Ich bin dann morgen früh bei dir und werde dich in meine Arme schließen und ganz fest an mich drücken und nie wieder loslassen.«

 

»Als ob ich dir jemals eine Chance dazu geben würde, von mir loszukommen«, scherzte er.

 

Sie lachten beide. Ein letztes Mal. Dann wünschten sie sich gegenseitig eine gute Nacht, küssten sich über die Entfernung und durch die Telefonleitung hindurch und legten auf. Wobei es Dougs Frau war, die dies tat, während Doug noch eine ganze Weile mit dem erloschenen Smartphone am Ohr sitzen blieb, ins Leere starrte und seine Gedanken und Gefühle sortierte. Er hatte sich von diesem Anruf Erleichterung erhofft, eine Rückkehr zur inneren Ruhe, ein Stehenbleiben des blinkenden, tönenden, immerzu um sich selbst rotierenden Karussells in seinem Kopf, und in gewisser Weise hatte er das erreicht. Er hatte über den Unfall sprechen können – wenn auch nur kurz –, er hatte seiner Frau die Angst nehmen und ihr sagen können, dass er wohlauf und bei Kräften war. Nun aber fand er sich in einer kuriosen Situation wieder: Er konnte nichts mehr tun. Nur noch abwarten. Geduldig sein. Den Dingen ihren Lauf lassen. Er fragte sich, wie lange ihn die Ärzte hierbehalten würden. Tage? Oder vielleicht Wochen? Nein, Wochen würden es nicht werden, davon war er überzeugt. Oder vielmehr: Er hoffte es. Und sein gegenwärtiger Zustand schien ihm recht zu geben. Mochten es vielleicht Schmerzmittel sein, die ihn im Augenblick so leichtfüßig dahinschweben ließen, konnte er sich dennoch nicht vorstellen, derart schwer verletzt zu sein, dass er über einen längeren Zeitraum an diesen Ort gebunden sein würde. Bald wäre er wieder frei. Neben der Sehnsucht nach seiner Familie war dies sein innigster Wunsch.

 

Er ließ das Smartphone sinken, verweilte noch einen Augenblick, dann stand er auf, sah sich in dem kleinen Raum um und stellte ernüchtert fest, dass es hier zwar viel zum Sitzen gab, aber nichts zum Lesen. Ein archaisch anmutender Fernseher, ein uraltes, klobiges Gerät mit staubiger Mattscheibe hing in einer Ecke, wartete darauf, eingeschaltet und genutzt zu werden, doch Doug hatte im Moment keinerlei Bedürfnis nach noch mehr audiovisueller Berieselung. Er war froh, dass der Pascha endlich zur Ruhe gekommen war und mit ihm auch der krakeelende Kasten, selbst wenn er diesen durch seinen tiefen Schlaf hindurch nicht wahrgenommen hatte. Höchstens in Form von Bruchstücken in seiner Traumwelt, doch das zählte nicht. Er beschloss, stattdessen den muffigen Raum zu verlassen und den Stationsflur abzulaufen, um sich in seiner neuen Heimat auf Zeit ein wenig umzusehen.

 

Als er hinaustrat, empfing ihn einmal mehr diese Stille. Die Zeit, die er telefonierend in dem Raum verbracht hatte, schien in diesem Teil des Gebäudes eingefroren zu sein. Das Klappern der Tasten im Schwesternzimmer war verstummt, man konnte nur noch ein leises, elektrisches Summen hören, welches von irgendwoher kam und irgendwohin schwebte und zu irgendwas gehörte, das für Doug keine Rolle spielte. Der Rest war wie versteinert. Eine lebensgroße Momentaufnahme einer fremden Welt.

 

Er setzte sich in Bewegung und schlurfte gemächlich, ganz ohne Eile und von nichts getrieben von einem Ende des Flurs zum anderen, vorbei an den vielen Kleinigkeiten, Details, Gegenständen und Besonderheiten, an denen er nur Stunden zuvor vorbeigerollt worden war und die er sich nun ganz in Ruhe ansehen konnte. Die Bilder an den Wänden beispielsweise zeigten Motive von majestätischen, rot glühenden Sonnenaufgängen, von erwartungsvollen Knospen kurz vor ihrer Blüte, von kleinen Babyfüßen, die auf ein unbekanntes Ziel zustrebten, und sie alle waren wunderschön und bunt und verspielt und mit einer solchen Liebe gezeichnet, dass sie die Magie des Augenblicks einfingen. Danach folgten Bilder von satten, vollen, hochstehenden Wildwiesen, von Rosen, die ihre Blätter würdevoll zur Seite reckten, von Bäumen in wallend grüner Pracht, allerdings auch – sehr im Kontrast dazu – von Sanddünen, deren Körner von einem angedeuteten Wind davongetragen wurden. Als Drittes sah er Vogelschwärme, die sich mit ausgebreiteten Schwingen in den Abendhimmel erhoben, er sah fallendes, welkes Laub in graubräunlichen Herbstlandschaften und erhabene Weizenähren, die geduldig auf ihren Bauern warteten, um geschnitten und gebunden zu werden. In einer letzten, sehr viel kürzeren Reihe bemerkte Doug noch ein Bild mit einem nahezu erloschenen Teelicht und eines mit einer weißen Taube, die entweder gerade davonflog oder gerade ankam, so genau war das für ihn nicht zu erkennen.

 

Er blieb stehen und ließ seinen Blick über diese gleichsam anmutig schöne wie widersprüchliche Aneinanderreihung schweifen. Er war beileibe kein Kunstkenner, er maß sich nicht an, im Entferntesten beurteilen zu können, ob ein Motiv gut oder schlecht gezeichnet war, von einem Könner seines Fachs, einem Amateur oder irgendjemandem dazwischen. Doch zwei Dinge fielen ihm auf. Von links nach rechts betrachtet, also vom Beginn seines Weges an der Schwelle des muffigen Raumes bis zu dessen Ende vor der Zugangstür zur Patientenstation durchliefen die Bilder eine sonderbare Verwandlung. Strahlten sie zunächst in reichen Farben und mit klaren, deutlichen, lebendigen Konturen, so wurden sie mit jedem weiteren Motiv immer blasser, undeutlicher, nüchterner, kraftloser. Das Teelicht und die Taube waren so weich und dünn und fahl gezeichnet, dass sie kaum mehr als solche erkennbar waren. Und die Bilder (oder eher: ihre Motive) schienen sich zu wiederholen. Auf die letzten beiden folgten abermals Darstellungen von Sonnenaufgängen und Knospen und Babyfüßen, von Wiesen, Rosen und Bäumen, Vögeln, Laub und Ähren, bis auch sie in das Kerzenlicht und die Taube mündeten. Sie waren zweifelsfrei von jemand anderem gezeichnet worden, das konnte man erkennen, doch ihr Inhalt glich ihren Vorgängern wie ein Ei dem anderen. Und auch sie durchliefen diese merkwürdige Transformation von hell nach dunkel, von satt nach fahl, von bunt nach trist.

 

Doug schlenderte weiter. Er lief vorbei an den Patientenzimmern mit ihren großen, schweren, sehr breiten Türen, die an die Pforten einer Festung erinnerten. Sie boten genügend Platz, um ein Krankenbett oder anderweitiges medizinisches Equipment hindurchzuschieben, und sie waren ähnlich wie Hotelzimmer durchnummeriert – nur dass auch hier eine aberwitzige, verquere Logik vorzuherrschen schien. Auf sein eigenes Zimmer, welches die Ziffer 5 trug (und ihn rätseln ließ, wo sich die Räume mit den Ziffern 1 bis 4 befanden), folgte nicht etwa die 6, sondern die 9, dann die 12, die 14, die 15, die 19 und schließlich die 25.

 

Doug ließ diese Tatsache einen gedankenvollen Moment lang auf sich einwirken, sah den Flur auf und ab, suchte nach Hinweisen auf den Verbleib der restlichen Zahlen, doch er konnte nichts entdecken. Sie blieben verschwunden. Vom Erdboden verschluckt.

 

Er wandte sich zu der Stationstür, die hinaus zu dem Wartebereich führte und zu dem Operationssaal, aus dem er hierher gebracht worden war. Plötzlich überkam ihn ein seltsames, sehr intensives, fast hypnotisches Gefühl von Neugier, ein Impuls, der all seine Sinne in Beschlag nahm und ihn immer näher an diese Tür heran trieb, Schritt um Schritt, Meter um Meter, bis er direkt davorstand und mit seiner Hand das kalte, harte Messing des Türknaufs befühlte. Das Licht jenseits der Glasscheibe war erloschen. Die Dunkelheit war undurchdringlich, sie schien die Welt dort draußen mit gierigem Schlund aufgefressen zu haben, bis auf den letzten Krümel, bis nichts mehr davon übrig geblieben war als nur vage, schleierhafte Erinnerungen an einen anderen, einen helleren Ort.

