Schatzkiste


Meine kleine literarische Schatzkiste enthält ausgewählte Texte, die ich vor sehr langer Zeit geschrieben habe - teilweise noch als Teenager oder Jugendlicher. Ich habe sie erst kürzlich wiederentdeckt, auf einem alten Datenträger, der eine gefühlte Unendlichkeit vor sich hin gestaubt hat. Es wird höchste Zeit, sie wieder ins Leben zurückzuholen. Bitte beachten Sie, dass, trotz des hohen Alters, die Urheberrechte an den Texten natürlich alleinig und vollständig bei mir liegen und sie ohne meine ausdrückliche Genehmigung weder vervielfältigt noch weitergegeben oder veröffentlicht werden dürfen (weder in Teilen noch im Ganzen). Änderungen daran sind untersagt. Sollten Sie die Texte verwenden wollen, dann kontaktieren Sie mich bitte.


Gedanken eines Sommers (1999)

 

Alles heult, alles klagt. Es vergeht kein Tag, an dem die Menschen nicht nach dem Sinn des Lebens suchen. Eingesperrt in die Betonbunker ihrer Häuser und Büros sehen sie auf die trostlose Leere hinaus, die sie »Welt« nennen. Schwarzer Himmel, nasse Straßen, verpestete Luft. Der Tod scheint so greifbar nah, fast schon wünschenswert.

 

Auch ich war einer jener Menschen. Die moderne Welt ist ein Boden, auf dem keine Hoffnung blühen kann. Nur Leid und Schmerz wuchern wild und ungezähmt, bedecken die Pflänzchen unserer Seele, bis sie kümmerlich ersticken.

 

Und nun? Nun blicke ich auf die schillernden Fluten des Meeres, spüre den Sand unter meinen Füßen und die Sonne auf meinem Körper. Ein sanfter Wind streicht zart über meine Haut, nicht zu kühl, nicht zu heiß. Ich fühle mich gut. Denn ich bin frei. Ungebunden an die Welt, an die Sorgen und die Nöte des Alltags, frei in der Seele und dem Geist.

 

Ein kleines Kind krabbelt vor mir durch den Sand, spielt vertieft und begeistert mit Blättern und Steinen, träumt sich in ferne Welten voller Zauber und Magie. Ich muss nicht träumen, denn ich bin schon da. Kein Platz der Fantasie könnte schöner sein als dieser Ort, könnte mich mehr verzaubern und erfüllen.

 

In den glitzernden Fluten erkenne ich die Augen meiner Liebsten. Schon bald kommt der Tag, an dem ich ihr Antlitz erblicken werde, ihr wallendes Haar, ihr goldenes Lächeln. Dieser Platz, an dem ich stehe, er ist das Tor zu einem neuen Leben, die Schwelle zwischen heute und morgen.

 

Unaufhörlich rieseln die Sekunden an mir vorbei. Und doch scheint hier die Zeit zu stehen. Ein Flug, eine Nacht, Bruchstücke des vergangenen Tages in meinem Kopf. Alles geschah so schnell. Und nun bin ich hier, an diesem Ort der Wende. Niemand hätte wohl vermutet, dass solch ein Zauber hier verborgen liegt. Ich beginne zu verstehen, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Was soll ich nach dem Sinn des Lebens suchen? Ich LEBE! Und nur das ist wichtig. Vielleicht liegt dieser Sinn sogar im Leben selbst verborgen. In der Ruhe, in der Liebe, in der Hoffnung. All das haben wir verloren, den Göttern des Fortschritts geopfert. Wie kann in einer Wüste aus Stahl, Blech und Beton der Same des Glücks zu keimen beginnen? Ich verstehe nun, endlich kann ich begreifen! Im Leben liegt der Sinn verborgen, wie könnte man ihn im Tal des Todes finden!

 

Nach und nach verschwimmt die Vergangenheit, das Alte und Hässliche. Es weicht zugunsten eines neuen Glücks, das so nah erscheint, dass man es mit Händen greifen möchte. Und doch ist es nur ein Traum. Keine Fantasie, oh nein! Alles ist real, bis zum Tage des Erwachens. Ich träume, bis sich mein Traum erfüllt. Herr, lass mich schlafen, bis der Tag gekommen ist, an dem es Zeit wird zu erwachen und das neue Glück zu sehen.


Ich ging hinaus ... (1999)

 

Ich ging hinaus, um den Sinn des Lebens zu finden, und kam zu einem Mönch. Der sagte mir: »Komm ins Kloster, bete zu Gott.« Ich ging ins Kloster, ich betete zu Gott und fand den Sinn des Lebens nicht.

 

Ich ging hinaus, um den Sinn des Lebens zu finden, und kam zu einem Politiker. Der sagte mir: »Wähle mich, denn nur ich kann die Zukunft sichern. Ohne Zukunft brauchst du auch keinen Sinn im Leben.« Ich wählte ihn und fand den Sinn des Lebens nicht.