 

Doug überlegte – er konnte nicht sagen, worüber genau, es fühlte sich an wie ein unschlüssiges Zögern, ein kritisches Taxieren der Lage, als müsse er eine Entscheidung treffen, bei der es von Bedeutung war, das Für und Wider gewissenhaft gegeneinander abzuwägen. Irgendetwas zog ihn hinaus in diese düstere, verborgene, abgeschiedene Welt, es schien ihn zu sich zu rufen. Eine innere Stimme vielleicht oder eine Intuition, jedenfalls etwas Machvolles. Im selben Moment spürte er, wie seine Hände zu zittern begannen und seine Beine ihn nicht weiter tragen wollten als bis unmittelbar vor die Schwelle dieser Tür. Er blieb dort stehen, angewurzelt, regungslos, starr im Angesicht einer unsichtbaren Mauer, die sich vor ihm aufgerichtet zu haben schien und ihm keinen Durchlass mehr gewährte.

 

Was geht hier vor?, fragte er sich.

 

Er presste seine Finger mit aller Kraft zusammen, umklammerte den Knauf, drehte ihn, hörte ihn leise quietschen, wollte unbedingt weitergehen, doch er schaffte es einfach nicht. Er war nicht mehr Herr seines Körpers, seiner Arme und Beine, sie schienen nicht mehr ihm zu gehorchen, sondern jemand anderem.

 

Doug verfiel in Angst. Nein, mehr noch: in Panik. Was war nur los mit ihm? Er starrte fassungslos auf seine widerspenstigen Glieder, er spürte sein Herz in seiner Brust peitschen und pumpen, er spürte, wie sich kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete und sich alles um ihn herum drehte.

 

Dann fiel er ihn Ohnmacht.


Kapitel 3

Jemand trat ein. Das Licht wurde eingeschaltet, die Vorhänge beiseitegezogen, und von irgendwoher drang das Geräusch zahlreicher, bunt gemischter Stimmen.

 

»Guten Morgen«, flötete eine davon. Sie sang ihre Worte regelrecht.

 

Doug schälte sich verwirrt, schwerfällig, orientierungslos aus einem bleiernen Schlaf heraus, öffnete die Augen, sah sich um, blinzelte gegen den Widerstand seiner Netzhaut an und versuchte zu begreifen, was um ihn herum geschah.

 

Er lag in seinem Bett in dem Krankenzimmer. Acht oder neun Personen hatten sich auf der freien Fläche am Fußende versammelt, die meisten von ihnen – mit nur einer Ausnahme – waren junge Frauen. Sie trugen dieselbe weiße Kleidung wie die ältere Dame im Operationssaal und gaben sich unaufgeregten, lockeren Gesprächen hin, beiläufigen Alltagsplaudereien, mal sachlich, meist aber fröhlich. Niemand aus der Gruppe beachtete Doug oder den Pascha. Eine weitere Frau, die deutlich älter war, eine sehr schlanke, hochgewachsene Erscheinung mit wilden, unbändigen schwarzen Locken auf dem Kopf und markanten graubraunen Augen, die so tief und unergründlich waren wie ein Gebirgssee, flitzte durch das Zimmer, schlug die Vorhänge zurück, öffnete die Fenster und schien auch sonst für alles und jedes hier zuständig zu sein. Im Gegensatz zu ihrer plappernden Gefolgschaft sah sie Doug und den Pascha abwechselnd an, trug ein ebenso stolzes wie professionelles Lächeln zur Schau und schien sehr darauf bedacht zu sein, die beiden möglichst freundlich im neuen Tag willkommen zu heißen.

 

»Ein bisschen kühl heute«, bemerkte sie mit einem Blick nach draußen. »Aber das Wetter wird trotzdem großartig, meine Herren. Sehen Sie nur: Keine Wolke am Himmel.«

 

»Hm«, brummte der Pascha wenig beeindruckt.

 

Doug sah zu ihm rüber – es war das erste verbale Lebenszeichen, welches er von ihm gehört hatte. Sein Nachbar hatte sich aufgesetzt, lehnte mit dem Rücken an dem hochgeklappten Kopfteil des Bettes und ließ sein nacktes Bein ungeniert über den Rand nach unten baumeln. Sein Hemd focht abermals einen erbarmungslosen Kampf mit seinem Bauch aus, und die Zeichen standen eindeutig schlecht für das Hemd. Immer noch schien es ihm nicht das Geringste auszumachen, sich in seiner Reizlosigkeit und Ungestalt zu präsentieren, nicht einmal vor diesen Frauen, die, wenngleich sie ihm keine Beachtung schenkten, dennoch den Raum nicht betreten oder verlassen konnten, ohne einen Blick auf seinen massigen, halb nackten Körper zu werfen. Vielleicht ist das auch sein Ding, mutmaßte Doug. Vielleicht gab ihm das irgendeinen Nervenkitzel oder Kick in seinem tristen, kränklichen, gegenstandslosen Dasein.

 

»Wie ... wie bin ich hierher gekommen?«, fragte er die Schwarzhaarige, die immer noch geschäftig herumwirbelte.

 

»Der Doktor ist sofort bei Ihnen«, war ihre einzige Antwort. Dann war sie wieder durch die Tür verschwunden, wobei ihr der Tross nicht folgte.

 

Und tatsächlich: Kurz danach erschien ein wohlbekanntes Gesicht im Zimmer.

 

»Wunderschönen guten Morgen«, grüßte der ältere Arzt vom Vortag. Er hielt ein Klemmbrett in der Hand und deutete seinen beiden Patienten ein kurzes, joviales Nicken an, während die jungen Frauen (und der eine junge Mann) schlagartig ihre Gespräche einstellten und ihm ergiebig mit ihren Blicken folgten. »Haben Sie alle gut geschlafen?«

 

»Hm«, brummte der Pascha erneut. Ob er noch zu anderen Lauten fähig war?

 

Der Arzt trat an Dougs Bett heran. »Na, Mister Schumer«, sagte er fürsorglich. »Da haben Sie uns ja einen schönen, kleinen Schrecken eingejagt heute Nacht.«

 

»Was ist mit mir passiert?«

 

Der Arzt klopfte mit einem Kugelschreiber gegen eine Infusionsflasche, die, wie Doug erst jetzt bemerkte, über einen Schlauch mit einer Braunüle in seiner Armbeuge verbunden war und langsam tropfend ihren Inhalt abgab. »Sie erhalten starke Schmerzmittel«, erklärte er ihm. »Schmerzmittel auf Opiatbasis. Die sorgen dafür, dass man sich deutlich besser fühlt, als es einem tatsächlich geht. Sie haben sich gestern überfordert, Ihrem Körper zu viel zugemutet, und irgendwann hat Ihr Kreislauf schlappgemacht.«

 

Opiate, wiederholte Doug gedankenversunken. Das erklärte einiges von dem, was ihm gestern Nacht widerfahren war – oder eben auch nicht widerfahren war. Diese Mittel waren berüchtigt dafür, ihren Konsumenten üble Streiche zu spielen und sie Dinge sehen zu lassen, die es gar nicht gab.

 

»Habe ich mich verletzt?«, fragte er.

 

»Nein, glücklicherweise nicht. Eine der Nachtschwestern hat Sie rechtzeitig bemerkt und aufgefangen.«

 

»Scheint wohl, dass ich der geborene Glückspilz bin«, erwiderte Doug nicht ganz frei von Sarkasmus.

 

Der Arzt sah ihn ernst an. »Das sind Sie in der Tat, Mister Schumer! Der Sturz hätte für Sie böse enden können. Sie hätten sich etwas brechen oder den Kopf verletzen können. Damit ist nicht zu spaßen! Also von daher: Ja, Sie sind ein Glückspilz, sogar ein großer. Erst der Unfall, dann der Sturz. Sie müssen es unbedingt langsamer angehen, sich mehr schonen, sich etwas Ruhe gönnen. Okay?«

 

»Okay«, erwiderte Doug.

 

»Ansonsten«, sagte der Arzt und sah auf sein Klemmbrett, »sind Ihre Werte ausgezeichnet. Wenn Sie meinen Rat befolgen und etwas kürzer treten, dann können wir Sie schon in wenigen Tagen entlassen und Sie dürfen wieder nach Hause fahren.«

 

»Ich werde mir Mühe geben.«

 

»Fein, fein, das ist gut. Und nun zu Ihnen, Mister –«

 

Die schwarzhaarige Frau war genau in diesem Moment zurück ins Zimmer gekommen. Sie hielt ein Frühstückstablett in den Händen, blieb jedoch mit ihrem Ärmel am Türknauf hängen, verlor das Gleichgewicht, wankte, stolperte, ließ das Tablett los, welches krachend zu Boden fiel, dann fing sie sich wieder und fluchte leise. Der Arzt indes sprach ungerührt weiter, so als sei nichts geschehen, so als habe er nichts von alledem mitbekommen. Durch den Krach hatte Doug den Namen des Paschas nicht verstehen können. Er hörte nur noch, wie der Arzt ihn fragte: »– geht es Ihnen denn heute? Was macht der Appetit?«

 

»Entschuldigung«, murmelte die Schwarzhaarige derweil im Hintergrund und sammelte die Scherben und das verstreute Essen vom Boden auf. »Ich hole ein neues Tablett.« Ein paar der umherstehenden Frauen beobachteten sie dabei, zwei oder drei zeigten sogar vage Andeutungen von Schadenfreude, doch niemand unterbrach den Vortrag des Arztes.

 

»Hm«, brummte der Pascha wie auf Bestellung und zuckte desinteressiert mit den Schultern, als ginge ihn das überhaupt nichts an.

 

»Sie müssen unbedingt mehr essen«, ermahnte ihn der Arzt. »Sie haben seit Tagen nur unbedeutende Mengen zu sich genommen. Das ist nicht gut. Sie wollen doch gesund werden, oder nicht? Dann müssen Sie auch mehr essen.«

 

Doug grinste innerlich und dachte bei sich: Na ja, ausgehungert sieht er nicht gerade aus, wobei er gottfroh war, dass niemand diese Gedanken hören konnte. Obgleich er sich sicher war, dass ihm die meisten der Anwesenden wahrscheinlich zustimmen würden, gebot es ihm doch die Höflichkeit, dies nicht laut auszusprechen. Der Pascha hatte ihm schließlich nichts getan. Und Doug wusste auch nicht, woran er litt und weshalb er hier war. Vielleicht hatte er etwas Ernstes. Möglicherweise etwas Tödliches. Da gehörte es sich nicht, über ihn zu lachen, ganz gleich wie eigentümlich er aussah und wie mürrisch und wortkarg er sich gab.

 

»In Ordnung«, schloss der Arzt. »Dann bis heute Abend, meine Herren. Lassen Sie sich Ihr Frühstück schmecken und schonen Sie sich.«

 

Er verließ das Zimmer und der Tross folgte ihm brav im Gleichschritt wie Entenküken ihrer Mutter.

 

Nur Sekunden später tauchte die Schwarzhaarige mit einem neuen Tablett wieder auf. Sie ging zu Doug, stellte es neben ihm ab, verschwand abermals und brachte dann auch dem Pascha seine morgendliche Ration – mochte er sie nun essen oder nicht. Anschließend wünschte sie beiden im Hinausgehen einen schönen Tag und schloss die Tür hinter sich. Das Stimmengewirr vom Flur wurde schlagartig erstickt und verdörrte zu einem dumpfen, undeutlichen Murmeln.

 

Doug setzte sich auf und betrachtete seine karge Verpflegung: eine Tasse Kaffee, schwarz, (immerhin!), eine einsame Schnitte Brot und zwei Wurstscheiben, dazu eine abgepackte Butter und etwas Konfitüre (Erdbeere – er hasste Erdbeere). Falls er je die Hoffnung gehabt hatte, sich hier sattessen zu können, war sie spätestens jetzt verpufft. Andererseits: Jedes Essen war besser als kein Essen, denn sein Magen machte seinem Frust zunehmend Luft und forderte mit einem wütenden Knurren seinen Tribut ein. Also schob Doug die Butter und die Marmelade beiseite, packte die kümmerliche Wurst auf das kümmerliche Brot und verzehrte beides so schnell, dass es ihm wie ein einziger Bissen vorkam. Anschließend spülte er mit dem Kaffee nach – der, wie er feststellen musste, besser war als angenommen, sogar sehr viel besser. Als er fertig war, ließ er sich wieder in sein Kissen sinken.

 

Er schielte zu dem Pascha. Dieser hatte seine Ration nicht angerührt. Er saß weiterhin mit baumelndem Bein da, starrte stumm an die gegenüberliegende Zimmerwand und wartete auf ... was auch immer.

 

Doug kam eine Idee. »Entschuldigung«, sagte er zu ihm und zeigte auf dessen immer noch volles Tablett. »Wollen Sie das essen? Falls nicht, würde ich es Ihnen gerne abnehmen.«

 

»Hm«, brummte der Pascha, und Doug fragte sich: Heißt das jetzt ›ja‹ oder ›nein‹?

 

Er beschloss, in die Offensive zu gehen. Ein hungriger Magen ließ einem keinen allzu großen Spielraum für Feingefühl und Diplomatie, außerdem war sich Doug sicher, von dem Mann keine andere Antwort zu bekommen als nur dieses unwillige Brummen, ganz gleich, was er ihn fragte. Für einen kurzen Augenblick fühlte er sich wie ein Raubtier, welches gierig um eine Beute schlich und nur darauf wartete, zum Zuge zu kommen und sich seinen Teil davon zu sichern. Also setzte er sich wieder auf, streckte seinen Arm nach dem Tablett des Paschas aus und holte es zu sich.

 

Als er es schon bis zur Hälfte geschafft hatte – das Tablett schwebte wie ein fliegender Teppich über der Schlucht zwischen den beiden Betten –, geschah etwas vollkommen Unerwartetes. Der Pascha holte plötzlich mit seiner massigen Pranke aus und schlug so hart auf die Kante der grazilen Konstruktion, dass sie Doug aus den Fingern rutschte und mitsamt ihrem Inhalt scheppernd und klirrend auf den Boden krachte.

 

Doug erschrak. Er sah den Mann an; erst unschlüssig, dann irritiert, schließlich entrüstet.

 

»Warum haben Sie das getan?«, rief er.

 

»Hab' nich' Ja gesagt«, erwiderte der Pascha trocken.

 

»Ich habe Sie höflich danach gefragt, höflich! Vielleicht könnten Sie mal mit mehr als nur einem Brummen antworten, dann versteht man Sie auch besser!«

 

Er betrachtete den angerichteten Schaden und ertappte sich bei einem verstörenden Moment der Schwäche, bei dem er ernsthaft in Erwägung zog, das Essen vom Boden aufzuheben und trotzdem zu verzehren. Doch sein Ekelgefühl siegte. Ihm wurde bewusst, dass dies derselbe Boden war, der direkt unter dem Urinbeutel des Paschas verlief und über den er – sollte er je aus seinem Bett aufgestanden sein – mit seinen nackten, fleischigen, ungepflegten Füßen gelaufen war.

 

»Musst lern'n loszulass'n«, raunte der Pascha, der immer noch an diese Wand starrte, als gäbe es dort mehr zu sehen als eine leere, weiße Wand.

 

»Bitte?«, fragte Doug.

 

»Musst loslass'n.«.

 

Doug versuchte, einen Sinn in seinen Worten zu entdecken, zu begreifen, was damit meinen könnte, doch er kam zu keinem Schluss.

»Was soll ich loslassen?«, fragte er ratlos.

 

»Alles. Spielt alles kein' Rolle mehr, weißt, Jungchen.«

 

Nach diesen Worten nahm sich der Pascha die Fernbedienung zur Hand, schaltete den Fernseher ein und drehte ihn abermals so laut, dass jedes weitere Gespräch im Lärm der Jingles ertrank.

 

Doug sah ihn noch eine Weile an, ratlos, nachdenklich, verwirrt, dann legte er sich hin und schloss die Augen. Schlafen konnte er nicht mehr, seine Müdigkeit reichte nicht aus, um den plappernden, leiernden Kasten auszublenden. Stattdessen dachte er weiter über den Pascha nach. Dieser seltsame Mensch war irgendwie ein Sinnbild des Loslassens, stellte er fest. Er schien alles losgelassen zu haben, was das Leben in seiner Substanz und Alltäglichkeit ausmachte: Bedächtigkeit, Zurückhaltung, Schamgefühl, Körperpflege, Gespräche, Nahrungsaufnahme. Er zeigte keinerlei Motivation, möglichst schnell zu gesunden, möglichst schnell entlassen zu werden, möglichst schnell zu seinem bisherigen Dasein zurückzukehren.

 

Wer weiß?, mutmaßte Doug. Vielleicht hat er ja keins.

 

* * *

 

Der Besuch seiner Frau glich für Doug einer Rettung. Als sie das Zimmer betrat, schien sich jede Wand, jeder Gegenstand, jedes Molekül dieses merkwürdigen Ortes ehrfurchtsvoll vor ihr zu verneigen. Die Sonne vor dem Fenster fühlte sich plötzlich heller und wärmer an, die sterilen weißen Tapeten glichen einem bunten Farbenspiel, und selbst der Pascha in all seiner plumpen Unbeholfenheit hatte mit einem Mal etwas Menschliches und Liebenswertes an sich, ein Herz, eine Seele, etwas, das über den reinen Verfall hinausging. Das Schicksal hatte sie nur für wenige Stunden voneinander getrennt, nur für eine einzige Nacht, nur für eine unbedeutend kurze Zeit. Und doch kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. Wie ein ganzes Leben. Ein einzelner Augenblick konnte alles verändern, er konnte vertraute Dinge in etwas völlig Neues und Unbekanntes verwandeln, Freude oder Leid erschaffen, die Welt aus ihren Angeln heben. Als er gestern Morgen aufgestanden war, pünktlich um sechs Uhr mit dem Klingeln des Weckers, hatte sich alles noch normal angefühlt. Er hatte sich rasiert und geduscht, gefrühstückt und die Zeitung gelesen, anschließend hatte er seiner Frau und seiner Tochter einen Abschiedskuss gegeben und war mit dem Auto aus der verschlafenen kleinen Siedlung mit ihren Büschen und Holzzäunen und Ahornbäumen bis auf die Interstate und weiter in Richtung Stadt gefahren. Alles war so gewesen wie immer. Bis zu jenem Ereignis, irgendwo zwischen einem Hier und einem Dort, welches alles verändert hatte und sich nun in seinem Kopf hinter einer dichten Nebelwand aus Vergessen und Verdrängen versteckte. Das Pendel des Schicksals hatte ausgeschlagen, doch es war gnädig gewesen und hatte ihn verschont. Der Sensenmann hatte seine Hand nach ihm ausgestreckt, doch er war ihm entkommen. Aus diesem Grund nahm er seine Frau in die Arme und drückte sie so fest an sich, wie er nur konnte, er roch ihren Duft, fühlte ihre Wärme, hörte ihren Herzschlag, und er ließ nicht mehr von ihr los, bis er sich vollkommen sicher war, sie wirklich bei sich zu haben und nicht nur einem Trugbild seines Verstandes aufgesessen zu sein.