 

Ich ging hinaus, um den Sinn des Lebens zu finden, und kam zu einem Freund. Der sagte mir: »Gehen wir einen trinken. Denn nur im Alkohol kannst du noch einen Sinn in dieser Welt finden.« Ich ging mit ihm einen trinken und fand den Sinn des Lebens nicht.

 

Nun bin ich wieder zu Hause und überlege, was ich gefunden habe. Ich fand einen Mönch mit Hoffnung, einen Politiker voll Lügen und einen Freund ohne Zukunft.

 

Ich weiß nicht, ob ich jemals den Sinn des Lebens finden werde, doch bin ich mir sicher, dass der Mönch von allen, die ich traf, das meiste hatte. Denn er hatte Hoffnung.

 

 

Wer weiß, vielleicht ist das der Sinn des Lebens.


Mein ärgster Feind (1999)

 

Mein ärgster Feind, er lauert im Dunkeln, tief im Dickicht, wo niemand ihn erblicken kann. Und doch sehe ich ihn jeden Tag von Neuem. Er wartet darauf, mich zu quälen und zu martern, er liebt es, mich schmerzerfüllt zu sehen.

 

Mein ärgster Feind, er folgt mir auf meinem Wege, ist immer da, wo ich auch bin. Doch greifen kann ich nicht nach ihm. Einem Nebel ist er gleich, so nah und doch so fern. Wie ein Traum, der des Morgens vergeht.

 

Ich kämpfe gegen ihn, meinen ärgsten Feind. Doch besiegen kann ich ihn nicht. Je mehr ich vor ihm flüchte, desto größer wird mein Schmerz. Denn mein ärgster Feind bin ich selbst. Es ist das Dunkle meiner Seele, welches stets vorhanden ist. Es bildet einen Teil des Ganzen, wie der Ziegel eines Hauses.

 

Mein ärgster Feind bin ich selbst.


Licht am Horizont (1999)

 

Licht am Horizont, so klar und rein,

deine Wärme umhüllt mich,

dein Glanz weist mir den Weg.

In den Tiefen von Trauer und Schmerz

beginne ich nun zu hoffen.

Denn ich sehe dich!

So nah bist du schon, ich möchte nach dir greifen.

Die Dämonen der Vergangenheit,

welche mich peinigten so lange Zeit,

zittern nun vor Furcht.

Sie weichen zurück vor deinem Schein.

 

Ein Traum beginnt sich zu erfüllen.

Die Ketten fallen ab.

Der Boden unter meinen Füßen,

Wolken gleicht er nun.

Weich und sanft zieht er sich dahin.

An meines Weges Ende,

eine Gestalt sehe ich dort.

Leuchtender als die Sonne,

wärmer als ein Feuer,

einem Engel gleicht sie.

 

Ihr seidenes Haar weht im Wind.

Ihr zarter Körper schmiegt sich sanft

in den purpurnen Stoff, der sie kleidet.

Der Schimmer ihrer Augen,

er gleicht den Diamanten,

wie ihr Mund den Rosenblättern gleicht.

Den Schlüssel der Freiheit hält sie

zart umklammert in ihrer Hand.

 

Licht am Horizont,

du gibst mir Kraft und Mut.

Die letzten Schritte will ich gehen!

Den letzten Berg erklimmen!

Auf dass ich frei werde von meinen Fesseln.


Der Zug des Lebens (1999)

 

Ein Freund verglich einmal das Leben mit einem Zug, welcher unaufhaltsam vom Anfang bis zum Ende, von der Geburt bis zum Tode fährt. Manchmal fühlen wir Menschen, die Reisenden, uns in diesem Zug wohl. Wir dösen vor uns hin, unser Blick schweift hinaus, in die Welt jenseits der Fenster. Wir nehmen die Landschaft nur schemenhaft wahr, ein Baum gleicht in diesem Reich der Träume dem anderen, auch das Gras und die Berge. Es ist ein wohliges Gefühl, sich auf den gepolsterten Sitzen zurückzulehnen und die Seele baumeln zu lassen. Dem Unbekannten vor uns sehen wir mit Gelassenheit entgegen, denn wir vertrauen dem Zug und dem Lokführer, dass er uns wohlbehalten an unser Ziel bringt.

 

Leider hat diese Strecke auch ihre Tücken. Umso wohler wir uns auf den zurückgelegten Metern gefühlt haben, umso überraschender und schmerzhafter werden wir aus der vertrauten Geborgenheit gerissen, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Die Freude verblasst so schnell, wie ein einzelner Baum oder ein Grashalm am Fenster vorbeigehuscht ist. Es kann ein Schütteln oder Wackeln des Zuges sein, vielleicht auch nur ein ungewohntes Geräusch, welches uns in Angst versetzt. Oder es gibt ernsthafte Probleme, die uns an unserer Weiterfahrt zweifeln lassen.

 

Eines jedoch ist vollkommen sicher: Wir werden an unserer ganz persönlichen, letzten Haltestelle ankommen.

 

Wir wissen nur nicht, welche das sein wird.