 

»Gut siehst du aus«, sagte sie, während ihr Tränen der Freude und der Erleichterung in winzigen Rinnsalen über die Wangen liefen. Er wischte sie ihr liebevoll weg und lächelte.

 

»Mir geht es auch gut«, erwiderte er.

 

»Hast du noch etwas schlafen können?«, fragte sie und deutete eine kaum merkliche Kopfbewegung in Richtung des Paschas an.

Doug lächelte abermals.

 

»Es geht so«, gestand er ihr und begann zu erzählen: »Ich hatte letzte Nacht ...« Doch in diesem Moment besann er sich und beschloss, nichts von seinen medikamentenindizierten Halluzinationen und dem Zusammenbruch auf dem Stationsflur zu erwähnen. Er sah die Beruhigung in ihren Augen, dieses Aufatmen des Herzens, und er konnte spüren, wie die Angst, die sie die letzten Stunden gequält und umgetrieben hatte, endlich von ihr abließ. Dieses Gefühl wollte er ihr nicht zerstören. Letztlich war es ja seine eigene Schuld gewesen: Er hatte seine Kräfte überschätzt, seinem Körper zu viel zugemutet, eine Grenze überschritten, die er nicht hätte überschreiten sollen. Er würde sich einfach schonen und den Rat des Arztes befolgen, dann wäre diese absonderliche und verstörende Episode schnell wieder vergessen und keines weiteren Wortes mehr würdig. Er würde es ihr irgendwann erzählen, vielleicht, in ferner Zukunft – oder auch niemals.

 

»Ich hatte eine unruhige Nacht«, ergänzte er daher und beließ es dabei, ohne ins Detail zu gehen.

 

Sie fragte auch nicht nach. Sie wollte nur von ihm wissen: »Hattest du Schmerzen?«

 

Er schüttelte den Kopf. »Nein, nichts. Aber ich bekomme auch Medikamente dagegen, und ich schätze, das wird der Grund sein, weshalb ich mich so gut fühle.«

 

Sie lächelte. Es war eine stumme, freudige Anteilnahme an seinem Glück. Dann hob sie die Tasche an, die sie bei sich trug, und sagte zu ihm: »Schau mal, ich habe dir deine Sachen mitgebracht.«

 

»Gott sei Dank!«, jubilierte er. »Ich muss endlich raus aus diesen Krankenhaussachen, ich muss mich wieder normal angezogen fühlen. Wenn ich hier schon liegen muss und nichts anderes tun kann als abzuwarten, dann zumindest nicht so.« Er schlug seine Bettdecke beiseite und präsentierte ihr sein dünnes, klägliches Kittelchen.

 

Sie konnte sich ein amüsiertes Auflachen nicht verkneifen.

 

»Schick«, meinte sie, ohne die Ironie in ihrer Stimme irgendwie verbergen zu wollen.

 

»Todschick«, entgegnete Doug nicht minder ironisch. »So schick wie eine Tischdecke von deiner Oma.« Sie lachten beide. »Weißt du was?«, fügte er hinzu. »Ich ziehe mich jetzt um, und dann lass uns ein bisschen an die frische Luft gehen und einen Spaziergang durch den Park machen. Einverstanden?«

 

Seine Frau warf einen Blick aus dem Fenster. Sie sah die Wege, die Doug meinte: schmale, von beschnittenen Bäumen und hüfthohen Sträuchern gesäumte Pfade, die sich wie ausgetrocknete Flussläufe um das Krankenhausgebäude schlängelten.

 

»Fühlst du dich denn kräftig genug?«, fragte sie ihn halb mütterlich, halb sorgenvoll.

 

»Wird schon gehen«, erwiderte er lapidar, hob die Beine aus dem Bett, nahm sich die Tasche und verschwand damit für einige Minuten im Bad, um sich umzuziehen. Seine Frau blieb derweil auf der Bettkante sitzen und wartete auf ihn.

 

Als er zurückkehrte, sah er mit seinem bequemen, an den Ärmeln leicht abgetragenen Hoodie mit dem Logo der San Francisco 49ers und der Jogginghose aus dichtem, schwarzem Stoff beinahe so aus wie bei ihnen zu Hause, wenn er an einem Sonntagnachmittag die eleganten Anzüge, die er in der Kanzlei trug, beiseitegelegt hatte und sich der Gartenarbeit oder lockeren Gesprächen mit Freunden, Verwandten oder Nachbarn widmete. Er strahlte sichtlich zufrieden über diesen vollzogenen Wandel vom halb entblößten und seiner Intimsphäre nahezu vollständig beraubten Patienten zu einem als vollwertiges Individuum wiedergeborenen Menschen.

 

»Komm!«, sagte er ihr und nahm sie bei der Hand. »Lass uns rausgehen.«

 

Sie verließen also das Patientenzimmer und schlenderten eng aneinandergeschmiegt und plaudernd über den Stationsflur bis zu der großen, schweren Tür, vor der er letzte Nacht das Bewusstsein verloren hatte. Dabei stellte Doug mit Erleichterung fest, dass vieles von dem, was er gesehen zu haben glaubte, seiner Fantasie und den Nebenwirkungen der Medikamente entsprungen sein musste, denn all die Merkwürdigkeiten – die Zimmernummern ohne erkennbares System, die verblassenden und sich wiederholenden Gemälde – waren verschwunden. Oder eher: Sie hatten ihre natürliche Ordnung wiedergefunden. An den Wänden hingen nach wie vor Bilder von Bäumen und Blättern und Vögeln, doch keines glich dem anderen, und sie alle waren bunt und wunderschön und einzigartig. Auch die Patientenzimmer trugen ihre Nummern, doch keine von ihnen brach aus der vorgesehenen Reihenfolge aus oder wirkte fremd und unpassend und fehl am Platz. Selbst die Welt jenseits der Stationstür, die ihm so leer und schwarz und all ihrer Substanz beraubt vorgekommen war, existierte wieder. Doug atmete innerlich auf.

 

Sie verließen das Krankenhaus durch den Haupteingang und liefen einen gepflasterten Weg bis zu einem von Efeuranken überwucherten, schmalen Torbogen, der zum angrenzenden Park führte, hinein in eine Welt voller emsig zwitschernder Spatzen und anmutig im Wind wogender, leise vor sich hin rauschender Baumkronen. Die Sonne, die sich erst wenige Stunden zuvor aus ihrem Ruhebett erhoben und die Dunkelheit der Nacht vertrieben hatte, schien warm und treu und voller Güte auf sie herab, hüllte sie ein.

»Dein Zimmernachbar ist ein komischer Kauz«, entfuhr es Dougs Frau, nachdem sie einige Schritte schweigend und genießend nebeneinander hergelaufen waren. »Als du im Bad warst, hat er mich unablässig angestarrt und immer wieder gemurmelt: Muss loslass'n, muss loslass'n.«

 

»Hm, ja, das hat er heute Morgen auch zu mir gesagt.«

 

»Weißt du, was das bedeuten soll?«

 

Doug zuckte desinteressiert mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Um ehrlich zu sein glaube ich, der alte Mann ist nicht mehr ganz auf der Höhe.«

 

»Du meinst, er hat Demenz oder so etwas?«

 

Abermals zuckte Doug mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Vielleicht. Möglicherweise. Er redet jedenfalls nicht viel, und wenn, dann brummt er nur dieses seltsame Zeug vor sich hin und starrt die Zimmerwände an.«

 

»Irgendwie finde ich ihn abstoßend«, bemerkte seine Frau.

 

»Ich auch«, bekräftigte Doug.

 

»Er kann ja einem leid tun, aber ...«

 

»Er ist abstoßend«, wiederholte Doug ungerührt. Seit dieser Dreistigkeit mit dem Frühstückstablett von heute Morgen war sein Mitgefühl für den Pascha deutlich gesunken, um nicht zu sagen: komplett verschwunden. Er hatte immer noch Hunger, sogar mehr als zuvor, und dieser Umstand schlug ihm spürbar aufs Gemüt. »Ich bin froh, wenn ich nach Hause kann«, fügte er schnaubend hinzu.

 

Seine Frau nickte zustimmend.

 

Sie gingen noch einige Meter weiter, vorbei an einem ausgetrockneten Steinbrunnen auf einem Sockel, der von einer verwitterten, von Flechten befallenen Engelsfigur bewacht wurde, und erreichten schließlich einen breiteren, gepflegteren Weg, der sie dicht an der Grenze des Geländes entlangführte.

 

»Kannst du dich mittlerweile an mehr Details des Unfalls erinnern?«, fragte ihn seine Frau, die, obgleich sie ihre Worte mit Bedacht wählte, erkennbar neugierig darauf war, was sich auf der Interstate ereignet hatte. Ob sie es nun um ihretwillen oder um seinetwillen tat – wer weiß? Doug jedenfalls konnte ihre Neugier gut verstehen. Er würde an ihrer Stelle ganz genauso denken und fühlen.

 

»Nein«, erwiderte er. »Nichts Konkretes. Nur verschwommene Bilder und Eindrücke. Ich bin allerdings nicht allzu traurig darüber, wenn ich ehrlich bin. An manche Dinge sollte man sich vielleicht nicht erinnern.«

 

»Ja, das stimmt. Vielleicht ist es besser so«, bekräftigte seine Frau diesen Gedanken. »Übrigens hat die Polizei heute Morgen bei mir angerufen. Sie wollten wissen, wohin das Autowrack gebracht werden soll. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen es bei uns auf die Auffahrt stellen, damit wir den Schaden mit der Versicherung klären können.«

 

»Das ist gut«, bestätigte Doug. »Ich kümmere mich darum, sobald ich wieder zu Hause bin.«

 

»Schau erst mal, dass du gesund wirst, das ist viel wichtiger. Das Auto kann warten. Es ist nur ein Gegenstand. Dein Leben, deine Gesundheit, darauf kommt es wirklich an. Wir brauchen dich gesund und munter an unserer Seite.«

 

»Verdammt«, wechselte Doug jählings das Thema und rieb sich seinen Bauch. »Ich habe einen solchen Hunger, ich könnte einen ganzen Berg von Steaks verdrücken. Dieses Krankenhauszeug macht einfach nicht satt.«

 

»Was gab es denn zum Frühstück?«, wollte sie wissen.

 

»Frag' lieber nicht.«

 

»Soll ich dir was holen? Pancaces? Oder einen Burger?«

 

»Nein, ich ... Ich weiß nicht, ob das gut für mich wäre, ob ich das darf. Ich will nicht unvorsichtig sein«, log er zögerlich, denn in Wirklichkeit schrie sein Körper nach Nahrung, er flehte ihn an, beschwor ihn, bettelte förmlich, und Doug war allzu gewillt, ihm zu geben, wonach es ihn verlangte. Letztlich hielt ihn nur der Schreck der letzten Nacht zurück, die Furcht davor, wieder zu stürzen, wieder ohnmächtig zu werden, möglicherweise sogar vor seiner Frau, sich schlimmstenfalls dabei zu verletzen und dann dazu verdammt zu sein, noch länger hierzubleiben, hier, bei dem schnarchenden, wirr fabulierenden Pascha, bei dem quäkenden Fernseher, dem mageren Essen, dem trostlosen und langweiligen Warten.

 

»Okay«, sagte seine Frau. »Aber falls du doch etwas brauchen solltest, dann sag' mir Bescheid und ich schmuggle es dir ins Zimmer.« Sie lachte.

 

»Einverstanden«, antwortete Doug nicht minder vergnügt.

 

Sie liefen Hand in Hand weiter, schlenderten vorbei an alten, erhabenen Eichen, die sich beidseits des Weges zueinander hinstreckten und dadurch ein Dach aus Ästen und Blättern bildeten, vorbei an dichtgewachsenen Sträuchern, die jedes Sonnenlicht verschluckten und nichts von dem Geheimnis in ihrem Inneren preisgaben, vorbei an weitläufigen Grünflächen, die sich keck zwischen ihre hölzernen Nachbarn zwängten. Sie genossen die Friedfertigkeit dieses Ortes, der sich so wohltuend von dem Leid und dem Schmerz und der gesichtslosen Betriebsamkeit des Krankenhauses unterschied und allein aus Schönheit zu bestehen schien. Ein neugieriger kleiner Fink mit graubraunem Gefieder kam herbeigeflattert, setzte sich wenige Meter vor ihnen ins Gras und beobachtete sie dabei, wie sie schweigend und kuschelnd auf ihn zugelaufen kamen, dann pickte er hastig etwas vom Boden auf und verschwand wieder in den Weiten des Himmels, lauthals zirpend und zwitschernd, so als wolle er seinen Artgenossen voller Stolz von seinem Fund erzählen.

 

»Sieh mal«, sagte Dougs Frau plötzlich und deutete in die Entfernung auf einen hölzernen Steg, der einige Schritte weit über einen malerischen kleinen, von dichtem Bewuchs aus Rohrkolben, Binsen und Pfeilkraut eingefassten See ragte und an dessen Ende eine Parkbank stand. Verstreute Entengrüppchen paddelten gelangweilt über das Wasser und schnappten mit ihren Schnäbeln nach Essbarem, andere lagen am Ufer und dösten in der warmen Sonne vor sich hin, ihre Köpfe in das wohlig weiche Gefieder gelegt. »Wollen wir uns dort einen Moment hinsetzen?«, fragte sie vor Begeisterung strahlend. »Schau nur wie herrlich das ist.«

 

Doug schmunzelte. Seine Frau hatte schon immer einen Sinn für Romantik gehabt, und er schätzte diese Seite an ihr sehr. Er mochte zwar kein Experte auf dem Gebiet sein, doch auch er freute sich über Momente vor einem prasselnden Kaminfeuer, wenn Flammen majestätisch züngelten und zuckten und das orange glühende Holz zum Krachen brachten, auch er genoss es, ein schönes Glas Wein zu trinken, es machte ihm Spaß, durch frisch gefallenen Schnee zu stapfen und das Knirschen unter seinen Schuhsohlen zu hören, und er ließ es sich nicht nehmen, seiner Frau einen Blumenstrauß zu schenken, wenn sie Geburtstag hatte oder sie einen Jahrestag feierten oder einfach aus Lust und Laune, wenn ihm danach war, ihr seine Liebe zu zeigen. Das machte ihn zu einem romantischeren Mann als den Großteil seiner Geschlechtsgenossen, das wusste er, und er sah es als Privileg an. Romantik war seiner Auffassung nach die Fähigkeit, Gefühle, die man für einen Menschen empfand, auf eine Weise auszudrücken, bei der man gemeinsam schöne Dinge genoss. Aus der Freude zweier Menschen wurde ein gemeinsamer Augenblick.

 

Er nickte und sog dabei ihr wunderschönes Lächeln in sich auf. »Sehr gerne«, erwiderte er. »Ich bräuchte ohnehin eine Pause, ich fühle mich etwas schlapp.«

 

Also gingen sie weiter bis ans Ende des Stegs, schritten über die wettergegerbten, dunkelbraunen, von Furchen durchzogenen Planken, die sich unter ihrem Gewicht leicht nach unten bogen und ein trotziges Ächzen und Knarren von sich gaben, beobachteten das milchig glänzende Wasser unter ihnen, bis sie die Parkbank erreicht hatten und auf ihr Platz nahmen.

 

Doug atmete erleichtert auf. Er fühlte das harte, kühle Metall unter sich, welches sich gegen seinen Körper presste (oder sein Körper gegen das Metall, je nachdem, wie man es betrachtete) und war ehrlich froh darüber, sich etwas ausruhen zu können. Die Sache mit der Erschöpfung war die reine Wahrheit: Seine Beine zitterten, sein Herz hämmerte und pumpte und er sah immer wieder glitzernd weiße Flöckchen vor seinen Augen umhertanzen. Sosehr er sich auch anstrengte, wieder zur alten Form und Kraft aufzulaufen und gegen die Verlangsamung seines Lebens anzukämpfen, die ihm der Unfall aufgezwungen hatte, musste er sich letztlich dem Takt des Tatsächlichen geschlagen geben, ob er es nun wollte oder nicht.

 

Er ließ seinen Blick über den See schweifen.

 

»Ich liebe das Wasser«, sagte er.

 

»Ich weiß«, antwortete seine Frau.

 

»Es hat etwas Magisches und Unergründliches an sich. Als ob es uns mit einer anderen Welt verbindet, einer anderen Form von Existenz. Als Kind konnte ich stundenlang aufs Meer hinausschauen, wenn meine Eltern mit uns in den Urlaub gefahren waren, und es kam mir immer so vor, als ob mich etwas dorthin rufen würde. Hinaus in die ewigen Weiten, hinunter in die unergründlichen Tiefen. Vielleicht sind das ja Nachklänge unserer Evolution: Dieses Gefühl, ursprünglich ein Teil des Wassers gewesen zu sein.«

 

»Gut möglich«, erwiderte sie und schmiegte sich an seine Schulter, wie sie es auch zu Hause tat. Er legte seinen Arm um sie – wie er es auch zu Hause tat.

 

Ein leichter Wind streichelte über die Wasseroberfläche. Er ließ sie sanft wogen und schaukeln, was die Enten allerdings nicht davon abhielt, weiter unbeeindruckt ihre Bahnen zu ziehen und ein gelegentliches, demonstrativ trotziges Quaken von sich zu geben. Wasserläufer sprangen umher, hinterließen überall dort, wo sie mit ihren dünnen Beinchen aufsetzten, konzentrische Kreise, die sich langsam ausbreiteten.

 

Doug dachte nach. Eine Sache ließ ihm keine Ruhe, reizte seinen Verstand, rief nach seiner Aufmerksamkeit. Immer und immer wieder betrachtete er die zerschlissenen Bilder des Unfalls, die in seinem Kopf umhergeisterten, hörte die dumpfen Stimmen im Hintergrund, spürte den Schmerz, der sich wie ein Krebsgeschwür in seine Erinnerung gefressen hatte, der ihm wie ein böser Traum vorkam, aus dem es einfach kein Erwachen gab, und er fragte sich, welche Erklärung es dafür gab, dass er all das erlebt hatte und dennoch hier saß, an diesem See, auf dieser Bank, mit dieser Frau unter diesem Himmel, dass er all die Dinge sah, die er vor sich hatte, dass er die Sonne auf seiner Haut spürte und den Wind in seinem Haar. Einerseits konnte er sein Glück kaum fassen, war berauscht vor Freude und verschmolz mit jedem Augenblick auf eine geradezu metaphysische Weise. Doch andererseits verlangte es ihn nach Antworten, nach Erklärungen, nach irgendetwas, was den verirrten Bruchstücken in seinem Kopf eine Klarheit und Logik und Daseinsberechtigung gab. Seine Gefühle schienen so zerrissen zu sein wie seine Erinnerung. Die Stimme seines Herzens focht einen unerbittlichen Kampf mit dem kühlen Pragmatismus seiner Rationalität aus.

 

Er holte tief Luft.

 

»Kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragte er seine Frau.

 

»Natürlich«, erwiderte sie. »Was möchtest du denn?«

 

»Kannst du, wenn das Autowrack angeliefert wurde, ein paar Fotos davon machen und sie mir schicken?«

 

Sie löste sich von seiner Schulter, sah ihn verwundert an.

 

»Wieso?«, fragte sie. »Was willst du damit?«

 

»Mich erinnern«, erklärte er. »Ich will verstehen, wie ich heil aus dieser Sache rauskommen konnte.«

 

»Ich dachte, es gibt Dinge, an die man sich besser nicht erinnern sollte«, wiederholte sie seine eigenen Worte. »Wieso ist dir das so wichtig? Es zählt doch nur, dass du hier bist, bei mir, dass du lebst und keine ernsten Verletzungen davongetragen hast.«

 

»Genau das ist es ja«, bekräftigte er. »Ich kann mich nur an Bruchstücke dessen erinnern, was geschehen ist, aber selbst die reichen aus, um mir sicher zu sein, dass das einfach keinen Sinn ergibt.«

 

Sie wirkte ratlos, überfordert. »Was ergibt keinen Sinn?«, fragte sie.

 

Doug griff nach dem Saum seines Hoodies und des darunterliegenden Shirts und zog beides so weit nach oben, dass sein nackter Bauch zum Vorschein kam und die Prellungen und Blutergüsse darauf zu sehen waren.

 

»Das«, sagte er bestimmt. »Das ergibt keinen Sinn.«

 

»O mein Gott!«, stieß seine Frau aus. Ihre Augen weiteten sich voller Bestürzung und Entsetzen, während sie fassungslos die Flecken betrachtete. »Das ist ja furchtbar.«

 

Doug ließ den Saum wieder los, der Stoff fiel wie ein Bühnenvorhang nach unten und bedeckte das Grauen des gestrigen Tages, verbannte ihn zurück ins Tal des Unsichtbaren. Er wollte ihr diesen Anblick nicht länger zumuten.

 

»Ja«, sagte er und nickte. »Sieht schlimm aus, ist es aber nicht. Ich habe überhaupt keine Schmerzen, Eleanor, gar keine, weder dort, wo meine Haut blutunterlaufen ist, noch an irgendeiner anderen einer Stelle. Ich fühle mich gut. Wenn man mir nicht gesagt hätte, dass ich in einen Unfall verwickelt war, und wenn ich nicht hier im Krankenhaus aufgewacht wäre, sondern zu Hause in unserem Bett, dann wüsste ich nicht mal, dass etwas Derartiges geschehen ist. Das ist doch verrückt!«

 

»Es ist wunderbar«, korrigierte sie ihn und legte ihre Hände liebevoll auf seinen linken Unterarm. »Doug, du hast einen schweren Unfall überstanden, nahezu unverletzt, das ist doch eine großartige Sache, ein Wunder. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn du ... wenn du an diesem Morgen ...« Tränen liefen ihr über ihre wunderschönen, vom Wind und der frischen Luft geröteten Wangen. Sie schluchzte leise, er umarmte sie und drückte sie fest an sich, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Dann sah sie ihm voller Hoffnung und ehrlicher Freude in die Augen und ergänzte: »Ich habe keine Ahnung, was gestern geschehen ist. Vielleicht haben Engel über dich gewacht, Doug, vielleicht war es eine Fügung des Schicksals oder die Macht der Sterne, vielleicht war es der schützende Geist meiner Großmutter oder ein göttlicher Plan. Das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass du hier bei mir bist, dass du neben mir sitzt, dass ich mit dir sprechen, dich umarmen und dich küssen kann. Das Leben ist so verdammt kurz, Doug, es kann so schnell zu Ende gehen. Ein Augenzwinkern nur, eine Sekunde, ein Moment, ein Atemzug, und alles ist vorbei. Was auch immer oder wer auch immer gestern über dich gewacht hat: Ich bin einfach froh darüber und werde ewig dankbar sein für diesen Moment, den wir beide hier verbringen können.«

 

Er sah sie an, voller Liebe, voller Vertrauen, und lächelte.

 

»Du hast recht«, sagte er. »Nur das zählt.«

 

Dann kuschelten sie sich wieder aneinander und blieben auf dieser Bank an diesem See sitzen, schweigend, eins mit sich und der Natur und dem Augenblick, bis die Mittagssonne hoch am Himmel stand und seine Frau ihn schließlich verlassen musste.


Kapitel 4

Die folgenden Tage glichen für Doug einer eintönigen, zähen, sich ständig wiederholenden Schleife immer gleicher Abläufe, Ereignisse und Rituale. Jeden Morgen kam die schwarzhaarige Frau zirpend vor guter Laune in das Krankenzimmer, grüßte, zog die Vorhänge beiseite und plauderte über Gott und die Welt. Sie weckte den Pascha, der, seinem dithyrambischen Schnarchen nach zu urteilen, ganz hervorragend geschlafen hatte, und Doug, der aufgrund ebendieses Schnarchens grauenhaft geschlafen hatte. Anschließend folgte der Auftritt des namenlosen, bedeutungslosen, rechtlosen Hofstaates, und, nach gebürtigem zeitlichem Abstand als Huldigung an seine Stellung, des älteren Arztes. Dieser las von Zetteln auf Klemmbrettern ab, nickte, überlegte, notierte sich Dinge, gab Anweisungen für Medikamentenvergaben, trat dann zuerst an Dougs Bett, um ihm zu eröffnen, dass seine Genesung tadellos voranschritt und seine Blutwerte exzellent aussahen, anschließend wandte er sich an den Pascha, um diesen einmal mehr zu tadeln und ihm aufzutragen, endlich mehr zu essen. Dieser antwortete wie üblich mit seinem mageren, substanzlosen Brummen, was der Arzt zwar zur Kenntnis nahm, jedoch unerwidert ließ. Er notierte sich nur etwas und verließ dann mitsamt seiner Eskorte das Zimmer, wie ein König, der sein Land und Gut zu besichtigen hatte.

 

Kurz darauf folgte das Frühstück.

 

Doug bekam sein Brot, seine Wurst, seine Marmelade, seinen Kaffee, alles wie gehabt, der Pascha bekam dasselbe, Doug verschlang seine Portion gierig und ungeduldig, während der Pascha seine nicht anrührte. Alles wie gehabt. Doch anders als am ersten Morgen unternahm Doug keinen Versuch mehr, dem seltsamen Kauz seine Portion abspenstig zu machen. Er würde sie sowieso nicht abgeben wollen, davon war Doug mittlerweile überzeugt, was irrsinnig erschien und es auch war, bedachte man, dass nicht ein Krümelchen des servierten Essens, nicht ein Bissen des Brotes, nicht ein Schluck des heißen Kaffees im Mund des Paschas landeten. Der Mann starrte ins Nichts, atmete rasselnd, schwieg, gab keinerlei Regung von sich und schenkte dem Tablett neben sich keine Beachtung, bis es ihm von der Schwarzhaarigen in unverändertem Zustand wieder weggenommen wurde.

 

Danach kehrte Ruhe ein – für einen schmerzlich kurzen aber zutiefst erfüllenden Augenblick. Sobald sich die Tür hinter allen Besuchern und Schaulustigen und Eifrigen und zufällig Anwesenden geschlossen hatte, sobald ihre Stimmen verstummt waren und sich der Lärm auf dem Flur hörbar von den Zimmern entfernte, hatte Doug ein paar Minuten für sich und seine Gedanken. Ein paar Minuten, in denen er durchatmen und den Umstand genießen konnte, dass niemand schnarchte oder sprach, niemand etwas fragte oder nach einer Antwort verlangte, dass es nichts gab außer ihm und dem Konzert der Vögel vor dem Fenster und dem monotonen, beinahe hypnagogischen Röcheln des Paschas. Er nutze diese Pause, um seine Augen zu schließen und sich sein Zuhause vorzustellen; sein warmes, weiches, ausladendes Bett mit der frisch gewaschenen Bettwäsche im ersten Stock, die so herrlich nach Lilien oder Lavendel roch (und so gar nicht nach Desinfektionsmittel oder Körperflüssigkeiten), nach seinem Esstisch im Erdgeschoss, auf dem seine Lieblingstasse mit seinem Lieblingskaffee stand und auf ihn wartete, ihn lockte, ihn mit ihrem würzigen Duft betörte, nach den ersten Sonnenstrahlen des Tages, die durch die filigranen, quadratischen Scheiben der Terrassentür fielen und den Parkettboden besprenkelten, nach seinem Garten, der sich wie eine stille, grüne Oase um das Haus wand und es bis auf ein paar vereinzelte Zugangswege vollständig umschloss. Er sehnte sich danach, seine Tasse zu nehmen, die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen und sich in dem Ohrenbackensessel im Wohnzimmer niederzulassen, den ihm seine Großmutter hinterlassen hatte und der mit seinen schweren, gehaltvollen Grüntönen den Geist früherer Epochen atmete und dadurch etwas zutiefst Aristokratisches und Unsterbliches ausstrahlte. Er wollte das Knistern des Papiers hören, während er las und blätterte, wollte seinen Kaffee Schluck für Schluck kosten, sich daran erfreuen, er wollte die Zeit einfach Zeit sein lassen und das Leben einfach Leben. Als gäbe es kein Gestern und kein Morgen, sondern einfach nur das Jetzt. Es waren diese besonderen, seltenen, kostbaren Momente der Harmonie, die ihm halfen, den stresserfüllten Alltag in der Kanzlei für eine gewisse Zeit zu vergessen. All die Telefonate und Gespräche, Mandanten, Akten und Verpflichtungen, all die Bürden und Herausforderungen, die Erwartungen und Hoffnungen, die auf seinen Schultern ruhten und von denen ein nicht unbedeutender Teil auf seine eigene Rechnung ging. Denn er wollte nicht einfach nur ein Anwalt sein – nicht irgendeiner unter vielen, nicht ein Name in der Masse oder ein Gesicht unter anderen Gesichtern –, sondern eines Tages aufsteigen, Karriere machen, sich hervortun und möglicherweise sogar zum Juniorpartner ernannt werden. An diesem Ziel arbeitete er hart. Sehr hart sogar. Mit voller Leidenschaft und Hingabe. Er verbrachte Stunden um Stunden in der Kanzlei, es war seine ganz persönliche Opfergabe an die Götter und Mächtigen des Erfolgs. Er brachte sie gerne dar. Er fühlte dabei nicht einfach nur Befriedigung, sondern Stolz. Jeder Schritt, den er auf dem Weg in Richtung Zukunft tat, war für ihn mehr als nur ein Schritt – es war ein Bekenntnis an seine Entschlossenheit, ein Baustein im Gebäude seiner Träume, eine Verneigung vor den unendlichen Möglichkeiten, die das Leben ihm bot, und an den entschlossenen Willen, sie zu ergreifen.

 

Meist endete seine Reise in diesem Ohrenbackensessel mit einem Blick auf seine Armbanduhr, die ihn wie ein mahnender Lehrmeister daran erinnerte, dass es für ihn Zeit wurde zu gehen, die Zeitung und die Tasse und seinen Müßiggang beiseitezulegen und wieder einzutauchen in den Strudel der Ereignisse, in den Strom der Aufgaben, den Kampf ums Überleben in einer hektischen und rastlosen Stadt.

 

Diese Annehmlichkeit blieb ihm zurzeit jedoch verwehrt. Denn kaum, dass es ihm gelungen war, sich aus seinem leuzistischen Krankenzimmer fortzuträumen und sein Haus und seine Zeitung und seinen Kaffee vor sich zu sehen, in wohliger Erinnerung, da hörte er bereits dieses schwerfällige Schnaufen neben sich, und er wusste, was es bedeutete. Der Pascha hob seinen fleischigen, aufgequollenen Arm, griff nach der Fernbedienung auf der Nachtkonsole und tat das, was er jeden Tag tat, und zwar so pünktlich und mitleidlos wie ein fein gestimmtes Uhrwerk: Er schaltete den Fernseher ein und drehte die Lautstärke hoch, bis es aus den Lautsprechern schepperte und krachte. Beschwingte Lieder und euphorische Stimmen fielen wie ein Rudel blutdürstiger Raubtiere über die Stille des Ortes her, zerrissen sie zu kläglich zuckenden Fetzen und hinterließen ein Schlachtfeld aus gut gelauntem Lärm und Getöse. Das war der Moment, an dem Doug seine Augen wieder öffnete, den Pascha mit einem ebenso zornigen wie folgenlosen Blick bedachte, und schließlich, in einem Akt pragmatischer Resignation, seine Decke beiseite schlug, sich aus dem Bett schälte und das Zimmer verließ, um ins Erdgeschoss zu der Cafeteria zu schlurfen, die er auf dem Rückweg nach dem Spaziergang mit seiner Frau zufällig entdeckt hatte.

 

Der kastenförmige, wunderlich kleine Raum im hintersten Winkel des Gebäudes wirkte wie der misslungene Versuch, einen Ort der Entspannung und des erbaulichen Verweilens zwischen vier pastellgrüne Wände zu zwängen, die sich mit aller Macht gegen diese Unsinnigkeit wehrten. Schwarze Kneipentische und Stühle mit karminroten Kunstledersitzflächen standen entlang der einen Wand, während auf der gegenüberliegenden Seite eine notdürftig montierte und sichtbar in die Jahre gekommene Theke ein paar Kaffee- und Heißwasserspender sowie Teebeutel, Zuckerstreuer, Süßstofftütchen und verstörend kalkfleckige Löffel beherbergte. Personal gab es hier keines. Zumindest sah Doug während seiner zahlreichen Besuche dort niemanden. Und auch sonst schien sich keine andere menschliche Seele an diesem geschmacksverirrten Ort aufzuhalten.

 

Er selbst ging nur aus einem einzigen Grund dorthin: In einer Ecke hatte er einen Snackautomaten entdeckt, der zwischen den seltsam hässlichen Möbeln und der tristen Beleuchtung nicht minder deplatziert wirkte, der sich aber dank der Fünfzigdollarnote, die Doug am Empfang in Kleingeld gewechselt hatte, zu äußerst befriedigenden und für beide Seiten gewinnbringenden Tauschgeschäften überreden ließ. So kam es, dass er täglich und immer dann, wenn der Pascha seine weltentrückte Schweigsamkeit um die scheppernd gute Laune des Fernsehers ergänzte, zu seinem neuen besten Freund pilgerte und ihm Münze für Münze die herrlichsten Leckereien entlockte. Manchmal gab er sich sogar dem Jux hin, den Automaten jovial zu grüßen und ihm ein paar Anekdoten aus seinem tristen Dasein zu erzählen, so als sei dieser ein Tresenkumpel oder eine angenehme Bekanntschaft auf einer Party, während er gleichzeitig die Verpackung von den Schokoriegeln riss und sie schwärmerisch verschlang. Das half ihm nicht nur gegen die Langeweile, sondern auch, für einen kurzen Augenblick, gegen seinen immer noch quälenden Hunger. Dieser ließ sich mit nichts und durch nichts vollständig befriedigen. Wohin er auch ging und was auch immer er tat, wie sehr er sich auch anstrengte: Diese brennende Gier in seinem Inneren, diese tobende Sehnsucht nach Nahrung, nach Erfüllung, letztlich nach der Substanz dessen, was Leben und Überleben ausmachte, schien sich nicht stillen zu lassen. Es erinnerte ihn bisweilen an einen Tag aus seiner Kindheit, als er im Alter von sieben oder acht Jahren beim Schwimmen in die Fänge einer Strömung geraten war, die, scheinbar schnippisch lachend, an ihm gezerrt und seine Bemühungen, im Wasser auch nur ein Stück voranzukommen, zu einem absurden Standbild hatte werden lassen. Ganz gleich, wie sehr er mit seinen dünnen Armen gerudert und mit den Beinen ausgeschlagen und wie trotzig er seinem Schicksal die Stirn geboten hatte, diese unsichtbare Kraft, diese mysteriöse Hand, die ihn damals mit ihrem Griff fest umklammert gehalten hatte, war unerbittlich geblieben. Nach Minuten, die ihm wie Stunden, Tage, Wochen vorgekommen waren, wie eine Ewigkeit, hatte sich sein älterer Bruder schließlich ein Herz gefasst und ihn aus dem Wasser geholt – entkräftet und um die frustrierende Erfahrung reicher, dass es manchmal Herausforderungen gab, die man mit noch so viel gutem Willen nicht überwinden konnte.

 

Nun befand er sich an einem ähnlichen Punkt, in einer ähnlichen Situation wie damals. Wieder kämpfte er gegen eine unsichtbare Kraft an, einen widerborstigen Gegner, der nicht von ihm abzulassen schien, ganz gleich wie sehr er sich ihm auch widersetzte. Es verlangte ihn nach Nahrung, nach Energie, nach dem Normalsten des Normalen und dem Alltäglichsten des Alltäglichen. Doug musste sich jedoch eingestehen, dass er abermals so machtlos war wie damals, als er den Kampf gegen die Kraft des Wassers verloren hatte. Obwohl er den Augenblick genoss – ihn geradezu feierte! –, wenn er die kühle Schokolade in seinem Mund spürte, sie zerschmolz und seine Geschmacksnerven in wohlige Erregung versetzte, seinen Körper mit Endorphinen flutete, verschaffte sie ihm dennoch nur kurzweilige Linderung. Wie ein einzelner, schwächlicher Tropfen, der es nicht vermochte, das tobende Feuer seines Hungers zu ersticken.

 

Und noch eine andere Sache irritierte ihn. Denn obgleich er nichts tat, was verwerflich oder anstößig gewesen wäre, und ihm auch niemand untersagt hatte, zu tun, was er tat, empfand er stets eine seltsam pubertäre Unsicherheit, eine schamhaft peinliche Berührtheit, sobald er vor dem Automaten stand und sich wie ein Freier in einem pastellgrünen Bordell Gefälligkeiten erkaufte. Er kam sich schuldig vor, obwohl keine Schuld bestand. Dieses Gefühl scharrte in seinem Inneren. Es kratzte an seinem Bewusstsein und hinterließ tiefe, hässliche, ihn anklagende Furchen. Er begann sich zunehmend unwohl zu fühlen, sobald er die Cafeteria betrat, beklommen und eingeengt, als sei er unter ständiger, argwöhnischer Beobachtung durch phantasmagorische Blicke, die seinen Schritten zu folgen schienen. Er konnte sich nicht erklären, woher diese Empfindungen kamen. Er spürte nur, wie sie mit jedem Tag wuchsen und wucherten und eine immer stärkere Macht über seine Gedanken gewannen. Sie ließen ihn wie ein scheues, Gefahr witterndes Tier durch die Flure pirschen, stets darauf bedacht, sich nach vermeintlichen Beobachtern umzusehen, die seine Absichten erkennen, ihn und seine Konspiration durchschauen und ihre Finger entlarvend auf ihn richten könnten. All das kam ihm absurd vor, vollkommen widersinnig, und das war es auch. Dennoch: Sosehr ihn sein Hunger quälte, sosehr lastete auch diese verborgene, abstrakte, rätselhafte Schuld auf ihm, und mit jedem weiteren Tauschgeschäft zwischen ihm und dem Automaten, mit jedem weiteren Biss in einen Schokoriegel, mit jeder weiteren kurzlebigen Befriedigung seiner Bedürfnisse wog sie schwerer und schwerer auf seiner Seele. 

 

Er reagierte darauf mit derselben ohnmächtigen Trotzigkeit wie auf den Hunger: Er versuchte, seine Gedanken zu bändigen, sich auf andere Dinge zu konzentrieren; seine Frau zum Beispiel oder seine Arbeit oder manchmal auch den Unfall, an den er sich trotz aller Anstrengung immer noch nicht erinnern konnte. Doch es half nichts. Die Sehnsucht nach den schillernd verpackten Riegeln bohrte sich wie Wurzelwerk in sein Bewusstsein, wurde von einem harmlosen, beiläufigen Genuss zu einem immer zwanghafteren Rausch, der ihn mehrmals pro Tag zu diesem kleinen Raum trieb, in die Fänge seines phlegmatisch vor sich hin summenden Blechfreundes, der ihm zunehmend zum Feind und Verführer wurde. Und je öfter er diesen Ort aufsuchte, umso mehr vermied er es auf seinem Weg dorthin, die Blicke anderer Menschen zu erwidern oder ihnen einen Anlass zu geben, ihn wahrzunehmen.

 

Als der fünfte Tag seines Aufenthalts angebrochen war und er sich einmal mehr dem Getöse in seinem Zimmer entzogen hatte – innerlich erschöpft und zunehmend von dem Drang getrieben, fortzugehen von diesem Ort, von diesem Lärm, dieser nervtötenden Gleichförmigkeit, dieser erzwungenen, penetranten Lethargie zum Wohle seiner Genesung –, da suchte er wieder einmal seine heimliche Freistätte auf und fütterte den Automaten mit Münzen, bis jener gewillt war, sein kostbares Gut mit ihm zu teilen. Doug nahm die Schokoriegel aus dem Auswurfschacht, steckte alle bis auf einen in die Tasche seines Hoodies, riss von dem Verbliebenen die Verpackung ab und nahm einen herzhaften Bissen. Es fühlte sich wunderbar an. Wunderbar – und verboten. Auf eine verstörend unlogische Weise verboten.

 

»Das gesamte Leben der menschlichen Seele«, hörte er plötzlich eine beschwingte Stimme hinter sich rezitieren, die, wenngleich sie ihre Worte auf einem tiefen, ehrfürchtigen Bariton mit sich trug, auch einen leichten Schalk erkennen ließ, »ist eine Bewegung im Schatten. Wir leben in einem Zwielicht des Bewusstseins, uns nie dessen sicher, was wir sind, oder dessen, was wir zu sein glauben.«

 

Doug fuhr herum – den halb abgebissenen Riegel noch im Mund. An der Tür der Cafeteria, kaum einen Schritt jenseits der trennenden Schwelle zur Außenwelt, stand ein gemütlich untersetzter, leicht angegrauter Mann, der ihn mit neugierigen Augen durch eine schwere, schwarze Brille ansah und dabei ein neckisches Schmunzeln nicht verbarg. Im Unterschied zu den Ärzten, Schwestern und Patienten, denen Doug normalerweise begegnete, trug dieser Fremde einen sauberen, wenngleich sehr in die Jahre gekommenen Anzug, der sich an manchen Stellen sichtlich über den fülligen Körper seines Besitzers quälte.

 

Doug blinzelte überrascht. Er fühlte sich von ihm ertappt. Wie ein kleiner Junge, der gerade in flagranti mit der Hand in der Keksdose seiner Eltern erwischt worden war und beim besten Willen nicht wusste, was er zu seiner Verteidigung vorbringen konnte. Daher erwiderte er nur ein sehr knappes und verwundertes »Wie bitte?« – wobei sich seine Worte durch das Schokoriegelstück in seinem Mund eher nach »Hie' bihhe?« anhörten.

 

Diese Reaktion amüsierte den Fremden. Er zog seine Mundwinkel noch ein Stück weiter nach oben und erklärte gut gelaunt: »Das ist ein Zitat von Fernando Pessoa, einem portugiesischen Dichter. Ich hoffe, ich habe Sie damit nicht erschreckt. Sie schienen mir nur bei Ihrem Vorhaben irgendwie heißblütig zu sein und gleichzeitig sehr darauf bedacht, von niemandem dabei gesehen zu werden.«

 

Doug blieb sprachlos. Ratlos. Paralysiert durch einen Mann, der mit nur wenigen, beiläufig geäußerten Worten in der Lage gewesen war, ihm die sorgfältig gepflegte Maske herunterzureißen, die er sich über die letzten Tage aufgesetzt hatte. Er fühlte sich durch ihn überrumpelt. Beinahe entblößt. Aber auf eine eigenartige Weise auch befreit.

 

Er zerkaute das Riegelstück und schluckte es herunter. Dann nahm er sich die Zeit, um den Fremden, der nun schweigend an der Schwelle stand und sich offenbar eine Gegenbemerkung erhoffte, genauer anzusehen. War er diesem Gesicht schon einmal begegnet? Kannte er den Mann? Oder gab es Grund zur Annahme, dass der Mann ihn kannte? Ein ehemaliger Klient vielleicht oder ein Anwalt, mit dem er zu tun gehabt hatte?

 

Nein.

 

Nicht, dass er wüsste.

 

»Kennen wir uns?«, behalf er sich.

 

Der Mann schüttelte den Kopf. »Pardon, wo habe ich nur meine Manieren? Mein Name ist Dr. John Charon, ich bin Psychiater – was auch meine leidenschaftliche Neigung und meine erstaunliche Befähigung erklärt, Menschen in meiner Gegenwart in Verlegenheit zu bringen.« Er krönte diese Aussage mit einem herzerwärmenden Altvater-Lachen und einem spitzbübischen Zwinkern, was Doug dazu brachte, ihn trotz dieses wunderlichen Auftretens als irgendwie sympathisch und gesellig wahrzunehmen. Wie ein sanftmütiger Onkel, den man einfach ins Herz schließen musste.

 

»Nichts für ungut«, erwiderte er dem Mann. »Ich bin Doug Schumer, ich bin Patient hier.« Er reichte ihm seine Hand, die der Psychiater herzlich gerne annahm und schüttelte.

 

»Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mister Schumer.«

- Ende -

Zumindest ... irgendwie!


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